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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Hubatsch, Carl Walther

Historiker

* 1915, 17.05.
Königsberg i.Pr.

† 1984, 29.12.
Bad Godesberg

Unter dem Eindruck der Gelehrten Karl Brandi, Percy Ernst Schramm und Siegfried A. Kaehler entschied sich der Student der Germanistik, Geographie und Geschichtswissenschaft Walther Hubatsch in Göttingen für den Beruf des Historikers. Vom Einsatz an der Front für nur wenige Monate beurlaubt, promovierte er 1941 mit einem Thema aus der deutsch-skandinavischen Geschichte und habilitierte sich schon zwei Jahre später an der Philosophischen Fakultät der Georgia Augusta in Göttingen für die Fächer mittelalterliche und neuere Geschichte.

Unter den zahlreichen Forschungsfeldern, denen sich Walther Hubatsch in seinem nahezu vier Jahrzehnte währenden Wirken zuwandte, stand die Geschichte seiner ostpreußischen Heimat an erster Stelle, ausgelöst durch die Wiederbegegnung mit den Archivalien aus dem Staatsarchiv Königsberg 1947, an die er schon als Student der Albertina in den ersten Semestern herangeführt worden war. Die Auswertung dieser nach kriegsbedingter Verlagerung im Göttinger Staatlichen Archivlager betreuten wertvollen Bestände erkannte er als vorrangige Aufgabe und wußte auch seine Studenten für die Beschäftigung mit ostpreußischen Themen in Seminarreferaten, Staatsexamensarbeiten und Dissertationen zu gewinnen. Er begann mit der Herausgabe der Deutschordensregesten, verfaßte die Biographie des letzten Hochmeisters des Deutschen Ordens, Albrecht von Brandenburg-Ansbach, und wies in zahlreichen Aufsätzen darauf hin, daß auch für die nachreformatorischen Jahrhunderte aus den Königsberger Quellen neue Forschungsergebnisse zu erzielen waren.

Im Kreise seiner Studenten und Mitarbeiter in Göttingen und seit 1956 in Bonn war Hubatsch der stets Anregende und Beratende. Er schien eine unerschöpfliche Energie zu besitzen und wurde in seiner Schaffensfreude und Selbstdisziplin zu einem unerreichbaren Vorbild. Aber er setzte auch deutliche Schwerpunkte. Lange Diskussionen um Verfahrensfragen hielt er für wenig fruchtbar, für eine Mitwirkung in Hochschulgremien ließ er sich nur zögernd gewinnen, jedem Wechsel, jeder Veränderung im Wissenschaftsbetrieb stand er mit Skepsis gegenüber. Seinen gesellschaftlichen Umgang beschränkte er auf wenige Menschen, von denen er einen fruchtbaren Gedankenaustausch erwartete. Er galt als schwierig und unzugänglich. Doch während der Exkursionen, die er jährlich anbot, erlebten ihn die Studenten so heiter und gelöst, daß sie ihr Urteil über den wegen seiner Strenge und Genauigkeit gelegentlich gefürchteten Professor revidieren, mußten. Hubatsch schrieb die fröhliche Seite seines Wesens – in Anlehnung an Goethe – dem mütterlichen Erbteil zu, während ihm sein Vater, dessen Vorfahren aus Schlesien stammten, den Ernst und die auf stete Pflichterfüllung ausgerichtete „preußische“ Haltung mitgegeben hatte. Auf langen Spaziergängen durch Königsberg und Tilsit, so erzählte Hubatsch gern, habe ihm sein Vater den ersten historischen Anschauungsunterricht erteilt. Die nahe Ostsee, das „mare Balticum“, zog Hubatsch seit den Königsberger Tagen an, aber erst als Reserveoffizier der Bundesmarine erfüllte sich sein Wunsch, zur See zu fahren. Er erlebte auch diese Reisen als Historiker und begann, sich mit der Geschichte der Seefahrt und der Entwicklung der Marine seit der Mitte des 19. Jahrhunderts zu beschäftigen. Zur Kirchengeschichte Ostpreußens fand er erst spät, doch fühlte er sich nach konzentrierter Einarbeitung in die Quellen auch in diesem Gebiet bald heimisch. Die „Geschichte der evangelischen Kirche Ostpreußens“ wurde ein landesgeschichtliches Standardwerk, da sie nicht nur theologiegeschichtliche Fragen, sondern auch die Entwicklung kirchlicher Einrichtungen, Wirtschaft, Architektur und nicht zuletzt die sozialen Verhältnisse berücksichtigte. In diesem Zusammenhang erwachte sein Interesse an der Verwaltungsgeschichte. Zwar hatte er in der Reihe „Studien zur Geschichte Preußens“ schon seit 1958 immer wieder Darstellungen einzelner preußischer Regierungsbezirke erscheinen lassen, dabei aber festgestellt, wie schwierig die Ermittlung der durch Kriegsfolgen verstreuten Quellen und amtlichen Druckschriften war. Im „Grundriß zur deutschen Verwaltungsgeschichte“ schuf Hubatsch ein Hilfsmittel, das in zwölf Bänden die wichtigsten Materialien in Archiven und Bibliotheken für die ehemaligen preußischen Provinzen mit ihren staatlichen Einrichtungen und Amtsinhabern für den Zeitraum 1815 bis 1945 nachweist; weitere fünf Bände behandeln nach demselben Schema die mitteldeutschen Länder, während in einem abschließenden Band die Bundes- und Reichsbehörden aufgeführt sind. Der „Grundriß“ blieb unvollendet; es fehlen die süddeutschen Länder.

Der Herausgabe der Werke des Generals von Scharnhorst wollte Walther Hubatsch die Jahre seines Ruhestandes widmen. Nach kurzer schwerer Krankheit nahm der Tod ihm die Feder aus der Hand. Hubatsch, kein Freund großer Festlichkeiten, hätte seinen 75. Geburtstag sicher in aller Stille begangen. Zu bestimmten Anlässen pflegte er in seinem Garten im Drachenfelser Ländchen nahe Bad Godesberg eine Fahne zu hissen. Es wäre gewiß auch an diesem Tage die Fahne der Stadt Königsberg gewesen.

Lit.: Verzeichnis der Veröffentlichungen von Walther Hubatsch 1941-1974, zusammengestellt von Iselin Gundermann, in: Walther Hubatsch: Stein-Studien. (= Studien zur Geschichte Preußens Bd. 25). Zum 60. Geburtstag von Walther Hubatsch am 17.5.1975 von seinen Freunden und Schülern, Köln-Berlin 1975; In Memoriam Walther Hubatsch,. Reden, gehalten am 21. November 1985 bei der Akademischen Gedenkfeier der Phil. Fak. der Rh. Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn von Konrad Repgen, Michael Salewski, Ernst Opgenrath. Bonn 1986; Iselin Gundermann: Walther Hubatsch +. In: Preußen, Europa und das Reich. (= Neue Forschungen zur Brandenburg-Preußischen Geschichte. Bd. 7), Köln-Wien 1987.

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