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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Hetzer, Theodor

Kunsthistoriker

* 1890, 16.07.
Charkow/Ukraine

† 1946, 27.12.
Überlingen/Bodensee

Der Kunsthistoriker Theodor Johann Hetzer war der Sohn Woldemar Hetzers, eines Kaufmanns und Direktors einer Landmaschinenfabrik, und seiner Ehefrau Elisabeth, geb. Wille.

Der Großvater väterlicherseits, Johann Benjamin Hetzer (1798-1860), stammte aus Torgau in Sachsen und war 1815 nach Rußland ausgewandert. In Moskau hatte er sich eine Existenz als Tuchfabrikant aufbauen können.

Theodor Hetzers Mutter zog nach dem frühen Tod ihres Mannes in die Schweiz. Von 1901 bis 1905 besuchte ihr Sohn das Gymnasium Fridericianum in Davos. Nach ihrem Umzug ins Badische war Theodor Hetzer Schüler des humanistischen Friedrichs-Gymnasiums in Freiburg im Breisgau. Hier erwarb er 1909 das "Zeugnis der Reife".

Ursprünglich wollte Hetzer Maler werden; aber er entschied sich dann schließlich gegen den mehr praktischen Umgang mit der Kunst und für einen vorwiegend analysierenden. Im Wintersemester 1909/10 studierte er bei dem Kunsthistoriker Wilhelm Vöge (1868-1952) in Freiburg im Breisgau. Neben dem Fach Kunstgeschichte hatte Hetzer noch Archäologie und Philosophie belegt. Nach einem Semester in München studierte er seit dem Wintersemester 1910/11 in Berlin, bei Heinrich Wölfflin (1864-1945) und Adolph Goldschmidt (1863-1944). Prägend für ihn sollte allerdings die Persönlichkeit des Berliner Privatdozenten Friedrich Rintelen (1881-1926) werden, der 1912 sein Buch Giotto und die Giotto-Apokryphen veröffentlicht hatte. Von diesem hat Theodor Hetzer rückblickend festgestellt, daß es auf sein "eigenes Denken und Arbeiten bestimmend gewirkt" habe.

Als Friedrich Rintelen einen Ruf nach Basel erhielt, folgte ihm Hetzer im Wintersemester 1914/15 in die Schweiz.Die frühen Gemälde des Tizian. Eine stilkritische Untersuchung war der Titel seiner Dissertation, die Rintelen betreut hatte. Daß der Giotto-Spezialist Rintelen seinen Schüler Theodor Hetzer an eine ganz andere Epoche heranführen konnte, zeugt für die didaktischen Fähigkeiten des nur ein Jahrzehnt älteren Lehrers. Die späteren Publikationen Hetzers belegen augenfällig, daß es sich bei dem abgehandelten Sujet für ihn nicht um eine akademische Pflichtübung gehandelt hat. Sein eigenes Giotto-Buch von 1941 widmete er "Friedrich Rintelen zum Gedächtnis". Das Eingeständnis von persönlichen Vorlieben und Wertschätzungen mag heute in der wissenschaftlichen Literatur nicht mehr als opportun gelten. Theodor Hetzer noch scheute sich nicht, in seinem BuchTizian. Geschichte seiner Farbe von 1935 zu bekennen: "Es verbirgt nicht die Neigung und die Bewunderung, die mich immer wieder zu Tizian hinziehen, seit, vor mehr als zwanzig Jahren, Friedrich Rintelen, der Unvergessene, mich zu einem ersten Versuch über Venedigs größten Maler ermutigte." Hetzers Dissertation wurde am 24. Februar 1915 von der philologisch-historischen Abteilung der philosophischen Fakultät der Universität Basel angenommen. Im Druck erschien diese Arbeit in Basel jedoch erst 1920.

Theodor Hetzers akademische Heimat wurde nach dem Ersten Weltkrieg die Universität Leipzig. 1923 habilitierte er sich dort bei Wilhelm Pinder (1878-1947), erlangte 1929 eine Privatdozentur und 1935 ein Ordinariat. Mit seiner zweiten großen Veröffentlichung nach seiner Doktorarbeit,Das deutsche Element in der italienischen Malerei des 16. Jahrhunderts, hatte Hetzer 1929 das andere zentrale Thema seiner Forschungen behandelt, nämlich die künstlerischen Wechselbeziehungen zwischen dem Norden und dem Süden, genauer zwischen dem deutschsprachigen Raum und Italien. Sein Buch verknüpfte beide Phänomene so, "daß das deutsche Element in der italienischen Hochrenaissance wirkend gesehen wird, nicht umgekehrt in der allbekannten Weise einer Wirkung des Südens auf den Norden" (G. Berthold).

Von Theodor Hetzer selbst gibt es Äußerungen, die belegen, daß ihm nicht sonderlich viel daran lag, das Oeuvre eines Künstlers etwa durch Zu- oder Abschreibungen vollständig zu erfassen. Vielmehr galt sein Forscherinteresse dem scheinbar längst Bekannten, dem er sich jedoch mit ganz neuen Fragestellungen zuwandte. Sein Buch Tizian. Geschichte seiner Farbe war ein großangelegtes Werk über diesen venezianischen Maler der Hochrenaissance. Werner Gross nannte Hetzer deswegen wohl nicht zu Unrecht den ersten Farbhistoriker in der Kunstgeschichtsforschung.

Wie Goethe und Winckelmann zog es auch Theodor Hetzer regelmäßig mit Macht nach Italien. Das Vorwort seiner erst posthum veröffentlichtenErinnerungen an italienische Architektur ist denn auch eine unverhüllte Liebeserklärung an dieses mit Kunstwerken wahrlich gesegnete südliche Land, dessen Zauber schon so viele Deutsche vor ihm erlegen sind.

Theodor Hetzer, dessen letzte Lebensjahre in Überlingen am Bodensee von einer Krankheit überschattet waren, hat sich überwiegend mit den ganz großen Gestalten der Kunstgeschichte beschäftigt: Giotto, Dürer, Tizian und zuletzt noch mit Michelangelo. Die Kunstwissenschaft nach dem Zweiten Weltkrieg legte ihr Augenmerk nicht mehr so sehr auf das Genie und die wirkungsmächtige Potenz von historischen Einzelpersönlichkeiten. Nicht zufällig wohl hat der nur wenige Jahre jüngere bedeutende Kunsthistoriker Hans Sedlmayr (1896-1984) die Schriften von Wilhelm Pinder, Hans Jantzen (1881-1967) und Theodor Hetzer als beispielhaft empfohlen.

Werke: Schriften, hg. v. Gertrude Berthold, Bd. 1: Giotto  –  Grundlegung der neuzeitlichen Kunst, 1981, Bd. 2: Die Bildkunst Dürers, 1982, Bd. 3: Das Ornamentale und die Gestalt –  Die Begegnung von Norden und Süden in der Hochrenaissance, 1987, Bd. 4: Bild als Bau –  Von Giotto bis Tiepolo (voraussichtlich 1996), Bd. 5: Rubens und Rembrandt, 1984, Bd. 6: Italienische Architektur, 1990, Bd. 7: Tizian, 1992, Bd. 8: Venezianische Malerei von den Anfängen bis zum Tode Tintorettos, 1985 und Bd. 9: Geschichte des Bildes von der Antike bis Cézanne (nicht vor 1997).

Lit.: Gertrude Berthold: Theodor Hetzer. Gedanken zu seinem Werk, in: Festschrift Kurt Badt zum siebzigsten Geburtstag. Beiträge aus Kunst- und Geistesgeschichte, Berlin 1961, S. 292-300. –  Heinrich Dilly: Deutsche Kunsthistoriker 1933-1945, München-Berlin 1988. –  Werner Gross: Theodor Hetzer, in: Neue Deutsche Biographie, Bd. 9, Berlin 1972, S. 36f. –  Friedrich Klingner: Theodor Hetzer. Gedächtnisrede. Gehalten in der Universität Leipzig am 15. Januar 1947 (Wissenschaft und Gegenwart, Nr. 15), Frankfurt am Main 1947 (enthält eine detaillierte Auflistung aller Monographien und Aufsätze von Theodor Hetzer, die noch zu seinen Lebzeiten erschienen sind). –  Udo Kultermann: Geschichte der Kunstgeschichte. Der Weg einer Wissenschaft, München 1990.

Bild: aus Kultermann, Geschichte, S. 174.

 

  Peter Wolfrum

 

 

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