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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Kossko, Nelli

Schriftstellerin

* 1937, 29.08.
Marienheim bei Odessa/Ukraine


Das vergangene Jahrhundert war das bisher ideologischste in der Geschichte der Menschheit. Es ist kaum vorstellbar, was einzelne Menschen, Gruppen und auch ganze Völkerschaften unter den unmenschlichen Ideologien des Totalitarismus zu leiden hatten. Richtete sich im rechtsextremen Nationalsozialismus die Verfolgung vor allem gegen die Juden und die slawischen Völker, so waren es im linksextremen Stalinismus vor allem die Deutschen und die muslimischen Völker, die als „bestrafte“ Völker aus ihrer Heimat verbannt und in Sibirien und Zentralasien, aller Rechte beraubt, Zwangsarbeit zu verrichten hatten.

Nach dem Zusammenbruch des Sowjetimperiums ist das Schicksal der Vertriebenen und Verbannten, der Zwangsausgesiedelten und des Rechtes auf die Heimat Beraubten kein tabuisiertes Thema mehr. Es ist sogar so etwas wie eine eigentständige russlanddeutsche Nachwende-Memoirenliteratur entstanden, der es in ihren besten Leistungen gelungen ist, trotz allem Entsetzlichen nicht den Glauben an das Gute im Menschen – gleich welcher Nationalität – zu verlieren und dabei auch nicht in Larmoyanz, Selbstmitleid oder gar selbstgerechtem Heldentum zu versanden. Ilona Wagners Mein Lächeln für Sibirien, Friedrich Emigs Drei Flüsse, drei Leben, Jakob Schmals Den Kelch bis zur Neige geleert und auch Ernst KontschaksErinnerungenaus demhohen Norden, seinem Zwangsaufenthalt, stehen hier Pate für literarisch bewältigte Rückblicke auf dramatische Erlebnisse.

Ein Kinderschicksal in der Angst und Enge der Verbannung im Norden Sibiriens schildert in 37 stark autobiographisch geprägten Prosatexten Nelli Kossko. Der ErzählungsbandDie geraubte Kindheit ist eine Auseinandersetzung mit dem Leben als Kind eines der von Stalin bestraften Völker. „Auf ewige Zeiten nach Sibirien verbannt“, wird die kleine Emmi nach strapaziöser Reise mit ihrer Mutter von einer gutmütigen Russin, die selber drei Kinder hat und deren Mann an der Front gegen die Deutschen kämpft, aufgenommen. Nach Hause kommend verliert der Mann die Fassung, als er erfährt, dass Deutsche unter seinem Dach wohnen. Doch auch er beruhigt sich allmählich, als er sieht, welchen Belastungen seine beiden deutschen Mitbewohnerinnen ausgesetzt sind. Später wird er sogar die halberfrorene Emmi, die sich verlaufen hat, in eine Decke hüllen.

Die grausame Welt der Erwachsenen wird Emmi erst richtig bewusst, als aus den Reihen der eigenen Landsleute eine Denunziantin ihre Schicksalgenossen an die Geheimpolizei verrät, bis diese selber als ehemalige Gestapo-Mitarbeiterin entlarvt und noch höher in den Norden verbannt wird. Auch in der Dorfschule haben es die Kinder des bestraften Volkes zunächst schwer. Sie werden als „Fritzen“, das russische Zerrbild des hässlichen Deutschen, gehänselt, bis die humanistisch gebildete und auch von Natur aus wohlwollende Lehrerin Ludmilla Petrowna ihnen Hilfestellung gibt, indem sie erklärt, dass auch der Vater des Kommunismus, Karl Marx, Deutscher gewesen sei. In dem Prosatext Mein Freund Karl Marx versteht es Nelli Kossko, sogar der schwierigen Situation Humor abzugewinnen, denn nun hat Emmi mit Marx eine Waffe in der Hand, mit der sie sich wehren kann, mit der sie aber auch über das Ziel hinausschießt, als sie behauptet, ohne den Deutschen Marx gäbe es auch die glorreiche Sowjetunion nicht.

Vor allem in diesen Momenten versteht es Nelli Kossko, dieSituation mit feinem, oft auch hintergründigem Humor dem Leser vor Augen zu führen, liegen die eigenwilligen Stärken des Buches. In der Person der Lehrerin gelingt Nelli Kossko mit viel Einfühlungsvermögen die Beschreibung der schwierigen Gratwanderung einer Pädagogik im Stalinismus. Der Alltag im Totalitarismus wird lebensecht und ohne einer Schwarz-Weiß-Malerei zu verfallen mit kindlich offenem Blick geschildert.

Die geraubte Kindheit (2004) bildet den ersten Teil der TrilogieDie Quadratur des Kreises. In seiner Fortsetzung,Am anderen Ende der Welt (2004), wird der fernere Lebensweg der Autorin stellvertretend für viele Hunderttausend Russlanddeutscher beschrieben.„Dieses Buch ist kein Blick zurück im Zorn, aber in ehrfürchtigem und demütigem Gedenken an unsere schuldlos in den Tod gehetzten Eltern und Großeltern und ihre Qualen“, so Nelli Kossko in der Widmung. Mit Wo ist das Land … folgte 2007 der abschließende Teil der Trilogie.

Die in Marienheim bei Odessa geborene Nelli wurde als siebenjähriges Mädchen in den Warthegau evakuiert, bei Kriegsende dann in das Gebiet Kostroma verschleppt, bald darauf an den wegen seiner Straflager berüchtigten ostsibirischen FlussKolyma. Allen Schwierigkeiten zum Trotz gelang es ihr, ein Germanistikstudium in Swerdlowsk aufzunehmen und anschließend an pädagogischen Hochschulen der Region zu unterrichten. Nach der 1975 mit Ehemann und zwei Töchtern erfolgenden Ausreise in die Bundesrepublik arbeitete sie bei der Deutschen Welle in Köln als Übersetzerin und Sprecherin.

Nelli Kossko machte sich auch als Verlegerin einen Namen. So gab sie von 1995 bis 2001 die russischsprachige ZeitschriftOst-Express heraus, die sich an die Russlanddeutschen und russischen Juden in Deutschland richtete. Neben der Trilogie Die Quadratur des Kreises verfasste sie zahlreiche kulturpolitische Aufsätze. Zu ihrem 70. Geburtstag erhielt Nelli Kossko die goldene Ehrennadel der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland für ihre ehrenamtliche Tätigkeit, nicht zuletzt auch für die Gründung des FrauenclubsAussiedler helfen Aussiedlern, der als Brücke zwischen Einheimischen und Aussiedlern im Umkreis von Altenkirchen in Westerwald, ihrer neuen Heimat seit 2001, wertvolle Integrationsarbeit leistet. 2008 erhielt sie aus der Hand des rheinland-pfälzischen Innenministers das Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland.

 

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