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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Jung, Franz

Prälat, Visitator der Glatzer Katholiken

* 1936, 03.12.
Neundorf, Kr. Habelschwerdt


„Jung-Deutschland hier“. Mit diesem im ersten Moment ungewöhnlichen Gruß meldet er sich meist am Telefon und in diesen Worten läßt sich eine Art von Programm erkennen, das bereits zu seinem 60. Geburtstag vor zehn Jahren mit dem Slogan „Er heißt Jung – er ist jung – er bleibt jung“ auf den Punkt gebracht wurde. Obwohl er sein siebtes Lebensjahrzehnt vollendet, ist der Visitator für die Katholiken aus der Grafschaft Glatz (Schlesien), Prälat Franz Jung, im Geiste jung geblieben, und er hat sich im kirchlichen Raum als unermüdlicher Streiter für die Anliegen der heimatvertriebenen Deutschen einen Namen gemacht. Weniger am Schreibtisch, sondern vielmehr unter den ihm anvertrauten Menschen fühlt er sich zu Hause. Ohne Scheu und fern jeglicher Eitelkeit geht er auf Heimattreffen der einzelnen Städte und Dörfer der Grafschaft Glatz und bei den Glatzer Wallfahrten in West und Ost, in Telgte und Werl und nicht zuletzt in der alten Heimat, auf die Gläubigen zu. Kein Weg scheint ihm dabei zu lang, keine Mühe zu groß, wenn es um Menschen geht, welche die Grafschafter Arbeit unterstützen. Franz Jung zeigt dabei besonders für die Sorgen und Nöte der so genannten kleinen Leute ein offenes Ohr und vermag deren Sprache ausgezeichnet zu sprechen. Jedoch gerät er niemals in Gefahr, zu einem Populisten zu werden, weil er es zugleich versteht, seinen Standpunkt stets deutlich darzulegen. Prälat Jung ist aber nicht nur durch seinen unermüdlichen Einsatz für die heimatvertriebenen Grafschaft Glatzer zu einer zentralen Gestalt in der Vertriebenenarbeit geworden, sondern auch als einziger Träger des Titels Großdechant in der katholischen Weltkirche. Um eine größere Unabhängigkeit vom Prager Erzbischof, zu dessen Sprengel die Grafschaft Glatz seit dem Mittelalter gehörte, zu erreichen, hatte die preußische Regierung 1810 diesen Titel für den Dechanten von Glatz eingeführt. Seit 1920 bekleidete er den Rang eines Generalvikars des Erzbischofs von Prag und wurde nach 1946 zu einem Kristallisationspunkt in der Vertriebenenseelsorge. Dabei verblieb auch den seit 1962 eingesetzten Kanonischen Visitatoren für die Priester und Gläubigen aus der Grafschaft Glatz die Bezeichnung Großdechant als Ehrentitel. Nicht selten erzählt Franz Jung von seiner großen Überraschung, als er im Spätsommer 1983 vom Vorsitzenden der DeutschenBischofskonferenz, Joseph Kardinal Höffner, in das Visitatorenamt berufen wurde. Damit war er zugleich der 14. Großdechant und der 50. Dechant der Grafschaft Glatz seit der ersten Erwähnung dieses Amtes in der Mitte des 13. Jahrhunderts.

Geboren wurde Großdechant Jung am 3. Dezember 1936 in Neundorf/Kreis Habelschwerdt. Als Kleinkind kam der Landwirtssohn in das nahe gelegene Gläsendorf in der Pfarrei Schönfeld am Rand des Glatzer Schneegebirges, wo der Vater einen anderen Hof übernahm. 1946 von dort vertrieben, fand die Familie zunächst Aufnahme in Liesborn/Kreis Warendorf. Später konnten die Eltern eine landwirtschaftliche Stelle in Lüdinghausen/Kreis Coesfeld übernehmen. Seine höhere Schulbildung erhielt er zunächst in Xanten, wo der Breslauer Priester Dr. Paulus Tillmann eines seiner zahlreichen Internate für heimatvertriebene Schüler ins Leben gerufen hatte. Nach dem in Lüdinghausen absolvierten Abitur erregte Jung zunächst das Mißfallen des damaligen Großdechanten Generalvikar Dr. Franz Monse, weil er sich zum Theologiestudium in Münster entschloß. Monse hingegen legte Wert darauf, daß sich alle Priesteramtskandidaten aus Grafschafter Familien für die Erzdiözese Prag aufnehmen ließen und dann in der Regel in Osnabrück die Priesterweihe erhielten. Obwohl er bald in freundschaftlichen Kontakt mit den für Osnabrück studierenden Glatzer Theologen kam, hielt Franz Jung an Münster als Heimat- und Weihediözese fest, wo er am 29. Juni 1964 durch Bischof Joseph Höffner zum Priester geweiht wurde. Es folgten drei Kaplansstellen in Wesel (St. Mariä Himmelfahrt), Moers (Hochstraß St. Marien) und in Goch (St. Maria Magdalena), bevor der inzwischen fast vierzigjährige Geistliche 1976 als Pfarrer nach St. Elisabeth in Duisburg-Walsum-Vierlinden ging. Sein Engagement in dieser Bergarbeitergemeinde empfahl ihn 1982 für die Aufgabe eines Diözesanpräses der Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung (KAB) im Bistum Münster. Nach dem Tod des Großdechanten Prälat Paul Sommer folgte schon ein Jahr später die zusätzliche Aufgabe des Glatzer Großdechanten. Da beide Ämter mit einer intensiven Reisetätigkeit verbunden waren und ihren gesundheitlichen Tribut forderten, wechselte Franz Jung im August 1989 von der KAB-Arbeit auf die Pfarrstelle der kleinen Innenstadtgemeinde St. Aegidii in Münster. Inzwischen war er 1984 zum Päpstlichen Ehrenprälaten ernannt worden und erhielt 1990 die höchste Prälatenwürde eines Apostolischen Protonotars. Nach dem Ausschluß der Visitatoren aus der Deutschen Bischofskonferenz wurde Franz Jung 1998 und 2003 auf jeweils fünf Jahre als Visitator der Glatzer Katholiken bestätigt. Gleichzeitig nimmt er auch die Aufgabe eines Sprechers der Visitatorenkonferenz wahr, der alle inzwischen zehn Visitatoren für die ehemaligen deutschen Ostgebiete bzw. deutschen Siedlungsgebiete in Ostmitteleuropa angehören. Zum Jahresende 1999 verabschiedete er sich aus der Gemeindeleitung in St. Aegidii, um sich hauptsächlich der Grafschafter Arbeit widmen zu können. In Münster-Mecklenbeck fand er nicht nur eine adäquate Wohnung als Rückzugspunkt aus der Hektik der vielen Reisen, sondern auch die Möglichkeit der seelsorglichen Mitarbeit in der dortigen Pfarrei St. Anna. Am 2. Oktober 2001 erhielt er im historischen Rathaus der Stadt Münster das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen. Damit sind nur die äußeren Stationen seines Wirkens im Dienste der katholischen Vertriebenenseelsorge aufgezeigt und die kirchlichen wie weltlichen Ehrungen benannt.

Die innere Wirkung dieses vielfältigen Engagements in allen Facetten zu ermessen, erscheint zumal aus der gegenwärtigen Perspektive kaum möglich. Dennoch seien einige Schwerpunkte in der kirchlichen Vertriebenenarbeit von Prälat Franz Jung skizziert. Da ist zunächst der Einsatz für die priesterlichen Mitbrüder, die jedes Jahr Ende August im Vorfeld der Grafschafter Wallfahrt nach Telgte zu einer Tagung zusammenkommen, sowie die Gewinnung von Theologiestudenten für die Glatzer Arbeit. Dutzende von Neupriestern aus Grafschafter Familien haben in den letzten beiden Jahrzehnten bei der Telgter Wallfahrt den Primizsegen erteilt. Des Weiteren ist insbesondere die Ausweitung des Laienengagements hervorzuheben, die sich in der 1985 erfolgten Einsetzung eines Pastoralrates ebenso zeigt wie in der Begleitung der einzelnen Gruppen. Neben den schon 1967 gegründeten „Kreis Grafschafter Familien“ trat 1985 der „Kreis Grafschafter Gemeinschaft“, der sich ebenso wie die Jugendorganisation „Junge Grafschaft“ der tatkräftigen Unterstützung durch den Großdechanten erfreut. Als Ende der 1990er Jahre der Ruf nach einem zentralen Mitteilungsorgan laut wurde, entwickelte Jung den „Rundbrief der Jungen Grafschaft“ zu einem „Rundbrief des Großdechanten“ weiter. Sein besonderes Augenmerk aber legte Prälat Jung auf den Seligsprechungsprozeß für den 1942 im KZ Dachau umgekommenen Grafschafter Jugendseelsorger Kaplan Gerhard Hirschfelder, der 1998 im Dom zu Münster eröffnet wurde und dessen Abschluß in naher Zukunft erhofft wird. Hirschfelders Grab liegt in Bad Kudowa, nahe der Grafschafter Grenze zu Tschechien. Von der Seligsprechung erhofft sich der Großdechant deshalb nicht nur einen nachhaltigen Impuls für eine dauerhafte Verankerung der Grafschafter im deutschen Katholizismus, sondern er sieht ihn zugleich als zentralen Baustein der Völkerverständigung zwischen Deutschen, Polen und Tschechen. Nur in diesem Miteinander und nicht in Verbitterung oder gar Revanchegelüsten der Vertriebenen – so sein Credo – liegt eine Chance, um die durch das Aussterben der Erlebnisgeneration bedrohte Grafschafter Kultur für kommende Generationen weiterzutragen. Programmatisch für den Visitator der Glatzer Katholiken in Deutschland ist dabei die Erfahrung, daß „gerade die … Wallfahrten das Ventil waren, wo wir Dampf ablassen konnten, aber auch auftanken durften, wenn der Aku leer war“, wie er es einmal bildlich formulierte. So zeigt sich Franz Jung auch zutiefst „davon überzeugt, daß … Wallfahrten uns davor bewahrt haben, Revoluzzer als Heimatvertriebene zu werden“.

Werke: (Hrsg.) Rundbrief des Großdechanten 1999ff. – (Hrsg.) Personalschematismus des katholischen Klerus aus der Grafschaft Glatz, Münster 1985 und 1994. – (Hrsg.) Personalschematismus der Ordensschwestern aus der Grafschaft Glatz, Münster 1991 und 1999. – (Hrsg.) Katholische Kirchenlieder aus der Grafschaft Glatz, 3. Aufl., Emsbüren 1997. – (Hrsg.) Sie gehören zu uns. Totengedenkbuch III der Grafschaft Glatz, Münster 1989. – (Hrsg.) Kaplan Gerhard Hirschfelder. Ein Märtyrer aus der Grafschaft Glatz, Münster 1989. – Art. Leo Christoph; Joseph Buchmann, Johannes Taube, Paul Sommer, in: Johannes Gröger u. a. (Hrsg.), Schlesische Kirche in Lebensbildern, Sigmaringen 1992, S. 215-219, 298-303, 338-341. – Art. Glatz: Großdechanten/Visitatoren, in: Erwin Gatz, Die Bischöfe der deutschsprachigen Länder 1945-2001. Ein biographisches Lexikon, Berlin 2002, S. 237-239. – Art. Leo Christoph, in: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon, Bd. XXII (2003), Sp. 194-201. – Die Kirchengeschichte der Grafschaft Glatz von 1840-1940, in: Arno Herzig (Hrsg.), Glaciographia Nova. Festschrift für Dieter Pohl, Hamburg 2004, S. 250-264. – (Hrsg.) Auf dem Weg durch die Jahrhunderte. Beiträge zur Kirchengeschichte der Grafschaft Glatz, Münster 2005 (2. Aufl. 2006). – Zahlreiche Beiträge, in: Grofschoaftersch Häämtebärnla. Jahrbuch der Grafschaft Glatz.

Lit.: Art. Jung, Franz, in: Aloys Bernatzky, Lexikon der Grafschaft Glatz, 2. Aufl., Leimen 1994, S. 126. – Michael Hirschfeld, Kanonische Visitatur Glatz, in: Neuanfang in Münster. Eingliederung von Flüchtlingen und Vertriebenen in Münster von 1945 bis heute, Münster 1996, S. 375-380. – Ludwig Adelt, Er heißt Jung – er ist jung – er bleibt jung – Unser Großdechant wurde 60, in: Grafschafter Bote 12/1996, S. 5. – Michael Hirschfeld/Markus Trautmann, Nach 1945 geweihte Priester ostdeutscher Herkunft, in: Dies. (Hrsg.), Gelebter Glaube – Hoffen auf Heimat. Katholische Vertriebene im Bistum Münster, Münster 1999, S. 373-389, hier S. 381. – Johannes Güttler: Unser Großdechant wird 65 Jahre, in: Grafschafter Bote 12/2001, S. 4. – Jung, Franz, in: Erwin Gatz (Hrsg.), Die Bischöfe der deutschsprachigen Länder 1945-2001, Berlin 2002, S. 239. – Michael Hirschfeld: Grafschafter Katholiken auf der Suche nach Identitätsbewahrung in der Fremde und in der alten Heimat (1946-2005), in: Franz Jung (Hrsg.): Auf dem Weg durch die Jahrhunderte. Beiträge zur Kirchengeschichte der Grafschaft Glatz, Münster 2005 (2. Aufl. 2006), S. 155-169.

Michael Hirschfeld 

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