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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Keyserling, Graf Eduard

Dichter

* 1855, 14.05.
Tels-Paddern/Kurland

† 1918, 28.09.
München

An charakteristischen Würdigungen der Person wie des Erzählers Keyserling hat es zu keiner Zeit gefehlt. Besonders erhellend sind die Äußerungen von Rudolf Kassner und von Thomas Mann. Letzterer hebt in seinem „Nekrolog zum Tode Eduard Keyserlings“ u. a. die Nähe zum dänischen Romancier Herman Bang hervor: „Was sie zu Brüdern macht, ist die tiefe Sympathie mit dem Leide, mit dem, was hoffnungslos vornehm, dem Glücke fremd, dem Tode verpflichtet ist. Sie haben dieser Sympathie und Verbundenheit die Treue gewahrt, niemals das Kreuz verraten, niemals die Farbe des Lebens auf ihre Wangen geschminkt. So war es anständig. Daß ihnen, obgleich sie sozusagen Gesellschaftsschilderer waren, völlig die soziale Attitüde fehlt, daß sie durchaus auf das Menschliche und Poetische gerichtet sind, ihre Kritik dem Leben, nie der Gesellschaft gilt, hängt damit zusammen.“ Das ist nicht nur eine präzise Kennzeichnung der Persönlichkeit des baltischen Grafen, sondern auch ein entscheidender Hinweis, wie seine Dichtung zu verstehen ist: nämlich als das in der deutschsprachigen Literatur um 1900 einzigartige Unternehmen, aussichtslose Lebenslagen mit Anstand in Leib und Seele, mit aristokratischer Vornehmheit eben, zu bestehen. Kein Wunder (und gerade deshalb betrüblich), daß in der Massenkultur des 20. Jahrhunderts die Leserschaft Keyserlings überschaubar geblieben ist.

Sein Profil schärft sich, wenn man seine Herkunft betrachtet. Rudolf Kassner, der sich mit Keyserling während seiner Münchener Jahre „eine Zeitlang täglich am Nachmittag im Café Stephanie, abends dann im Restaurant Hoftheater“ traf, weist in seiner „Erinnerung an Eduard von Keyserling“ (anläßlich des 100. Geburtstags 1955) auf „Vorzüge und Glücksfälle“ der Grafen Keyserling hin, von denen einer mit J. S. Bach in Verbindung kam, ein anderer „unter den Freunden Friedrichs des Großen zu nennen“ und ein dritter „Zögling und später Freund Kants“ ist. Am bekanntesten dürfte der Neffe zweiten Grades unseres Dichters sein, der 1946 in Innsbruck verstorbene Kultur- und Geschichtsphilosoph Hermann Graf von Keyserling, dessen „Reisetagebuch eines Philosophen“ (2 Bde., 1920) im vorigen Jahrhundert viel gelesen wurde. Im Blick auf solche Repräsentanten des Geschlechts gewinnt Kassners Rühmung der Grafen Keyserling, die „zumeist, seitdem die Geschichte sie nennt und von ihnen Notiz nimmt, höchst geistige Menschen gewesen sind“, konkrete Anschauung. Der Dichter-Graf bleibt diesbezüglich zurückhaltend, wohl aber hält er an Besonderheiten seiner baltischen Herkunft fest (Kurland war seit 1795 russisches Gouvernement, die deutsche Oberschicht besaß aber eine ständische Selbstverwaltung). So zahlte er noch 1908, schon längst in München wohnend, als russischer Staatsbürger regelmäßig seine Paßsteuer. Eine kleine Geste mit tieferer Bedeutung, erinnert sie doch an die vorteilhafte Lage der Deutschen in diesem weit vom Reich abgelegenen Landstrich. Diese baltischen Barone oder Kaufleute (die Städte waren über lange Zeiträume der Hanse verbunden) erfreuten sich auch als offiziell russische Untertanen weitgehender Autonomie. In Dorpat besaßen sie eine deutsche Universität und sie schauten nach Paris, London und Sankt Petersburg; weniger nach Deutschland, am wenigsten nach Preußen, dessen Junkertum Keyserling nie sonderlich imponierte. Dieses baltische Lebensgefühl ist ein wesentlicher Bestandteil, der Person und Werk Keyserlings prägt.

Die Quellenlage zur Biographie des Dichters ist mehr als dürftig. Wir sind weitgehend auf Äußerungen von Freunden und Zeitgenossen angewiesen. Selbst die Angaben des Geburtstages (manchmal auch des Todestages) differieren in der Keyserling-Literatur. Eduard Heinrich Nikolaus Graf von Keyserling wurde am 15. Mai 1855 als zehntes von zwölf Geschwistern auf dem elterlichen Gut Paddern bei Hasenpoth geboren. Weder der von der Mutter gepflegte Pietismus schwäbischer Observanz noch der auf die väterliche Seite zurückgehende Beethovenkult haben beim jungen Eduard wahrnehmbare Spuren hinterlassen. Mit einigem Befremden muß man feststellen, daß er auch später mit Musik nicht viel anfangen kann. Er ist Augenmensch. Nach der Schulzeit in Hasenpoth und den Gymnasialjahren in Goldingen schrieb sich Keyserling 1874 an der Universität Dorpat ein, um neben Kunstgeschichte und Philosophie die für seinen Stand nahezu obligaten Rechtswissenschaften zu studieren. Und hier kam es zu jener ominösen „Inkorrektheit“, wie es im Schrifttum meist heißt, die für den Verbindungsstudenten katastrophale Folgen hatte. Nach dem Bericht von Kommilitonen handelte es sich um einen „verschlafenen Ehrenauftrag“. Dieses Versäumnis führte 1877 zum schimpflichen Ausschluß aus der Studentenkorporation Coronia und zur Ächtung innerhalb seiner Standesgenossen. Während der langjährigen Isolation bewirtschaftete er die Güter seiner Mutter bis zu deren Tod (1894). Umgang hatte er in dieser Zeit des gesellschaftlichen Ausschlusses lediglich mit den Hausbewohnern, also den Familienmitgliedern und den Bediensteten auf Paddern und Telsen. Dies schärfte den Blick für die kleinen Leute, aber auch für die fallweise Gnadenlosigkeit des eigenen Standes. Letzteren bedachte er mit etlichen bissigen Sentenzen und dennoch fühlte er sich ihm weiterhin zugehörig. Eine singuläre Haltung unter den deutschsprachigen Autoren um 1900.

Unterbrochen wurde diese brandmarkende Zeit durch nur schwer zu belegende Jahre in Wien und Graz. In den Matrikeln beider Universitäten ist sein Name jedenfalls nicht zu finden. Ähnlich dürftig überliefert ist eine Reise nach Italien. Am besten unterrichtet sind wir über die letzte Lebensphase Keyserlings, in der fast alle seine Werke entstehen und deren Schauplatz München ist. 1895 trifft er in Schwabing ein, wo er bald eine unverwechselbare Rolle spielen wird. Bis auf einzelne kurze Sommerreisen hat er München allem Anschein nach nicht mehr verlassen. Umgeben von den ebenfalls unverheirateten Schwestern Henriette und Elise vollbringt Keyserling mehrere Leistungen zugleich: er ist ein Mittelpunkt der Schwabinger Bohème, schreibt den größten Teil seines dichterischen bzw. essayistischen Werkes und meistert seine immer schmerzlicher werdenden Leiden. Bereits 1897 brach als Folge einer Syphilisinfektion das Rückenmarksleiden aus, das 1908 zur Erblindung führte. Wie der schwer kranke Keyserling von seiner Münchener Umgebung wahrgenommen wurde, läßt sich einem Brief Kassners an Gerty von Hofmannsthal vom 12. April 1916 entnehmen: „In München sah ich sehr viel den alten Keyserling. Jetzt ist ihm auch seine zweite Schwester gestorben u. da man ihm auch seinen Diener eingezogen hat, lebt er allein mit seiner Köchin u. einem Mädchen in der alten Wohnung, ganz blind, immer mehr zusammenschrumpfend u. doch von einer wunderbaren, ja erhabenen Unpersönlichkeit, im Geiste frischer denn je, voll Witz, Laune, Erzählung, Gesicht. Es hatte für mich etwas ungeheuer rührendes, ja auch erhebendes ihn zu sehen.“

„Voll Witz“ und „Laune“ trifft Kassner den gelähmten und erblindeten Dichter zwei Jahre vor seinem Tod an. Dieser witzige Keyserling kommt dem Klischee vom Dichter des Verfalls ganz ungelegen. Und doch hat er in dieser Eigenschaft nicht nur im Schwabinger Künstlerleben brilliert, sondern läßt auch nicht wenige seiner Romanfiguren mit elegantem Witz glänzen. Ja, er hat sogar für die „Elf Scharfrichter“, wie der verschollene und jetzt wiederentdeckte Einakter „Die schwarze Flasche“ belegt, „echtes und bestes Kabarett“ geschrieben. Es ist an der Zeit, auch das Erzählwerk, das zweifellos den bedeutendsten Platz in Keyserlings Schaffen einnimmt, differenzierter zu betrachten.

Das trifft schon für das Frühwerk zu: die beiden Romane „Fräulein Rosa Herz. Eine Kleinstadtliebe“ (1887) und „Die dritte Stiege“ (1892). Immer noch weithin als erste Versuche nachsichtig beiseite geschoben, die zudem im Blick auf das „eigentliche“ Hauptwerk eine ganz untypische Thematik aufweisen, hat man nicht bemerkt, daß Keyserling von Anfang an sich auf seine Weise der maßgeblichen Programmatik seiner frühen Jahre, dem Naturalismus, stellte, indem er das Menschlich-Allzumenschliche als Maßstab nahm. So war er schon mit den philosophischen Größen des 19. Jahrhunderts, mit Schopenhauer und Nietzsche, verfahren. Auch der Ladenbursche Toddel in „Rosa Herz“ darf Pessimist sein. Und in Briefen an seinen Neffen, den Kulturphilosophen Hermann von Keyserling, liebt er es, Nietzsche auf menschliches Augenmaß zu bringen, indem er ihn auf ganz alltägliche Usancen bezieht. Noch aufschlußreicher ist der hauptsächlich in Wien entstandene Roman „Die dritte Stiege“, der die Geschichte des ostpreußischen Aristokraten Lothar von Brückmann erzählt, der als Sozialist nach Wien kommt, um die dortigen Genossen zu unterstützen. Auch hier müssen die politischen und weltanschaulichen Lehren auf den menschlichen Prüfstand. Brückmann wird sich im Verlauf der politischen Kämpfe und erotischen Komplikationen seiner Lebensschwäche bewußt und zieht sich in seine wohl ausgestattete Privatsphäre zurück.

Die in München entstandenen Erzählungen und Romane, die den weitaus größten Teil des Keyserling’schen Werkes ausmachen, werden nach wie vor gern generalisierend als Schloßgeschichten subsummiert. Er erzähle im Grunde immer die gleichen Geschichten, in kaum verändertem Raum und stets zur selben Zeit, im Hochsommer. Das kann nur ein oberflächlicher und für Keyserlings Leitinteresse, das Menschliche in der alltäglichen Situation, unempfindlicher Leser registrieren. Kein Prosatext ist nur eine Reprise der anderen. Gerade die Vielzahl von Nuancierungen im menschlichen Verhalten bei gleich bleibender Tenue macht den Zauber dieser epischen Welten aus; desgleichen die zahlreichen intertextuellen Anspielungen, mit denen Keyserling arbeitet. Es handelt sich also um ein voraussetzungsreiches Erzählen, das einen (literatur)kundigen Leser verlangt. Vielleicht auch ein Grund, weshalb die Reden von den immer gleichen Themen aufkommen.

Die Anspielungen auf andere Texte erfolgen überdies, wie bei Keyserling auf allen Ebenen üblich, verhalten. Rilkes „Malte“ klingt an, wenn Günther von Tarniff, der Hauptheld in „Beate und Mareile“ (1903) – der einzige Text, der mit „Eine Schloßgeschichte“untertitelt ist –, sagt: „Als Knabe habe ich mich gefürchtet, wenn die Leute von der kranken Komtesse sprachen.“ In dieser Dreiecksgeschichte findet sich auch Keyserlings Leitsymbolik weiß-rot (Unschuld-Sinnlichkeit) besonders markant ausgeprägt. Der aus der großen Welt zurückgekehrte Leutnant Günther von Tarniff sieht sich plötzlich zwischen seiner Ehefrau, der stillen Schloßherrin Beate, und der international gefeierten Sängerin Mareile, der Tochter von Inspektor Ziepe. Es kommt zum Skandal, aus dem der lebensfrohe Leutnant als erfahrener Mann hervorgeht. Erotische Konflikte, die nicht selten tödlich enden, wie in der bedeutenden Erzählung „Am Südhang“ (1916) stehen im Zentrum der meisten Werke. Die Nähe und Verbundenheit Keyserlings mit seinen Figuren und ihrer Welt zeigt sich auch in der durchgehend personalen Erzählhaltung. Nur eine bekannte Ich-Erzählung findet sich: „Schwüle Tage“ (1904), worin sich Keyserlings Liebeserfahrung spiegelt. Tenue, vor allem von der Aristokratie als Affektkontrolle eingefordert, erhält in diesem Zusammenhang eine brisante Bedeutung.

Der oftmals als der bedeutendste Text Keyserlings apostrophierte Roman „Wellen“ (1911) signalisiert zumindest unmißverständlich die „Lebenslage“(ein Lieblingsausdruck des Dichters für die Situation des Menschen in dieser Welt) des Einzelnen. Wie der Titel sagt, ist das Leben ein Auf und Ab unzähliger kurzlebiger Wellen und beileibe kein Ozean unbegrenzter Möglichkeiten. Das Meer steht auch für das erotische Begehren und ist andererseits Sinnbild der Aufhebung der Individualität im Sinne Schopenhauers; beides der Jahrhundertwende und auch Keyserling bestens vertraut von Wagners „Tristan und Isolde“her. In „Beate und Mareile“ wird die Opernsängerin Mareile mit Isoldes „Wie sie schwellen, Mich umrauschen …“ ihrem Liebhaber Günther „mit visionärer Farbigkeit ferne, südliche Erinnerungen“ vergegenwärtigen. Im Spätwerk aber hat Keyserling die Vorzüge seines Erzählens bis zur Genialität verfeinert. Die konkurrenzlose Beiläufigkeit, mit der in „Wellen“ das Skandalpaar, die Gräfin Doralice und der Maler Hans Grill, eingeführt werden, sucht ihresgleichen. Nach dem Abendessen steht man noch etwas herum, fragt wer da und dort wohnt und schon sind die wesentlichen Gestalten im Spiel. Die Hauptheldin Doralice ist natürlich schön und Bella von der korrekten Seite denkt an ihren Mann. Die Lösung für diese konfliktträchtige Lebenslage offeriert die Spitze der Aristokratie ebenso prompt. Die Generalin von Palikow verweist auf den Adel, der auch für diesen Fall die Festung ist, zu der „Leute, die nicht zu uns gehören, keinen Zutritt haben.“ Die Jungen aber sind ganz erregt von dem geheimnisvollen Paar, und die „Wellen“ sind der Schauplatz der verbotenen Liebe: der Maler trägt die Gräfin Doralice ins abendliche Meer. Einen zukunftsfähigen Morgen wird es für diese Liebe nicht geben. Als Keyserling diesen wunderbaren Roman schrieb, war er bereits ein todkranker Mann. Am 28. September 1918 starb er, auch noch seines Dieners beraubt, den man zum Sanitätsdienst in den zu Ende gehenden Krieg eingezogen hatte. Sein Grab auf dem Münchener Nordfriedhof, in dem er mit seinen Schwestern ruht, wird von der Stadt als „Berühmtheitengrab“ unterhalten.

Werke: Eduard von Keyserling, Werke, hrsg. von R. Gruenter, Frankfurt/M. 1973. – Eduard von Keyserling, Abendliche Häuser. Ausgewählte Erzählungen, hrsg. von W. Kirsten, Berlin 1970. – Eduard von Keyserling, Schwüle Tage. Erzählungen, Zürich 2005. – Eduard von Keyserling, Wellen, München 1998 (= dtv 1290).

Zeitzeugen: Thomas Mann, Zum Tode Eduard Keyserlings, in: Schriften und Reden zur Literatur, Kunst und Philosophie 1, Frankfurt/M. 1968 (= MK 113), S. 95-98. – Max Halbe, Jahrhundertwende, in: Ders., Sämtliche Werke, Bd. 2, Salzburg 1945. – Rudolf Kassner, Sämtliche Werke, Bd. X., Pfullingen 1991 (hier S. 405-414: Erinnerung an Eduard von Keyserling. Zum 100. Geburtstag am 14. Mai 1995).

Lit.: Otto Frhr. von Taube, Das Buch der Keyserlinge. An der Grenze zweier Welten. Lebenserinnerungen aus einem Geschlecht, Berlin 1937. – Richard Brinkmann: Wirklichkeit und Illusion, Tübingen 31977. – A. Wayne Wonderley (Hrsg.): Eduard von Keyserling. A Symposium. Lexington 1974 (Germanistische Forschungsketten Nr. 1). – Antonie Alm-Lequeux, Eduard von Keyserling. Sein Werk und der Krieg. Mit unveröffentlichten Texten von E. von Keyserling, Paderborn 1996. – Wolfdietrich Rasch: Die literarische Décadence um 1900, München 1986.

Walter Dimter 

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