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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Konrad, Joachim

Theologe

* 1903, 01.06.
Breslau

† 1979, 15.04.
Bonn

Joachim Konrad, am 1. Juni 1903 in Breslau geboren, evangelischer Pastor und Professor der Theologie, ein Mann des 20. Jahrhunderts, hat der nationalsozialistischen Diktatur als glaubensstarker Christ und als Gegner zuwider gehandelt. Er ist für das Recht und die geschichtliche Wahrheit entgegen allen modischen Zeitströmungen als Fürsprecher in christlicher Verantwortung eingetreten. Das 20. Jahrhundert mit seiner unmenschlichen Grausamkeit und dem Verrat an der zwischenmenschlichen Toleranz wurde ihm zum Schicksal. Und man erinnert sich des gleichaltrigen Landsmanns und gleich ihm Student der evangelischen Theologie in Breslau, Jochen Klepper, dessen Leben 1942 als Tragödie geendet hat. Im heutigen Breslau erinnert sich niemand mehr des großen Schlesiers, weil die neuen Einwohner nicht wissen, wer Joachim Konrad, dieser tapfere Deutsche gewesen ist, und auch seine Landsleute und darüber hinaus das Vaterland Deutschland vergewissert sich nicht dieses beispielhaften Lebenslaufs.

Joachim Konrad, Sohn einer schlesischen Pastorenfamilie, hatte in Breslau, Göttingen, Berlin und Marburg studiert, promovierte in evangelischer Theologie und in Philosophie und trat im Bauerndorf Michelau, zwischen Brieg und Grottkau gelegen, 1931 seine erste Pfarrstelle an. Sein Bestreben war auf die Universitätslaufbahn gerichtet. 1933 wurde er in Breslau als Dozent Mitglied der Theologischen Fakultät. Zwei Jahre später jedoch wurde ihm durch die Politik der Nationalsozialisten die Lehrbefugnis entzogen, denn die ersten Verhöre wegen seiner Zugehörigkeit zur Bekennenden Kirche und seines Gegensatzes zu den regimetreuen Deutschen Christen waren amtlicherseits vollzogen worden. Aber es kam noch schlimmer. Im Jahre 1938 bemächtigte sich erneut der Staatsapparat seiner, zumal in der Kirchengemeinde Michelau der Kantor als Spitzel fungierte und Anstoß an den Predigten des Pastors nahm. Die Geheime Staatspolizei, das Gericht und schließlich der Gauleiter der NSDAP entschieden über ihn. Ein geplantes und bereits aufgesetztes Flugblatt gegen den nationalsozialistischen Autor des Buches „Der Mythus des 20. Jahrhunderts“, Alfred Rosenberg, wurde zur Begründung für die Ausweisung aus Schlesien und für das Redeverbot im ganzen Deutschen Reich genannt. Dazu schreibt Joachim Konrad: „Der Kirchenkampf ging hart weiter. Das war die erste Vertreibung aus meiner geliebten Heimat.“.

Die Orte der Zuflucht lagen in Brandenburg und Ostpreußen, bis zum Sommer 1939 eine neue Verhandlung über den Fall Joachim Konrad in der Berliner Zentrale der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) stattfand. Es geschah unmittelbar vor dem Kriegsbeginn. Die Rückkehr nach Schlesien wurde Joachim Konrad gewährt, und die Erlaubnis, wieder predigen zu dürfen, auf einen Umkreis von 50 km zur Gemeinde Michelau beschränkt, wurde erteilt. Dies machte es glücklicherweise möglich, daß sich der Michelauer Pastor um eine Pastorenstelle in der Elisabethkirche zu Breslau, der Hauptkirche des Protestantismus in Schlesien, mit Erfolg bewerben konnte. Im Januar 1945 wurde er, gleichsam in letzter Stunde der zur Festung Breslau erklärten und seit Mitte Februar von der Roten Armee der Sowjetunion eingeschlossenen Stadt, Stadtdekan von Breslau.

„Die riesige Kathedrale St. Elisabeth und der große Gemeindesaal, in dem sechs- bis achthundert Menschen Platz fanden, genügte mir zum Reden“, heißt es in einer Niederschrift. „Meine Aufgabe war mir klar: wie kannst du deine Gemeinde auf das, was kommen muß, mit Predigten und Vorträgen vorbereiten, daß sie nicht seelisch zusammenbricht? Und die Breslauer spitzten die Ohren, auch wenn nun mit einer getarnten Sprache gesprochen werden mußte, denn noch immer wurde ich von der Gestapo abgehört. Was ich zu sagen hatte, ging durch die groben Maschen ihres Netzes hindurch. Ich sprach von Schicksal und Schuld, von Dämonie und Verblendung, von Hybris und Angst, von der Gnade und Vorsehung Gottes und der Ruhe auf der Flucht. Die Gemeinde verstand, wovon hierbei die Rede war.“

In seinen Erinnerungen hat der jüdische Musiker Konrad Latte, der zuvor den Pastor der Elisabethkirche über die Deportation der durch die Verschleppung der Eltern elternlos gewordenen Töchter des Breslauer Rechtsanwalts Dr. Lasker informiert hatte, über eine der Predigten berichtet, mit folgendem Zitat: „Unter uns leben Menschen, Deutsche wie wir, die die Obrigkeit gekennzeichnet und ausgestoßen hat. Der Gedanke dieser Kennzeichnung ist nicht neu. Schon einmal, vor ungefähr 400 Jahren, war unser Volk so tief gesunken. Tun wir nicht so, als wüßten wir nicht, wer heute von dieser Ausstoßung betroffen ist. Es sind die Besten unter uns.“ Im weiteren Bericht der Erinnerung schreibt Konrad Latte über den Prediger: „Und dann erzählt er, wenn auch ohne Namensnennung, von der Flucht und Verhaftung der Lasker-Mädchen so bewegt und deutlich, daß alle, die sie kannten, begreifen mußten, von wem die Rede war. Daran, wie Christen solchen verfolgten Menschen begegnen, fuhr der Pastor fort, erkenne man, ob sie aus ihrem Glauben wirklich lebten, den Glauben der Brüderlichkeit und der Nächstenliebe. ,Täuscht Euch nicht!‘, rief er der Gemeinde zu, ,Gott läßt seiner nicht spotten!‘„

Joachim Konrad, der auch das dichterische Wort beherrschte – 1949 veröffentlichte er den Gedichtband „Ruf der Heimat“ – hatte als aus Schlesien Verbannter eine „Apokalyptische Messe“ verfaßt und den Text in handabgezogenen Exemplaren weitergegeben, darin die auf Adolf Hitler gemünzten Zeilen: „König von Babel, dich wägt Gottes Waage/ Und er hat dein Tun zu leicht befunden./ Die heiligen Rechte gelten unumwunden./ Weh deinem Wahn! Gezählt sind deine Tage“.

Über die April- und Maitage 1945 im eingeschlossenen Breslau schrieb Joachim Konrad: „Die schrecklichen Ostertage und -nächte mit ihren pausenlosen Bombenangriffen, wir sahen starr und entsetzt eine Kultur von siebenhundert Jahren in Flammen versinken. Die Selbstmordepidemie griff um sich. ,Wo sollen wir hin? Diesseits der Oder nicht! Jenseits auch nicht! Am besten in die Oder!‘ Der Wahnsinn des totalen Krieges, dem Breslau und seine Bewohner geopfert werden sollten, um die Frist des bereits in der Kapitulation begriffenen ,Tausendjährigen Reiches‘ und seiner Bonzen noch um ein paar Tage zu verlängern?“ Am 4. Mai gingen mutig entschlossen zwei evangelische Kirchenmänner, die Pastoren Ernst Hornig und Joachim Konrad, und die beiden Katholiken, Weihbischof Joseph Ferche und Kanonikus Joseph Kramer, in den Bunker des Kommandanten General Hermann Niehoff, um als Sprecher der Bevölkerung das Ende des Kampfes zu fordern und umgehend den Entschluß zur Kapitulation anzuraten. Nach zwei Tagen war der General, nachdem um eine zweite Unterredung nachgesucht worden war, zur Kapitulation bereit. In der Nacht zuvor hatte der nationalsozialistische Gauleiter Karl Hanke in einem Fieselerstorch die Stadt fluchtartig verlassen, von einem Flugplatz abhebend, der durch gewaltsame Zertrümmerung von Stadtteilen auf seinen Befehl hergerichtet worden war.

Fürsorgend blieb Stadtdekan Joachim Konrad als Fels in der allgemeinen Rechtlosigkeit, unter der die Deutschen jetzt zu leiden hatten, bis zum Ausweisungsbefehl im Sommer 1946 in der Stadt. Am 30. Juni 1946 hielt er die letzte in deutscher Sprache vorgetragene Predigt, deren Text vorliegt. „Ich glaube, erst in Abschiedsstunde läßt es uns ganz klar erkennen, was uns Heimat bedeutet. Das Land unserer Väter und Kinder, das Land, dessen Charakter unser Wesen geprägt hat, das uns leiblich und seelisch ernährt hat, das Land, dessen Häuser und Straßen, Felder, Berge und Wälder uns ansprechen und anheimeln, wie sonst nie eine Landschaft, weil wir darin seit Generationen verwurzelt sind. … Wir waren und sind in unseren schwersten Stunden allein auf Gott geworfen und wissen nun aus einer schicksalhaften Gewißheit: Dieser Grund trägt! Wir haben es erlebt, was es heißt, Kirche unter dem Kreuz zu sein, und haben darin einen unaussprechlichen Reichtum gefunden. Davon können und wollen wir nicht mehr lassen, und dort liegt unsere Mission“.

Joachim Konrad wollte nach der Vertreibung seine gewaltsam unterbrochene Universitätslaufbahn fortsetzen und begann an der Universität Münster als außerordentlicher Professor, 1951 erhielt er die Würde eines Ehrendoktors. Vier Jahre, von 1950 bis 1954 leitete er als Ministerialrat das Referat für die Angelegenheiten der evangelischen Kirche in der Regierung von Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf, von 1954 bis zur Emeritierung lehrte er als Professor für praktische Theologie an der Universität Bonn. Als Autor der Bücher „Die evangelische Predigt“, dies ein Standardlehrbuch, und „Sozialethische Themen auf der Kanzel“, 1963 und 1973 erschienen, hatte er sich einen Namen gemacht. Gleichzeitig wirkte er als Universitätsprediger, der für die Gottesdienste in der Bonner Schloßkirche verantwortlich war. In dem Nachruf eines Schülers hieß es über ihn: „Politik auf der Kanzel war ihm zuwider, obwohl er selbst einen Band politischer Predigten veröffentlicht hatte. Martin Luther zitierte er am liebsten auf Latein, doch Johannes Calvin kam nicht zu kurz. Konservativ wie er war, trug er zum Talar die alte lutherische Halskrause, aber seine Predigten waren alles andere als altmodisch.“ Es wurde vor allem daran erinnert, daß er in die Rheinische Landeskirche, zu der er jetzt gehörte, „die besonderen Erfahrungen, die er in der Zeit des Kirchenkampfes in Schlesien gemacht hatte, eingebracht habe“ und „nach der Predigtlehre Joachim Konrads sind Ursprünglichkeit, Wahrhaftigkeit, Verantwortungsernst und Bezeugungskraft die wesentlichen Maßwerte der personalen Funktionen einer Predigt.“

Als Universitätslehrer wurde er als „rechtslastig“ angegriffen, denn er widersprach nicht nur dem Ungeist der sogenannten 68er Revolte, sondern hatte sich in der „Gemeinschaft evangelischer Schlesier“ als deren Vorsitzender von 1959 bis 1973 engagiert. Er bezog Stellung, als es um das Recht auf die Heimat ging und Denkschriften hoch im Kurs standen, die dieses in Frage stellten. „Deutsche Schuld an den Polen und Juden belastet unsere Ansprüche auf unsere seit 700 Jahren angestammte Heimat sehr. Aber Schuld kann nicht durch neue Schuld wieder gutgemacht werden. Sie kann auch nicht durch einen Blankoverzicht auf alles Recht annulliert werden, sondern sie kann auf der politischen Ebene nur auf dem Wege einer rechtlich geordneten Auseinandersetzung und Verständigung beigelegt werden … Für mich selbst kann ich verzichten, aber es wäre doch ein Mißverständnis auch des Geistes christlicher Versöhnung, wenn man sich auf einen gemeinsamen Rechtsverzicht einließe und das unter Vergewaltigung des Rechtsanspruchs anderer täte und sie damit beraubte“. Diese Sätze stehen in dem Heft „Zur kirchlichen Heimat-Debatte“ unter dem Titel „Audiatur et altera pars (Man muß auch die andere Seite hören)“.

Als er 1953 auf dem 4. Bundestreffen der Schlesier in Köln sprach, hatte er sich das Thema gesetzt „Die schlesische Toleranz. Geschichtliches Erbe und politische Idee“, eine seitdem gern auszugsweise zitierte Rede. Indem auf den schlesischen Majestätsbrief des österreichischen Kaisers Rudolf II. und des preußischen Königs Friedrich des Großen Regierungspraxis verwiesen wird, ruft Joachim Konrad die religiöse Wurzel der schlesischen Toleranz in die Erinnerung mit dem Blick auf die „gemeinsame Christlichkeit. Das betrifft vor allem das Verhältnis der Konfessionen zueinander. … Schlesien war ein Land der Begegnung und des friedlichen Miteinanders sehr verschiedener Elemente, ein Grenz- und Brückenland. Es hat seine Einheit in sehr wechselvollen Geschicken und unter besonders harten Zerreißproben sich erobern und behaupten müssen. Es hat darin seine Eigenart und seinen Charakter im Sinne einer echten, in religiöser Tiefe verwurzelten Toleranz gefunden und bisher behaupten können.“

In einem Rückblick auf das bittere und bedrückende Jahr 1945 erinnerte Joachim Konrad an den Winter dieses Jahres, als man „aus angesengten Balken ein Trümmerkreuz“ gezimmert hatte. „Das Trümmerkreuz von St. Elisabeth wird längst zersägt sein. Was es uns damals bedeutet hat, habe ich in Versform festzuhalten gesucht“, die Zeilen wurden in Gestalt eines Kreuzes gesetzt: „Wir als die Schuldigen/ Und die Geschlagenen,/ Wir haben aus Trümmerholz ein Kreuz errichtet/ Und sind aus Trümmern unter seinen Schutz geflüchtet:/ Und haben rauchgeschwärzte Balken zum Symbol geschichtet,/ Erbarmung zu flehen/ Für unsere Sünden./ Mit unserem Kreuze/ In Deinem zu stehen,/ In Todesgründen/ Dein Licht zu erspähen/ Und Dir zu huldigen/ Als die Getragenen“. Das war auch des Theologen Glaubensbekenntnis, von Gott, dem Herrn, in seinem irdischen Leben getragen zu sein, geborgen und behütet.

Am 15. April 1979, es war Ostersonntag, der Tag der Auferstehung Christi, ein geradezu symbolischer Tag für den gläubigen Diener Gottes, ist Joachim Konrad gestorben. Noch einmal sei an Jochen Klepper, den gleichaltrigen Schlesier erinnert, Joachim Konrad wie Jochen Klepper, beide im Glauben zu Hause und beheimatet.

Bild: Stiftung Ostdeutscher Kulturrat

Herbert Hupka

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