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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Heydeck, Johannes

Maler

* 1835, 02.07.
Sakuthen/Memelland

† 1910, 06.08.
Rauschen bei Königsberg i.Pr.

Zu den Historienbildern, die weit über den Ersten Weltkrieg hinaus bekannt waren, gehörte das Bild Königin Luise auf der Flucht von Königsberg über die Nehrung nach Memel 1807 – Die kranke Königin in Begleitung der Gräfin Voß im offenen Reisewagen am Strande hinfahrend. Das Bild, das 1887 auf der Berliner akademischen Kunstausstellung und 1888 bei der Münchner Jubiläums-Ausstellung zu sehen war und allgemeine Aufmerksam erregte, fand alsbald durch Reproduktionen (Holzstich 1889) weite Verbreitung und prägte die Vorstellungswelt von Generationen eines unvergeßlichen Moments der preußischen Geschichte. Wiedergaben in Kunstmappen und Zeitschriften wie Meisterwerke IX und Daheim (1890), aber auch in Schulbüchern trugen zu einer schnellen, allgemeinen Verbreitung dieses anmutenden Bildes bei, welches der Königsberger Akademie-Professor Johannes Heydeck gemalt hatte. Das Bild, das auch 1887 auf der 33. Kunstausstellung im Moskowiter-Saal in Königsberg für 6000,- M. zum Verkauf stand, ist heute leider verschollen.

Johannes Heydeck, Sohn des Lehrers Christian Wilhelm H. und der Auguste geb. Gebhard, hatte seine Ausbildung unter Carl Rosenfelder (Breslau 1813-1881 Königsberg) an der Königsberger Kunstakademie erhalten und trat in die Fußstapfen seines Lehrers, der mit seiner Historienmalerei, auch in Form von Wandgemälden, allgemeine Anerkennung gefunden hatte.

1868 wurde er als Professor an die Königsberger Akademie berufen, als die Stelle des Architekturmalers Hermann Gremmel zu besetzen war. Die Akademie war jedoch von dem Fach der Architektur abgerückt und hielt die Berufung eines „tüchtigen künstlerisch durchgebildeten Historien- oder Genre-Maler als Lehrkraft“ für wichtig. Diesen Anforderungen entsprach Heydeck, wie auch seine wenigen heute noch bekannten Werke belegen, doch hat er auch das Fach Perspektive gelehrt.

Das Urteil über Heydeck von dem jungen, zornigen Königsberger Akademiestudenten Lovis Corinth hat sich in dessen posthum erschienener Selbstbiographie festgesetzt: „Ein jüngerer war der Professor Heydeck. Er korrigierte in der Gipsklasse und in der Modellklasse, sonst Malschule genannt. Heydeck war ein naiver Streber. Aus Memel gebürtig, war er stark mit dem scheinheiligen litauischen Charakter seines Geburtslandes versetzt. Er hatte die Tocher des Direktors Rosenfelder geheiratet, und kraft dieses Nepotismus hatte er die Würde des Inspektors bekommen, mit welchem Amt eine prachtvolle, schöne Wohnung mit Garten und allem möglichen Zubehör verbunden war. Er lehrte außer den Korrekturen in den beiden Ateliers die Perspektive.“

Corinth, der zwei Jahre nach Heydecks Berufung in die Akademie eintrat, war wohl der noch stark schwelenden, von Neid und Missgunst gespeisten Anfeindung der Heydeckschen Gegner verfallen. Die diametrale Persönlichkeitsstruktur und auch Künstlerschaft von Corinth und Heydeck ließen ein solches Urteil entstehen und so wäre es natürlich interessant, eine Beurteilung Heydecks über Corinth zu erfahren. Heydeck hatte nicht nur „erfolgreich geheiratet“ sondern er wirkte auch als Lehrer mit Erfolg. Er hatte 1868 die Vertretung des erkrankten Landschafters Julius Siemering übernommen. In seinem Jahresbericht schrieb 1869 der Direktor, dass die Mehrzahl der Schüler zur Landschaftsmalerei drängte. Der Grund lag wohl in der Annahme einer aussichtsreicheren Existenz als Landschaftsmaler, hing aber vielleicht auch mit den pädagogischen Fähigkeiten Heydecks zusammen. Zu seinen Schülern gehörte u.a. der bedeutende ostpreußische Landschafter Rudolf Krauskopf (Krauskoff). Begehrt war sein praxisbezogener Unterricht auch bei den Studenten für das Lehrfach.

Heydeck arrivierte in den frühen 1870er Jahren und wurde durch Historienbilder, wie Der Hochmeister der Marienburg begibt sich zur Abendandacht (Berliner akadem. Ausst. 1872) und mit Porträts, wie des Grafen Dönhoff oder von Immanuel Kant bekannt, das vom Königsberger Stadtmuseum angekauft wurde. Früh griff er das Thema „Königin Luise“ auf, das ihn sein ganzes Künstlerleben beschäftigte. Das Bild Königin Luise auf der Flucht von Ortelburg nach Königsberg wurde von dem Danziger Kaufmann Berger auf der Berliner akademischen Kunstausstellung 1874 erworben, eine Variante befand sich im Kreishaus von Fischhausen.

Anerkennung fand Heydeck durch die unter Rosenfelder mit seinen Königsberger Professorenkollegen ausgeführten Wandmalereien wie Die vier Fakultäten in der Aula der Königsberger Universität oder den Odysseus-Zyklus im Gymnasium zu Insterburg (1882), zusammen mit Emil Neide und Max Schmid. Erwähnt sei noch sein Altarbild in der Sackenheimer Kirche in Königsberg. Angemerkt sei, dass Heydeck auch immer wieder Kinderstudien (Ostdeutsche Studiensammlung) in Öl malte, die bis heute „erfrischend“ wirken und auch zur Beurteilung seiner Kunst herangezogen werden sollten.

Er war Mitglied der Berliner Akademie und wurde 1894 Ehrendoktor der philosophischen Fakultät der Königsberger Universität. Seine Bedeutung für die Kunstgeschichte Königsbergs war nachhaltig, durch seine unermüdliche Arbeit in der Altertumsgesellschaft „Prussia“, als Förderer und Erhalter der Kunstdenkmäler Königsberg und Ostpreußens. Besondere Bekanntheit und Bedeutung bis in die heutige Zeit hat die durch ihn wesentlich beförderte Entnahme der Gebeine Kants aus dem Massengrab des Professorengewölbes im Juni 1880. Die Ausgrabung übernahm Heydeck selbst, da er bereits eine Reihe Ausgrabungen für die Prussia durchgeführt hatte. Das Protokoll vermeldet „Da stieß Heydecks Spaten in der Tiefe der Grube auf ein zweites Skelett … Die genaue Untersuchung der einzelnen Knochen ergab, daß dieses zweite Skelett des Kants war. Es hatte die von den beiden Kantbiographen Borowski und Jachmann bezeugte höhere rechte Schulter, besonders aber glich der Schädel dem von Dr. Kelch 1804 abgeformten Gipsabdruck.“ Heydeck hat die Szene in einer verschollenen Kreidezeichnung festgehalten, von welcher auch ein Kupferstich angefertigt wurde. Die Zeichnung zeigt, wie Heydeck Kants Schädel dem Kantforscher Emil Arnoldt reicht.

Heydeck gehörte zu den ersten Entdeckern von Nidden, das dann seit den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg bis zur Vertreibung zu einer der bedeutenden deutschen Künstlerkolonien geworden ist. Seit 1859 bis über seinen Tod hinaus waren seine Werke in den Kunstausstellungen des Königsberger Kunstvereins ausgestellt, mehrere Werke fanden den Weg in Königsberger Sammlungen. Es scheint nur weniges die Zeiten überdauert zu haben, so ein Gemälde in der St. Petersburger Eremitage, doch sind die Reproduktionen seines Luisenbildes und der Kantausgrabung lebendige Zeugnisse nicht nur seines untergangenen Schaffens sondern auch einer untergegangenen Welt. Heydeck war nicht nur ein tüchtiger Künstler und Pädagoge, sondern eine wichtige Persönlichkeit in der Kulturgeschichte Königsbergs.

Lit.: Div. Kunstlexika wie Boetticher; Thieme-Becker. – Altpreußische Biographie, Bd. 1 Königsberg 1941. – Rudolf Meyer-Bremen, Die Ausstellungskataloge des Königsberger Kunstvereins im 19. Jahrhundert, Köln/ Weimar/ Wien 2005. – Die Ausstellungskataloge des Königsberger Kunstvereins (20. Jahrhundert), hrsg. v. R. Meyer-Bremen, Reprint, S. 46, 57, 78, 177. – Kunstakademie Königsberg 1845-1945, hrsg. Werner Timm, Duisburg/ Regensburg 1982, S. 68. – Helmut Börsch-Supan, Die Deutsche Malerei von Anton Graff bis Hans von Marées 1760-1870, München 1988, S. 445. – The Heremitage Catalogue for Western European Painting, Moscow/ Florence 1988, S. 134. – Herbert M. Mühlpfordt, Ewige Ruhe am Dom, in: Ostpreußenblatt 13. Februar 1999. – Jörn Barfod, Nidden, Künstlerkolonie auf der Kurischen Nehrung, Fischerhude 2005, S. 119.

Bild: Ausschnitt Heydeck überreicht dem Kantforscher Emil Arnoldt den Schädel Kants, aus: Kunstakademie Königsberg s.a.O., S. 40.

Helmut Scheunchen

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