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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Hermann, Nikolaus

Kantor, Lehrer

* 1500
Altdorf/Nürnberg

† 1561, 15.05.
Joachimsthal/Westböhmen

Nikolaus Hermann gehörte zu den wenigen „Liedermachern“ des 16. Jahrhunderts, die ihre Lieder speziell den Kindern zueigneten und sie auf sie abstimmten.„Hinunter ist der Sonnenschein“, „Die helle Sonne leuchtet jetzt hierfür“, „Lobt Gott, ihr Christen alle gleich“, „Erschienen ist der herrlich Tag“ und „Wenn mein Ständlein vorhanden ist sind heute seine bekanntesten Lieder im Evangelischen Gesangbuchund imGotteslob.

Hermann war von 1518 bis 1557 in der Silbermontanstadt Joachimsthal im böhmischen Erzgebirge Kantor und Lehrer. Er erlebte den kurzen Höhepunkt Joachimsthals als wirtschaftliches, kulturelles, religiöses und geistiges Zentrum mit. Der Niedergang der Stadt war an seinem Lebensende schon zu spüren. Er beschrieb die gedrückte Stimmung der Menschen in der Vorrede zu seinen Historien: Kleinmütig und verzagt waren seine Mitbürger und die Obrigkeit, da das Einkommen sank. Gott hat „sich denn nu bisweilen fur uns verstecket, und das Bergwerck auch stecken“ lassen. Die Bergleute – er bezieht sich mit ein – bedürften des Trostes. Diesen Trost sollten sie in den Geschichten des Alten Testamentes finden, denn viele Beispiele für Hungersnöte und die Rettung durch Gott würden dort erzählt, und auch manche Erfahrung in Joachimsthal ließe die Hoffnungen wachsen. Manchem Armen hatte Gott „alhie Ehr und Gut bescheret“. Auch Hermann rechnete mit einem neuen Aufschwung.

Schon früh hatte sich Hermann der reformatorischen Bewegung angeschlossen. Die Zusammenarbeit mit Johann Mathesius, 1532 bis 1540 Rektor der Lateinschule, seit 1542 Prediger und 1545 erster evangelisch-lutherischer Pfarrer in Joachimsthal, war geprägt durch eine tiefe Freundschaft. „Wenn Herr Mathesius eine gute Predigt getan hatte, so ist der fromme Kantor geschwind dagewesen und hat den Text mit den vornehmsten Lehren in die Form eines Gesanges gebracht, weil sich auf eine gute Predigt ein schöner Gesang gehört“. Beide waren zeitlebens treue Anhänger Luthers und seiner Freunde.

Hermann hatte eine Familie mit Kindern, mußte sich wegen Gicht jedoch vorzeitig pensionieren lassen und starb einundsechzigjährig. Seinen Lebensabend betrachtete er voll Dankbarkeit. Durch die Pensionierung war er zwar in finanzielle Schwierigkeiten geraten, sein Patron hatte es jedoch erreicht, ihm ein zusätzliches Altersruhegeld zu verschaffen. So konnte Hermann „jtzt … tichten ein Gsang“.

Somit wurde Hermanns „Werk“ erst gegen Ende seines Lebens in Druck gegeben; in den Jahren nach seiner Pensionierung bereitete er die Veröffentlichung vor. Es ist die Frucht seines Lebens, die in jahrelanger Arbeit mit Kindern in Schule und Familie gereift war. Seit 1550 waren nur einzelne Lieder erschienen, 1560 und 1652 dann seine beiden Hauptwerke, die Sontags-Evangelia und die Historien. Die Vielzahl der Auflagen bis in das 17. Jahrhundert spiegelt die Bedeutung seiner Liedsammlungen wider. Er vermochte die wichtigen Inhalte des evangelischen Glaubens schlicht und einfach auszudrücken, ohne flach und niveaulos zu sein. Seine Kunst verleiht der Einfachheit Glanz, die Lieder sind wertvoll, weil sie den Kindern gehören: „Ir allerliebsten Kinderlein, das Gesangbüchlein sol ewer sein.“

Hermann war zwar nicht der erste, der einen Zyklus mit Sonntagsevangelien schuf, wurde jedoch zum Vorbild bis in das 20. Jahrhundert hinein für alle, die sich diese Aufgabe stellten (so etwa für Johann Heermann und Rudolf Alexander Schroeder).

Alles, was ihm wichtig war, vertonte Hermann, gab es in poetischer Form weiter, damit es, unterstützt durch eine Melodie, durch Singen auswendig gelernt werden konnte. Dieses Anliegen, wird auch bei folgendem Titel deutlich: „Die Haustafel darinn einem jeden angezeiget wird, wie er sich in seinem stand verhalten sol. Inn ein gesang gefasst …“. Er komponierte nicht gänzlich neue Melodien, sondern lehnte sich an bekannte Weisen sowohl aus dem weltlichen als auch aus dem geistlichen Bereich an. Dabei traf er den „richtigen Ton“; seine Melodien sind heute immer noch beliebt.

Die Sontags Evangelia sollten Unterrichtsmaterial für die Mädchen-Schule in Joachimsthal sein, die erste der Reformationszeit. Damit die Texte aus den Evangelien nicht nur „hergesagt“ wurden, sondern auch gesungen werden konnten, versah Hermann sie mit Melodien. Damit schuf er das Pendant zu lateinischen Perikopendichtungen, die schon lange im Schulunterricht verwendet wurden. In zwei Punkten gingen die deutschen Lieder über die lateinischen Dichtungen hinaus: sie wurden gesungen, die Musik konnte also ihre Macht entfalten, und sie wurden noch stärker an den Glaubensvollzug gebunden, indem oftmals ein Gebet dem Lied folgte. Hermanns Grundanliegen war es, den Kindern profunde Bibelkenntnisse und damit das Evangelium zu vermitteln, so daß für das Hören des Wortes Gottes in der Predigt bessere Voraussetzungen geschaffen wurden.

Eine Besonderheit in seinem Werk stellen die handgeschriebenenCantica sacra dar, eine lateinische Perikopendichtung für das Kirchenjahr, nicht nur zum Sprechen für den Schulgebrauch, sondern gesungen mit liturgischer Funktion.

So sehr Hermann als „Kinderliederdichter“ angesehen wird, muß doch beachtet werden, daß er sich seine Lieder in der Familie gesungen vorstellte. Das Miteinander-Singen, das Voneinander-Lernen, die gegenseitige Bezeugung ihrer Glaubenserfahrung beim Singen war ihm und den anderen Reformatoren wichtig.

Lit.: Theologische Realenzyklopädie, Bd. 15 (1986), S. 95-97 (Blankenburg). – Musik in Geschichte und Gegenwart, Bd. 6 /1957), Sp. 219-221 (Blankenburg). – Rößler, Martin: Liedermacher im Gesangbuch. Stuttgart 21992, Bd. 1, S. 85-116.

Werke:Die Sontags/Euangelia/vnd von den fürnemsten Festen vber das gantze Jar/In Gesenge gefasset fur Christliche Hausveter vnd ire Kinder/Mit vleis corrigirt/gebessert vnd gemehret/Durch Nicolaum Herman im Joachimsthal. Witteberg, 1562 (1. Auflage 1560 mit anderem Titel). – Die Historien von der Sindfluth, Joseph, Mose, Helia, Elisa vnd der Susanna sampt etlichen Historien aus den Euangelisten, Auch etliche Psalmen vnd geistliche Lieder, zu lesen vnd zu singen in Reyme gefasset, Fur Christliche Hausveter vnd ire Kinder, Durch Nicolam Herman im Joachimsthal [ … ] Wittenberg 1562.
Ein Teil der Liedtexte ist gedruckt bei Wackernagel, Philipp: Das deutsche Kirchenlied, Bd. 3, Leipzig 1870 (Hildesheim 1964), Nr. 1351-1453. – Vorreden und Beschlußrede bei Wackernagel, Philipp: Bibliographie zur Geschichte des deutschen Kirchenliedes im XVI. Jahrhundert. Frankfurt a. M. 1855 (Hildesheim 1987), Nr. 67, S. 608-611, Nr. 70, S. 612-619.

Heike Wennemuth

 

 

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