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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Kipphardt, Heinar

Schriftsteller, Dramatiker

* 1922, 08.03.
Heidersdorf/Niederschlesien

† 1982, 18.11.
München

Im Jahre 1967 notierte Heinar Kipphardt einen Satz, der als seine schriftstellerische Lebensmaxime gelten kann:„Ich störe, also bin ich./ Ich höre auf zu stören, also war ich.“ Kipphardt ist zeitlebens ein Unbequemer gewesen, der den Konflikt mit den politisch Mächtigen nicht scheute und der auch nicht bereit war, seinem Publikum „leichte“ Unterhaltung zu bieten – nicht einmal in denjenigen seiner Theaterstücke, die als „Komödien“ firmierten.

Heinar Kipphardt wurde im niederschlesischen Heidersdorf (heute Lagiewniki) geboren. Sein aus dem Sauerland stammender Vater Heinrich Kipphardt, der als Zahnarzt tätig war, hatte sich dort nach dem Ersten Weltkrieg niedergelassen und seine spätere Ehefrau Elfriede kennengelernt. Kurz nach der Geburt des einzigen Kindes zog die Familie nach Gnadenfrei (heute Piława Górna), unweit der Kreisstadt Reichenbach (heute Dzierżoniów). In Gnadenfrei besuchte Heinar Kipphardt die Grundschule und später verschiedene Gymnasien in der Umgebung.

Kipphardts Vater, der engagierter Sozialdemokrat war, wurde bald nach der Installierung der Regierung Hitler 1933 verhaftet und zunächst im Konzentrationslager Dürrgoy bei Breslau, danach bis 1937 in Buchenwald gefangen gehalten. Heinar Kipphardt, zum Zeitpunkt der Verhaftung seines Vaters elf Jahre alt, hat später dazu bemerkt, damit sei seine Kindheit „im wesentlichen beendet“ gewesen. Kipphardts Mutter, die nun materiell völlig ungesichert war, kehrte vorübergehend mit dem Sohn in ihr Elternhaus zurück. Die Erfahrungen des Heranwachsenden bildeten wohl schon die Grundlage zum wichtigsten Thema seines späteren literarischen Schaffens: Nämlich zu der Überzeugung, dass auch äußerer Zwang nicht von persönlicher Verantwortung entbinde, ja dass vielmehr der Einzelne stets gefordert sei, Position zu beziehen.

Nicht zuletzt die frühzeitig ausgeprägte Neigung Kipphardts, sich Autoritäten zu verweigern, hat dazu beigetragen, dass er immer wieder die Schule wechseln musste. Noch vor der Haftentlassung seines Vaters wechselte er an ein Gymnasium in Duisburg, wo er bei einem Onkel wohnen konnte. Als sein Vater 1937 freikam, aber auf Anordnung der NS-Behörden nicht nach Schlesien zurückkehren durfte, verlegte die Familie ihren Wohnsitz nach Krefeld. Heinrich Kipphardt wurde weiterhin von der Gestapo überwacht und beruflich benachteiligt. Sein Sohn konnte jedoch 1940 das Abitur ablegen.

Wenngleich er bereits erste Schreibversuche unternahm, entschloss sich Kipphardt zum Medizinstudium – auch weil er es für sinnlos hielt, in der NS-Diktatur ein geisteswissenschaftliches Studienfach zu wählen. Der Medizinstudent wurde 1942 einberufen und an der Ostfront eingesetzt. An Renitenz hat es Kipphardt auch als Soldat nichtfehlen lassen, wie Kameraden berichtet haben. Anfang 1943 hat er zum ersten Mal geheiratet und wurde bald darauf Vater. Seine Kriegserlebnisse haben später mehrfach literarischen Niederschlag gefunden. Im Januar 1945 desertierte Kipphardt und fand in der Nähe von Siegen Unterschlupf bis zur Ankunft der amerikanischen Truppen.

Kipphardt schloss Anfang 1946 in Düsseldorf sein Studium ab und übernahm seine erste Assistenzarztstelle in Krefeld, wohin er bei Kriegsende zurückgekehrt war. Zugleich begann er, sein literarisches Programm zu entwickeln: Literatur hatte für ihn stets einen politischen Auftrag, der auf gesellschaftliche Veränderung abzielte. Zwischenzeitlich hatte er nicht zuletzt Marx gelesen, dem er fortan weltanschaulich verpflichtet blieb.

Im Sommer 1949 ging Kipphardt mit seiner Familie nach Ost-Berlin – nicht ohne Skepsis, doch letztlich in der Überzeugung, dass in dem in Entstehung befindlichen ostdeutschen Teilstaat die von ihm befürworteten, durchgreifenden gesellschaftlichen Veränderungen und damit die endgültige Abkehr von den Wurzeln des Nationalsozialismus eher zu verwirklichen wären als in der gerade gegründeten Bundesrepublik. An der Charité erhielt er in der Psychiatrischen Klinik eine Assistenzarztstelle. Die Erfahrungen dort sollten ihrerseits nicht ohne Wirkung auf sein schriftstellerisches Schaffen bleiben.

In Ost-Berlin konnte Kipphardt schon bald beruflich die Richtung einschlagen, die er sich eigentlich wünschte. Das Deutsche Theater – nunmehr Staatstheater der DDR – stellte ihn im Herbst 1950 zunächst als redaktionellen und dramaturgischen Mitarbeiter ein. Dies hatte er auch dem Intendanten Wolfgang Langhoff zu verdanken, der das renommierte Haus seit 1946 leitete und mit dem Kipphardt in der Folgezeit eine freundschaftliche Beziehung verband. Inzwischen zum Chefdramaturgen avanciert, konnte Kipphardt im März 1952 sein erstes eigenes Stück inszenieren und aufführen (Entscheidungen). Schon das folgende Stück (Shakespeare dringend gesucht) zog sich in Anbetracht der darin satirisch vorgetragenen Kritik an der künstlerischen Doktrin des „sozialistischen Realismus“ den Argwohn der Parteistellen zu. Ohne die vorübergehende Lockerung des kulturpolitischen Kurses der SED infolge der Verunsicherung der „Genossen“ durch die Ereignisse des 17. Juni 1953 wäre es wohl kaum zur Aufführung gelangt. So jedoch wurde es nach der Premiere am 28. Juni 1953 das erfolgreichste Gegenwartsstück des Deutschen Theaters.

Bedeutsam für Kipphardts weitere künstlerische Entwicklung war die Begegnung mit Erwin Piscator (1955). Der um fast 30 Jahre ältere Piscator, der mit seinen Inszenierungen bereits in der Weimarer Republik Theatergeschichte geschrieben hatte, und Kipphardt trafen sich in ihrer Überzeugung von der politischen Funktion der Bühne.

Angesichts der sich neuerlich verschärfenden SED-Kulturpolitik geriet Kipphardt Ende der 1950er Jahre wegen angeblicher ideologischer „Versäumnisse“ zunehmend unter Druck. Gleichwohl weigerte er sich, den verlangten Unterwerfungsakt der „Selbstkritik“ zu vollziehen. Seine Stellung amDeutschen Theater kündigte er von sich aus und nahm im Herbst 1959 ein Angebot des Düsseldorfer Schauspielhauses für einen befristeten Arbeitsaufenthalt an. Kipphardt hatte zunächst nicht vor, dauerhaft nach West-Deutschland zurückzukehren. Als jedoch klar wurde, dass er in der DDR – die er seinerseits öffentlich nicht angegriffen hatte – nicht mehr würde künstlerisch tätig sein können, holte er seine Familie nach. Anfang 1961 zog Kipphardt nach München um. Er begann für das Fernsehen eigene und Stücke von anderen Autoren zu bearbeiten, während sich zugleich westdeutsche Bühnen verstärkt für seine Stücke interessierten.

In dieser Zeit entstand das Stück, mit dem Kipphardt zu einem weltbekannten Autor wurde:In der Sache J. Robert Oppenheimer. Es wurde im Oktober 1964 zugleich in München und Berlin uraufgeführt. Die Figur im Mittelpunkt ist der Atomphysiker Oppenheimer (1904-1967), der seit 1942 das streng geheime amerikanische Programm zur Entwicklung der ersten Atombombe geleitet hatte. Im Jahre 1954 hatte Oppenheimer vor einem Untersuchungsausschuss erscheinen müssen, da er in der Atmosphäre des Kalten Krieges verdächtigt wurde, Sympathien für den Kommunismus zu hegen und ein „Sicherheitsrisiko“ darzustellen. Das rund 3.000 Manuskriptseiten umfassende, in den USA veröffentlichte Protokoll der Untersuchung diente Kipphardt als Grundlage für sein Stück. Das Ergebnis wurde als Prototyp desDokumentartheaters angesehen, wenngleich Kipphardt selbst diesen Begriff stets zurückgewiesen hat. Gegenüber Oppenheimer, der zunächst sehr unwirsch auf die Lektüre des Stückes reagiert und manche Einzelheiten kritisiert hatte, betonte Kipphardt, es sei ihm künstlerisch darum gegangen, ein „Konzentrat der Wirklichkeit“ herzustellen und „die Substanz der Wahrheit exemplarisch darzustellen“. Das grundlegende Thema ist wiederum die moralische Verantwortlichkeit des Einzelnen – auch des Wissenschaftlers.

In der Folgezeit konnte Kipphardt als freier Autor in der Nähe von München leben. Diese Unabhängigkeit gab er nur vorübergehend auf, als er 1970 Chefdramaturg der Münchner Kammerspiele wurde. Bereits im folgenden Jahr schied Kipphardt dort allerdings schon wieder im Zusammenhang mit einem Aufsehen erregenden Theaterskandal aus: Der Streit um ein – gar nicht direkt von Kipphardt zu verantwortendes – Programmheft löste eine Kampagne aus, in der er in absurder Weise beschuldigt wurde, terroristische Gewalt zu befürworten.Kipphardt nahm sein Leben als freier Autor wieder auf und veröffentlichte unter anderem seinen einzigen Roman (März, 1976). Parallel dazu verarbeitete er einen Stoff, der ihn seit Anfang der 1960er Jahre beschäftigte und aus dem sein letztes und nach In der Sache J. Robert Oppenheimer erfolgreichstes Stück werden sollte. Hauptsächlich auf der Grundlage der Vernehmungsprotokolle, die nach der Inhaftierung Adolf Eichmanns (1906-1962) in Israel entstanden waren, schrieb erBruderEichmann (1982). Kipphardt geht es hier darum, die„Eichmann-Haltung“ zu kritisieren,„die Bereitschaft, im Rahmen einer gegebenen Ordnung unter Ausschluss moralischer Erwägungen zu funktionieren – und dabei andere Menschen auszugrenzen, wenn nötig auch gewaltsam.“Genau diese Haltung nämlich ließ den harmlos-unbescholtenen Kleinbürger Eichmann nach Auffassung Kipphardts zum effizienten Erfüllungsgehilfen beim Massenmord an den europäischen Juden werden.

Die kritische, sich dem willigen Vergessen entgegenstemmende Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert blieb Heinar Kipphardts Thema und Anliegen bis zuletzt. Die Uraufführung von Bruder Eichmann (1983) hat Kipphardt bereits nicht mehr erlebt. Er starb am 18. November 1982 in München an den Folgen einer Gehirnblutung.

Werke:Gesammelte Werke in Einzelausgaben, hrsg. von Uwe Naumann unter Mitarbeit von Pia Kipphardt, Reinbek 1986-1990 (10 Bde.). – Nachlass im Deutschen Literaturarchiv in Marbach.

Lit.:Victoria von Flemming, Die Fremde, in der ich zuhause bin. Der Schriftsteller Heinar Kipphardt, Fernsehdokumentation, Norddeutscher Rundfunk 1980. – Adolf Stock, Heinar Kipphardt mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten, Reinbek 1987. – Uwe Naumann u.a., In der Sache Heinar Kipphardt (Marbacher Magazin 60), Marbach am Neckar 1992. – Sven Hanuschek, „Ich nenne das Wahrheitsfindung“. Heinar Kipphardts Dramen und ein Konzept des Dokumentartheaters als Historiographie, Bielefeld 1993. – Sven Hanuschek, Heinar Kipphardt (Köpfe des 20. Jahrhunderts, Bd. 127), Berlin 1996. – diverse Literaturlexika.

Bild:Kulturstiftung.

 

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