Kulturportal
Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Kroll, Hans

Diplomat

* 1898, 18.05.
Deutsch Piekar, Kr. Beuthen

† 1967, 08.08.
Starnberg/Bayern

Hans Kroll war eine der schillerndsten Gestalten des Auswärtigen Dienstes, dem er von der Frühphase der Weimarer Republik an bis in die ausgehende Ära Adenauer angehört hat. Er blieb zeitlebens stolz auf Oberschlesien und seine landschaftliche Schönheit und bedauerte die Unkenntnis über seine Heimat in Binnendeutschland, vor allem im Westen. Geprägt hat ihn das katholische Milieu des Wallfahrtsortes, in dem er geboren wurde – in unmittelbarer Nähe des schmalen, von Kosaken bewachten Grenzflusses Brinitza – sowie das elterliche Lehrerhaus, in dem er mit vier Brüdern aufwuchs. Kroll meldete sich noch als Oberschüler in Beuthen im Oktober 1914 zum Kriegsdienst, wurde im März 1916 in den Kämpfen vor Verdun schwer verwundet, bestand anschließend die Reifeprüfung und studierte Nationalökonomie, Geschichte und Sprachen in Breslau, Greifswald und Jena, wo er 1920 promoviert wurde. Er griff schon als Student mit Reden und Artikeln in den Volkstumskampf in Oberschlesien ein, verurteilte die Grenzziehung der Siegermächte (die auch seine engere Heimat den Polen zugesprochen hatte) und war 1920 in der Presse- und Propagandaabteilung des Deutschen Plebiszitkommissariats für Oberschlesien aktiv gewesen. Von dort wurde er durch Protektion der Zentrumspartei als Attaché in das Auswärtige Amt übernommen. Er bestand 1921 die Konsulatsprüfung, wurde auf rasch wechselnden Auslandsposten – darunter Moskau und Odessa, Chicago und San Francisco – und von 1929 bis 1936 in der Wirtschaftsabteilung des Auswärtigen Amts verwendet. Deren Leiter Karl Ritter veranlaßte 1936 Krolls Entsendung als Botschaftsrat nach Ankara, da er ein Sachkenner der deutsch-türkischen Wirtschaftsbeziehungen war. Dort wurde bald Franz von Papen sein Chef.

In seiner temperamentvoll-egozentrischen, die Empfindlichkeiten anderer nicht schonenden Art geriet Kroll rasch in Gegensatz zur Auslandsorganisation der NSDAP, deren Einfluß in der Türkei er einzudämmen suchte. Gegenüber dem Ortsgruppenleiter in Ankara äußerte er demonstrativ seine abwartende Haltung gegenüber dem Nationalsozialismus, „da man nicht wisse, ob er sich halten werde“. Den im März 1937 dann doch gestellten Antrag auf Aufnahme in die Partei lehnte das Gaugericht der Auslandsorganisation der NSDAP 1940 wegen Krolls Intrigen gegen den Ortsgruppenleiter in Ankara und wegen seiner Rücksichts- und Disziplinlosigkeit ab. Kroll wurde 1943 auf den Posten eines Generalkonsuls in Barcelona versetzt. Nach 1945 sah er sich als Opfer des NS-Regimes.

Er trat der CDU bei, war seit Mitte 1947 außenpolitischer Berater von Ministerpräsident Karl Arnold in Düsseldorf, seit 1950 im Bundeswirtschaftsministerium tätig und zuletzt mit der Leitung der Ost-West-Gruppe betraut, wurde aber nicht ins Beamtenverhältnis übernommen. Nach Neugründung des Auswärtigen Amts betrieb er seine Wiederaufnahme, sah sich jedoch mit dem Vorwurf konfrontiert, von der NSDAP nicht aus politischen, sondern persönlichen Gründen abgelehnt worden zu sein. Ernst Reuter warf ihm Nähe zum Nationalsozialismus vor. Doch wurde er von einflußreicher Seite protegiert: von seinem Bundesbruder Hans Globke und Heinrich von Brentano, der ihn als Wirtschaftsexperten schätzte und für „politisch völlig unbelastet“ hielt. So wurde er gegen erhebliche Widerstände im Amt in den auswärtigen Dienst übernommen und Anfang 1953 auf den Botschafterposten nach Belgrad entsandt. Hier sah er große Wirkungsmöglichkeiten. Weitgehend ohne Instruktionen, aber mit den Balkanproblemen seit den Jahren in Ankara vertraut, gelang es ihm Kraft seiner Persönlichkeit, Tito – wie später in Moskau Chruschtschow – für sich einzunehmen. Er beobachtete von Belgrad aus die Entwicklung in den Moskauer Satellitenstaaten nach Stalins Tod. Mit den Botschaftern der befreundeten Länder bildete er eine Arbeitsgruppe und erörterte die Probleme anhand der geöffneten Akten.

Im Mai 1955 ging Kroll als erster Botschafter der Bundesrepublik nach Japan. Adenauer erhoffte sich aus Tokio eingehende Berichte über die Lage im pazifischen Raum und auch in China – ein Posten, der nicht Krolls politischen Ambitionen entsprach. Diese erfüllten sich im Mai 1958, als er endlich die Leitung der Botschaft in Moskau übernehmen konnte, um die er sich schon 1955 bei Staatssekretär Globke vehement beworben hatte, um an der Lösung der deutschen Frage mitzuwirken. Zum Vorbild wurde ihm sein österreichischer Kollege Norbert Bischoff, der den Abschluß des österreichischen Staatsvertrags 1955 von Moskau aus im geheimen Zusammenspiel mit Bundeskanzler Raab vorbereitet hatte. Adenauer war freilich tief verärgert, als sich Kroll in Bonn zum Anwalt sowjetischer Interessen machte, und hielt dessen Berichterstattung für „verlogen“. Schon im Juli 1958 erklärte er Kroll nach „sehr erregten Auseinandersetzungen“, daß er ihn „nicht mehr bei sich zu sehen wünsche“. Zudem wurde Krolls Arbeit am Ende des Jahres von Chruschtschows Berlin-Ultimatum überschattet. Durch eigene Initiative suchte er Wege aus der Krise und glaubte, Chruschtschow sei bereit, das SED-Regime zu opfern. Nach dem Bau der Berliner Mauer 1961 legte er Chruschtschow den Abschluß eines deutschen Friedensvertrages nahe (veröffentlicht im Spiegel am 11.9.1967), den Adenauer stets abgelehnt hatte. Kroll machte damit Schlagzeilen in der Weltpresse. Während man in Bonn ironisch von den „Kroll-Opern“ sprach, die Westmächte Kroll der Rapallo-Politik verdächtigten und das Auswärtige Amt Kroll für unhaltbar hielt, ließ ihn Adenauer, der eine Verständigung zwischen Kennedy und Chruschtschow um den Preis der definitiven Teilung Deutschlands fürchtete, weiteragieren. Kroll wurde von Globke am Auswärtigen Amt vorbei instruiert. Der Bundeskanzler hoffte wohl, im äußersten Fall auf Krolls direkten Kontakt zu Chruschtschow zurückgreifen zu können, während dieser Kroll offenbar benutzte, um Adenauer aus der Reserve zu locken. Als Adenauer merkte, daß Moskau auf seinen „Burgfriedensplan“ (ein zehnjähriges Stillhalteabkommen über Deutschland und Berlin bei einer „Humanisierung der Verhältnisse in der Zone“) nicht einging, stimmte er Krolls Abberufung mit der bei ihm üblichen zynischen Formulierung zu: „Ich glaube, der Herr Kroll ist krank“.

Im Herbst 1962 kehrte Kroll grollend in die Zentrale zurück, im Mai 1963 trat er in den Ruhestand. Chruschtschow war über Krolls Abberufung so verärgert, daß er dessen Nachfolger ins Leere, der KGB diesen am Ende sogar in seine Fänge laufen ließ. Kroll eröffnete unterdessen einen privaten Briefwechsel mit Chruschtschow, um eine persönliche Begegnung mit Adenauer vorzubereiten; Adenauers Ausscheiden aus dem Amt im Herbst 1963 entzog dem die Grundlage. 1965 plante Kroll ein Comeback als Bundestagsabgeordneter der CDU; ein unglücklicher Sturz verhinderte dies.

Krolls Lebenserinnerungen, die in Auszügen im Herbst 1967 als Vorabdruck im Spiegel erschienen, stießen im Auswärtigen Amt, dem er das Manuskript vorgelegt hatte, um möglichen Verfügungen vorzubeugen, auf schwere Bedenken; er hatte den Erwägungen der deutschen Außenpolitik im Umfeld der Berlin-Krise keinen Raum gegeben. Nach Krolls plötzlichem Tod wurden diese Bedenken zurückgestellt, so daß die Erinnerungen noch 1967 erscheinen konnten. Da sie Einblick in den Moskauer und Bonner Apparat gaben, galten sie als Sensation und erreichten hohe Auflagen. Im Lichte der neueren Forschung erscheint ihr Quellenwert sehr begrenzt. Cum ira et studio geschrieben, spiegeln sie vor allem die Egozentrik ihres Verfassers wider.

Kroll sah sich selbst in der Tradition der großen politischen Botschafter, war jedoch keine Diplomatennatur. Brentano undAdenauer tadelten seine „übertrieben robuste Art“ und sein „völligunmögliches“ Verhalten. Das Auswärtige Amt und selbst Bundespräsident Lübke beanstandeten immer wieder seine Indiskretionen gegenüber der Presse. Wegen seiner Selbstüberschätzung, Streitlust und Taktlosigkeit war er bei seinen Mitarbeitern gefürchtet, von denen einer nach dem anderen um seine Versetzung aus Krolls Wirkungskreis nachsuchte. Sein Leben birgt Stoff für einen Roman.

Quellen: Akten im Politischen Archiv des Auswärtigen Amts (verschiedene Abteilungen). – Akten zur Auswärtigen Politik der Bundesrepublik Deutschland, Jahrgang 1963. Hrsg. im Auftrag des Auswärtigen Amts vom Institut für Zeitgeschichte. München 1994. – Hans Kroll: Lebenserinnerungen eines Botschafters. Köln, Berlin 1967. – Karl Carstens: Erinnerungen und Erfahrungen. Boppard 1993. – Adenauer-Heuss. Unter vier Augen. Gespräche aus den Gründerjahren 1949-1959. Bearb. v. Hans Peter Mensing. Berlin 1997 (Adenauer. Rhöndorfer Ausgabe).

Lit.: Peter Siebenmorgen: Gezeitenwechsel. Aufbruch zur Entspannungspolitik. Bonn 1990. – Hans-Peter Schwarz: Adenauer. Der Staatsmann: 1952-1967. Stuttgart 1991. – Daniel Kosthorst: Brentano und die deutsche Einheit. Die Deutschland- und Ostpolitik des Außenministers im Kabinett Adenauer 1955-1961. Düsseldorf 1993.

Bild: Hans Kroll, aufgenommen am 23. Januar 1955 in Belgrad. Bildarchiv des Süddeutschen Verlages München.

 

  Matthias Pape

 

 

 

Wünschen Sie Änderungen oder Ergänzungen? Dann schreiben Sie uns dies bitte mit Angabe der betreffenden Person.