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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Harich, Wolfgang

Philosoph, Publizist

* 1923, 09.12.
Königsberg i.Pr.

† 1995, 15.03.
Berlin

Wolfgang Harich war eine der interessantesten und zugleich schillerndsten Figuren in der Intellektuellen-Szene der DDR. Auf dem Ersten, noch gesamtdeutschen Schriftstellerkongreß 1947 in Berlin wurde der damals 23jährige einer größeren Öffentlichkeit bekannt, als er im Namen der Generation junger Kriegsteilnehmer die Konzeption einer unpolitischen Dichtung attackierte. Er absolvierte eine atemberaubende Karriere als Theaterkritiker, Journalist und Philosophiedozent und wurde zu einer öffentlichen Person, mit der sich, wie vage auch immer, Hoffnungen auf einen entstalinisierten Sozialismus verbanden. Am 29. November 1956 wurde er von der Staatssicherheit verhaftet und einige Monate später wegen „Boykotthetze“ und „Bildung einer konspirativ-staatsfeindlichen/konterrevolutionären Gruppe“ zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt, von denen er mehr als acht verbüßte. Die meiste Zeit verbrachte er in Einzelhaft.

Nach der Amnestierung im Dezember 1964 blieb er in der DDR beinahe bis zum Schluß eine Unperson. Er wurde kaum noch öffentlich erwähnt. Seit 1989 versuchte er, durch Publikationen, Interviews und Lesungen wieder ins politische Leben zurückzukehren. Er war aber längst ein gebrochener, von Paranoia heimgesuchter Mann. Von den Aktivitäten seiner letzten Jahren – er starb im März 1995 – bleibt vor allem seine erbitterte Auseinandersetzung mit dem einstigen engen Mitstreiter und -häftling Walter Janka über die tatsächlichen Ziele der oppositionellen Harich-Janka-Gruppe in Erinnerung. Janka war im Oktober 1989 als Ikone eines längst irrelevanten Reformkommunismus auf den Schild gehoben worden. In dem irrigen Glauben, aus der Deutungshoheit über die fünfziger Jahre ließe sich noch eine Zukunft der DDR und später die Art und Weise der Wiedervereinigung bestimmen, verletzten die beiden Ulbricht-Opfer sich bis aufs Blut. Es war der skurrile Schlußpunkt eines von Tragik, aber auch von Hybris überschatteten Lebens. Dabei hatte alles so hoffnungsvoll begonnen.

Wolfgang Harich wurde am 9. Dezember 1923 in Königsberg als Sproß einer gutbürgerlichen Familie geboren. Der 1972 verfaßten Autobiographie „Ahnenpaß“ ist zu entnehmen, daß er seinen familiären und regionalen Hintergrund stets als bestimmend und prägend empfunden hat. Der Großvater väterlicherseits, Ernst Harich (1858-1940), war Druckereibesitzer und Zeitungsverleger in Allenstein, der die „Allensteiner Zeitung“ und „Harichs landwirtschaftlichen Anzeiger aus Ostdeutschland“ herausgab. Er bewohnte eine Villa schräg gegenüber der Bischofsburg. Der Großvater mütterlicherseits, Alexander Wyneken (1848-1939), gründete die „Königsberger Allgemeine Zeitung“ („KAZ“), bei der er bis 1928 als Verleger und Chefredakteur fungierte.

Sein Vater Walther Harich (1888-1931) war ein promovierter Literaturwissenschaftler. Er veröffentlichte Biographien über E.T.A. Hoffmann und Jean Paul und war als Schriftsteller und Publizist erfolgreich. 1926 zog Wolfgang mit den Eltern nach Berlin, später nach Neuruppin in die Villenkolonie Wuthenow. Die Familie blieb Ostpreußen eng verbunden. Wolfgang Harich hat auch zu DDR-Zeiten keinen Hehl daraus gemacht, wie stark ihn der Verlust der deutschen Ostgebiete schmerzte. Zwischen 1927 bis 1940 unternahm er jährlich mindestens eine mehrwöchige Reise zu den Großeltern nach Königsberg und Allenstein und in die Ostseebäder Rauschen und Cranz, wo sich Großvater Wyneken im Sommer aufhielt. Zum Bekanntenkreis der Eltern gehörten die Königsberger Schriftsteller Agnes Miegel und Alfred Brust; die Schwester seiner Mutter, Susanne Heß-Wyneken, berichtete für die „KAZ“ über das Berliner Kulturleben. Sein Vater war mit dem Germanisten Josef Nadler (1884-1963) bekannt, der seit 1925 als Ordinarius an der Königsberger Universität amtierte und an einer mehrbändigen „Literaturgeschichte der deutschen Stämme und Landschaften“ arbeitete. Beide überwarfen sich, als Harich im letzten Band des Nadler-Opus’ antisemitische Tendenzen festzustellen glaubte.

Im Feuilleton der konservativen „Königsberger Allgemeinen“ gewährte Alexander Wyneken – was typisch für die Weimarer Republik war – linksbürgerlichen Literaten und sogar Sympathisanten des Kommunismus eine Art Narrenfreiheit. Ein geistiger Leitstern der Familie war Johann Gottfried Herder, über den Wolfgang Harich 1951 seine Dissertation verfaßte. Man dachte russophil in dieser Familie, der Vater gehörte dem liberalen, die Großelterngeneration dem konservativen Lager an. Es gibt wenige Texte, die mit vergleichbarer Überzeugungskraft und ähnlich unterhaltsam die städtische Gesellschaft Ostpreußens skizzieren wie der „Ahnenpaß“. Harichs fulminante Schilderungen drängen sich als Anknüpfungspunkt einer umfassenden Darstellung über die Familie Harich-Wyneken nachgerade auf. Sie wäre zugleich ein Paradigma einer ostpreußischer Kulturgeschichte im zwanzigsten Jahrhundert.

Alles Kollektivistische, Zwanghafte waren dem intelligenten Jungen zuwider, auch die Hitlerjugend übte auf ihn einen nur kurzzeitigen Reiz aus. Den Zweiten Weltkrieg überstand er, indem er in Krullscher Manier Lazarettaufenthalte hinauszögerte und Krankheiten simulierte. Wohlmeinende Militärärzte halfen ihm, Fronteinsätze zu umgehen, und als er sich nach einer Desertion in höchster Not befand, bewahrte ihn die Intervention eines verwandten Generals vor dem Schlimmsten. Zeitweise war er Gasthörer an der Berliner Universität und knüpfte Kontakte zu Intellektuellen- und Künstlerkreisen. Außerdem gab er für ausländische Diplomaten Konversationsunterricht.

Nach 1945 avanciert er zum Überflieger. Die „Gruppe Ulbricht“, die im Mai 1945 aus dem Moskauer Exil in Berlin eintraf, um die sukzessive kommunistische Machtübernahme vorzubereiten, machte ihn ausfindig. Wolfgang Leonhard schildert in seinem Buch „Die Revolution entlässt ihre Kinder“, wie er ihn in der thailändischen Botschaft in Berlin-Dahlem antraf. Harich arbeitete als Journalist und Theaterkritiker in Berlin, sein Urteil wurde von den feinsinnigen russischen Kulturoffizieren geschätzt. Im Februar 1946 trat er in die KPD/SED ein; dabei spielt ein Motivbündel aus Schuldbewußtsein, Faszination für den Marxismus, Russophilie und Sympathie für die exilierten Schriftsteller, die jetzt in die Ostzone heimkehrten, eine Rolle.

Seine publizistische Feuertaufe inszenierte er effektvoll gegen den in die Schweiz emigrierten Nationalökonomen Wilhelm Röpke, der in dem Buch „Die deutsche Frage“ (1945) die Politik Konrad Adenauers vorweggenommen hatte. Röpke hatte ein föderal verfaßtes Westdeutschland gefordert, das in eine westeuropäisch-atlantische Gemeinschaft mit klarer antisowjetischer Stoßrichtung eingebettet sein sollte. Besonders empörte Harich, daß Röpke „das sowjetisch besetzte Ostdeutschland“ vorerst abschreiben wollte. Der Artikel erschien am 23. August 1946 in der von den Sowjets herausgegebenen „Täglichen Rundschau“. Man hat in ihm bereits den ganzen, den fertigen Harich: Den brillanten Polemiker, den hochgebildeten Intellektuellen mit dem unwiderstehlichen Hang zu dogmatischer Rechthaberei, den nationalgesinnten Marxisten und sendungsbewußten Kommunisten.

Der Begriff „Ostdeutschland“ schloß für ihn zu diesem Zeitpunkt die Gebiete jenseits von Oder und Neiße ein. Erst als 1950 auf Geheiß der Sowjetunion das Grenzabkommen zwischen Polen und der DDR unterzeichnet wurde, zwang Harich sich, sie politisch abzuschreiben. Für die Prägungen, die seine Familie ihm mitgegeben hatte, ist eine Anekdote charakteristisch, die er wiederholt mitteilte: Sein Großvater, wenn er bei Besuchen in Neuruppin Ausflüge nach Mecklenburg unternahm, machte bei der Rückkehr stets an der preußisch-mecklenburgischen Grenze halt, um seine Schuhe vom „Staub des Auslands“ zu befreien. Das Ende des Deutschen Reiches datierte Wolfgang Harich auch nicht auf den 8. Mai 1945, sondern auf den 23. Mai 1949, als in der Bundesrepublik das Grundgesetz verkündet wurde.

Nach seiner Dissertation wurde er Philosophieprofessor an der Humboldt-Universität, Lektor des Aufbau-Verlages, des wichtigsten Verlages der DDR, und Herausgeber der „Deutschen Zeitschrift für Philosophie“. Konflikte mit der SED-Führung waren vorprogrammiert, denn Harich war zu klug und gebildet, zu tief in der deutschen Kultur und der klassischen deutschen Philosophie verwurzelt, um den subalternen SED-Ideologen das letzte Urteil darüber zu erlauben. Seine Vorlesungen standen in hohem Ruf, auch sowjetische Botschaftsangehörige saßen im Hörsaal.

Soviel Erfolge mußte diesen flamboyanten Charakter wohl zwangsläufig in den Größenwahn führen und verschaffte ihm auch Neider. Im April 1952 wurde ihm auf einer inquisitorischen Sitzung des Philosophischen Instituts der Humboldt-Universität vorgeworfen, ein falsches Hegel-Bild zu verbreiten. Anwesend bei dem Tribunal war auch „Professor Kurt Hager“, der bis zum Herbst 1989 als SED-Politbüromitglied und Chefideologe einer der mächtigsten Männer der DDR bleiben sollte. Harich konterte, daß die anwesenden Genossen „keine konkreten Kenntnisse der Geschichte der Philosophie besitzen“. Derart in die Enge getrieben, räumten seine Gegner ein, „daß es sich gar nicht um die Einschätzung von Hegel handelt. (… ) Es handelt sich um die Einstellung des Genossen Harich zur Partei. Es handelt sich um die Einstellung des Genossen Harich zur Sowjetwissenschaft. Es handelt sich um die Überheblichkeit des Genossen Harich und nicht um Hegel.“

Einen Staat, der sich intellektuelle Debatten auf diesem Niveau leistete, sah Harich realistischerweise als verloren an. Gemeinsam mit dem Verlagsleiter Walter Janka, dem in Ungnade gefallenen Altkommunisten Paul Merker und politisierenden Intellektuellen hielt er die Zeit für gekommen, Ulbricht, die sowjetische Machtpolitik und den Ost-West-Konflikt zu überlisten und die Wiedervereinigung Deutschlands in die Hand zu nehmen. Er verfaßte ein nationalkommunistisches Strategiepapier, das unter dem Namen „Plattform“ bekannt wurde: in der DDR sollten innenpolitische Reformen eingeleitet, Ulbricht entmachtet und die SED entstalinisiert werden. Die SED, so hoffte Harich, würde dann für die SPD hoffähig werden und diese nach links ziehen. Eine Koalition aus SPD und SED würde anschließend bei gesamtdeutschen Wahlen die Mehrheit erringen und die Wiedervereinigung eines neutralen Deutschland erreichen. Mit diesem Konzept ging der 33jährige im Oktober 1956, mitten in der Ungarn-Revolte, zum russischen Botschafter Puschkin und drängte ihn, die Sowjetunion möge Ulbricht fallenlassen und ihre Deutschlandpolitik ändern. Doch die Sowjetunion ließ, wo es um Machtfragen ging, nicht mit sich spaßen. Puschkin informierte umgehend Ulbricht, der zitierte Harich zu sich und gab ihm unverblümt zu verstehen, er werde seine Umtriebe nicht länger dulden. Der Hegel-Kenner aber fühlt sich mit der Vernunft im Bunde und unangreifbar. Am 26. November 1956 konferierte er in Hamburg mit seinem Freund und „Spiegel“-Chef Rudolf Augstein. Der riet ihm, im Westen zu bleiben. Nach allem, was er von Harich erfuhr, hielt er dessen Konzept und persönliche Situation in der DDR für hoffnungslos. Trotzdem flog Harich drei Tage später nach Berlin zurück, wo es sofort zur Katastrophe kam. Als besonders schmerzhaft und rufschädigend erwies sich in der Zeit des Prozesses und danach, daß sein Hauptmotiv das Ringen um die Wiedervereinigung, nicht zur Sprache kommen durfte. Nachder Haftentlassung blieb er ohne feste Anstellung. Er betrieb – anknüpfend an die Arbeit seines Vaters – Forschungen zu Jean Paul und arbeitete an der Ludwig-Feuerbach-Ausgabe des Akademie-Verlages der DDR mit. Die international bekannte Chansonsängerin Gisela May war für einige Jahre seine Lebensgefährtin. Seit der Gefängniszeit schwer herzkrank, wurde er 1979 invalidisiert. Unter Beibehaltung der DDR-Staatsbürgerschaft ging er bis 1981 in den Westen, wo er allerdings weder als Wissenschaftler noch als Politiker Fuß fassen konnte. Die Westlinke konnte mit ihm nichts anfangen, unter anderem nahm sie ihm seine Affinität für den Philosophen Arnold Gehlen (Moral und Hypermoral) übel. Es ist eine bizarre Pointe, daß Harich sich 1980 der Staatssicherheit als Westspion anbot, das MfS aber kommentarlos ablehnte. 1987 brachte er sich spektakulär wieder ins Gespräch, als er in „Sinn und Form“, der anspruchsvollsten Kulturzeitschrift der DDR, eine dogmatische Attacke gegen die beginnende Nietzsche-Rezeption ritt. Der Abdruck erfolgte gegen den Willen der Redaktion – auf Weisung von Kurt Hager.

Es gehört zu Harichs Eigenwilligkeiten, daß er, je älter er wurde, für Ulbricht immer mehr Verständnis bekundete, während sein Haß gegen Adenauer, dem er nationalen Verrat vorwarf, konstant blieb. Wenn Harich in den neunziger Jahren auf öffentlichen Veranstaltungen sprach oder zum Interview gebeten wurde, lebten die alten deutschlandpolitischen Debatten aus den 1950er Jahren wieder auf. Insbesondere verübelte er Adenauer, die „Stalin-Note“ von 1952 mit dem Angebot zur Wiedervereinigung und Neutralisierung Deutschland nicht ausgelotet und die DDR-Bevölkerung damit an den Diktator „verkauft“ zu haben. Adenauers Furcht, die Neutralisierung Deutschlands würde ganz Europa an die Sowjetunion ausliefern, zählte für ihn nicht. Das Argument, mit dem er, Harich, 1956 dem sowjetischen Botschafter seine Deutschland-Perspektive schmackhaft zu machen versuchte: „Was wollen Sie denn mit dieser Braunkohlenecke hier, Sie können das Ruhrgebiet mitkriegen“, bestätigte freilich Adenauers Analyse.

In der turbulenten „Wende“-Zeit der DDR stand er den Ost-Grünen nahe, die seinen Rat, sich mit der Forderung nach einer deutsch-deutschen Konföderation an die Spitze der Einigungsbestrebungen zu setzen, freilich ignorierten. Er weigerte sich, an den Ermittlungen gegen die Richter, die ihn 1957 verurteilt hatten, mitzuwirken. Er hielt ihnen zugute, was – so die Begründung – auch den NS-Richtern im Westen zugute gehalten wurde: daß sie mit ihrer Rechtsbeugung im Sinne der jeweiligen Staatsmacht gehandelt hatten. Nur die Intervention des Gefängnisarztes bewahrte ihn vor einer Beugehaft. Er mußte aber 1.000 DM Strafe zahlen, eine stattliche Summe für einen Mann, der unter armseligen Umständen lebte. Diese Behandlung war einer der vielen bitteren Treppenwitze der deutschen Wiedervereinigung.

Ein einziges Mal, in einem späten Interview, gestattete Wolfgang Harich sich einen Blick in den Abgrund seiner Selbstzweifel und bekannte, vielleicht hätte er doch lieber als Schüler von Nicoial Hartmann nach Göttingen gehen sollen. Wolfgang Harich, einerseits ein Frühvollendeter, ist auf tragische Weise ein Unvollendeter geblieben.

Lit.: Wolfgang Harich: Jean Pauls Kritik des philosophischen Egoismus, Berlin 1968. – Ders.: Zur Kritik der revolutionären Ungeduld, Basel 1971. – Ders.: Kommunismus ohne Wachstum?, Reinbek 1975. – Ders.: Keine Schwierigkeiten mit der Wahrheit, Berlin 1993. – Ders.: Ahnenpaß. Versuch einer Autobiographie, hrsg. von Thomas Grimm, Berlin 1999. – Friedrich Dieckmann: Unterhaltungen mit Wolfgang Harich, in: Sinn und Form 5 (1995), S. 741-749. – Wolfgang Harich zum Gedächtnis. Eine Gedenkschrift in zwei Bänden, hrsg. v. Stefan Dornuf und Reinhard Pitsch, München 1999/2000. – Andreas Förster: Die Akte Harich, in: Berliner Zeitung, 27. 4. 2001.

Bild: Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Thorsten Hinz

 

 

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