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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Honigberger, Johann Martin

Apotheker, Arzt, Weltreisender

* 1795, 10.03.
Kronstadt/Siebenbürgen

† 1869, 18.12.
Kronstadt/Siebenbürgen

Zu Weihnachten 1834 traf ein orientalisch gewandeter Reisender in Kronstadt ein. Zum Erstaunen aller sprach er sie in ihrer siebenbürgisch-sächsischen Mundart an. Aus seinen Erzählungen ergab sich, daß es sich um einen Landsmann handelte, der zwei Jahrzehnte zuvor die "Stadt im Osten" verlassen hatte und nach mehreren Etappen in Lahore gelandet war.

Johann Martin Honigberger war als 20jähriger – nachdem ihn sein Vater nach nur vier Gymnasialjahren zu einem Apotheker in die Lehre geschickt hatte – über die Bukowina, Moldau und Walachei ans Schwarze Meer gekommen, wo er von Varna aus nach Konstantinopel aufbrach. Hier angekommen, gab er sich als Arzt aus, hatte er sich doch während seiner Ausbildung auch medizinische Kenntnisse angeeignet. Ein Jahr später nahm ihn der Gouverneur von Tokat als seinen Leibarzt ins Innere der Türkei mit. Honigberger bereiste Anatolien, bestieg das Libanon-Gebirge, durchquerte Palästina und gelangte nach Ägypten. In Kairo betrieb er eine medizinische Praxis, und im Nil-Delta bekämpfte er die Pest. In Syrien führte Honigberger zum ersten Mal die Kuhpocken-Impfung durch. In den Küstengegenden erforschte er die Heilpflanzen und suchte mineralogische Raritäten. Über Damaskus und Bagdad machte sich Honigberger auf den Weg nach Indien. Auf Kamelrücken, im Pferdesattel, durch Wüsten und Dschungel gelangte er über Karatschi 1829 schließlich nach Lahore (heute Pakistan). Einer der mächtigsten und reichsten Könige des indischen Subkontinents, Rendschit-Singh, nahm ihn als Leibarzt im Ministerrang auf, ernannte ihn zum Verwalter einer Pulver- und Gewehrfabrik sowie zum Inspektor der Marine in Admiralsrang.

Da die sanitären Verhältnisse des Landes jeder Beschreibung spotteten, organisierte Honigberger ein einigermaßen geregeltes Gesundheitswesen. Für die Bewohner der Hauptstadt wurde ein Spital errichtet, bald darauf erfolgte der Bau eines Krankenhauses für die Gefangenen, und schließlich wurde auf seine Anregung hin eine Anstalt für Geisteskranke ins Leben gerufen. Große Schwierigkeiten bereitete ihm die Ausbildung einheimischer Hilfsärzte, da er gegen den tiefverankerten Aberglauben anzukämpfen hatte und eine jahrelange Aufklärungsarbeit erforderlich war. Einen großen Erfolg, über den 1831 auch die englischsprachige Zeitung in Kalkutta berichtete, hatte er mit einer selbstentwickelten Methode zur Bekämpfung der an Wassersucht erkrankten Soldaten. Damit wurde Honigberger erstmals breiten Fachkreisen bekannt.

Seine Arbeit ließ Honigberger Zeit, Indien, vor allem Kaschmir zu bereisen und eine reichhaltige Pflanzensammlung anzulegen. 1833 trat er – von Heimweh geplagt – die Heimreise an. Über Afghanistan, dessen Hauptstadt Kabul er als einer der ersten Europäer betrat, Persien, den Kaukasus und Rußland gelangte er wieder nach Europa. Seine wertvollen Münzfunde aus archäologischen Grabungen schenkte er teilweise den Museen in Paris, London, St. Petersburg und Wien. Ebenfalls in Wien hinterließ er bei dem Botaniker Professor Joseph von Jacquin seine wertvolle Pflanzensammlung zur Auswertung. Einen Teil der archäologischen Funde trat er der Asiatischen Gesellschaft in Paris ab, die ihn in Anerkennung seiner Leistung in die Reihe ihrer Mitglieder aufnahm.

In Paris wollte er jedoch vor allem die Bekanntschaft mit Dr. Samuel Hahnemann machen. Dieser, der Begründer der Homöopathie, war dem Kronstädter wohl gewogen, hatte ihn doch seinerzeit der Gubernator von Siebenbürgen, Samuel von Brukenthal, von Wien nach Hermannstadt mitgenommen, wo er in den Jahren 1777 bis 1779 bei diesem als Hausarzt und Aufseher seiner ansehnlichen Bibliothek wirkte und seine "unvergleichliche Sammlung antiker Münzen" (Hahnemann) ordnete. Honigberger machte sich mit der Homöopathie vertraut und wurde Ehrenmitglied des Vereins homöopathischer Ärzte in Leipzig.

Mit den neuen Kenntnissen begab sich Honigberger erneut nach Asien. Es wurde sein zweiter von insgesamt fünf Aufenthalten in Indien, was ihn bewog, Indien seine zweite Heimat zu nennen. Während all dieser Jahre dort durchwanderte er das Land, sammelte Pflanzen, erprobte seine neuesten Heilmittel und machte archäologische Grabungen.

Während einer seiner Fahrten nach Europa, die zwei Jahre gedauert hatte, nutzte er die Zeit, um an seinem Hauptwerk zu arbeiten, das 1851 in Wien erschien. Der langatmige Titel lautet: Früchte aus dem Morgenland oder Reise-Erlebnisse nebst natur-historisch-medizinischen Erfahrungen, einigen hundert erprobten Arzneimitteln und einer neuen Heilart, dem Medial-System. Das 590 Seiten und 40 lithographische Tafeln umfassende Buch enthält neben einem rein medizinischen Teil und der Darstellung seines neuen, Medial-System genannten Heilverfahrens (ein goldener Mittelweg zwischen Allopathie und Homöopathie), auch ein medizinisches Wörterbuch in neun Sprachen (Lateinisch, Deutsch, Französisch, Englisch, Türkisch, Arabisch, Persisch, Pendschabi und Indisch-kaschmirisch). Hervorzuheben ist, daß er die Fachausdrücke in den indischen Sprachen meist selbst prägen mußte, wodurch Honigberger als Mitbegründer der jeweiligen Fachsprachen gilt. Der große Erfolg dieses Buches, das 1853 eine zweite vermehrte Auflage erlebte und 1852 auch in London erschienen war, erklärt sich aber auch durch die aufschlußreichen Schilderungen der sozialen Zustände in Indien, einschließlich der religiösen Bräuche, die es enthält. Der Philosoph Mircea Eliade befaßte sich in seinem in rumänischer Sprache geschriebenen Buch Geheimnisse des Doktor Honigberger mit dessen Stellungnahme zum Okkultismus, hatte doch Honigberger als erster Europäer "zu dem Lebendigbegrabenwerden eines Fakirs und zu anderen einzigartigen Leistungen der Fakire als Wissenschaftler Stellung genommen".

Als 1855 in Kalkutta die Cholera wütete, setzte Honigberger ein wirkungsvolles Mittel als Impfstoff ein, das er aus der Pflanze Quasia amara gewonnen hatte. Darüber berichtete er in seiner Broschüre Cholera, its cause and infailible cure and on epidemics in general (Kalkutta 1857). Daraus geht hervor, daß Honigberger erkannt hatte, daß die Cholera und andere Infektionskrankheiten durch Bazillen ("Aufgußtierchen") hervorgerufen werden. Somit zählt er zu den verdienstvollen Vorläufern der Bakteriologen Pasteur und Koch.

Als Honigberger 1868 von seiner letzten Asienreise zurückkam, die er hauptsächlich in einem Badeort am Fuße des Himalaja verbracht hatte, war er schwer erkrankt. Er ließ sich in seiner Heimatstadt nieder und erlag wenige Monate später einem Krebsleiden.

Dieser "Selfmademan der Romantik" (Hans Bergel), den die Bombay Timesals den "berühmtesten und angesehensten Arzt Indiens" feierte und der in der Reihe der Indienforscher einen ehrenvollen Platz einnimmt, hat seinem Gymnasium und gemeinnützigen Einrichtungen in Kronstadt testamentarisch namhafte Mittel vermacht und damit seine Heimatliebe zum Ausdruck gebracht.

Lit.: Josef Trausch: Schriftsteller-Lexikon, 2. Bd., Kronstadt 1870, S. 184-196. – Oskar Wittstock: J.M.H., ein siebenbürgisch-sächsischer Kulturpionier in Indien. In: Jb. 1971, Siebenbürgisch-Sächsischer Hauskalender, München, S. 71-74. – Hans Bergel: J.M.H. Ein Albert Schweitzer des 19. Jh. In: Ders.: Würfelspiele des Lebens. München 1972, S. 35-55. – Hans Barth: J.M.H. In: Von Honterus zu Oberth. Bukarest 1979, S. 187-221.

Bild: Honigberger; Archiv des Verfassers.

 

  Udo W. Acker 

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