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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Kneifel, Eduard

Kirchenhistoriker, Theologe

* 1896, 14.11.
Wladyslawów-Rosterschütz, Kr. Konin/Provinz Posen

† 1993, 09.03.
Indersdorf bei München

Pastor Eduard Kneifels Bücher zur evangelischen Kirchengeschichte der Deutschen aus Mittelpolen bis nach Wolhynien sind Standardwerke, an denen niemand vorbeikommt, der sich mit dieser Region beschäftigt.

Eduard Kneifel hat auch die Geschichte der eigenen Familie erforscht und publiziert. Die Vorfahren konnte er bis nach Metz in Lothringen zurückverfolgen. Von hier floh die Familie gen Osten. Der katholische Zweig der Familie siedelte sich im Sudetenland an, während die Evangelischen nach Schlesien weiterflohen, und nachdem auch hier die Gegenreformation und der Krieg eintrafen, flohen sie ins glaubenstolerante Polen, ins Posener Land. Polnische Adelige ließen sich auf adeligen Gütern und 1632 in der adeligen Stadt Punitz (Poniec) nieder.

Der evangelische Zweig verbreitete sich im 18. Jahrhundert weiter nach Osten, bis ins Baltikum. Eduard Kneifels Familie lebte seit 1750 in der kleinen Stadt Rosterschütz (Władys­ławów) im Kreis Turek – südlich von Konin und Kolo (Koło).

Die adelige Stadt Wladyslawow erhielt ihren Namen von seinem Gründer, Jan Władysław Kretkowski h. Dołęga (1695-1728), dem Kastellan von Kulm (Chełmno, in Westpreußen), der ihr 1727 das deutsche Stadtrecht verlieh. Nach seinem Tod ging der Besitz der neuen Stadt an die Adelsfamilie Gurowski h. Wczele.

Die Haupteinnahmequelle der Stadt war das Tuchmacherhandwerk. Weber aus Böhmen und Sachsen ließen sich zu dieser Zeit hier nieder. Mit der zweiten Teilung Polens (1793) kam auch Rosterschütz unter preußische Herrschaft. Die Herrschaft wechselte mehrfach bis 1815, als die kleine Stadt zum russischen Kongresspolen kam. Unter dem Zaren entwickelte sich hier die Produktion von Kutschen und Karren.

Im Jahr 1870 verlor Rosterschütz sein Stadtrecht, da der Ort zu klein war. Bei der Wiedererstehung Polens im Jahr 1919 wurden ihm diese Rechte zurückgegeben. Doch 1934 erkannte man, dass die Stadt wirklich zu klein für diese Rechtsform war.

Die Kneifel waren Handwerker. Ihr nun russischer Wohnort Rosterschütz war nach 1815 sogar ein Erwerbsvorteil, denn der Zar sperrte die Grenze durch hohe Zölle auf Tuchwaren für Weber, so dass mehr und mehr Handwerker Preußen verließen und sich im „Königreich Polen“ (= Kongresspolen) niederließen und um das kleine Dorf Lodz (Łódż) eine Tuchmacherindustrie entstand, die aus dem Ort eine Großstadt machte.

Eduard Kneifel war der Sohn des Gerbereibesitzers Eduard Kneifel sen. und der Ottilie Trenkler. Er wurde am 14. November 1896 in Rosterschütz geboren und besuchte seit 1903 die deutsche evangelische Volksschule in seinem Heimatort. Danach absolvierte er das russische Gymnasium in Kalisch (Kalisz). Im Ersten Weltkrieg wechselte er nach Lodz, wo er 1918 am deutsch-polnischen Gymnasium von Braun das Abitur ablegte.

In der unruhigen Nachkriegszeit entschloss sich Kneifel 1919 zum Studium der Evangelischen Theologie an der Universität Leipzig, seit 1921 dann in Rostock. Nach seiner Rückkehr nach Polen wurde er am 4. November 1923 in der St.-Johannis-Kirche in Lodz durch den damaligen Generalsuperintendenten Juliusz Bursche (1862-1942) ordiniert.

Es gab damals bereits seit längerer Zeit einen nationalen Konflikt unter den evangelischen Pastoren. Bursche hatte ein Jahr nach seiner Ernennung zum General-Superintendenten auf der Synode von 1905 durchgesetzt, dass es fortan auch Gottesdienste in polnischer Sprache gab, was gerade in der Zeit der II. Polnischen Republik zu heftigen Konflikten und Disputen führte. Bursche selbst war deutscher Herkunft. Sein Großvater, der Weber Joachim Gotthelf Bursche (1803-1852), war aus Oppach in der Oberlausitz nach Turek eingewandert. Der Sohn Ernst Wilhelm Bursche (1831-1904) war Pastor in Zgierz und dessen Sohn Juliusz wurde nun zu einem assimilierten Deutschen. Der Anteil der ethnischen Polen in der 1849 gegründeten Evangelischen Kirche des Königreichs Polen (Kongresspolen) bildete eine Minderheit. Nach 1919 versuchte Bursche, die Evangelische Kirche an die neuen Verhältnisse anzupassen und als Teil Polens darzustellen. Dies löste eine starke deutschsprachige und -freundliche Opposition innerhalb der Kirche aus, die seine Maßnahmen unterlief. Besonders übel nahm man ihm seine Funktion als polnischer Staatsrat. Bei den Verhandlungen in Versailles widersetzte er sich den Plänen einer Volksabstimmung in Westpreußen, Ermland und Masuren (= Ostpreußen). Er die forderte die sofortige Vereinigung dieser Gebiete mit der Republik Polen.

Zu Bursches Opposition zählte auch Eduard Kneifel. 1923 wurde Kneifel zum Vikar an der St.-Trinitatis-Kirche in Lodz gewählt. Danach wurde er am 28. Dezember 1924 zum Pastor der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde Brzeziny, östlich von Lodz, gewählt. Zu seiner 6.000-Seelen-Gemeinde gehörten noch zehn weitere Außenstellen in den umliegenden Dörfern. Zur Unterstützung seiner Gemeindemitglieder gründete er eine Volksbank in Brzeziny sowie eine Filiale und eine Warengenossenschaft in Koluszki.

Am 28. Juli 1927 heiratete Kneifel Johanna Helene Stenzel aus Kalisch. Die Familie stammte aus der Region Chur in der Schweiz. Auch sie flohen im Dreißigjährigen Krieg aus dem Elsass, aber nur bis nach Sulzfeld in Baden, wo die Familie bis 1795 lebte. Von hier aus kamen sie in das neu gegründete Neusulzfeld (Nowosolno) und nach Kalisch. Johannas Vater Adolf Stenzel war Eigentümer einer Ziegelei und bei Kriegsende Kirchenvorsteher der evangelisch-augsburgischen Kirche in Kalisch. Das Ehepaar bekam fünf Söhne.

Neben seiner Tätigkeit als Pastor widmete sich Kneifel bereits in den 1920ern der Geschichte der evangelisch-lutherischen Kirche in Polen. Er genoss bereits damals einen so guten Ruf, dass er 1929 als einziger Deutscher in Polen (= polnischer Staatsbürger deutscher Nationalität) in die Polnische Historische Gesellschaft zu Warschau aufgenommen wurde.

Gleichzeitig setzte er sich für die deutsche Pastorenschaft ein. Von 1926 bis 1928 war er Mitherausgeber der Monatsschrift der Deutschen Pastoralkonferenz Weg und Ziel in Lodz. Von 1938 bis 1939 gab er die Wochenschrift Luthererbe in Polen heraus.

Im November 1939 wurde Kneifel Pastor in Tomaschow (Tomaszow Mazowiecki) und zudem Superintendent der Diözese Petrikau (Petrików Trybunalski) anstelle des abgesetzten polnischen Pastors Leon May, der hier seit 1913 im Amt war.

Im Juni 1940 wurde Kneifel an die evangelische Hauptkirche, die St. Matthäi-Kirche in Lodz berufen. Dieses Amt hatte er aber nur bis Dezember 1940 inne, dann wurde er 1941 in die im Aufbau befindliche Gemeinde Grabieniec versetzt. Nach einem Jahr wurde er – bis Kriegsende – Pastor in Zgierz bei Lodz.

Im Januar 1945 ging auch er mit seiner Familie und Gemeinde auf die Flucht vor der Roten Armee nach Westen. Er gelangte nach Franken, in die Amerikanische Besatzungszone, wo er beim Aufbau des Hilfskomitees der evangelisch-lutherischen Deutschen aus Polen e.V. in Ansbach beteiligt war. 1947 erhielt er eine Anstellung in Edemissen bei Peine in der Britischen Besatzungszone. Von hier kam er 1949 nach Arle bei Norden, 1950 nach Gifhorn und 1953 bis zu seiner Pensionierung 1964 nach Niedermarschacht.

Am 30. November 1956 promovierte er an der Evangelischen-Theologischen Fakultät der Universität Hamburg zum Doktor der Theologie. Seiner Passion als Kirchenhistoriker ging er bis zuletzt nach. Für seine kirchengeschichtlichen Verdienste verlieh ihm der Bundespräsident am 8. Oktober 1968 das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse.

Nach der Pensionierung lebte Kneifel in Süddeutschland in der Nähe seiner Kinder. Bis ins hohe Alter erforschte er die Geschichte der evangelischen Kirche seiner Heimatregion und war Mitarbeiter der Zeitung des 1946 gegründeten Hilfskomitees, dessen heute in Hannover erscheinende Zeitung in Erinnerung an die Heimat auch Weg und Ziel heißt.

Am 9. März 1993 starb Eduard Kneifel im Alter von 96 Jahren in Indersdorf bei München.

Werke: Die evangelisch-augsburgischen Gemeinden der Kalischer Diözese 1937 – Geschichte der Evangelisch-Augsburgischen Kirche in Polen Selbstverlag 1964. – Die Pastoren der Evangelisch-Augsbur­gischen Kirche in Polen. Ein biographisches Pfarrerbuch, Eging 1967 Selbstverlag. – Die evangelisch-augsburgischen Gemeinden in Polen – Eine Parochialgeschichte in Einzeldarstellungen. 1555-1939, Selbstverlag 1971. – Die Evangelische Kirche im Wartheland-Ost (Lodz). Ihr Aufbau und ihre Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus 1939-1945, Vierkirchen 1976. – Bischof Dr. Julius Bursche – Sein Leben und seine Tätigkeit 1862-1942, München 1980. – Chronik der Familie Kneifel in Wladyslawów-Rosterschütz 1632-1945, Vierkirchen 1982. – Weiterhin dichtete er von 1977 bis 1988 Kirchenlieder. Die Sammlung gab sein Sohn 2008 heraus. Viele seiner Werke sind auf der Internetseite http://eduardkneifel.eu/ einseh- und herunterladbar.

Lit.: Johannes Kneifel, Die Geschichte der Familie Kneifel aus Wladyslawow (Rosterschütz), in: Weg und Ziel, Hannover Okt./Nov. 2015 und Dez. 2015/Jan. 2016. – Eduard Kneifel, Chronik der Familie Kneifel in Władysławow-Rosterschütz: vorher in Poniec-Punitz (Polen); 1632-1945, 1982, Selbstverlag, 104 S.

Bild: Kirchenlieder gedichtet in den Jahren 1977 bis 1988 von Pastor Dr. theol. Eduard Kneifel, München 2008.

Martin Sprungala

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