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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Kornfeld, Paul

Dichter

* 1889, 11.12.
Prag

† 1942, 01.(?)
KZ Lodz

Den prägnantesten Aufschluß über die Position des Dramatikers, Erzählers und Essayisten Paul Kornfeld innerhalb der expressionistischen Bewegung gewährt auch heute noch dessen 1918 erschienene Abhandlung Der beseelte und der psychologische Mensch. Die hier vorgetragenen Ansichten des Endzwanzigers sind von programmatischer Bedeutung für seine eigenen Bühnenwerke, für das expressionistische Drama überhaupt wie für die damalige Schauspielkunst. Die grundlegend veränderten Ansprüche an letztere hat Walter von Hollander 1917 wohl nicht zufällig mit Blick auf Kornfelds 1913 verfaßte Tragödie Die Verführung herausgestellt: „Hier ist eine Diktion, ein Pathos, dem man nicht ohne weiteresglaubt und das dennoch wahr ist, ein Pathos, für das noch die Zungen und Glieder geschult werden müssen.“ Kornfelds Manifest zielte aber darüber hinaus auf eine Neuformulierung des Verhältnisses von Kunst und alltäglicher Wirklichkeit: „Letzter Sinn aller Kunst, dem Menschen vorzuführen, wie alle Wirklichkeit nur Schein ist und hinschwindet vor dem wahren menschlichen Dasein. Ja alle Wirklichkeit ist nur Irrtum, da ja die Beseeltheit die Wahrheit ist.“ Das ist aus der gehobenen Verfassung heraus verkündet, in der sich Kornfeld nach der Frankfurter Uraufführung seines Bühnenerstlings Die Verführung 1917 befand. Für sein Leben und Schaffen insgesamt stellten derartige Erfolge die Ausnahme dar. Jeder im Prag vor der Jahrhundertwende Geborene, der literarische Ambitionen hegte, war in spezifischer Weise mit dem berühmten Prager Kreis verbunden, dem Autoren von der Bedeutung eines Max Brod, Kafka oder Werfel angehörten. Paul Kornfeld, dessen Vater Fabrikant und dessen Urgroßvater ein angesehener Rabbiner gewesen waren, stieß in diesem Zirkel auf die unverhohlene Antipathie Brods, dessen Einfluß bekanntlich groß war und der beispielsweise Franz Werfel massiv förderte. Nach eigenen Angaben verließ Kornfeld 1914 Prag und ging nach Frankfurt, um der „Stimmung einer überhitzten und vorwiegend destruktiven Intelligenz“ zu entkommen; doch wohl auch, um den Anfragen aus dem Elternhaus nach seiner Promotion und dem Eintritt in den väterlichen Betrieb zu entgehen. In die Frankfurter Zeit fiel nicht nur der dichterische Durchbruch als Bühnenautor, sondern auch die Heirat mit Fritta Brod 1918 (geschieden 1926), deren Bedeutung für Kornfelds einzigen Roman Blanche oder das Atelier im Garten unverkennbar ist. Max Reinhardt holte Kornfeld 1925 als Dramaturg nach Berlin, Gustav Härtung in der gleichen Funktion 1927 nach Darmstadt. Hier kam es zum Eklat, als Kornfeld nach einem Gastspiel der „Habima“, eines seit 1916 bestehenden hebräischen Theaterensembles, den deutlich rassistisch geprägten Einwänden der örtlichen Kritik konterte. Er demissionierte 1928 und siedelte erneut nach Berlin über, wo er bis 1932 für die Zeitschrift Das Tagebuch 37(teils wegweisende) Beiträge schrieb. Verhängnisvoll sollte für ihn die Rückkehr nach Prag Ende 1932 zum 80. Geburtstag seines Vaters werden. Verlockt von der Möglichkeit, seinen ersten (und einzigen) Roman schreiben zu können, arbeitete er hier von 1933 bis 1941 an dem erst 1957 bei Rowohlt erschienenen (und von Kurt Kusenberg gekürzten) Blanche-Konvolut. Gelegenheiten zur Ausreise schlug er noch 1938 aus. 1941 wurde er von den Nazis in das KZ Lodz abtransportiert, wo er 1942 umgekommen ist.

Zumindest von der Problemstellung und den Formtypen her ist Kornfelds literarisches Werk, dessen Schwerpunkt das Drama bildet, zweigeteilt. Den hochexpressionistischen Tragödien Die Verführung und Himmel und Hölle (1919) mit ihrer aus einer schonungslosen Zeitkritik resultierenden Forderung nach dem neuen beseelten Menschen, nach einem neuen Drama überdies und einer neuen Schauspielkunst sowieso folgte schon 1922 in der Komödie Der ewige Traum die unmißverständliche Abkehr von den hochfliegenden Idealen des Expressionismus. Zwei Jahre später wurde die neue Parole in der KomödiePalme oder der Gekränkte umschweiflos am Anfang des Stückes ausgegeben: „Nichts mehr von Krieg und Revolution und Welterlösung! Laßt uns bescheiden sein und uns anderen, kleineren Dingen zuwenden.“ Der Wechsel von der Tragödie zur Komödie als adäquate formal-strukturelle Entsprechung zur thematischen Abwendung von den hochgespannten Menschheitsvorstellungen und der Hinwendung zu einer neuen Bescheidenheit ist nicht etwa endlich der „wahre“ Kornfeld. Vielmehr ist nur die zweite Seite des gleichen Mannes sichtbar geworden. Tragödie und Komödie zusammen ergeben erst den ganzen Menschen und Dichter Paul Kornfeld. Wem an einem Gesamtbild gelegen ist, müßte die Tragödie Die Verführung und die Komödie Palme oder der Gekränkte zusammen lesen (und die Theater sollten sie an zwei Abenden aufeinander folgen lassen). Denn Bitterlich in der Verführung stellt die hochgestimmte Verfassung des Beseelten aus, wie sie das Manifest von 1918 leidenschaftlich propagierte. Dieser Protagonist verkörpert Kornfelds scharfe Absage an den vorausliegenden Naturalismus und damit ohne Abstrich an alle realistische und psychologische Dramatik. Palmehingegen nimmt sich aus wie das Satyrspiel, das in der Antike der Tragödie folgte. Der hypochondrische Titelheld führt unablässig vor Augen, wie eine selbstquälerische und geradezu leidenssüchtige Psyche ständig von ihm durchaus als schmerzhaft empfundene Kränkungen provoziert, aufgrund ihrer ichzentrierten Konstitution aber zu keinerlei Änderung dieses Zustands in der Lage ist. Die von Bitterlich dauernd betonte Änderungsbedürftigkeit des Menschen wird vom ganz und gar nicht zu ändernden, ununterbrochenen Gekränktsein Palmes durch lauter Alltäglichkeiten ironisch gebrochen. Dennoch gilt (und das verweist gleichfalls auf die Zusammengehörigkeit beider Phänomene): Der einen Verfassung fehlt die Komik nicht, der anderen ebensowenig die Tragik.

Im Unterschied zu den immerhin auswahlweise berücksichtigten Dramen ist Kornfelds Erzählprosa bislang von der Forschung wie von der Leserschaft unbeachtet geblieben. Es dürfte auch nicht weiter verwundern, daß es nie eine Gesamtedition seiner Werke, ja nicht einmal eine herkömmliche Sammelausgabe gegeben hat. Ebensowenig ist derzeit eine Einzelveröffentlichung von ihm im Buchhandel vorrätig.

Weitere Werke: Legende. Berlin: S. Fischer 1917. – Sakuntala des Kalidasa. Ein Schauspiel. Berlin: Rowohlt 1925. – Kilian oder Die gelbe Rose. Eine Komödie in 3 Akten. Berlin: Rowohlt 1926. – Smither kauft Europa. Komödie. Berlin ca. 1928 (Bühnenmanuskript bei Oesterheld). – Jud Süss. Tragödie in 3 Akten und einem Epilog. Berlin 1930 (Bühnenmanuskript bei Oesterheld).

Lit.: Paul Kornfeld: Revolution mit Flötenmusik und andere kritische Prosa 1916-1932. Hrsg. und kommentiert von Manon Maren-Grisebach. Heidelberg: Lambert Schneider 1977. – Bernhard Diebold: Paul Kornfelds Hybris und Demut. In: Anarchie im Drama. Frankfurt/M. 1921, S. 274-290. – Siegfried Jacobsohn: Strindberg, Wedekind, Kornfeld. In: Die Weltbühne, 20. Jg. (1924), S. 408-411. – Wolfgang Groezinger: Der Roman der Gegenwart. Die Macht der Bindungen (Zu „Blanche…“). In: Hochland 50 (1957-58), S. 175-183. – Herbert Ihering: Von Reinhardt bis Brecht. Bd. 1. Berlin 1958 und Bd. 2. Berlin 1959. – Manon Maren-Grisebach: Weltanschauung und Kunstform im Frühwerk Paul Kornfelds. Diss. Hamburg 1960. – Dies.: Paul Kornfeld. In: Expressionismus als Literatur. Hrsg. von Wolfgang Rothe. Bern 1969, S. 519-530. – Margarita Pazi: „Smither kauft Europa“. Über eine unbekannte Komödie von Paul Kornfeld. In: Orbis litterarum 29 (1974), S. 133-159. – Dies.: Zu Paul Kornfelds Leben und Werk. Tagebücher aus seiner Frankfurter Zeit 1914-1921. In: Jahrbuch der deutschen Schillergesellschaft Bd. XXVII (1983), S. 59-85.

Bild: Paul Kornfeld um 1925. Nach einer Photographie (vermutlich von Nini und Carry Heß, Frankfurt/M.)

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