Kulturportal
Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Kleist, Ewald Christian von

Offizier, Schriftsteller

* 1715, 07.03.
Zeblin/Pommern

† 1759, 24.08.
Kunersdorf/Schlesien

Hört man in der heutigen Zeit den Namen „Kleist“, so denkt man fast ausnahmslos an den freilich zu Lebzeiten nur wenig bekannten Heinrich von Kleist. Weitgehend vergessen, obgleich zu Lebzeiten wenn nicht gar berühmt, so doch in der literarischen Welt von gutem Ruf, ist hingegen ein anderes Mitglied der alten pommerschen Adelsfamilie, Ewald Christian von Kleist.

Dieser wurde 1715 als drittes von sechs Kindern auf dem väterlichen Schloss zu Zeblin geboren und verlor schon im Alter von vier Jahren die Mutter. Nach der üblichen Erziehung durch Hofmeister und dem Besuch der Jesuitenschule in Preußisch- Krone von 1724 bis 1729 bezog der Knabe im September 1729 das Gymnasium in Danzig.

Der begabte Ewald Christian studierte sodann von 1731 bis 1735 in Königsberg Jura, daneben auch Philosophie und Mathematik, und nahm an zahlreichen philosophischen und theologischen Disputationen teil. In die Universitätszeit fielen nicht nur die Aneignung bzw. Vervollkommnung diverser Sprachkenntnisse, so neben den „alten“ Sprachen Latein und Griechisch und der damaligen lingua franca Französisch insbesondere Polnisch, Italienisch und vielleicht sogar Englisch, sondern auch die intensive Lektüre der Literatur der klassischen Antike.

1736 nahm von Kleist aus vorrangig finanziellen Erwägungen Militärdienst in Dänemark, suchte aber, insbesondere seit er 1738 eine Heirat mit Wilhelmine von der Goltz anstrebte, nach einer Stelle im preußischen Staatsdienst, die ihm jedoch trotz der Fürsprache und der Unterstützung seitens der Mutter Wilhelmines nicht zuteil wurde. Vielmehr folgte er dem Angebot Friedrichs des Großen, der zur Aufstockung seiner Armee ab 1740 vermehrt auch Offiziere fremder Mächte anwerben ließ, und trat im Frühjahr 1741 als Premierleutnant in das in Potsdam stationierte Infanterieregiment des Prinzen Heinrich von Preußen, eines jüngeren Bruders des Monarchen, ein. Exerzieren und gelegentliche Feldübungen, zum Teil in Magdeburg, bestimmten nunmehr den Großteil seines Lebens.

Eine Wendung zumindest in geistiger Hinsicht brachte ein Besuch Johann Wilhelm Ludwig Gleims, damals Sekretär des Prinzen August Wilhelms von Preußen, im Jahre 1743, der von Kleist, damals nach einer Verwundung in einem Duell darniederliegend, mit seinerzeit beliebten anakreontischen Gedichten bekannt machte und so seine Liebe zur Poesie weckte.

Die Freunde trafen sich von da an häufig in Potsdam, nach Ausbruch des 2. Schlesischen Krieges 1744 aber auch im Felde, beispielsweise bei der Belagerung von Prag, wo von Kleist nach der Einnahme der Stadt als Besatzungsoffizier fungierte und beim Rückzug der preußischen Armee aus Böhmen Ende 1744 dann schwer erkrankt in Hirschberg zurückblieb. Im Januar 1745 wieder zu seinem Regiment zurückgekehrt, lag von Kleist vor der Rückkehr nach Potsdam infolge der Beendigung der Kampfhandlungen nach dem Frieden zu Dresden fast ein Jahr lang in Brieg.

Die folgenden Jahre brachten neben ersten dichterischen Versuchen vor allem die Bekanntschaft mit literarischen Kreisen, so u.a. mit dem Schweizer Arzt Johann Kaspar Hirzel, dem aus der Schweiz stammenden Philosophen und Ästhetiker Johan Georg Sulzer und dem damals als Lehrer an der Potsdamer Kadettenanstalt tätigen Karl Wilhelm Ramler.

Die Trennung von seiner Verlobten Wilhelmine von der Goltz infolge einer Intrige ihres Bruders, der die Verbindung mit dem wenig begüterten von Kleist missbilligte, führte den angehenden Dichter im Herbst 1747 in eine schwere psychische Krise. Erst zwei Jahre später, nach der Heirat Wilhelmines, stellte sich die Unwahrheit der Behauptungen ihres Bruders heraus, Wilhelmine sei zum Katholizismus konvertiert und habe eine gute Partie der Verbindung mit von Kleist vorgezogen.

Im gleichen Jahr 1749 erfolgte nicht nur von Kleists Beförderung zum Hauptmann, sondern, angeregt durch Gleim, auch die Herausgabe seines Werkes Der Frühling als Privatdruck in einer Auflage von 150 Exemplaren. Weitere Ausgaben, vermehrt um andere Gedichte, folgten in den nächsten Jahren und begründeten von Kleists Dichterruhm. Ganz im Stile der Empfindsamkeit schilderte er nicht nur die Natur und ihre Schönheiten in einer Art elegischen Idylle, sondern intensivierte diese „malende Naturnachahmung“ durch eine von Schiller als Paradebeispiel sentimentalischer Dichtung herangezogene lyrische Folge von Bildern und Empfindungen und Reflexionen. Subjektivität des Gefühls, die bereits von Ferne an den heraufziehenden „Sturm und Drang“ denken lässt, und die auf den vor allem in der von Kleist aber wohl weniger bekannten englischen Literatur zu findenden „Joy of Grief“ verweisende melancholische Grundstimmung gehen dabei eine die reine rokokohafte Anakreontik übersteigende, stärker die äußeren Eindrücke verinnerlichende Symbiose ein.

1751 erhielt von Kleist endlich die lang ersehnte Kompanie und damit die Hoffnung auf Verbesserung seiner finanziellen Situation, musste jedoch seit dem Herbst dieses Jahres verstärkt als Werbeoffizier in Süddeutschland und der Schweiz oftmals am Rande der Legalität sein Geschäft verrichten. So ergab sich in Zürich zwar die Bekanntschaft mit dem „Idylliker“ Salomon Geßner sowie mit dem Philologen Johann Jakob Bodmer und dem Maler und Publizisten Johann Heinrich Füßli, 1753 musste von Kleist jedoch seine Werbetätigkeit beenden und kehrte über Schaffhausen und Halberstadt nach Potsdam zurück. Hier ergaben sich weitere Kontakte mit Angehörigen dortiger literarischer Zirkel, etwa mit dem bereits erwähnten „deutschen Horaz“ Karl Wilhelm Ramler, aber auch mit dem Aufklärer Friedrich Nicolai in Berlin, die aber über immer häufiger auftretende und wohl auch im für den Dichter tristen Soldatenleben begründeten Anfälle von Depressionen nicht hinwegtäuschen konnten.

Mit Beginn des Siebenjährigen Krieges 1756 setzte wieder das Lagerleben ein, von Kleist machte den Feldzug in Sachsen mit und fand sich anschließend im Winterquartier in Zittau. Im gleichen Jahr wurde aber sein Hauptwerk, vermehrt um weitere Arbeiten, als Gedichte von dem Verfasser des Frühlings bei Christian Friedrich Voß in Berlin herausgebracht, einer größeren Öffentlichkeit zugänglich, dem 1758 die Neuen Gedichte vom Verfasser des Frühlings im gleichen Verlag folgten. Ab Anfang 1757 in Leipzig stationiert, seit September des Jahres u.a. als Major eines vorwiegend aus Sachsen gebildeten Regimentes und Leiter des Feldlazarettes, ergaben sich hier vielfältige Kontakte mit Leipziger Intellektuellen, z.B. dem Dichter und Moralphilosophen Christian Fürchtegott Gellert, dem Schriftsteller Christian Felix Weiße und Gotthold Ephraim Lessing. Letzterer ermunterte von Kleist auch zur Abfassung des Dramas Seneka auf ein Preisausschreiben Nicolais hin, das dann den Neuen Gedichten inkorporiert wurde.

Mit Beginn des Feldzuges 1758 verließ von Kleist mit seiner Truppe endgültig Leipzig und kämpfte mit der Armee des Prinzen Heinrich auf dem sächsischen Kriegsschauplatz. Während der Zeit des sich diesem anschließenden Winterquartiers in Zwickau erschien schließlich von Kleists letztes zu Lebzeiten veröffentlichtes Werk Cißides und Paches, und er dachte an die Herausgabe einer literarischen Zeitschrift. Der Tod, der ihn am 24. August 1759 in Frankfurt an der Oder als Folge der in der Schlacht bei Kunersdorf am 12. August empfangenen schweren Verwundungen ereilte, legte Ewald Christian von Kleist freilich die Feder aus der Hand. Unter Anteilnahme der Bevölkerung und in Gegenwart von Studenten der dortigen Universität sowie russischer Offiziere wurde der Dichter am 26. August 1759 ehrenhaft bestattet.

Zu Lebzeiten mit Friedrich Gottlieb Klopstock auf eine Stufe gestellt und als herausragendster Vertreter der Empfindsamkeit in Deutschland verstanden, wurde Ewald Christian von Kleist im „Sturm und Drang“ und erst recht in Zeiten von Klassik und Romantik weitgehend vergessen. Erst 1881/82 erschien, herausgegeben von August Sauer, die erste kritische Gesamtausgabe der Schriften.

Lit.: Werkausgaben: August Sauer (Hrsg.), Ewald von Kleist’s Werke. 3 Teile Berlin 1881-1882. – Jürgen Stenzel (Hrsg.), Ewald Christian von Kleist: Sämtliche Werke, Stuttgart 1971. – Darstellungen: Arthur Chuquet, De Ewaldi Kleistii vita et scriptis, Paris 1887. – Hans Guggenbühl, Ewald von Kleist. Weltschmerz als Schicksal, Zürich 1948. – August Sauer, Neue Mitteilungen über Ewald von Kleist, in: Vierteljahresschrift für Literaturgeschichte 3 (1890), S. 254-295. – Heinrich Stümbke, Ewald Christian von Kleist. Krieger, Dichter, Denker, Diss. Masch. Göttingen 1949.

Bernhard Mundt, 2017

Wünschen Sie Änderungen oder Ergänzungen? Dann schreiben Sie uns dies bitte mit Angabe der betreffenden Person.