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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Keussler, Gerhard von

Musiker, Komponist

* 1874, 23.06.
Alt-Schwanenburg/Livland

† 1949, 21.08.
Niederwartha/Dresden

Als Sohn des Pastors Gottlieb von Keußler und seiner Ehefrau Anna Luise geb. Hackel wuchs Gerhard von Keußler in einem musikliebenden Elternhaus auf, wo er auch den ersten musikalischen Unterricht erhielt, der ihn befähigte, bereits im Alter von acht Jahren Organistendienst zu übernehmen. 1885 wurde der Vater nach St. Petersburg berufen, wo Gerhard das St. Petri-Gymnasium absolvierte. Sein erstes größeres JugendwerkDer schwarze Engel legte er Anton Rubinstein vor, der ihn zu weiterem Schaffen ermunterte. Da sein Vater Gerhard für zu jung für das Studium hielt, ging er für zwei Jahre als Hauslehrer zu der Familie von Wolff nach Lettin, wo auch der spätere Komponist Kurt von Wolff (von Wolfurt) sein Schüler war. Von 1894 bis 1899 studierte er an der Universität Dorpat Botanik.

In einem Konzert mit dem Tenor Alfred von Fossard, in dem ereigene Lieder und Gesänge aufführte, verabschiedete sich Keußler im Jahre 1899 von Dorpat. Es war wohl das erste repräsentative Konzert seiner Komponistenlaufbahn. Er ging dann nach Leipzig, wo er bis 1902 am Konservatorium studierte, bei Carl Reinecke (Komposition), Julius Klengel (Violoncello) und Salomon Jadassohn (Kontrapunkt), außerdem belegte er seit 1900 an der Leipziger Universität Kunstwissenschaft. 1902 wurde er mit der Schrift Die Grenzen der Aesthetikpromoviert. 1906 bis 1918 war er Dirigent des Deutschen Singvereins in Prag, später auch des dortigen Evangelischen Gesangvereins, außerdem leitete er die Konzerte des Musikerverbandes. Großen Zuspruch fanden auch seine Vorlesungen musikgeschichtlichen und musikästhetischen Inhalts. Sein Wirken im Musikleben der Prager Deutschen war beachtlich und strahlte weit über die Stadt hinaus. Keußler wurde auch von den Tschechen sehr geschätzt, und er leitete “auch Konzerte der beiden führenden tschechischen Symphonieorchester Prags”. Die Symphonie A-Dur, das sinfonische Drama Gefängnisse, der 46. Psalm und das Oratorium Jesus aus Nazareth wurden in Prag uraufgeführt. 1908 trat er in nähere Beziehung zu Gustav Mahler, anläßlich der Aufführung von dessen7. Sinfonie in Prag. Alma Mahler-Werfel schrieb über ihn: “Er war Gustav Mahler und später mir ein höchst begabter Weggenosse gewesen”.

1913 unternahm Keußler eine Konzertreise mit dem Sänger Alfred Boruttau nach Dorpat, Riga und St. Petersburg. 1918 ging er nach Hamburg, wo er bis 1922 als Dirigent der Sing-Akademie und der Philharmonischen Konzerte tätig war. In Hamburg erlebten das MarienoratoriumDie Mutter und das symphonische Drama Die Geisselfahrt ihre Uraufführungen. Aus Anlaß seines 50. Geburtstags brachte dieMusikwelt (V. Jg. Nr. 2 1925) ein Heft heraus, das weitgehend Keußler gewidmet war. Von 1922 bis 1933 lebte er dann in Stuttgart, wo sich Carl Leonhardt (UraufführungDas große Bündnis), aber auch zeitweilig in Breslau (UraufführungSymphonie d-moll), wo sich Georg Dohrn besonders seines Schaffens annahmen. 1926 wurde in Prag und in Stuttgart die “Gerhard von Keußler– Gesellschaft” zur Förderung seines Schaffens gegründet. Die Gesellschaft wurde von Keußler selbst aufgelöst, als von ihm im Dritten Reich gefordert wurde, jüdische Mitglieder auszuschließen. Zahlreiche Gastspiele führten ihn in viele deutsche Städte, aber auch in die Tschechoslowakei, nach Lettland, Estland und Griechenland.

1933 ging von Keußler nach Australien, wo er in Melbourne als Musikdirektor der römisch-katholischen St. Patricks-Kathedrale tätig war. 1935 kam er nach Deutschland zurück und übernahm 1936 eine Meisterschule für Komposition an der Preußischen Akademie der Künste in Berlin. Zu seinen Schülern gehörten auch die deutschbaltischen Komponisten Helmuth von Ulmann und Gerhard Kroeger. 1939 wurde seine Sinfonie Australia im Berliner Funkhaus aufgeführt und über Kurzwelle nach Australien übertragen. 1941 zog er sich nach Niederwartha bei Meißen in das Haus seiner jüngsten Schwester, der Malerin Lisbeth von Keußler (1879-1972), zurück.

Keußler hat seine Werke vorwiegend selbst dirigiert, ebenso war er häufiger Begleiter seiner Lieder und Gesänge am Klavier. Beim Gastspiel in Riga 1931 führte er neben eigenen Werken auch das Requiem von Mozart auf, dieses nicht mit der Vervollständigung durch Süssmayer (Sanctus, Benedictus, Agnus), sondern in einer von ihm selbst erarbeiteten Fassung, welche mit späten Messekompositionen Mozarts das Werk ergänzte. Die Aufführung wurde von deutschen, lettischen und russischen Rigaer Chören gemeinsam gestaltet, und Keußler leitete die Proben in allen drei Sprachen mit derselben Geläufigkeit.

Bemerkenswert ist auch Keußlers umfangreiches schriftstellerisches Werk, das neben den Dichtungen zu seinen Vertonungen zahlreiche Schriften zu musikwissenschaftlichen Themen, zur Ästhetik und Soziologie umfaßt.

Keußlers Musik ist von einem tiefen Ernst erfüllt, der jenseits des Musikantischen und Effektvollen liegt. Darüber hinaus sind seine Werke oftmals auch schwer verständlich, schwierig aufzuführen und häufig hinsichtlich der Besetzung aufwendig. Seine Dichtungen, die seine Gedanken philosophisch umkleiden, sind ebenfalls oftmals gedankenschwer, doch sind Musik und Wort in seinem Schaffen zu einer überzeugenden Einheit verschmolzen. Keußler ist “als einsamer, in Tönen dichtender Höhenwanderer doch eine besondere Erscheinung innerhalb der letzten deutschen Spätromantik” (Erwin Kroll). Sein erfolgreichstes Werk war das Oratorium Jesus aus Nazareth, das zu seiner Zeit in zwölf Städten 23 Aufführungen erlebte. Kurt von Wolfurt meinte, daß von “seinen Werken seine großen geistlichen Oratorien den ersten Platz behaupten. Diese Form der musikalischen Aussage entsprach am meisten seinem auf Innerlichkeit eingestellten Wesen. Es fragt sich aber, ob unsere dem Amerikanismus und vielen Äußerlichkeiten huldigende Zeit Keußlers Werken gerecht werden kann. Wir befinden uns mitten in einer Zeitwende. Der Abstieg der Kultur des Abendlandes vollzieht sich in unheimlich schnellem Tempo” (aus Aufzeichnungen und Erinnerungen, Pretoria 1951).

Keußler war eine auffallende Erscheinung, und so sagte Busoni von ihm, welcher ihn nur vom Sehen kannte, nicht aber seine Werke: “Wenn jemand ein solches Äußeres…besitzt, der kann nur Bedeutendes geschaffen haben”. Er versuchte möglichst in Häusern mit der Nummer 8 zu wohnen, “in der Oktave”, in der perfekten Konsonanz. Besonders vehemente, auffallende Abneigungen wurden ihm nachgesagt. Ohrringe konnte er nicht ausstehen und mancher Frau hat er die Ohrringe abgenommen mit der Bemerkung: “Das haben Sie nicht nötig”; Zwiebel- und Knoblauchgeruch schlug ihn schimpfend oder gar wortlos in die Flucht, aber auch Knöpfe mochte er nicht. So wäre man geneigt zu sagen, daß über die genannten Schwierigkeiten hinaus auch solche “auratischen Eigenschaften” die Aufführung seines bedeutenden Schaffens in unserer Zeit und wohl auch zukünftig verhindern.

Werke: Bühnenwerke (Symphonische Dramen), Orchesterwerke, Oratorien, Gesänge.

Lit.: Div. Musiklexika. – Paul Nettl: Gerhard v. Keußler, in: Musikwelt V. Jg. Hmbg. 1925. – Ferdinand Pfohl: Gerhard v. Keußlers ‘Zebaoth’, ebd. – Hans F. Schaub: Gerhard v. Keußler als Liederkomponist, ebd. – P. Nettl: Zu Keußlers d-moll-Sinfonie, ebd. – H.F.Schaub: G. v. Keußler, in: Das Orchester III/8, 1926. – Zeitschrift Auftakt “Keußler-Heft” IX, 5-6 Prag 1929, Beiträge v. J. Kricka, E. Steinhard, G. v. Keußler, S. v. Hausegger, F. Stein, L. Sachs u. L. Heß. – Erwin Kroll: Ein deutscher Musiker (z. 65. Geburtstag Keußlers), in: Allgemeine Musikzeitung 30. Juni 1939. – Oscar v. Pander: Nekrolog, in:Balt. Briefe 2 (1949) Nr. 12 S. 5. – Egon Siemens: Gerhard vonKeussler. 1. Musikalische Werke und Dichtungen, 2. Bearbeitungen, 3. Erinnerungen an Gerhard v. Keussler Bd. 1-3, Typoskript, Stuttgart 1957. – Gerhart v. Westerman: Drei baltische Musiker, in: Balt. Hefte 6 1959, S. 153-55. – Erik Thomson: Gedenktage (G. v. Keußler), in: Jahrbuch des balt. Deutschtums 1974, Lüneburg 1973, S. 17 f. – Helmut Scheunchen in: Programmreihe Malinconia-Synthese der Forschung Nr. 64, Darmstadt 1996.

 

Helmut Scheunchen

 

 

 

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