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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Heuer, Gregor Konrad

Komponist, Pianist, Kapellmeister, Pädagoge

* 1916, 27.06.
Charkow/Ukraine

† 1989, 30.03.
Augsburg

Gregor Konrad Heuer war der Sohn des reichsdeutschen Kauf­manns Wilhelm Gregor Heuer (* 2.1.1879) und der Berta Sophia Katharina, geborene Eilmann (* 7.3.1889 in Reval/Est­land). Die Mutter musste ihren Sohn zunächst alleine großziehen. Der Vater wurde wenige Tage nach der Geburt des Sohnes interniert, kam 1918 aus Sibirien zurück und starb wenige Zeit später. Bis zu seinem 18. Lebensjahr lebte Heuer in Charkow und besuchte die „Arbeitsschule“ (Grundschule), danach das „Musik-Theatralische Technikum“.

Seine erste pianistische Ausbildung erhielt er im Alter von sieben Jahren. Ab 1933 lebte und studierte er in Reval, der Hauptstadt der damaligen Republik Estland. Hier lebte auch seine Großmutter, das Haus steht noch heute. Sein Musikstudium absolvierte er am Staatlichen Konservatorium Reval, heute „Estonian Academy of Music“ [Eesti Muusikaakadeemia], wo er im Jahre 1937 sein Kompositionsstudium bei Artur Kapp und 1940 die Klavierklasse von Artur Lemba abschloss. Schon ab 1935 war Heuer, der 1936 die estnische Staatsangehörigkeit erwarb, in Reval sowohl als konzertierender Pianist und Klavierlehrer, sowie als Komponist tätig. Am 7. November 1938 spielte er als Solist die Uraufführung seines ersten Klavierkonzerts mit Orchesterbegleitung im Estonia Konzertsaal. Die vom Autor handgeschriebenen Orchesterstimmen werden heute im Theater- und Musikmuseum aufbewahrt. Partitur und Solostimme sind leider verloren gegangen.

In der Revaler Zeitung vom 8.11.1938 stand über die Uraufführung zu lesen: „Unter den jüngeren Komponisten erwies sich in erster Linie Gregor Heuer als ein starkes Talent, von welchem wir in Zukunft noch viel erwarten können. Sein Klavierkonzert, vom Komponisten selbst virtuos und energisch pointiert vorgetragen, bewies, dass der junge Komponist durchaus gewillt ist eigene Wege zu gehen. Das technisch sehr hübsch gearbeitete Werk verrät ein energisches Wollen und ein bereits beachtliches Können.“

Am 18. Dezember 1938 heiratete Gregor Heuer in der Revaler Olaikirche die aus St. Petersburg stammende Pianistin Else Klement. In der Spielzeit 1940/41 war er als Solorepetitor an der staatlichen Oper in Reval tätig. Seinen letzten Klavierabend in Reval gab er im Dezember 1940. Mit der Umsiedlung der Baltendeutschen kam er im Frühjahr 1941 nach Deutschland.

Durch einen Bühnenvermittler in Berlin (wo sich Heuers Mutter bis dahin angesiedelt hatte) erhielt er im Herbst 1941 eine Stelle als Kapellmeister am Landestheater Südostpreußen in Allenstein. Für das Theater Allenstein komponierte er sein letztes größeres Werk, das Ballett Surmatants (Totentanz), das unter seiner Leitung aufgeführt wurde. Leider ist auch diese Partitur heute verschollen. Auch eine Klavierklasse sollte er an der Musikschule in Allenstein übernehmen, die dort am
1. Februar 1942 eröffnet wurde. Dazu kam es jedoch nicht mehr.

Nach nur einem halben Jahr in Allenstein wurde er aufgrund seiner guten Sprachkenntnisse (Ukrainisch, Russisch, Estnisch und Deutsch) vom Ministerium für die besetzten Ostgebiete dienstverpflichtet und nach Kiew versetzt. Hier arbeitete er als Dolmetscher beim Deutschen Sondergericht am Generalkommissariat. Daneben war er als Solorepetitor an der Großen Oper Kiew (Deutschen Oper Kiew) unter der Leitung des Intendanten Wolfgang Brückner beschäftigt, und half u.a. bei den Neu-Einstudierungen von Richard Wagners Tannhäuser und Lohengrin in deutscher Sprache.

Seine Frau Else, die schon vor der Abreise aus Reval schwer erkrankt war – ihre Lungen waren seit mehreren Jahren stark angegriffen – hatte Gregor Heuer nach der Ankunft in Deutschland nach Schömberg (Schwarzwald) in ein Lungensanatorium gebracht, ohne zu ahnen, dass sie dieses Sanatorium nicht mehr verlassen würde. Nach mehr als einem Jahr Aufenthalt starb sie Ende Mai 1942, drei Wochen nach einem Luftangriff.

Nach der Auflösung des Generalkommissariats Kiew im Herbst 1943 erhielt Heuer eine Kapellmeisterstelle am Stadttheater in Gablonz a.d. Neisse. Dort blieb er bis zum Herbst 1944. Im November 1944 kam die Einberufung an die Front. Er hatte Glück, abgesehen von zwei kleineren Verwundungen kam er heil und gesund heraus. Nach der Kapitulation im Mai 1945 geriet er jedoch in russische Kriegsgefangenschaft, wo er fünf Jahre lang festgehalten wurde. Fünf Jahre Gefangenschaft unter anderem in den berüchtigten Lagern von Orel (Orjol) und Mzensk, die letzten Monate in Kiew. Fünf Jahre, in denen er sich gegen die Beschuldigung eines angeblichen Vaterlandverrates zu verteidigen hatte (er war in Russland geboren und hatte bis zum 18. Lebensjahr in Charkow gelebt, in seinen Papieren stand „staatenlos“) – dazu kamen noch Beschuldigungen im Zusammenhang mit seiner Dolmetschertätigkeit in Kiew, während des Krieges. Fünf Jahre ohne Klavier, ohne Musik – ein kleiner Chor, den er leitete und für den er Lieder setzte, das war die ganze Musik dieser Jahre. Am Ende wurde er doch für unschuldig befunden und aus der Gefangenschaft entlassen. Als er am 30. April 1950 wieder in Deutschland ankam, war er fest davon überzeugt, dass er nie wieder in die Musik zurückfinden würde.

All sein Besitz und Habe – sein Instrument, seine Bibliothek, Bücher, Noten, sowie die Manuskripte seiner Kompositionen, die er zum Teil in seiner letzten Wohnstätte in Gablonz, zum Teil in Berlin aufbewahrt hatte – alles war verloren gegangen. Seine Mutter – seit 1946 mit dem Lehrer Johannes Manteuffel verheiratet – fand er in Augsburg wieder. Auch sie hatte in Berlin alles verloren: das Haus in dem sie und ihr Mann gewohnt hatten, war kurz vor Ende des Krieges abgebrannt.

Eine Studienunterstützung für Spätheimkehrer ermöglichte es Gregor Heuer, sich nochmals auf die Schulbank zu setzten. An der Musikhochschule in München und am Leopold-Mozart-Kon­servatorium in Augsburg frischte er sein durch die langen Jahre des Krieges und der Gefangenschaft mitgenommenes Können wieder auf. Ein zweites Mal legte er 1952 in München die Rei­feprüfungen in Dirigieren und Komposition ab, 1953 in Augsburg die Klavierprüfung. Zur gleichen Zeit begann er wie­der Kla­vierstunden zu geben. Das Leopold-Mozart-Konser­va­to­ri­um in Augsburg bot ihm die Leitung der Opernschule an, wo er sich der Ausbildung zukünftiger Opernsängerinnen und -sän­gern widmete. Hier lernte er seine zweite Frau, die junge Sopranistin Centa Strohmeier (geb. Pröll), die Witwe eines Kunstmalers, kennen. Sie brachte einen Sohn aus erster Ehe mit, 1954 kam der gemeinsame Sohn Roland zur Welt.

Bis zum Jahre 1955/56 gelang es Gregor Heuer, durch eine stattliche Anzahl von Privatschülern seine Lebensumstände allmählich zu verbessern. Auch als Chorleiter und als Klavierbegleiter fand er wieder Anschluss. Im Herbst 1955 wagte er sich – nach einer Pause von über 14 Jahren – erstmals wieder auf das Konzertpodium. Bis 1963 folgten zahlreiche Klavierabende und Liederabende, hauptsächlich im süddeutschen Raum. Im Herbst 1963 waren Klavierabende unter anderem in Stuttgart, München, Wien und Amsterdam geplant und zugesagt. Doch der Kraftaufwand, den der Unterricht, die Arbeit als Korrepetitor und die Vorbereitungen zu den Klavierabenden verlangten, war zu gewaltig. Im September 1963 erkrankte Heuer schwer. Bei einer Routine-Untersuchung wurde festgestellt, dass die Lungen angegriffen waren. Alle Konzerte mussten abgesagt werden, ebenso der Unterricht. Fast sieben Monate verbrachte Heuer in der Lungenheilstätte Lautrach (Kreis Memmingen, Allgäu). An eine Laufbahn als Konzertpianist war danach nicht mehr zu denken. Gregor Heuer erwarb sich in Augsburg einen hervorragenden Ruf als Klavier-Pädagoge und unterrichtete unermüdlich bis zu seinem Lebensende.

Gregor Heuers intensivste Zeit des Komponierens sind die Jahre 1933 bis 1942. Nach dem zweiten Weltkrieg entstanden nur noch wenige kleine Werke und einige Lieder. „Die Jahre in der Kriegsgefangenschaft haben meinen Kompositionsnerv zerrissen“, schrieb Gregor Heuer 1956 in einem Brief an seinen Freund in Tallinn (Reval), den Dirigenten Roman Matsov, dem die Violinsonate aus dem Jahre 1939 gewidmet ist.

Werke der Jahre 1933-1942: „Eksootiline fantaasia“ klaverile ja orkestrile (Exotische Fantasie für Klavier und Orchester) (1933) *2). – „Kellahelinad kaugelt“/Drei Klavierprelüds (Else Klement gewidmet) (1933-36) *1). – Drei Lieder nach Texten von Anna Haava (1937-39) *1) . – Sonaat viiulile ja klaverile/Sonate für Violine und Klavier (Roman Matsov gewidmet) (1938) *2). – Melodia für Violine und Klavier (1938) *1). – Klaverikontsert/Klavierkonzert (1935) (verschollen). – Keelpillikvartett/Streichquartett (1936) (verschollen). – Sümfooniline poeem „Videvik“ (1939) (verschollen). – Poeem viiulile ja orkestrile (1939) (verschollen). – Kantaat „Eestimaale“ (1939) (verschollen). – Ballett „Surmatants“ (1942) (verschollen).

Werke nach 1950: Lieder: „Hörst Du?“/Text: Th. Storm (30.12.1950) *2). – „Grab in der Steppe“/Text: Robert Dörflinger (21.10.1953) *2). – „Abschied“/Text: Robert Dörflinger (28.10.1953) *2). – „Sommertag“/Text: Robert Dörflinger (28.10.1953) *2). – „Lob der Stille“/ Text: R. Dörflinger (30.10.1953) *2). – „Gewitter“/Text: Robert Dörflinger (3.11.1953) *2). – „Du“/Text: Else-Maria Hassold (30.12.1953) (Centa Strohmeier gewidmet) *2). – „Im Frühling“/Text: Else-Maria Hassold (30.12.1953) *2). – „Der Nachbar“/Text: R.M. Rilke (9.1.1954) *2). – „Sonnenaufgang“/Nach einem Gedicht von R. Dörflinger für Männerchor (21.5.1955). – „Sonne“/Nach einem Gedicht von R. Dörflinger für Männerchor (22.5.1955).

Sonstiges: „Kleine Suite in D“ für Klavier vierhändig (18./19. April 1957) *2). – „Übungsstücke für ganz kleine Geiger/Sonatine G-Dur“ für Violine und Klavier (28.11.1961) *2). – „Marienlied 1“/Text: Hermann Hesse (7.6.1982) *2).

*1) Neuauflage gedruckt bei IKURO Edition – Musikverlag Roland Heuer.
*2) Ersterscheinung gedruckt bei IKURO Edition – Musikverlag Roland Heuer

Lit.: Juhan Aavik, Eesti Muusika Ajalugu IV, Stockholm 1969. – Eesti Muusika Biograafiline Leksikon, Tallinn 1990. – Eesti Muusika Biograafiline Leksikon, Tallinn 2007.

Roland Heuer, 2017

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