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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Lemcke, Hugo

Historiker

* 1835, 05.12.
Pasewalk

† 1925, 08.08.
Stettin

Hugo Lemcke war das zehnte von insgesamt 14 Kindern. Es mag die bäuerliche Herkunft gewesen sein, die Hugo Lemcke zu einer stattlichen, in sich ruhenden Erscheinung werden ließ, von lebens- und kraftvoller Natur sowie scheinbar unerschütterlicher Ruhe und Gelassenheit. Spätere Jahre sollten freilich zeigen, dass in dieser kräftigen Gestalt eine sehr empfindsame und auch verwundbare Seele wohnte. Am „Vereinigten Königlichen und Stadtgymnasium“ in Stettin bestand er, der insbesondere in den klassischen Sprachen brilliert hatte, am 28. September 1855 die Reifeprüfung. Danach studierte er vom Wintersemester 1855/56 an klassische Philologie, Germanistik und Geschichte in Leipzig, Bonn und Greifswald. Am Rhein schloss sich der Student der burschenschaftlichen Bewegung an. Deren nationaler Geist und ihre Vaterlandsliebe sollten Lemcke nicht mehr loslassen. Neben der schon in dem Jungen angelegten Liebe zur pommerschen Heimat, der Gottes- und Nächstenliebe und dem ihm immer eigenen Fleiß, verbunden mit aus Wissensdurst und Gelehrsamkeit gespeister Neugierde, wurde die Liebe zum deutschen Vaterland zu einem Hauptwesenszug Hugo Lemckes.

Wegen eines Fußleidens brauchte Lemcke keinen Wehrdienst zu leisten und entschloss sich nach dem Studium, den Lehrerberuf zu ergreifen. Bis Ostern 1860 unterrichtete er an der Bürgerschule in Bütow. Dort im östlichsten Teil seiner heimatlichen Provinz Pommern, lernte er im Pfarrhaus in Groß Tuchen die Pfarrerstochter Antonie Mathilde Wilhelmine kennen und lieben. Sie heirateten am 5. April 1864 in der Pfarrkirche von Groß Tuchen vor dem Brautvater. Das Paar führte eine glückliche Ehe und durfte nach 60 Jahren gemeinsamen Weges das seltene Fest der Diamantenen Hochzeit feiern.

Beruflich war Lemcke seit Ostern 1860 als Hilfslehrer an seinem alten „Vereinigten Königlichen und Stadtgymnasium“ in Stettin tätig. Das Staatsexamen bestand er am 30. November 1861 in Greifswald. Er unterrichtete fortan die klassischen Sprachen, Deutsch, evangelische Religion, Französisch, Geschichte und Erdkunde. – Hugo Lemcke war mit jeder Faser seines Lebens Lehrer. In seinen jungen Jahren unterrichtete er nebenbei gegen Bezahlung auch an privaten „höheren Töchterschulen“ in Stettin. In seinem Hauptamt an seiner alten Schule wurde er nach der Hilfslehrerzeit 1867 ordentlicher Lehrer, 1872 Oberlehrer, und am 21. März 1877 wurde ihm das Prädikat Professor verliehen. Von 1869 bis 1881 übte er im Nebenamt die Verwaltung der großen und wertvollen Bibliothek seiner Schule aus, die zahlreiche Handschriften und alte Drucke barg. Mit dem Instrument einer wissenschaftlichen Bibliothek arbeitete Lemcke intensiv, was seinen Niederschlag in Programm- und Festschriften fand. Lemcke war ein begnadeter Pädagoge, freilich von großer Strenge, so dass jüngere Schüler ihn fürchteten. Ganz und gar ein konservativer Mann war er in seinen Methoden auch wieder modern. Er bezog die Schüler gesprächsweise stark in den Unterricht ein, und im Geschichtsunterricht legte er großen Wert auf die Heimat- und Landesgeschichte. – 1881 wurde Lemcke Direktor des Stettiner Stadtgymnasiums. Er wurde ein angesehener Schulleiter, der mit starker Hand die ihm anvertrauten Schüler und Lehrer führte, es dabei aber auch keineswegs an überlegener Gelassenheit und Würde fehlen ließ. Dem alten Herrn machte später ein Augenleiden zu schaffen, und am 5. März 1906 trat er in den Ruhestand, aus welchem Anlass ihm der Titel oder der „Charakter“ als Geheimer Regierungsrat verliehen wurde.

Lemcke gehörte von 1875 bis 1882 der Stettiner Stadtverordnetenversammlung an. 1877 wurde der Gemeindevertreter der Kirche St. Jakobi und dort 1892 Kirchenältester, welches Ehrenamt er bis 1906 behielt.

Mit Wirkung vom 16. April 1868 wurde Hugo Lemcke Mitglied der „Gesellschaft für pommersche Geschichte und Altertumskunde“. Damals gab es nur noch 237 Mitglieder. 1873 wurde Lemcke in den Stettiner „Ausschuss“ der Gesellschaft gewählt, also in ihren Vorstand, und am 25. Oktober desselben Jahres übertrug man ihm das Ehrenamt des „Sekretärs“, wie man damals den Vorsitzenden bezeichnete. Mit der ihm eigenen Arbeitskraft und Energie nahm sich Lemcke der neuen Aufgabe an und erreichte einen großen Aufschwung des Vereins. In der Zeit von der Jahrhundertwende bis zum Ende des Ersten Weltkriegs stabilisierte sich die Mitgliederzahl bei etwa 800. Die Mehrzahl wohnte in Stettin und Umgebung und bestand aus Honoratioren. Lemcke führte um 1890 auch Ausflüge der Gesellschaft ein, um sie in der ganzen Provinz bekannt zu machen und für sie zu werben. Nunmehr wurden auch außerhalb Stettins Vorträge und Seminare der Gesellschaft abgehalten. Seit 1874 tagte der Vorstand jeweils rund zehnmal im Jahr. 1875, 1885 und 1911 wurde die Satzung erneuert und zeitgemäß ausgestaltet. Unter Lemckes Vorsitz erschien auch das Jahrbuch der Gesellschaft, die Baltischen Studien, wieder regelmäßig, und neben diesen wurden 1887 die Monatsblätter als Mitteilungsblatt eingerichtet. – 1873 wurde der Gesellschaft im Südflügel des Stettiner Schlosses ein Raum für die Sammlungen und die Bibliothek überlassen, die 1902 in das Staatsarchiv umgezogen wurde. 1913 fanden die Sammlungen ihre Heimat in dem stattlichen städtischen Museumsbau auf der Hakenterrasse. – Es gelang Hugo Lemcke, die beiden Stettiner Tore aus der Zeit König Friedrich Wilhelms I. (1713-1740) wiederherstellen zu lassen. Auch wenn Lemcke sich hauptsächlich als Wissenschaftsorganisator auszeichnete, so legte er auch weiterhin eigene Studien vor und gab in vorbildlicher Weise Quellen heraus. Als Hugo Lemcke im Jahre 1898 auf eine fünfundzwanzigjährige sehr erfolgreiche Tätigkeit als Vereinsvorsitzender zurückblicken konnte, ehrte ihn die Philosophische Fakultät der Universität Greifswald mit der Verleihung der Ehrendoktorwürde. „Seine“ Gesellschaft feierte ihn mit einer Festsitzung und brachte ihm eine Festschrift dar. Auch sein 40-jähriges Jubiläum 1913 wurde würdig und festlich begangen. Diesmal schenkte ihm die Gesellschaft eine von dem Stettiner Bildhauer Franz Wulff gefertigte Büste, die bei der Altertumssammlung ihren Platz fand. Erst am 13. April 1923 legte Hugo Lemcke den Vereinsvorsitz nieder. Als Dank wurde er zum Ehrenvorsitzenden ernannt. – Mit Recht spricht man über seine Zeit des Vorsitzes von 1873 bis 1923 von der „Ära Lemcke“.

Die Rettung, Erhaltung und Sammlung von Bodenaltertümern und Zeugnissen der Ur- und Frühgeschichte Pommerns war eines der großen Herzensanliegen von Hugo Lemcke. 1894 wurde ihm das neu geschaffene Amt des Landeskonservators übertragen, damals ein Ehrenamt, das er bis zu seinem Tod ausübte. Der Landeskonservator bereiste häufig die Provinz, meist in Begleitung seines engen Mitarbeiters Stubenrauch. Verdient machte er sich um die Marienkirche in Bergen auf Rügen, die Marienkirche in Stargard und die Jakobikirche und die Johanniskirche in Stettin. Im Ersten Weltkrieg rette er zahlreiche alte Kirchenglocken vor dem Einschmelzen. Sein Hauptwerk auf diesem Gebiet ist die Reihe Die Bau- und Kunstdenkmäler in der Provinz Pommern, die er 1898 begründete. Insgesamt legte er bis 1919 zwölf Hefte für den Regierungsbezirk Stettin vor – als erster wurde der Landkreis Demmin behandelt – und einen für den Regierungsbezirk Köslin, nämlich die Kreise Bütow und Lauenburg.

Hugo Lemcke war eine bedeutende Persönlichkeit, ein großer Mann. Sein langes Leben lang versuchte er, der pflichtbewusste, fleißige Preuße und Pommer, in Gottesfurcht zu leben und zu handeln. Er liebte seine Heimat Pommern, das königliche Preußen und als lauterer Patriot auch sein deutsches Vaterland.

Werke (Auswahl): Bibliographie seiner 176 Arbeiten in: Hugo Lemcke (Monumenta Pomeranorum, Bd. 1), Stettin 2001, S. 221-231. – siehe besonders: Hartmann von Aue. … Programm des Marienstiftsgymnasiums zu Stettin, 1862. – Fridangi discrecio – Freidanks Bescheidenheit, lateinisch und deutsch, aus der Stettiner Handschrift. Beilage zum Programm des Marienstifts-Gymnasiums, 1867. – Hat Thucydides das Werk Herodots gekannt? … Programm des Marienstifts-Gymnasiums zu Stettin, 1873. – Kalendarium und Nekrolog des Carthäuser-Klosters Marienkron bei Rügenwalde, aus dem liber beneficiorum desselben Klosters …, in: Baltische Studien 26 (1876), S. 116-141. – Die Handschriften und alten Drucke der Bibliothek des Marienstifts-Gymnasiums. Erste Abtheilung, Michaelis-Programm 1879 des Königl. Marienstifts-Gymnasiums zu Stettin. – ders., Germanorum philologos et paedagogos Stetinum convenientes A. MDCCCLXXX.M. Sept. ea qua par est observantia salvere iubent gymnasii Mariani collegae. Inest Reineri Phagifacetus addita versione Sebastiani Branti, recensuit …, 1880. – Albert Gustav Heydemann, in: Zeitschrift für das Gymnasialwesen. – ders., Stettin, Königl. Marienstifts-Gymnasium (1543 bis 1805 Paedagogium, bzw. Gymnasium Academicum), 1805 bis 1869 – Vereinigtes Königl. und Stadtgymnasium, in: Blätter zur Geschichte und Statistik der höheren Schulen in Pommern, besonders in den Jahren 1856-1881, 1881, S. 18-25. – Studierende aus pommerschen und anderen Adelsgeschlechtern auf dem Paedagogium, später Gymnasium Academicum zu Stettin, aufgenommen 1543 und 1576-1665, in: Vierteljahrsschrift für Heraldik, Sphragistik und Genealogie 9 (1881), S. 71-89. – Die älteren Stettiner Straßennamen, gesammelt und erklärt von H. Lemcke, Professor am Königl. Marienstiftsgymnasium, Stettin 1881. – Das älteste Schöffenbuch von Freienwalde in Pommern, in: Baltische Studien 32 (1882), S. 1-72. – Beiträge zur Geschichte der Stettiner Ratsschule in fünf Jahrhunderten. I. Teil: Urkunden, 5 Abteilungen, in: Programm des Stadtgymnasiums zu Stettin 1893, 1894, 1895, 1902, 1904; Liber beneficiorum domus Corone Marie prope Rugenwold 1406-1528 (Quellen zur pommerschen Geschichte, Bd. 5), Stettin 1919. – Die Bau- und Kunstdenkmäler des Regierungsgbezirks Stettin, 3 Bde., bzw. 12 Hefte Stettin. 1898-1919. – Die Bau- und Kunstdenkmäler des Regierungsbezirks Köslin, Bd. 2 Heft 2: Die Kreise Bütow und Lauenburg, Stettin 1911.

Lit.: Martin Wehrmann: Hugo Lemcke (1835-1925), in: Pommersche Lebensbilder, Bd. 1, Stettin 1934, S. 206-274. – Otto Altenburg, Hugo Lemcke. Ein Leben der Arbeit und des Erfolges, hrsg. v. der Gesellschaft für pommersche Geschichte und Altertumskunde, Stettin 1935. – Rembert Unterstell, Klio in Pommern. Geschichte der pommerschen Historiographie 1815-1945 (Mitteldeutsche Forschungen, Bd. 113), Köln-Weimar-Wien 1996, S. 37-47, 62-67. – Dirk Alvermann: Hugo Lemcke als Reorganisator der Gesellschaft für pommersche Geschichte und Altertumskunde im Spiegel seiner Briefe an Karl Theodor Pyl (1874.1885), in: Baltische Studien N. F. 86 (2000), S. 52-70 und mit Zusammenfassung in polnischer Sprache in: Hugo Lemcke (Monumenta Pomeranorum, Bd. 1), Stettin 2001, S. 87-112. – Ludwig Biewer: Hugo Lemcke (1835-1925), Vorsitzender der Gesellschaft für pommersche Geschichte, Altertumskunde von 1873 bis 1923, in: Baltische Studien N. F. 86 (2000), S. 42-51 und mit Zusammenfassung in polnischer Sprache in: Hugo Lemcke (Monumenta Pomeranorum, Bd. 1), Stettin 2001, S. 61-74. – Ders.: Hugo Lemcke und Stettin, in: Stettiner Bürgerbrief 30 (2004), S. 3-15. – Herbert Ewe, Bedeutende Persönlichkeiten Vorpommerns, Weimar 2001, S. 83-88.

Bild: Gesellschaft für pommersche Geschichte, Altertumskunde und Kunst e. V., Sitz Greifswald.

Ludwig Biewer

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