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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Heermann, Johann

evangelischer Geistlicher, Kirchenlieddichter

* 1585, 11.10.
Raudten/Niederschlesien

† 1647, 17.02.
Lissa/Posen

Heermanns Beruf wurde schon in seiner Kindheit bestimmt, denn seine Mutter gelobte während einer Krankheit, ihn zum Geistlichen ausbilden zu lassen. Ebenso deutete sich an, daß das Kind, von schwächlicher körperlicher Konstitution, sein Leben lang von Krankheit begleitet werden würde. Trotz der ärmlichen Verhältnisse seiner Eltern besuchte der Kürschnerssohn Heermann 1597 die Lateinschule in Wohlau, mußte jedoch aus gesundheitlichen Gründen nach Hause zurückkehren, bis er 1602 vom Liederdichter und Pastor Valerius Herberger in Fraustadt als Hauslehrer aufgenommen wurde. In dieser Stellung erhielt Heermann wesentliche Anregungen. Zugleich wurde ihm die Möglichkeit eröffnet, die dortige angesehene Schule zu besuchen. 1603 wechselte er auf das Breslauer Gymnasium und anderthalb Jahre später auf die berühmte Fürstenschule in Brieg. 1608 wurde er dort für seine zumeist lateinischen Dichtungen mit dem Dichterlorbeer geehrt. Eine Studienreise als Begleiter des jungen Adligen Rothkirch, dessen Hauslehrer er schon einige Jahre lang gewesen war, führte Heermann an die humanistische Hochschule in Straßburg. Wegen eines Augenleidens mußten die Studien jedoch im Herbst 1610 abgebrochen werden.

1611, mit 26 Jahren, wurde er nach einer kurzen Zeit als Hilfsprediger in Köben an der Oder (im späteren Kreis Steinau) ebendort Pfarrer. Im darauffolgenden Jahr heiratete er die Tochter des Bürgermeisters seiner nicht weit entfernten Heimatstadt; seine Frau starb aber schon nach sechs Jahren Ehe. Der zweiten Ehe mit Anna Teichmann entstammten vier Kinder. In seiner Gemeinde durchlebte Heermann den 30jährigen Krieg mit allen seinen Schrecken. Er selbst war stets kränklich, so daß er schließlich seine Predigten von einem Hilfsprediger verlesen lassen mußte. Atemnot und Hustenanfälle hinderten ihn, lange zu reden. 1639 legte er deswegen sein Amt nieder und verbrachte die letzten acht Jahre seines Lebens, mehr und mehr von seiner Krankheit gezeichnet, in Lissa. Von seinen Biographen wird Heermann gern als der ”Schlesische Hiob” bezeichnet.

Sein Werk umfaßt neben weltlichen und geistlichen Gedichten (etwa 400 Lieder) auch verschiedene Postillen, die seine Predigttätigkeit ab 1619 widerspiegeln. Eine Ausgabe seiner lateinischen Gedichte in neun Bänden (Epigrammatum libelli IX, 1624) zeigt, daß Heermann mit seiner Poetik auf der Höhe der Zeit stand und am poetischen Geselligkeitsleben Anteil hatte. Daß er die neuen Opitzschen poetischen Regeln souverän beherrschte, zeigen die Überarbeitungen seiner frühen Lieder und Gedichte. ”Verbesserungen” nahm er dann doch teilweise wieder zurück, da sie dem Stil und Gehalt mancher Dichtungen nicht entsprachen. Alexandriner (”O Gott, du frommer Gott”) und sapphische Oden (”Herzliebster Jesu, was hast du verbrochen”) waren Formen, die von ihm wieder neu entdeckt wurden. Gerade diese beiden Lieder dürfen als seine Meisterstücke mit der größten Wirkungsgeschichte bezeichnet werden.

Aus seinen geistlichen Werken sind zwei besonders hervorzuheben: Die Devoti Musica Cordis.Haus- und Herz-Musica, 1630, und die Sontags- und Fest-Evangelia, 1636. Andachtslied und Perikopenlied stehen hier einander gegenüber. Jedes hatte für Heermann seine wichtige Funktion, doch hatten beide dasselbe Ziel: durch das Singen Seele und Geist zu Gott zu erheben. Im Vordergrund stand also nicht der liturgische Gebrauch im Gottesdienst, sondern die Verwendung zur persönlichen Andacht in Haus und Familie. Die Seelsorge war sein Anliegen. Eingang in die Kirchengesangbücher fanden später eher Lieder der ersten Sammlung. Als Quellen für seine Devoti Musica Cordis dienten Heermann vor allem Gebete aus dem Paradiesgärtlein Johann Arndts (1612) und die Meditationes sanctorum patrum sowie Betrachtungen der Kirchenväter von 1584 und 1591 des Görlitzer Pfarrers Martin Moller. Die mittelalterliche Frömmigkeit mit ihren Motiven der Jesusliebe, mit Blut- und Wundenkult sowie der Hoheliedmystik fand so Eingang in die Andachtslieder Heermanns.

Liedhafte Perikopenbereimungen in deutscher Sprache, denen meistens eine bekannte Melodie beigegeben war, entstanden seit der Mitte des 16. Jahrhunderts. Sie hatten eine pädagogische Funktion: Auf diese Weise sollten den Gemeindegliedern die Evangelientexte, die der Predigt zugrunde lagen, bekannt gemacht werden, damit sie die Predigt besser verstehen konnten. Das Lied hat gegenüber Prosatexten und auch Gedichten den Vorteil, daß es leichter auswendig gelernt werden kann. Es ging nicht um die Präsentation origineller Dichtungen, sondern darum, den Bibeltext balladenartig nachzuerzählen. Darüber hinaus sollten die Lieder bei Heermann der eigenen Erbauung dienen.

Schon 1609 (1630 überarbeitet) und 1616 (1632 überarbeitet) verfaßte Heermann Werke mit ähnlichem Anliegen: Summarien der Predigttexte aller Sonntage im Kirchenjahr in lateinischer und deutscher Sprache in kurzen Merkversen bzw. die Umarbeitung des Bibeltextes als Bitte zu Gott, die meditativ nachgesprochen werden konnte (Andächtige Kirch-Seufzer oder Evangelische Schliess-Glöckl(e)in, in welche den Saft und Kern aller gewöhnlichen Sonntags- und Vornehmsten Fest-Evangelien … reimweise gegossen). Als Beispiel sei hier das Lied ”Laß dich, Herr Jesu Christ, durch mein Gebet bewegen” (1630) genannt, das sich auf die Perikope vom Fischzug des Petrus (Lk 5, 1-11) bezieht. Ein wesentlicher Themenbereich seines Werkes betrifft die Passion: dabei wird das Leiden der Menschen im Alltag und das Leiden der Kirche in der Verfolgung mit der Passion Christi in Beziehung gesetzt. Die Betrachtung des Gekreuzigten und der Aufruf zur Buße sind die Inhalte dieser Andachtslieder. Weihnachts- oder Pfingstlieder wird man bei Heermann vergeblich suchen.

Heermann wird häufig als bedeutendster Kirchenlieddichter zwischen Martin Luther und Paul Gerhardt bezeichnet. Seine Werke erfuhren im 17. Jahrhundert etliche Auflagen, seine Lieder wurden in Andachts- und Gesangbücher aufgenommen. Wie bei vielen seiner Vorgänger und Zeitgenossen bricht die Rezeption mit Beginn der Aufklärung ab, doch seit der Mitte des 19. Jahrhunderts werden die ”alten Meister” wiederentdeckt. Die Sontags- und Fest-Evangelia erlangten eigentlich erst durch Rudolf Alexander Schröder eine erneute Würdigung. Heute ist Heermann mit einigen Liedern sowohl im katholischen als auch im evangelischen Gesangbuch vertreten.

Lit.: Johann Heermann: Sontags- und Fest-Evangelia durchs gantze Jahr auff bekandte Weisen gesetzt. Neudr. der Ausg. Leipzig 1636. Hrsg. und eingeleitet von Irmgard Scheitler. Frankfurt am Main 1991. [Dort auch eine Bibliographie]. – Arno Büchner: Das Kirchenlied in Schlesien und der Oberlausitz. Düsseldorf 1971 (= Das Evangelische Schlesien, Bd. VI, Tl. 1), S. 81-113. – Martin Rößler: Liedermacher im Gesangbuch. Bd. 1. Stuttgart21992, S. 144-176.

 

Heike Wennemuth

 

 

 

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