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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Hollinger, Rudolf

Schriftsteller, Germanist

* 1910, 13.08.
Temeschburg/Banat

† 1997, 07.01.
Langenau bei Ulm

Das Bedürfnis nach Gedichten ist in unserer Leistungsgesellschaft außerordentlich gering. „Lyrica non leguntur“. Anders war es auch nicht, als Rainer Maria Rilke, Stefan George, Georg Trakl und Josef Weinheber noch lebten. Lyrische Dichtung war und ist eine Kunst für den Einsamen. Rudolf Hollinger war einsam, war kein Lobbyist und ist bis heute – leider auch in der breiten Masse seiner Landsleute – wenig bekannt bzw. verkannt.

Eindeutiger urteilt hingegen die bundesdeutsche Presse: „Rudolf Hollinger hat mit seiner Lyrik, aber auch der Dramatik und Kurzprosa einen kleinen, wenn auch hier unbemerkten Glanzpunkt deutschsprachiger Literatur gesetzt.“ (Lyrikabend von Rudolf Hollinger: Bilderreichtum, Lautmalerei, in: Südwest-Presse Nr. 34/10 vom 21. August 1986).

Der Banater Literaturhistoriker und Dichter Rudolf Hollinger (vgl. Hans Dama: Hollinger Rudolf – Schriftsteller und Germanist [75. Geburtstag], in „Ostdeutsche Gedenktage 1985“, Bonn, S. 147-149) hat ein umfangreiches, größtenteils leider bis heute unveröffentlichtes Œuvre hinterlassen, das zum Teil in der Österreichischen Nationalbibliothek und imÖsterreichischen Staatsarchiv (Signatur „B/2232“, Bestandsgruppe „Nichtamtliche Archivalien und Nachlässe“: Dama, Hans Dr. – Schenkung Archivmaterial zu Rudolf Hollinger) gelagert ist. Lediglich sein lyrisches Schaffen wurde bislang in zwei Gedichtbänden (siehe Bibliographie) – jedoch nicht exhaustiv – erfasst.

Rudolf Hollinger hat Zeit seines Lebens an große Worte, an Ideale geglaubt – allen voraus an die Kunst und an den Menschen –, und daher kam vielleicht viel Unglück über ihn. In fast demütiger Bescheidenheit notiert der Dichter: „Mich hält nur Eines: der Drang zu schaffen; worin, das weiß ich nicht mehr. Denn es braucht doch niemand mein Werk. Mich aber erhält dieses Werk. Vielleicht ist auch dieses sein Sinn …“ (Gedankensplitter aus dem Osten. Aus dem Tagebuch eines Südost-Europäers, S. 57)

Nach 40-jähriger Beschäftigung mit Hollingers Œuvre wird mir klar, dass seine Beschäftigungen mit philosophischen und ästhetischen Themata genauso bedeutend wie seine literarhistorischen und sprachlichen Studien einzustufen sind. Seine philosophischen Gedankengänge verhalfen ihm, schwere Zeit zu überwinden: „In einer Zeit, da Geistiges anrüchig geworden war, Freiheit nichts galt, glaubte ich an ein Reich des Geistes, arbeitete an mir und an ihm, damit ich – einmal angerufen – Wesentliches zu sagen habe …“ (Gedankensplitter aus dem Osten. Aus dem Tagebuch eines Südost-Europäers, S. 13)

Der rumänische Geheimdienst „Securitate“ missbilligte seine briefliche Beziehung zu Hermann Hesse. 1980 gelang Hollinger und seiner Frau die Ausreise nach Deutschland.

Die Wochenschrift Der Donauschwabe hat 1999-2002 in 88 Folgen die seiner Frau diktierten Lebenserinnerungen des seit 1979 erblindeten Hollingers gebracht, welche in Wien vervielfältigt wurden und in einem Band wertvolles Material in nur wenigen Exemplaren für Großbibliotheken sichergestellt haben.

Gegenstand seiner Aufzeichnungen sind seine Zeit als Gymnasial- und Hochschullehrer, seine Beziehungen zu Vorgesetzten während des Militärdienstes (Hollinger war im Zweiten Weltkrieg Dolmetscher und Übersetzer in der Rumänischen Armee), zu Arbeitskollegen im Temeswarer „Tehnometal“-Betrieb, wohin Hollinger 1958 als unqualifizierter Arbeiter abgeschoben worden war. Hauptthema der Erinnerungen ist aber die Beziehung Hollingers zur deutschen Sprache, zur Weltliteratur, zu künstlerischen Werten; es sind Lebenserinnerungen eines klassisch geschulten Literaturkenners.

Hollinger, ab 1941 Hauptschriftleiter des Banater Schulboten, Fachorgan der „Deutschen Lehrerschaft“, deren Gründung Nikolaus Hans Hockl, Leiter des Schulamts der Deutschen Volksgruppe in Rumänien, mit dem Ziel angekündigt hatte, „fachliche Schulung auf weltanschaulicher Grundlage des Nationalsozialismus zu vermitteln“, war weder geistiger Vater der politischen Ausrichtung dieser Zeitschrift noch militanter Ideologe. Seine Ernennung zum Schriftleiter erfolgte auf Grund seiner sprachlichen Kompetenz. Ob dieser Tätigkeit hatte er in der Nachkriegszeit viel zu erdulden. Spät – 1962 –, nach eingehenden staatlichen Recherchen, wurde Rudolf Hollinger auf Anweisung des damaligen rumänischen Unterrichtsministers Prof. Dr. Ilie Murgulescu – er kannte ihn als Rektor der Polytechnischen Hochschule in Temeswar und ehemaliger Vorgesetzter persönlich gut und schätzte ihn – vollends rehabilitiert. Murgulescu veranlasste Hollingers Rückversetzung an den Lehrstuhl für Germanistik der Universität Temeswar.

Bei Hollinger wirkt Bescheidenheit kaum mehr als Tugend, sie wird zum Laster, diese Demut: Andere Literaten schrieben für ihre Verlage, er wiederum für seine Schublade – und es störte ihn kaum, dass es so war, denn er wusste was seine „Sachen“ bedeuten. Wer aber geistige Vollendung in spirituellen Ausbrütungen humanen Ursprungs zu suchen beabsichtigt, geht falsch – und das weiß Hollinger. Menschliche Grenzen umrahmen selbst das ausgereifteste Schaffen. So wird wohl vieles auch bei Hollinger Fragment bleiben müssen, doch ist es nicht gerade das Fragmentarische, das Unvollendete, das von einem Großen spricht?!

Gewiss, es wandeln zweifelsohne noch hunderte oder gar tausende ehemalige Hollinger-Schüler im Dickicht menschlichen Daseins, und würden sie – ab absurdum – mit einem partial atrophierten Erinnerungsvermögen ausgestattet sein, der Name Rudolf Hollinger wird sich ihrer Erinnerung wohl kaum zu entziehen vermögen.

Rudolf Hollinger hat, wenn auch – vorerst – nur schubladenverbannt die fünfte deutschsprachige Literatur um vieles bereichert, weil sein didaktisches und Kunstverständnis Generationen von Jugendlichen im Südosten Europas (die mittlerweile aber weltweit verstreut sind) auf den Weg zu einer deutschsprachigen und somit zu einer mitteleuropäischen Kultur und allem voran zu einem modernen Kunstverständnis geführt hat.

Hollingers Werke brillieren durch gewaltige sprachliche Ausdruckskraft: durch sein lyrisches Feingefühl und durch die zeitlose Thematik seiner Künstlerdramen. Die historischen Dramen hingegen zeugen von Pathos und von der freiheitsliebenden Sehnsucht seiner Helden.

Im heurigen „Hollinger“-Jahr sind einige internationale Veranstaltungen im mitteleuropäischen Raum geplant: Vorträge, Inszenierungen usw.

Der Humanist Hollinger glaubt an die Würde des Menschen, zweifelt aber an den der Gesellschaft zugrunde liegenden „Ismen“: „Ich glaube an die Würde des Menschen, d. h. sie ist für mich eine ausgemachte Sache: Was ich an Geschichtlichem erfahre, erschüttert meinen Glauben an die menschliche Würde […] Das Leben sollte von jedem Ismus unbeschwert und unbelastet bleiben, denn Ismen bringen stets nur Fanatismus mit sich, etwas, was dem Leben Feind ist.“(Gedankensplitter aus dem Osten. Aus dem Tagebuch eines Südost-Europäers, S. 64)

Veröffentlichungen (Auswahl): Das Till Eulenspiegelbuch von 1513. Seine geistige und soziale Problematik. Wien 1934 (Dissertation). – Junge Banater Dichtung. Reden und Gedichte einer Feierstunde, Hermannstadt, 1940. [Banater Blätter 9]. – Banater Dichtung der Gegenwart. Versuch einer geistigen Schau. Temeschburg, 1940. [Banater Blätter 12]. – Adam Müller-Guttenbrunn, der Erwecker des Donaudeutschtums. Ein Vortrag. Temeswar, 1942. – Ein unbekannter Erzähler des Banats: Der Arader Johann Eugen Probst, in: Neuer Weg, Bukarest, 28.09.1968. – Der Weg zum Gedicht, in: Neue Banater Zeitung, Temeswar, 04.08.1968. – Preyer als Dramatiker, in: Neue Banater Zeitung, Temeswar, 29.12.1968. – Wege zur Moderne. In: Neuer Weg, Bukarest, 17.03.1968. – Unbekannte Literaturgeschichte: Briefe von Eugen Probst an Adolf Meschendörfer, n: Karpatenrundschau, Kronstadt, Nr. 38/ 18.09.1970; auch in: Südostdeutsche Vierteljahresblätter, München, Heft 1/1972, S. 37-42. – Das Stadtdeutsch von Temeswar, in: Neuer Weg, Bukarest, 2.-4. April 1970. – Was ist Dichtung? In: Volk und Kultur, Bukarest, 23. Jg., 5. Mai 1971. – Charakteristische Kennzeichen der deutschen Volkssprache von Temeswar, in: Annalen der Universität Temeswar, 1969, S. 79-90. – Nicht Minne, sondern Liebe, in: Neue Banater Zeitung, Temeswar, 28.09.1968. – Gedankensplitter aus dem Osten. Aus dem Tagebuch eines Südost-Europäers. Wien, 1985. – Gedichte. München: Südostdeutsches Kulturwerk, 1986. – Deine Stunde, Tod, ist groß. Gedichte. Linz, 1997.

Dramatische Werke in den 1960er Jahren: Das Portrait. Geschichte einer Liebe (unveröffentlicht). – Der Bogenstrich (unveröffentlicht). – Wenn sich Wege kreuzen (unveröffentlicht). – Echnaton – König von Ägypten (historisches Drama), 1959 (unveröffentlicht). – Die Feuerkrone oder Dozsas Kampf und Verklärung (historisches Trauerspiel), 1959 (unveröffentlicht)

Herausgeberschaft: Theodor Fontane. Effi Briest. Vorwort und Anmerkungen. Timişoara, 1973. – Volk und Schule, Zeitschrift, 1941-1942.

Bild: Archiv des Verfassers.

Hans Dama

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