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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Karsch, Joachim

Bildhauer, Zeichner

* 1897, 20.06.
Breslau

† 1945, 11.02.
Großgandern b. Frankfurt a.O.

Joachim Karsch zeigte schon früh künstlerische Begabung und bezog, obwohl als Kind Vollwaise geworden und unter schwierigen Bedingungen aufgewachsen, mit 14 Jahren die Breslauer Kunstgewerbeschule. Als 18jähriger ging er nach Berlin und studierte zunächst auf der dortigen Kunstgewerbeschule, dann an der Kunstakademie unter Peter Breuer. Über diese Lehrjahre urteilte er später: "Als Siebzehnjähriger merkte ich, daß ich Talent habe, als Achtzehnjähriger glaubte ich und man sagte mir, ich sei eine Frühbegabung …".

Ein körperliches Handicap, sein verkürzter Arm, bewahrte Karsch während des Ersten Weltkriegs vor einem Fronteinsatz. Er leistete als Landarbeiter zwei Jahre lang Zivildienst auf einem schlesischen Gut und konnte dabei seine künstlerische Arbeit wenigstens teilweise fortführen. 1919 beteiligte er sich an der Berliner Akademieausstellung und erhielt für seine Figur Hiob den Staatspreis für Bildhauerei. Einen damit verbundenen Aufenthalt in der Villa Massimo in Rom nahm er vorerst nicht wahr, sondern beendete sein Studium. Die im März 1920 veranstaltete Ausstellung bei H. Goltz in München brachte gute Kritiken und einen Katalog, doch trotz der hohen Auszeichnung sah Karsch sich gezwungen, als Fabrikarbeiter bei Schering und AEG seinen Lebensunterhalt zu verdienen.

1924 heiratete Joachim Karsch und zog sich mit seiner Frau Meta nach Oberhannsdorf ins Glatzer Bergland zurück. In einer Krise zerstörte er den größten Teil seines Oeuvres. Er mißtraute den allzu expressiven Formen und der Zergliederung der Oberfläche in Grate und Kanten, wie sie etwa am Porträt Wikulow (1918) zu beobachten ist. Er suchte nach einer allgemeingültigen Form und nach einem beseelten Ausdruck nicht nur des Kopfes, sondern auch des Körpers. Die Einzelfiguren und Gruppen, die er nun schuf, sind nicht leicht zugänglich, nicht schön, nicht klassisch und entsprachen immer weniger dem aufkommenden Schönheitsideal des "Dritten Reiches". Sie sind ausdrucksstark in den Köpfen und Gesichtern, in den Bewegungen der schmächtigen Körper, der Glieder und der großen Hände. Karsch bevorzugte beim Akt noch nicht ganz erwachsene Mädchen und Knaben oder Gewandfiguren, die durchaus modern gekleidet sein können. Oft bildete er Gruppen, die durch die Verschränkung der Leiber beeindruckende plastische Qualität erlangen. Karschs Plastiken sind nicht Abbilder, sondern, wie er selbst schreibt: "Vision- nicht Realität, aber Vision, die aus der Natur gespeist wird." Er war "besessen, das Leben aufzustöbern in seinen verborgensten Winkeln… Das Leben dort zu packen, wo wir es allgemein nur in seiner leichtesten Äußerlichkeit kennen… gerade an dieser Stelle den Tiefbohrer anzusetzen." Joachim Karsch war ein harter Arbeiter und kritischer Künstler.

1928 ging er wieder nach Berlin. Die Galerie Neumann-Nierendorf übernahm seine Alleinvertretung. 1931 erfolgte eine erste Ausstellung seiner Arbeiten in dieser Galerie. Karsch ließ sich scheiden und begann zu reisen: nach Südfrankreich, nach Paris. 1932 nahm er sein Villa-Massimo-Stipendium in Rom wahr. 1931 kaufte das Museum in Hannover das Große stehende Mädchen und 1932 erwarb die Berliner Nationalgalerie das BildnisBep, 1934 wurde Karsch Preisträger beim "Folkwang-Wettbewerb". Seine fast meterhohe Sitzfigurengruppe aus Holz, Lesendes Paar, wurde im Folkwangmuseum Essen aufgestellt.

1935 begegnete Karsch bei einem Ostseeaufenthalt Gerhard Marcks und tauschte mit ihm Zeichnungen aus. "Barlach, Lehmbruck, Marcks, Kokoschka, Hofer – das war echte Kunst", bekannte er 1939. Dies aber waren Künstler, die mit dem Verdikt "entartet" versehen worden waren. Auch Karschs Ausstellungsmöglichkeiten wurden drastisch beschnitten. Er, der inzwischen wieder geheiratet, hatte, versuchte durch Prospektentwürfe für Verlage und durch Unterricht im Aktzeichnen an der Berliner Textil- und Modeschule das nötige Geld zu verdienen. So eindrucksvolle Köpfe wie Späte Stunde, bei denen er an seine expressiven Arbeiten anknüpfte, oder Klotho und  Matthias, mit denen er sich eher dem Klassizismus näherte und dennoch seine eigene Handschrift nicht verleugnete, entstanden. Die ausdruckstarkenJünger – Gruppen scheinen sich an den Lettner-Figuren von Bamberg zu orientieren in ihrer strengen plastischen Durcharbeitung und innigen Beseeltheit. Die Kleine Schwesterngruppemacht deutlich, daß Karsch seine Plastiken bewußt baute und bis ins letzte Detail formal gestaltete.

1938 wurde die PlastikLesendes Paar als entartet beschlagnahmt, andere Werke wurden aus den Museen entfernt. 1942 erhielt Joachim Karsch den Auftrag, für den Friedhof in Gotenhafen (Gdingen) zwei überlebensgroße Figuren zu schaffen. Er gab seine Lehrtätigkeit in Berlin auf und zog – nach Gandern bei Frankfurt a.O. 1943 wurde sein Berliner Atelier mit allen dort befindlichen Arbeiten – Plastiken, Modellen und Zeichnungen – durch Bomben zerstört. Sieben Plastiken in den Räumen des Verbandes Bildender Künstler (VBK) in Berlin fielen ebenfalls den Bomben zum Opfer. Karschs Herzleiden verschlimmerte sich zunehmend. Dennoch arbeitete er an den Plastiken für Gotenhafen weiter, schrieb und nahm noch einen Zusatzauftrag für Gotenhafen an.

Im Februar 1945 erreichte die russische Front Gandern. Joachim Karsch wollte sich nicht von seinen ihm noch verbliebenen Werken trennen und lehnte eine Flucht ab. Er mußte zusehen, wie seine Plastiken zerschlagen, seine Zeichnungen zerrissen wurden. Krank, stand er als 48jähriger vor den Trümmern seines Lebenswerkes. Er wählte gemeinsam mit seiner Frau Liesbeth den Freitod, um der drohenden Verschleppung nach Osten zu entgehen.

Die Bruchstücke des beeindruckenden Oeuvres von Joachim Karsch wurden nach dem Krieg von seinem Sohn aus erster Ehe, Florian Karsch, aufgespürt und zusammengetragen. 1948 erschienen seine Briefe aus den Jahren 1933 bis 1945, die Aufschluß geben über seine künstlerische Gesinnung. 1953 fand eine erste Wanderausstellung seiner Arbeiten statt, denen weitere folgten. Werke von Joachim Karsch befinden sich vor allem in Privatbesitz und in den Museen von Heilbronn und Regensburg.

Ausstellungen:1919: Berliner Akademie. – 1920: Galerie H. Goltz, München, mit Katalog. – Berliner Freie Sezession – 1931: Galerie Neumann-Nierendorf, Berlin. – 1951: Kestner-Gesellschaft, Hannover, mit Katalog. – 1953: Kunstverein, Köln, mit Katalog. – Kunsthalle Bremen, mit Katalog. – 1954: Märkisches Museum, Witten, mit Katalog. – 1965: Galerie Nierendorf, Berlin, mit Katalog. – 1967: Wilhelm-Lehmbruck-Museum, Düsseldorf, mit Katalog. – Museum der Stadt Regensburg, mit Katalog. – Mannheimer Kunstverein, mit Katalog. – 1974: Haus der Ostdeutschen Heimat, Berlin, mit Katalog. – 1977: Galerie Nierendorf, Berlin, mit Katalog. – 1978: Historisches Museum Heilbronn, mit Katalog. – 1988: Galerie Nierendorf, Berlin.

Lit.: Die Kataloge enthalten wichtige Stellungnahmen, Werkverzeichnisse, Literaturangaben, Ausstellungslisten und Abbildungen. Darüberhinaus ist folgende Literatur in Auswahl zu nennen: Willi Wolfradt in: Das Kunstblatt, Dez. 1918. – Willi Wolfradt in: Das Kunstblatt, Juni 1928. – Alfred Hentzen: Bildhauer der Gegenwart, 1935. – Gerhard Händler: Zeichnungen deutscher Bildhauer, 1943. – Ulrich Gertz: Plastik der Gegenwart, 1953. – Karl Ludwig Skutsch: Joachim Karsch – Zu Leben und Werk des Bildhauers, Schlesien 2, 1956. – Edouard Roditi: Joachim Karsch, 1967. – Franz Roh: Deutsche Plastik von 1900 bis heute, 1963. – Waldemar Grzimek: Deutsche Bildhauer des zwanzigsten Jahrhunderts, 1969. – Kunst in Schlesien – Künstler aus Schlesien. Malerei, Graphik und Plastik. 20. Jahrhundert, (Katalog) Würzburg 1985. – Museum Ostdeutsche Galerie: Gang durch die Sammlung 1992.

Bild: Selbstbildnis, 1929.

 

  Idis B. Hartmann

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