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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Hein, Max

Historiker, Archivar

* 1885, 07.10.
Angerburg

† 1949, 13.11.
Schleswig

Nach dem Besuch des Altstädtischen Gymnasiums in Königsberg studierte Max Hein in den Jahren 1905 bis 1909, abgesehen von zwei Semestern in Heidelberg, an der Friedrich-Wilhelm-Universität in Berlin die Fächer Geschichte und Germanistik. Unter den akademischen Lehrern zogen ihn Michael Tangl, der Hilfswissenschaftler, und Otto Hintze, der herausragende Historiker Preußens und der preußischen Verfassungs- und Verwaltungsgeschichte, in ihren Bann. Sie bestimmten auch lange die beiden Schwerpunkte in Heins wissenschaftlichen Arbeiten, die allgemeine deutsche Geschichte des Mittelalters und die neuere preußische Geschichte. Unter Tangls Aufsicht schrieb Hein die 1909 vollendete hilfswissenschaftliche Dissertation über Die Kanzlei und das Urkundenwesen der Erzbischöfe von Mainz im früheren Mittelalter (1060–1249), 1909/11 absolvierte er archivarische Lehrzeiten, zunächst am Staatsarchiv in Danzig, dann am Geheimen Staatsarchiv in Berlin. Abordnungen zu den Monumenta Germaniae Historica in Berlin 1911 und an das Preußische Historische Institut in Rom 1912 dienten vorbereitenden Studien zu einer Edition der Urkunden des karolingischen Kaisers Lothar I., eines Enkels Karls des Großen. Gleichzeitig folgte Hein als freier Schriftsteller seinen preußischen Neigungen, indem er 1912, anläßlich des 200. Geburtsjahres Friedrichs des Großen, den ersten und dritten Band einer populären Biographie des Königs, die dessen Jugend und Alter behandelten, veröffentlichte. Mehrere Aufsätze in der Konservativen Monatsschrift bezeugen Heins preußischen Konservatismus, dem er sein Leben lang treu blieb und der ihn sowohl zur Weimarer Republik als auch zum Nationalsozialismus auf innere Distanz hielt.

Die entscheidende Wende erhielt Heins Lebensweg dadurch, daß er 1921 vom Staatsarchiv in Stettin, an dem er seit 1918 gewirkt hatte, an das Staatsarchiv Königsberg versetzt wurde und im Oktober 1927 als Direktor dessen Leitung übernahm. Er widmete sich in Königsberg mit großem Nachdruck seinen archivarischen Aufgaben und gab dem Archiv maßgebliche Impulse zu seiner inneren und äußeren Fortentwicklung, so daß es den Rang einer modernen Verwaltungsbehörde ebenso wie den einer landesgeschichtlichen Forschungsstätte gewann. Darüber vergaß er nicht seine wissenschaftlichen Neigungen, er konzentrierte sich jetzt mit zahlreichen Publikationen auf die ost- und westpreußische Landesgeschichte sowohl in ihrer vom Deutschen Orden geprägten mittelalterlichen Epoche als auchin den von der Zugehörigkeit zum brandenburgisch-preußischen Gesamtstaat bestimmten neuzeitlichen Jahrhunderten. Als Direktor des Staatsarchivs und zugleich, ebenfalls seit 1927, als Vorsitzender der 1923 gegründeten Historischen Kommission für ost- und westpreußische Landesforschung gestaltete er an führender Stelle die ost- und westpreußische Landesgeschichtsforschung zwischen den Weltkriegen.

Heins archivarische Bemühungen galten vorrangig den neueren Behördenüberlieferungen, sowohl der umfassenden Übernahme von Akten der jüngeren ostpreußischen Provinzialbehörden seit dem 18. Jahrhundert als auch der Ordnung und Verzeichnung der großen nachordenszeitlichen Aktenbestände, nachdem unter dem langen Direktorat von Erich Joachim (1887–1921) die Beschäftigung mit dem Ordensbriefarchiv und dem Herzoglichen Briefarchiv, also mit den Korrespondenzen der Hochmeister des Deutschen Ordens (bis 1525) und der Herzöge in Preußen (1525–1618), im Vordergrund gestanden hatte. Die unentbehrliche äußere Voraussetzung schuf Hein dadurch, daß er sogleich nach der Übernahme des Direktorenamtes die grundsätzliche Entscheidung zugunsten eines Neubaues für das bislang unter unzulänglichen Bedingungen im Königsberger Schloß untergebrachte Archiv erreichte. Vor den Toren der Stadt, am Hansaring, entstand dann 1929/30 aus Stahl und Glas ein eigenwilliger und schöner Archivzweckbau mit den erforderlichen Magazinflächen. In großen Mengen strömten anschließend die Akten der ostpreußischen Behörden der oberen, mittleren und unteren Verwaltungsebene in das Haus, wo Hein dank der ihm von der Preußischen Archivverwaltung gewährten personellen Verstärkungen für ihre baldige Verzeichnung sorgte. Nach dem Vorbild des Berliner Geheimen Staatsarchivs entwickelte er für die seit den Verwaltungsreformen Friedrich Wilhelms I. entstandenen Behörden ein Repositurenschema auf der Grundlage des Provenienzprinzips, so daß die älteren Zugänge, die entweder in den Bestand der frühneuzeitlichen (Ost-)Preußischen Regierung (Etatsministerium) eingeordnet oder nach dem Akzessionsprinzip hintereinander aufgestellt worden waren, gemäß ihrer jeweiligen Herkunft zusammengeführt wurden und so für den Benutzer übersichtlich zusammengefaßt waren. Die Verzeichnung des Bestandes Etatministerium, der vornehmlich die Akten der inneren Zentralverwaltung des Herzogtums Preußen und der Provinz Ostpreußen von 1525 bis 1804 umfaßte, leitete Hein ein und leistete selbst die Arbeit für die ersten 13 der insgesamt 142 Abteilungen. Seine Initiativen führten insgesamt dazu, daß die neuzeitliche Überlieferung durch umfassende Aktenübernahmen wesentlich erweitert, nach überzeugenden archivfachlichen Prinzipien geordnet und durch ihre rasche Verzeichnung der Benutzung zugänglich gemacht wurde. Im Rahmen der vom Provinzialverband geförderten Archivpflege kümmerte er sich auch intensiv um das in der Provinz vorhandene nichtstaatliche Archivgut und suchte, teilweise durch Übernahme als Deposita ins Staatsarchiv, seine dauerhafte Sicherung und Erhaltung zu gewährleisten.

Die geschichtswissenschaftlichen Arbeiten Heins galten in den 20er Jahren noch vorrangig der Zeit des Großen Kurfürsten. Hierzu legte er zwei Bände in der großen Editionsreihe der Urkunden und Aktenstücke zur Geschichte des Großen Kurfürsten vor, und als Nebenfrucht dieser editorischen Leistungen fielen die Biographien von zwei Mitarbeitern des Kurfürsten, Johanns von Hoverbeck und Ottos von Schwerin, ab. Die Historische Kommission übertrug ihm dann eine ihrer wichtigsten Aufgaben, die Fortführung des mit dem Jahre 1309 abgebrochenenPreußischen Urkundenbuches. Zunächst zusammen mit dem jungen Privatdozenten Erich Maschke (über diesen siehe OGT 1992, S. 32-35) von der Königsberger Albertina, dann nach dessen Weggang allein veröffentlichte er zwischen 1932 und 1939 in mehreren Lieferungen den zweiten, die Jahre 1309–1335 umfassenden Band und vermochte schließlich 1944 noch die erste Lieferung des dritten Bandes für den Zeitraum 1335–1341 herauszubringen. Jubiläen entsprangen seine abgerundeten Darstellungen der Geschichte der Stadt Bartenstein (1932) und der Geschichte der Ostpreußischen Landschaft 1788–1888 (1938). Daneben standen zahlreiche kleinere Publikationen zur Geschichte des Staatsarchivs und zu einzelnen landesgeschichtlichen Themen.

Der Zweite Weltkrieg erweiterte zunächst im Zeichen der deutschen Siege den Archivsprengel und die Bestände des Staatsarchivs, denn nach der Angliederung polnischer und sowjetischer Gebietsteile (Regierungsbezirk Zichenau [Ciechanów] bzw. Gebiet Bialystok) an die Provinz Ostpreußen 1939 und 1941 gelangten polnische und litauische Archive unter seine Verfügungsgewalt. Teilweise blieben sie als Außenstellen des Staatsarchivs erhalten, teilweise wurden ihre Bestände nach Königsberg überführt. Aber ab 1942 wurden aus Sicherungsgründen in zunehmendem Maße Bestände des Staatsarchivs aus dem Gebäude am Hansaring in verschiedene Orte der Provinz verbracht. Die Verschlechterung der Kriegslage veranlaßte die Preußische Archivverwaltung im Sommer 1944 zu einem folgenschweren Schritt: In den Monaten August und Oktober bis Dezember 1944 wurden die wichtigsten Bestände bzw. Bestandsteile, insbesondere nahezu die gesamte ältere Überlieferung bis etwa 1800, in sieben Güterwaggons nach Innerdeutschland, in das Salzbergwerk Grasleben bei Helmstedt ausgelagert. Hein, der schließlich mit seinem Magazinverwalter Büttner allein zurückgeblieben war, verließ am 27. Januar 1945 das nahezu gänzlich von Archivalien entblößte Staatsarchivgebäude, das alle Kämpfe unbeschadet überstehen sollte, und gelangte über Pillau und Danzig in den rettenden Westen. Nach Kriegsende übernahm er noch für wenige Jahre die Leitung des schleswig-holsteinischen Staatsarchivs und überführte dessen Bestände in sein neues Domizil in Schloß Gottorp in Schleswig, nachdem das Kieler Archivgebäude im Krieg zerstört worden war.

“Durch die Rettung der Königsberger Archivalien aber hat Hein den Trost mit ins Grab nehmen können, daß seine eigentliche Lebensarbeit nicht völlig in Asche aufgegangen ist” (Kurt Forstreuter) – die 1944 nach Grasleben ausgelagerten Königsberger Archivalien standen dann von 1953 bis 1979 im Staatlichen Archivlager in Göttingen und stehen seitdem im Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz in Berlin-Dahlem der wissenschaftlichen Benutzung zur freien Verfügung, so daß durch ihre intensive Auswertung seitens der deutschen und internationalen Forschung die Darstellung der Landesgeschichte Ost- und Westpreußens auf breiter archivalischer Grundlage fortgeführt werden konnte. Tektonik, Ordnung und Verzeichnung der Königsberger Archivbestände bezeugen dabei immer wieder Heins prägende Wirkung.

Lit.: Kurt Forstreuter: Nachruf [auf] Max Hein, in: Der Archivar 4, 1951, Sp. 46–48. – Ders.: Das Preußische Staatsarchiv in Königsberg (Veröffentlichungen der Niedersächsischen Archivverwaltung, Heft 3), Göttingen 1955, passim. – Wolfgang Leesch: Die deutschen Archivare 1500–1945, Bd. 2, München etc. 1992, S. 236 (Lit.).

 

Klaus Neitmann

 

 

 

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