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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Hirschfeld, Gustav

Archäologe, Geograph

* 1847, 04.11.
Pyritz/Pommern

† 1895, 20.04.
Wiesbaden

Paul Oscar Gustav Hirschfeld wurde als Sohn des wohlhabenden jüdischen Kaufmanns Hirsch (später Hermann) Hirschfeld und seiner Frau Henriette, geb. Stargardt, in Pyritz geboren. Hier besuchte er zunächst eine Privatschule und dann bis zum Abitur Michaelis 1865 das Gymnasium. Danach studierte er klassische Philologie, und zwar je ein Jahr an den Universitäten Berlin, Tübingen und Leipzig, ehe er wieder nach Berlin zurückkehrte, wohin seine Eltern verzogen waren. Nach längerer Krankheit wurde er am 20. Mai 1870 zum Dr. phil. promoviert. Seine PromotionsschriftDe titulis statuariorum sculptorumque Graecorum capita duo priora war Teil einer Arbeit über alle damals bekannten Inschriften auf den Werken der bildenden Kunst und ihre Meister, die er im folgenden Jahr unter ähnlichem Titel veröffentlichte.

Zum Ende seines Studiums hatte Hirschfeld sich nämlich unter dem Einfluß von Ernst Curtius (1814 – 1896) verstärkt der Archäologie und epigraphischen Studien zugewandt. Deshalb machte er ab Januar 1871 seine erste Reise zu Ausgrabungen in Bologna und reiste, nun mit einem Stipendium des Deutschen Archäologischen Instituts, weiter über Ravenna nach Athen, um anschließend bis Ende 1871 die Zeugnisse der Antike auf der Halbinsel Attika, dem Peloponnes und den griechischen Inseln kennenzulernen. Als Ergebnis dieser ersten Reise veröffentlichte er unter dem Titel Vasi arcaici Ateniensi(1872) einen Aufsatz über die damals neuentdeckten Dipylonvasen. Ergebnis dieser ersten und weiterer Reisen war auch die Arbeit Ein topographischer Versuch über die Peiraeusstadt(1878), also Athen.

Im Anschluß an die erste Reise in Italien und Griechenland bereiste Hirschfeld, zeitweise unter Führung von Ernst Curtius, das westliche Kleinasien. Hier begann sich immer stärker sein Interesse an topographischen Forschungen zu regen, die neben der Archäologie und den Inschriften das dritte Arbeitsfeld von Hirschfeld werden sollten. Bei den topographischen Studien bemühte er sich mit großem Erfolg um die Feststellung und Festlegung der damals weitgehend unbekannten Topographie Kleinasiens und um die systematische Wiederentdeckung und Erforschung der Reste aller Stätten des klassischen Altertums, einschließlich der Felsengräber, und nicht nur des für bedeutend Gehaltenen. Er nahm die antiken Ruinenstätten genau auf und croquierte seine gesamte Reiseroute. Nach epigraphischen Studien in Rom und Italien (1872) besuchte er 1873 im Auftrage der Preußischen Akademie der Wissenschaften wieder Griechenland und 1874 erneut Kleinasien.

Als das Deutsche Reich im Jahre 1875 die Ausgrabungen von Olympia in Griechenland beschloß, erhielt Hirschfeld die Leitung dieses Projekts, da er sehr gut mit Menschen umgehen konnte, die neugriechische und die türkische Sprache beherrschte und sich ein umfangreiches Wissen über die antike Kultur nicht nur jener Gegend angeeignet hatte. Unter seiner Leitung wurden in Olympia unter anderem der Zeustempel mit seinen Giebelfiguren, das Heraion, die Nike des Paeonios und, als bedeutendster Fund, am 8. Mai 1877 die Hermes-Statue des Praxiteles ausgegraben. Am 26. Mai 1877 beendete Hirschfeld jedoch seine Arbeit in Olympia wegen Differenzen mit der Leitung des Archäologischen Instituts. Doch stellte er in den Ausgrabungen zu Olympia(Bd. 1-5, 1875 bis 1881) die Ergebnisse der Ausgrabungen vor.

Nach Olympia hatte ihn zeitweise seine Frau Margarethe geb. Bredschneider begleitet, die er am 15. Juli 1876 in Berlin geheiratet hatte. Dort ließ sich Hirschfeld am 23. Dezember 1877 aus Überzeugung, nicht wegen beruflicher Vorteile evangelisch taufen.

Nach seiner Rückkehr nach Deutschland bereitete er sich auf die Habilitation an der Universität Leipzig vor, für die er bei verschiedenen Besuchen in London und auch in Paris Vorarbeiten geleistet hatte. Bevor die Habilitation aber erfolgt war,wurde er im Herbst 1878 als außerordentlicher Professor für Archäologie an die Universität Königsberg berufen, wo er bis zu seinem Tode, seit 1880 als ordentlicher Professor, wirkte.

Ab etwa 1878, also nach Abschluß seiner Grabungen in Olympia, sah Hirschfeld in der Erforschung Kleinasiens seine Lebensaufgabe und unternahm in den Jahren 1880 bis 1882 dorthin weitere Forschungsreisen. Erste Ergebnisse stellte er in den AbhandlungenZur Typologie griechischer Ansiedlungen im Altertum(1884) und Die Entwicklung des Stadtbildes(1890) vor. Aufgrund seiner Beobachtungen hatte er festgestellt, daß die Griechen für die Anlage ihrer Siedlungen zeitlich nacheinander folgende Forderungen an den Siedlungsplatz stellten: Zunächst Sicherheit und Festigkeit des Platzes, dann günstige Verkehrslage und schließlich Bequemlichkeit. Nach Hirschfeld wählten sie daher gern die "Kaplage" zwischen zwei Wasserwegen und lebten in Niederlassungen, deren Lage und Form durch die Bodenverhältnisse bestimmt waren und, im Gegensatz zu den Persern, nicht zuerst durch den Willen der Menschen. Hirschfeld wurde immer mehr zu einem frühen Vertreter der historischen Geographie, die sich damals gegen die rein naturwissenschaftliche Ausrichtung der Geographie zu behaupten suchte.

Hirschfeld konnte sein Ziel, eine topographische Karte Kleinasiens zu erstellen, die auch ein Verzeichnis der Ruinen der klassischen Stätten enthalten sollte, nicht mehr verwirklichen, da er 1891 schwer erkrankte. Es gelang ihm nur noch, die für die Kenntnis Kleinasiens wichtigen Aufzeichnungen des jungen Moltke, des späteren Feldmarschalls, unter dem Titel Briefe über Zustände und Begebenheiten in der Türkei aus den Jahren 1835 bis 1839 (1893, Bd. 8 der Gesammelten Schriften von Moltke) und The Collection of Ancient Greek Inscriptions in the British Museum, Part 4, Section 1: Knidos, Halikarnassos and Branchidae (1893) herauszugeben: Nach langer Krankheit starb er in Wiesbaden, wurde aber in Königsberg beigesetzt.

Königsberg war Hirschfeld in den 17 Jahren seines dortigen Wirkens zur zweiten Heimat geworden. An der Universität lehrte er nicht nur Archäologie, sondern das gesamte Gebiet der Altertumskunde und hielt darüber auch Vorlesungen für interessierte Bürger der Stadt. Mit seinen Studenten besuchte er oft die Antikensammlung auf Schloß Beynuhnen in der Nähe Königsbergs, um ihnen ein möglichst anschauliches Bild der Antike zu vermitteln, das er selbst auf seinen Reisen in so reichem Maße gewonnen hatte. Auch setzte er die Erweiterung der Sammlung von Abgüssen des Archäologischen Instituts der Universität durch. Der Königsberger Geographischen Gesellschaft gehörte er seit ihrer Gründung im Januar 1882 als stellvertretender Vorsitzender an und ab 1891 als deren erster Vorsitzender. Hirschfeld war ein hervorragender Archäologe und – das war auch damals ungewöhnlich – zugleich ein ausgezeichneter Geograph, besonders des kleinasiatischen Raums.

Werke:Genaue Verzeichnisse, einschließlich der Besprechungen, in den Nachrufen von M. Lehnerdt in: Jahresbericht über die Fortschritte der klassischen Altertumswissenschaft 99 (1898), S. 84 – 90, und Hans Prutz in: Altpreußische Monatsschrift 32 (1895), S. 327 – 332.

Lit.: Klaus Bürger in: Altpreußische Biographie, Bd. 4, Lief. 3, Marburg/Lahn 1994 (im Druck, dort Einzelnachweise).

 

  Klaus Bürger 

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