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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Jakobs, Karl-Heinz

Schriftsteller

* 1929, 20.04.
Kiauken


Kaum bekannt ist, dass der DDR-Schriftsteller Karl-Heinz Jakobs, der am 20. April in Velbert/ Rheinland seinen 80. Geburtstag feierte, mit Gedichten begonnen hat. Sein erster und einziger Lyrikband Guten Morgen, Vaterlandsverräter erschien 1959 im Mitteldeutschen Verlag in Halle, der die junge, aufstrebende DDR-Literatur förderte. Drei Gedichte daraus wur­den von Ad den Besten, einem niederländischen Literaturkritiker in Amsterdam, 1960 in seine damals hochgerühmte DDR-Anthologie Deutsche Lyrik auf der anderen Seite (Han­ser-Verlag/ München) übernommen.

Karl-Heinz Jakobs wurde 1929 in Kiauken/ Elchniederung im nördlichen Ostpreußen geboren und noch 1945 als Flakhelfer zur Wehrmacht eingezogen. Nach der Kriegsgefangenschaft war er Bauarbeiter, Bergmann, Hausdiener, besuchte eine Handelsschule, und begann 1948 eine Lehre als Maurer, belegte aber auch Abendkurse an einer Ingenieurschule, wurde Redaktionsassistent, Bautechniker, Journalist und Wirtschaftsfunktionär. Von der Baustelle des Kraftwerks Trattendorf wurde er 1956 zum Studium ans Leipziger Literaturinstitut delegiert und arbeitete seit 1958 als freischaffender Journalist und Schriftsteller. Nachdem er im Herbst 1976 die Petition der DDR-Autoren gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns mitunterzeichnet hatte, wurde er aus der SED ausgeschlossen und 1979, nach der Veröffentlichung des Romans Wilhelmsburg nur in Westdeutschland, auch aus dem Schriftstellerverband, weshalb er im April 1981 in die Bundesrepublik Deutschland übersiedelte.

Nach zwei Erzählungsbänden 1960/61 folgte im Frühjahr 1961 der Roman Beschreibung eines Sommers, der den Autor über Nacht berühmt machen sollte. In diesem bis zur letzten Seite spannend geschriebenen Buch, das schon von den politischen Vorgaben des „Bitterfelder Weges“ (1959) geprägt war, wird vom beschwerlichen und mühevollen Aufbau eines Chemiewerks im ungewöhnlich heißen Sommer 1959 in Schwedt an der Oder, hier „Wartha“ genannt, berichtet, das zum „Jugendobjekt“ erklärt wurde. Hunderte von begeisterungsfähigen „Jugendfreunden“ aus allen Ecken der Republik sind angereist, leisten harte Arbeit und, wenn es die Planerfüllung erfordert, auch Überstunden für den „Aufbau des Sozialismus“, werden in ihren Anstrengungen oft zurückgeworfen durch Materialmangel, Waldbrände, die zeitraubend zu löschen sind und Sabotageakte von „Klassenfeinden“, bei denen zwei Tote zu beklagen sind. Dennoch sitzen sie abends singend am Lagerfeuer und schwärmen von der kommunistischen Zukunft!

Beschränkte sich der Roman auf dieses Aufbaupathos der fünfziger Jahre, wäre er kaum so erfolgreich gewesen. Wirklichkeitsfremde Industrieromane nach dem Vorbild von Maria Lang­ners Stahl (1952), Hans Marchwitzas Roheisen (1955) und Hans-Jürgen Steinmanns Die größere Liebe (1959) gab es die Menge. Sie waren unerträglich langweilig und wurden, trotz hoher Auflagen, kaum gelesen. Es ist die Zutat einer höchst ungewöhnlichen und aufregenden Liebesgeschichte, die den Roman, trotz einiger Schwachstellen, bei DDR-Lesern so begehrt machte. Ingenieur auf der Baustelle ist nämlich der parteilose Tom Breitsprecher (30), ein Säufer und Frauenverführer, der von seinem Berliner Stammbetrieb freigestellt und von der Kaderleiterin Trude Neutz („Du bist unser bester Ingenieur. Moralisch aber bist du ein Dreck.“) nach Wartha geschickt wurde, wo er die junge und verheiratete Genossin Margit Marduk trifft, in die er sich heftig verliebt.

Der in Berlin abgeworbene Bauleiter ist in einem schlimmen Zustand. Als ausgezeichneter Fachmann ist er unentbehrlich, zugleich aber ist er misstrauisch gegen politische Verheißungen. Als ihn die Kaderleiterin im Einstellungsgespräch fragt, wofür er den eintrete, antwortet er ausweichend: „Ich bin für die Mathematik“. Und als er dann wissen möchte, was ihn beim „Bau der Jugend“ erwarte, wird ihm gesagt, er solle „aufhören mit Saufen und Huren“, weil er dort auch als Erzieher der jungen Leute eingesetzt würde. Aber am Wochenende vor dem Aufbruch ins neue Leben treibt er’s besonders wild und setzt sich am Montagmorgen, noch nicht ausgenüchtert und übermüdet, in den Dienstwagen der Kaderleiterin.

Dass Karl-Heinz Jakobs 1959 neun Monate in Schwedt an der Oder auf dem Bau gearbeitet hat, noch bevor der „Bitterfelder Weg“ das den Schriftstellern vorschrieb, und somit aus eigenen Erfahrungen schöpft, ist offensichtlich. Es mag sein, dass er zunächst einen sozialistischen Erziehungsroman nach altem Muster schreiben wollte, was aber durch die eingebaute Liebesgeschichte konterkariert wurde. Als das Liebesverhältnis zwischen Tom und Grit, deren parteitreuer Ehemann in Oelsnitz wohnt und im Bergwerk arbeitet, auf der Baustelle ruchbar wird, greift die Partei ein: Grit soll die Baustelle verlassen und zu ihrem Mann nach Oelsnitz zurückkehren, bis dahin wird ihr auferlegt, sich von Tom fernzuhalten! Der aber wird, um ihm die Trennung zu erleichtern, am 14. September auf Dienstreise nach Ungarn geschickt und verbringt vorher drei freie Tage in seiner Berliner Wohnung, wo ihn Grit besucht, die eigentlich in dieser Zeit ihrem Mann das außereheliche Liebesverhältnis beichten sollte. Sie wird denunziert, muss sich, weil sie die Partei belogen hat, vor der Betriebsparteileitung verantworten und wird für ein Jahr in den Kandidatenstand zurückversetzt. Als Tom nach Wartha zurückkehrt, findet er einen Brief der Parteileitung vor, die ihn, obwohl er kein Genosse ist, für den 1. Oktober zu einer „Aussprache“ einlädt.

Was jetzt folgt, war für die Leser dieses Romans eine Ungeheuerlichkeit: Dass ein Mann sein Liebesverhältnis zu einer Frau, mag sie auch verheiratet sein, vor einer Instanz wie einem Parteigericht rechtfertigen muss, zumal er der Partei nicht angehört! Nur einer verteidigt ihn bei dieser demütigenden Veranstaltung, und der erzählt von Tom Breitsprechersvorbildlichem Verhalten am 17. Juni 1953, vorbildlich im Sinne der SED-Geschichtsschreibung, die den Arbeiteraufstand zum „kon­ter­revolutionären Putschversuch“ erklärt hat. In dieser Passage wird der Roman, so psychologisch überzeugend auch die Liebesszenen und die Arbeitsatmosphäre gezeichnet sind, unglaubwürdig. Die Liebenden kämpfen nicht um ihr Glück, sie werden schließlich getrennt, wie es die Partei beschlossen hat. Es gibt kein den Leser versöhnendes Ende der Geschichte, sondern nur Nachdenklichkeit und Zorn.

Die breite Resonanz, die der Roman bei seinen Lesern, weniger bei der Literaturkritik, fand, schlug sich in drei Auflagen innerhalb eines Jahres nieder, bis zum Wendeherbst 1989 sollen 200.000 Exemplare gedruckt worden sein. Schon 1962 wurde der Stoff verfilmt, mit Manfred Krug und Christel Bodenstein in den Hauptrollen, allerdings wurde, unter Mitwirkung des Autors, die literarische Vorlage entschärft, so wurden alle Szenen mit der Kaderleiterin gestrichen!

Der Unterschied in der Stringenz dieses Romans zur Literaturentwicklung 1945/61 war auffallend. Die heimgekehrten Exilautoren, Arnold Zweig beispielsweise und Anna Seghers, oder die Widerstandskämpfer wie Bruno Apitz, sahen im sozialistischen Staat, für den sie unter gewaltigen Opfern gekämpft hatten, den „idealen Zielpunkt, in dem alle Konflikte zur harmonischen Ruhe kommen“ (Nachwort 1995), während er für Nachwuchsautoren wie Christa Wolf, Brigitte Reimann, Werner Bräunig der„Ursprung neuer sich entfaltender Widersprüche“ (Nachwort) war. Dieser Roman ist, nach Brigitte Reimanns Erzählung Ankunft im Alltag (1961), die der ganzen Literaturrichtung den Namen gab, das erste Buch einer eigenständigen DDR-Literatur, weil dort die neuen Verhältnisse grundsätzlich bejaht und zugleich kritisiert wurden. Noch 1995 wurde der Roman als dritter Band in die DDR-Bibliothek (25 Bände) des Leipziger Verlags Faber & Faber aufgenommen und dadurch zum klassischen Text erhoben. Die DDR-Literaturkritik aber war 1961 geteilter Meinung, in der Jungen Welt erschien ein Brief an den Autor, worin bemängelt wurde, dass „dein Held keine Distanz zu sich selbst findet“, während in der CDU-Zeitung Neue Zeit der Sympathieträger Tom Breitsprecher zum „Erbauer des Sozialismus“ erklärt wurde. Dass von der DDR-Germanistik die Sprengkraft dieses Romans nie begriffen wurde, zeigt die oberflächliche Wertung im Leipziger Schriftstellerlexikon von 1972: „…gestaltete, sachlich die Vielfalt des alltäglichen Lebens beschreibend, … moralische Konflikte und Beziehungen junger Menschen, die den Sozialismus aufbauen …“.

Als Karl-Heinz Jakobs 1981 mit einem auf drei Jahre befristeten Visum nach Velbert ausreiste, brachte er im Gepäck mehrere Tonbänder mit und das Manuskript eines Buches Das endlose Jahr (1983), das in keinem DDR-Verlag hätte erscheinen können. Es handelte sich um die Lebensgeschichte der Kommunistin Dorothea Garai (1899-1982) aus Görlitz, die, aus Deutschland geflohen, 1937 im Moskauer Exil verhaftet, zu zehn Jahren Arbeitslager in Sibirien und 1947 noch einmal zu zehn Jahren Verbannung verurteilt worden war, bis sie 1955 endlich ausreisen durfte. Niemand im SED-Staat aber wollte ihre gnadenlose Geschichte hören, bis sie Karl-Heinz Jakobs kennen lernte, dessen sibirischer Reiseroman von 1975 ihr bekannt war; ihm, der ungläubig zuhörte, erzählte sie ihre Erlebnisse und sprach sie auf Tonband. In einem zweiten Buch Leben und Sterben der Rubina (1999) hat er das Thema noch einmal aufgenommen.

Bild: Archiv der Kulturstiftung.

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