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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Jung, Frieda

Dichterin

* 1865, 04.06.
Kiaulkehmen, Kr. Gumbinnen/Ostpr.

† 1929, 14.12.
Insterburg

Die ostpreußische Dichterin Frieda Jung war eine Heimatdichterin. Sie hat Gedichtbände (1900 und 1908), die Novellenbände Mairegen, Gottessegen (1904) und Freud und Leid (1906) und zwei Bände Kindheitserinnerungen In der Morgensonne (1910 und 1913) veröffentlicht. Ihr letztes Buch Gestern und heute (1928) enthält auch mundartliche Gedichte.

Der ostpreußische Literaturwissenschaftler Helmut Motekat (1919-1996) urteilt: „Bedeutende Dialektdichtung hat die Geschichte der ostpreußischen Literatur nicht aufzuweisen. Ein Johann Peter Hebel (1760-1826) oder ein Fritz Reuter (1810-1874) blieben ihr versagt.“ Aber im regionalen Rahmen hatten mundartliche Dichtungen wie die von Frieda Jung durchaus ihre Liebhaber.

Geboren wurde sie am 4. Juni 1865 im Dorfe Kiaulkehmen bei Nemmersdorf, Kreis Gumbinnen, als jüngste Tochter des dortigen Lehrers August Jung (1826-1882) und seiner Frau Wilhelmine (1823-1896), geb. Voullième. Eine unglückliche Ehe der gerade 19-jährigen hatte nur kurzen Bestand. Ihr Kind starb 1885 bald nach der Geburt. Bevor sie sich als Schriftstellerin selbständig machte, arbeitete sie als Kindergärtnerin und Gesellschafterin.

Eine schwere, schicksalhafte Zäsur erlebte sie als Fünfzigjährige beim Russeneinfall 1914 zu Beginn des Ersten Weltkriegs. Sie musste aus Buddern, wo sie sich ein Haus erworben hatte, vor den Russen fliehen, hielt in ganz Deutschland Vorträge zugunsten der vertriebenen Ostpreußen und publizierte die Gedichtbändchen Halt aus, mein Heimatland, Da oben in Ostpreußen und Aus Ostpreußens Leidenstagen.

Die Flucht vor den Russen hat ihr Werk beeinflusst. Mit ihren Gedichten hat sie den Heimatvertriebenen und Flüchtlingen des Zweiten Weltkriegs in den 1940er und 1950er Jahren Anschauung und Trost gegeben. So schreibt sie in dem Gedicht Auf zerwühlter Straße:

Auf zerwühlter Straße, / Geflüchtet vor Räuberhorden, / Ziehn sie dahin.
Auch die Felder rings sind zur Straße geworden!/ Greise und Frauen und Kinder!
Mütter, keimendes Leben im Schoß!
Und Herden, Herden, Herden:/ Ostpreußens Schätze sind groß! – / Beladene Wagen ächzen.

Martin A. Borrmann (1895-1974) hat einige Gedichte von Frieda Jung zusammengestellt und sie in die Kapitel Die Vertriebene, Natur, Ein Kind, Auch ich hab mit dem Schmerz zu Tisch gesessen und einen mundartlichen Abschnitt Nömm dit nich so to Herze mit dem Prosatext De Frau Lisedank ehr Jubilee unterteilt.

Die Naturgedichte vermitteln ein romantisch, zuweilen melancholisches Gefühl, wie Vollmond (Da bist du wieder mir zur sel’gen Schau), Sehnen (Ich wollt‘, ich säße am Wiesenrand), Mittagszauber (Tief-tiefste Waldeseinsamkeit! / Kein Lüftchen weht!), Am Strande (Rausche, liebe See! / Deine Stimme klingt so linde, / Wie die Mutter singt dem Kinde, / Wenn es voller Leid und Weh.) oder Herbststille (Unhörbar übers Moos. Der Wald so still, / Wie wenn er ein Geheimnis hüten will / In lindem Leid.)

Kinder waren für Frieda Jung „Höchstes Glück“, gerade weil sie ihr eigenes Kind so kurz nach der Geburt verloren hatte. In dem so betitelten Gedicht heißt es:

Gott wob ins Erdenleben / Viel tausend Freuden ein.
Ein eigen Kind zu herzen, / Mag wohl das höchste sein!
Ein eigen Kind zu herzen, / Dünkt mich hier in der Zeit
Ein jubelnder Frühlingsanfang / von Himmelsseligkeit.

Dem Gedicht An Johanna Ambrosius verdanken wir den Hinweis, dass sich auch Frieda Jung der allgemeinen Wertschätzung und Bewunderung nicht entziehen konnte, die Anfang des 20. Jahrhunderts Johanna Ambrosius (1854-1939) aus Lengwethen genoss. Ihr 1894 herausgegebenes Bändchen Gedichte erreichte bereits 1903 die 40. Auflage. Die einzige Lektüre in ihrem Leben war die Gartenlaube. Die Bewertung dieses „Naturtalentes“ und ihr Vergleich mit Homer und Goethe war eine groteske Überschätzung, die der Königsberger Literaturkritiker Ludwig Goldstein (1867-1943) humorvoll kommentiert hat.

Frieda Jung schreibt in ihrem Gedicht, das ihre tiefe Verehrung mit einer der Bewunderten gebührenden Bescheidenheit verbindet:

Ich hab verstanden Deine Melodien. / Auch ich hab mit dem Schmerz zu Tisch gesessen,
Ich mußt mein Brot in fremdem Hause essen, / Kaum eingewurzelt, weinend weiterziehen.
Auch ich hab es gelernt, mit Gott zu ringen – / Und kann ich nicht gleich Dir die Leier schlagen:
Als eine Kämpferin will ich es wagen, / Mit schwesterlichem Kuß dich zu umschlingen.

Frieda Jung brachte in ihrem Werk auch teilweise köstlichen Humor zum Ausdruck. In einem ihrer Spruchkes nimmt sie großsprecherische Provinzler aufs Korn:

Du glowst nicht, wie dat dammlich klingt, / Wenn du di so verstellst.
On, wat en Goldap di passeert, / Ons op Berlinsch vertellst.

Die kleine Erzählung De Frau Lisedank ehr Jubilee schildert humorvoll die Verabschiedung der Hebamme Lisedank nach 30-jähriger Dienstzeit in einem würdigen Rahmen mit dem Kreisrat und anderen Honoratioren. Zum Abschluss ergreift die Jubilarin selbst das Wort und gibt ihre Meinung über einige ihr gegen den Strich gehende Neuerungen kund. Dabei spricht sie vor allem die Frauen an:

„Frauens“, säd se, „wenn ich alltags oder bei’s Geschäft in Eire Stuben gehuckt hab, denn hab ich mich wohl gemein gemacht und mit Eich plattdeitsch gesprochen. Plattdeitsch is nämlich bässer zum Treesten. Heite aber muß es hochdeitsch sein, indem daß ich es kann! Und indem, daß ich Eich noch einmal mitteilen muß, was ich hier im Dorf und in der Umgägend, wo immer großer geworden ist, zu bedeiten hatte.

Frauens, ich hatte viel zu bedeiten! Jungens und Mädchens … und Jungens und Mädchens! Und das erste Vaterunser, wo sie in ihr Gebrill zu heeren krichten, das hab ich gebetet. Nich aufgesagt –: gebetet! Indem daß das zweierlei ist.

Frauens, es kommen jetzt aus die Städte falsch gelernte Leite. Die sagen: „Die ersten Nächte ruhig durchschreien lassen!“ Ich sag: nei! Ich bin für Trockenlägen und Sattmachen.

Frauens, es gibt Neimodische. Die sagen: „Nich einsingen!“ und die scheenen Wiegenlieder, wo die Englein selber sich für das kleine Kroppzeig ausgesinniert haben, singen sie auf Gesellschaft, wo gar kein Kroppzeig gegenwärtig is. Zu so was sag ich: Unsinn! Wiegenlieder an die Wieg – und Klavierlieder ans Klavier! Alles zu seiner Zeit!“

Heiter und durchaus aktuell in der Zeitkritik. Man kann sich Frieda Jung als ein sehr anregendes und unterhaltsames ostpreußisches Original vorstellen. 1925 wurde ihr anlässlich ihres 60. Geburtstages die Ehrenbürgerwürde der Stadt Insterburg verliehen. Ihr Tod am 14. Dezember 1929 wurde von ihrer treuen Anhängerschaft betrauert. Ihren nicht mehr existierenden Grabstein auf dem Neuen Friedhof an der Kamswyker Allee in Insterburg zierte ein Bronzerelief von Hermann Brachert. Zu den Kuriositäten der 1930er Jahre zählt es, dass ihr Geburtsort Kiaulkehmen 1935 in Jungort umbenannt wurde.

Werke: Auch ich hab mit dem Schmerz zu Tisch gesessen, München 1956. – In der Morgensonne. Kindheitserinnerungen. Bearbeitet von Günther Lotzkat, Husum 2011.

Lit.: Klaus Marczinowski, Frieda Jung – Leben und Werk, Husum 2008. – Helmut Motekat, Ostpreußische Literaturgeschichte mit Danzig und Westpreußen 1230-1945, München 1977.

Bild: Frieda Jung 1925, Federzeichnung von Emil Stumpp (1886-1941) aus Motekat, S. 368.

Klaus Weigelt, 2017

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