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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Kettler, Gotthard

Meister des Deutschen Ordens in Livland, Herzog von Kurland

* 1517/18
Burg Eggeringhausen, Mellrich/Kr. Soest

† 1587, 17.05.
Mitau/Kurland

Gotthard Kettler, der letzte Ordensmeister Livlands und Gründer des Herzogtums Kurland, entstammte einem alten westfälischen Adelsgeschlecht. Nachdem er eine Zeitlang Hofjunker des Kölner Erzbischofs gewesen war, begab er sich in den 1530er Jahren nach Livland. Diese im Hochmittelalter entstandene deutsche Kolonie, die das Gebiet des heutigen Lettland und Estland umfaßte, bestand aus dem Staat des Deutschen Ordens, dem Erzbistum Riga und drei weitern bischöflichen Herrschaftsgebieten. Indem der junge Westfale dort in den Deutschen Orden eintrat, öffnete sich ihm der Weg zu politischer Macht.

Nach der Bekleidung anderer Ordensämter wurde Gotthard 1554 Komtur von Dünaburg. Damit gehörte er zu den einflußreichen „Gebietigern“ des Ordens in Livland. Im Jahre 1558 übertrug man ihm mit Fellin die wichtigste livländische Komturei. Noch im selben Jahre wurde er Koadjutor, d.h. vorherbestimmter Nachfolger des damaligen Ordensmeisters Wilhelm von Fürstenberg, und 1559 löste er diesen in seinem Amte ab.

Schon zuvor, Anfang 1558, waren die Truppen Ivans des Schrecklichen in Livland eingefallen. Damit begann der große Livländische Krieg, der zum Zerfall des altlivländischen Staatenbundes führte. Teile des Landes gelangten an Dänemark oder unterwarfen sich Schweden, während Kettler die Anlehnung an Polen suchte.  Am 28.11.1561 kam es zum Abschluß eines Unterwerfungsvertrags mit dem polnischen König Sigismund August, und am 5.3.1562 legte der seiner Gesinnung nach längst evangelische Meister  den Ordensmantel für immer ab. Er wurde, unter polnischer Lehnshoheit stehend, Herzog „zu Churland und Semgallen“. Gleichzeitig mußte er sich damit einverstanden erklären, daß andere Gebiete des nun aufgelösten Ordens unter direkte polnische Herrschaft gelangten.

Für sein Herzogtum Kurland hat Gotthard unermüdlich gewirkt. Er schuf dort eine neue Verwaltung und ließ zahlreiche Kirchen bauen. Erwähnenswert ist, daß er den Druck eines gottesdienstlichen „Handbuchs“ in der Sprache seiner lettischen Untertanen gefördert hat. Auch dem Schulwesen und der Armenversorgung wandte er besondere Aufmerksamkeit zu. Im Jahre 1566 führte er Anna, die Tochter Herzog Albrechts VII. von Mecklenburg, heim. Ihre Nachkommen, unter denen der Manufaktur-, Flotten-  und Koloniengründer Jakob (1642-1681) hervorragte, regierten das Herzogtum bis 1737; später (1795) wurde es dem russischen Reich einverleibt.

Während Gotthards Leistungen beim Aufbau Kurlands allseits erkannt worden sind, hat man ihn im Hinblick auf seine Rolle bei der Auflösung des Ordens und bei der Unterwerfung unter Polen früher als „Abenteurer“ und sogar als „Verräter“ bezeichnet. Er war jedoch im Gegenteil ein Realist, der klarer als andere sah, dass sich die Ordensherrschaft nicht mehr aufrechterhalten ließ. Und wenn er Polen weitgehende Zugeständnisse machte, erklärt sich dies damit, daß Livland seit 1558 dringend auf polnischen Schutz gegenüber den Russen angewiesen war. Die neuere Forschung ist deshalb mit Recht von jenen negativen Urteilen über Gotthard deutlich abgerückt.

Lit.: R. Wittram, Baltische Geschichte. Die Ostseelande Livland, Estland, Kurland 1180-1918, München 1954; Fr. v. Klocke, Gotthard Kettler, in: ders., Westfalen und Nordosteuropa, Wiesbaden 1964, S. 83-100; H. Mattiesen, Gotthard Kettler und die Entstehung des Herzogtums Kurland, in: Baltic History, hg. v. A. Ziedonis Jr. u.a., Columbus, Ohio 1974, S.49-59.

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