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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Keyserling(k), Charlotte Caroline Amalie Gräfin von

Ehrenmitglied der Königlichen Preußischen Akademie der Künste zu Berlin

* 1727, 02.12.
Königsberg i.Pr. (Tag der Taufe)

† 1791, 24.08.
Königsberg i.Pr.

Caroline wurde 1727 geboren als Tochter des Carl Ludwig Reichs-Erb-Truchseß zu Waldburg und dessen Ehefrau, der Sophie Charlotte Gräfin von Wylich und Lottum. Der Vater war als Generalmajor in den diplomatischen Dienst übernommen worden und gehörte „zum engsten Freundes- und Beraterkreise“ König Friedrich Wilhelms I. Seine Mutter, die Großmutter der Caroline, war die bemerkenswerte Luise Katharina von Rautter, die sich mit dem Bau des Großen-und Kleinen-Friedrichs-Graben (der über Deime und Gilge Pregel und Memel verbindet) ein unvergängliches Denkmal setzte. Caroline heiratete am 29. April 1744 in Königsberg/Pr. den Grafen Gebhardt Johann von Keyserlingk (* 1699); es war die dritte Ehe des Grafen, der Güter in Kurland besaß, in Braunschweigischen Diensten gestanden, seine Ämter jedoch niedergelegt und sich auf sein Gut Pußkeiten (b. Königsberg) zurückgezogen hatte. Graf Gebhardt kaufte 1743 von seinen späteren Schwägern die Rautenburgischen Güter in der Niederung und erhielt 1744 von König Friedrich II. den Grafentitel. Aus der Ehe mit Caroline gingen zwei Söhne hervor, die Grafen Carl Philipp Anton (* 1745) und Albrecht Johann Otto (*1747); zur Erziehung und Unterrichtung der beiden Söhne wurde Immanuel Kant (1753/54) wöchentlich einmal zu dem nahe Königsberg gelegenen Truchsessischen Gute Capustigall abgeholt. Graf Gebhardt kaufte 1755 das Schliebensche Palais auf dem Vorderroßgarten in Königsberg. Aus dieser Zeit stammt das Bild, das die Gräfin von dem jungen Kant fertigte. Das Palais bildete während des Siebenjährigen Krieges (die Russen hatten Königsberg am 22.1. 1758 besetzt) einen Mittelpunkt der Gesellschaft. Zu den Gästen gehörten auch russische Offiziere; dem Zauber der schönen Gräfin verfielen General Fermor und der Gouverneur, General Korff, der seine Verehrung in Versen öffentlich zum Ausdruck brachte. Noch während des Krieges starb Graf Gebhard (14. 9.1761); er wurde in der Kirche zu Lappienen beigesetzt.

Zwei Jahre später, im Februar 1763, als der Friede zu Hubertusburg verhandelt wurde, heiratete Caroline einen Neffen ihres verstorbenen Mannes, den Reichsgrafen Heinrich Christian von Keyserling (so schrieb er den Namen) aus dem Hause Blieden in Kurland; die Ehe blieb kinderlos. Der durch Universitätsstudien und Reisen hoch gebildete Graf stand, zusammen mit seinem Vater, dem (als Auftraggeber der Goldberg-Variationen Johann Sebastian Bachs bekannten) Reichs-grafen Hermann Karl von Keyserling, in russischen Diensten. Die Gräfin begleitete ihren Mann auf Reisen nach Kurland und Warschau; dort starb 1764 der Schwiegervater, was ihren Mann veranlaßte, seinen Dienst zu quittieren. Das Ehepaar lebte nun teils auf Gütern in Ostpreußen, teils in Königsberg, wo der Graf die beiden dem Palais benachbarten Grundstücke kaufte. Er begann mit dem Ausbau des gesamten Komplexes und ließ im Park am Schloßteich ein „Comoedien-haus“errichten. Das Palais füllte er „mit kostbaren Möbeln, Bildern, Büchern und Chinoiserien im französischen Geschmack“. Das Appartement der Gräfin war „zugleich ein prächtiges Künstler-Attelier“. Kostbare Equipagen, Lakaien in prachtvollen Livreen, Mohren und Heiducken boten das Bild einer fürstlichen Hofhaltung. Seit 1769 wohnte das Ehepaar, mit Ausnahme der Jahre 1774/75, ständig in Königsberg.

Der Graf und die Gräfin führten ein gastfreies Haus, das zum Mittelpunkt der Gesellschaft wurde; hier trafen sich hervorragende Vertreter „der Geburts- und Geistesaristokratie“ aus der Stadt und Umgebung. Fürstliche Besucher stiegen hier ab, so der Erbprinz von Hessen-Kassel, die Landgräfin von Hessen-Darmstadt, der russische Großfürst Paul Petrowitsch oder 1780 der Prinz von Preußen, der spätere König Friedrich Wilhelm II., der bei den Keyserlings die Aufführung des Schauspiels „Le chiffre en fleurs“ erlebte, zu dem die Gräfin einen Prolog geschrieben hatte. Fanden einmal kein besonderer Besuch, Festlichkeit, Hauskonzert oder Theateraufführung statt, so waren in den 70er Jahren doch täglich etwa 20 Personen bei Tisch anwesend. Zu den Gästen gehörten nicht nur Angehörige des Adels, sondern auch des Bürgertums: An erster Stelle ist hier Immanuel Kant zu nennen. Er hatte stets an der Seite der Gräfin den Ehrenplatz, den er nur hochgestellten Besuchern überlassen mußte. Zu den bürgerlichen Gästen gehörten Johann Georg Hamann, „der Magus im Norden“ (den der Graf und die Gräfin höchst persönlich aufsuchten und zu Tische luden), der Jurist, Stadtpräsident und Schriftsteller Theodor Gottlieb von Hippel, der Philosoph und Staatswissenschaftler Kraus, der Professor der Geschichte und Poesie Mangelsdorf sowie der Kriegs- und Domänenrat Scheffner, um nur einige zu nennen. Hamann, der damals Packhofverwalter war und in freier Ehe lebte, schreibt: „Dieses Haus ist die Krone des ganzen Adels, unterscheidet sich von allen übrigen durch Gastfreiheit, Wohltätigkeit, Geschmack.“ Im Jahre 1787 erkrankte Graf Heinrich; zwölf Stunden vor seinem Tode (21.11.1787) diktierte er einen Abschiedsbrief an Freunde und Verwandte; er wurde in der Lappiener Kirche beigesetzt. Die Gräfin starb vier Jahre später, „von hoch und niedrig sehr betrauert“; auch sie fand in Lappienen ihre letzte Ruhestätte. Pfarrer Georg Heinrich Leo zitierte in seiner Gedächtnisrede die Inschrift auf dem Sargdeckel: „Sie war die Freude derer, die Sie kannten und genießet die Belohnung guter Thaten, mit welchen Ihr ganzes Leben geschmücket war.“

Die Gräfin Caroline von Keyserling (so schrieb sie den Namen) war eine geistreiche Frau, die sich durch eigenes Bemühen ein hohes Maß an Bildung aneignete, das sie durch den Umgang mit gelehrten Persönlichkeiten ständig zu erweitern wußte. Als junge Frau übersetzte sie ins Französische Johann Christoph Gottscheds Erste Gründe der gesamten Weltweisheit …, der ihr zum Dank die 6. Auflage des Werks (1756) widmete. Die Gräfin lieferte auch an Zeitschriften Aufsätze, die anonym erschienen. Sie interessierte sich aber nicht nur für Literatur sondern auch für die Naturwissenschaften. Christian Kraus, dem Kant als Studenten 1777 eine Hofmeisterstelle im Keyserlingschen Hause verschafft hatte, lernte die „gütige Mütterlichkeit“ der Gräfin kennen und schrieb von ihr: „Über dem Essen schweigt die ganze Gesellschaft, und sie spricht mit mir allein unaufhörlich und raten Sie wovon? Vom Euler- und Newtonschen Lichtsystem, von der Erde, vom Aberglauben und Unglauben, was von beiden schädlicher sei, und von neuen Entdeckungen und herausgekommenen Büchern (…) Sie hält sich alle französischen Journale und tut nichts als lesen. Vorige Tage gab sie mir die vier letzten Bände vom Journal encyclopédique, einige Mercures de France und die Gazette litteraire de Deuxponts und die soll ich immer, so wie sie herauskommen, mitlesen, damit sie darüber mit mir plaudern könne.“ Die Leidenschaft des Lesens hätte die Gräfin fast das Leben gekostet: Sie schlief bei brennender Kerze ein, der Vorhang ihres Bettes hatte bereits Feuer gefangen, als sie von ihrer Cousine geweckt wurde und der Brand gelöscht werden konnte. – Die Gräfin liebte auch die Musik: Sie hatte Unterricht im Lautenspiel bei Johann Reichardt, der mit seiner Familie auf dem Grundstück der Keyserlings seine Wohnung hatte. Zur Abendmusik wurden Privatmusiker, Stadtmusikanten und selbst Kriegsgefangene versammelt, eben alles, was nur an guten Kräften in Königsberg aufzutreiben war. Die Gräfin spielte und sang zur Laute; Reichardts Sohn Johann Friedrich begleitete das Lautenspiel auf der Geige. In seiner Autobiographie bestätigt er die Aussagen von Kraus, die Gräfin habe „ganz den Wissenschaften und Künsten“ gelebt; sie „zeichnete und mahlte und spielte die Laute mit vielem Sinn und Geschmack“; er nennt sie die „wunderschöne Gräfin“, „die prächtige königliche Frau“. Bei der Erziehung ihrer Söhne habe sie „die Systeme strenger Pädagogen und französischer Schullehrer“ befolgt. – Die Gräfin war auch als Malerin und Zeichnerin hoch talentiert: Johann Bernoulli, Astronom und Direktor der Mathematischen Klasse der Berliner Akademie der Wissenschaften, der 1777 zusammen mit Kant an der Mittagstafel saß und die große Sammlung von Bildnissen, welche die Gräfin gefertigt hatte, kannte, bewunderte ihre Geschicklichkeit in der Anwendung von Pastellfarben und die gelungenen Porträts bekannter Persönlichkeiten nach dem Leben, auch sein eigenes, denn die Gräfin porträtierte auch ihn. In Bernoullis Kurzen Reisebeschreibungen heißt es von ihr: „Es ist von dieser Dame bekannt, daß Sie eine vertraute Freundin der Musen und eine einsichtsvolle Liebhaberin der Wissenschaften ist. Sie ist Verfasserin verschiedener Schriften und Aufsätze, die aber ohne Ihren Namen herausgekommen sind. Sie zeichnet und malt nach dem Urtheil der Kenner vortrefflich sowohl in Pastel als mit Oel- und Wasserfarben; sticht auch in Kupfer“ Im Rautenburger Archiv befanden sich zwei Mappen mit Bleistiftzeichnungen, Brustbildern von insgesamt 183 Persönlichkeiten („eine Gallerie unserer Freunde“), von denen 83 namentlich bekannt waren, darunter Frederic Guillaume Prince de Prusse, Guillaume Prince de Bronswic, Professeur Kant, Stanislas l Auguste, Roi de Pologne, um nur einige zu nennen. Von diesen Porträts ist soweit bekannt, bisher nur das Immanuel Kants veröffentlicht worden (35×25 cm). Die Gräfin malte auch historische Szenen sowie sakrale Gegenstände in Miniatur und kopierte geschickt Bilder von Berghem, van der Werf und anderen in Pastell. Ihre Kunstfertigkeiten wurden über die Grenzen Ostpreußens hinaus bekannt: Auf Vorschlag von Daniel Chodowiecki, des berühmten Miniaturmalers und Kupferstechers, wurde sie 1786 als Ehrenmitglied in die „Königliche Preußische Academie der Künste und Mechanischen Wissenschaften“ zu Berlin aufgenommen. – Immanuel Kant nannte sie in der Anthropologieeine Dame, „die die Zierde ihres Geschlechts war“. Das Bild des jungen Kant, ihr kostbares Vermächtnis, hat sie gleichsam unsterblich gemacht. Die Gräfin Caroline von Keyserling ist – wie ihre Großmutter– eine der hervorragenden Frauen Ostpreußens.

Lit.: Johann Bernoulli’s Sammlung kurzer Reisebeschreibungen. Jg. 1783, Bd. 9, S. 73f.– G.S. Rötger (Hg.): Nekrolog f. Freunde deutscher Literatur. Bd. l. 1791. – Hamberger/Meusel: Das gelehrte Deutschland. 5. Aufl. Bd. 4. 1797. – Christian Gottlieb Jochen Allgemeines Gelehrten-Lexikon. Fortsetzungen und Ergänzungen v. J.C. Adelung. Bd. 3. 1810; Bd. 7. 1897. – Benno Bobrik: Immanuel Kant’s Ansichten über das weibl. Geschlecht. In: Altpr. Mtsschr. Bd. 14. 1877, S. 592-612. – Gottlieb Krause: Beiträge zum Leben von Christian Jakob Kraus. In: Altpr. Mtsschr. Bd. 18. 1881. S. 53-96; 193-224. – Emil Fromm: Das Kantbildnis der Gräfin Caroline Charlotte Amalia von Keyserling. In: Kantstudien. Bd. 2. Hg. v. Hans Vaihinger. Hamburg u. Leipzig: Voss 1898, S. 144-160. – Johann Georg Meusel: Lexikon der […] verstorbenen deutschen Schriftsteller. Bd. 6. 1906. – Georg Conrad: Beiträge zur Biographie des … Heinrich Christian Reichsgrafen von Keyserling u. seiner zweiten Gemahlin Charlotte Caroline Amelie … Gräfin von Keyserling. In: Altpr. Mtsschr. Bd. 48.1991. S. 77-114; 185-220( Lit.-Hinw.). – Christian Krollmann: von Keyserling, Charlotte Caroline Amelie, Gräfin. In: Altpr. Biographie. 11. Lfg. Bd. I. Königsberg Pr.: 1941. Gräfe u. Unzer 1941, S. 333 (Lit.-Hinw.). – u. Kurt Starenhagen: Kant v. Königsberg. Göttingen: Deuerlich (1949) Reg. – Gerd Brausch: von Rautter, Luise Katharina. In: Altpr. Biographie. 4. Lfg. Bd. II. Marburg/L.: Elwert 1961, S. 539. – Walter Salinen: Johann Friedrich Reichardt. Freiburg i. Br., Zürich: Atlantis 1963, 5. 13ff. – Walter Grosse:Truchseß zu Waldburg, Graf Karl Ludwig. In: Altpr. Biographie. 6. Lfg. Bd. II. Marburg/L.: Elwert 1965, S. 747. – Erwin Kroll: Musikstadt Königsberg. Freiburg i.Br., Zürich: Atlantis 1966, Reg. – Ludwig Ernst Borowski: Darstellung d. Lebens u. Charakters Immanuel Kants. In: Immanuel Kant, sein Leben in Darstellungen von Zeitgenossen. Darmstadt: Wissenschaftl. Buchgesellschaft 1968, S. 16, 69, 181. – Kants Werke. Akademie Textausgabe. Unveränderter photomech. Abdruck … Bd. VII. Anthropologie in pragmatischer Hinsicht. Berlin: de Gruyter 1968. S. 262., Anm. – Autobiographie von Johann Friedrich Reichardt. In: Berlinische Musikalische Zeitung, l. Jg. 1805, Nr. 55, 56, 82. Nachdruck Hildesheim: Olms 1969. – Fritz Gause: Kant und Königsberg. Leer: Rautenberg 1974, S. 66f. – Karl Vorländer: Immanuel Kants Leben. Neu hrsg. v. Rudolf Malter. Hamburg: Meiner 1974, Reg. – Helmut Motekat: Altpr. Literaturgeschichte mit Danzig u. Westpreußen. München: Schild 1977, Reg. (Bild). – Dt. Biogr. Index. Bd. 2. München: Saur 1986.

Bild: Selbstporträt.

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