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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Lemke, Elisabeth

Volkskundlerin

* 1849, 05.06.
Rittergut Rombitten, Saalfeld/Ostpr.

† 1925, 11.08.
Zoppot

Elisabeth Lemke wurde als ältestes von zehn Kindern des Rittergutsbesitzers und Landschaftsrats Richard Lemke geboren. Sie genoß eine unbeschwerte Jugend; der Schulunterricht – “zwar kein schlechter, aber ein äußerst trockener” – scheint sie nicht ausgefüllt zu haben, denn weitaus mehr beeindruckten sie die Märchenerzählungen ihrer Mutter sowie anderer Personen ihrer häuslichen Umgebung, derer sie noch am Ende ihres Lebens dankbar gedenkt und die offenbar auch ihr eigenes Talent zur Wiedergabe dieser Geschichten geweckt haben. Sie wuchs in enger Vertrautheit mit den Anschauungen und Gebräuchen der ländlichen Bevölkerung auf, wodurch ihr Sinn für den Wert und die Erhaltung dieser unverwechselbaren Lebensäußerungen geschärft wurde. Ihr Interesse an Botanik, Vorgeschichte und an all den Dingen, die die noch wenig ausgeprägte Disziplin der Volkskunde ausmachen sollten, nahm sie immer mehr gefangen und ließ sie zu einer unermüdlichen Sammlerin von Geschichten, Fakten und Gegenständen werden, die später nochweit über ihre ost- und westpreußische Heimat hinausreichten.

Über die weitere Ausbildung Elisabeth Lemkes und ihre privaten Verhältnisse wissen wir so gut wie nichts; als junges Mädchen weilte sie oft in Danzig, wo die begüterte väterliche Familie ansässig war, wo sie unter anderem Klavierunterricht erhielt und Kontakte zu Künstlern und Gelehrten aufnahm. Die gute familiäre Vermögenslage erlaubte ihr ein für damalige Verhältnisse unkonventionelles “freies” Leben als selbständige Forscherin. 37jährig ging sie 1886 nach Berlin, wo sie noch im selben Jahr die lange Reihe ihrer öffentlichen Vorträge mit einer Schilderung der frühen Steinzeit begann. Es folgten über 200 weitere Vorträge, von denen viele in der (1891 begründeten) Zeitschrift des Vereins für Volkskunde sowie in der Brandenburgia, dem Organ der Gesellschaft für Heimatkunde der Provinz Brandenburg, gedruckt erschienen. Die Themen waren überaus vielfältig: Prähistorisches Kinderspielzeug, Zauberpuppen, Brett- und Steinspiele, Spinn- und Webgeräte, Adventsbräuche, Pflanzenmythologie, Soldatenlieder und sizilianische Backwaren. Dabei wußte sie sehr anschaulich und lebendig zu erzählen, sie “sprang” geradezu mitten ins Geschehen und blieb stets um Allgemeinverständlichkeit bemüht, wobei sie auch unterhaltsame Bonmots nicht scheute und aktuelle Geschehnisse mit einbezog. Sie zeigte eine große Belesenheit und eine sichere Stoffbeherrschung; zu einem Vortrag über “Vorgeschichtliche Töpferei und Ornamentik” legte sie dem Publikum 98 eigenhändige Zeichnungen vor.

In Berlin konnte Elisabeth Lemke sich voll entfalten. Waren schon vorher Hermann Frischbier, Hugo Conwentz (über diesen siehe OGT 1997, S. 116-123) und Alexander Treichel ihre Gewährsleute gewesen, so erweiterte sich jetzt durch die Kontakte mit Instituten, Museen und Vereinen der Hauptstadt ihr Gesichtskreis erheblich. Sie unternahm viele Reisen, die sie bis nach Rußland, Amerika und Nordafrika führten, und kehrte oft mit reicher Ausbeute heim, von der die Museen in Berlin, Danzig, Königsberg und Nürnberg profitierten. Das Märkische Provinzialmuseum in Berlin verlieh ihr als erster Frau 1899 seine Goldene Medaille.

Das eigentliche Arbeitsfeld Elisabeth Lemkes blieb jedoch ihre ostpreußische Heimat, und hier machte sie sich um die Erfassung der mündlichen Überlieferung verdient. Ihre ausgeprägte Gabe, das Zutrauen der einfachen Leute zu gewinnen, erwies sich als überaus hilfreich, zumal sie die Gespräche so einzurichten wußte, daß ihre Partner selbst unaufgefordert erzählten, was sie zu hören wünschte. “Um ein Volk zu verstehen”, so sagte sie, “muß man ihm mit dem Herzen verbunden sein und sein Wohl und Wehe zu dem seinen machen. Das Volk will belauscht und nicht ausgefragt sein, denn das letztere hält es für Plünderung an seinen treu behüteten Überlieferungen, die ein Stück von ihm selbst sind.” In ihr 1884 bis 1899 erschienenes Hauptwerk Volkstümliches in Ostpreußen nahm sie nur auf, was ihr persönlich vom Volk mitgeteilt worden war und entnahm nichts aus anderen Schriften – wohlweislich darauf bedacht, nur Rohmaterial für die Forschung zu bieten. Im 1. Teil des Werks beschreibt sie die Volksbräuche im Jahres- und Lebenslauf sowie im Haus und in der Natur, gibt dazu die – auch heute noch unverwüstlichen – Kinderreime und Abzählverse wieder, um schließlich in einem Glossar die wichtigsten mundartlichen Ausdrücke zu erläutern. Der 2. Teil enthält etwa 125 Sagen und Märchen, während der 3. Teil eine volkskundliche Schilderung von Wohnung, Kleidung und Hausgerät bringt. Zusammen mit den zahlreichen Nachträgen zu Teil 1 und 2 ist hier ein Werk entstanden, das für die Kulturgeschichte Altpreußens eine überragende Bedeutung besitzt, selbst wenn einzelne Beiträge daraus in andere wissenschaftliche Publikationen wie landeskundliche Zeitschriften, dasPreußische Wörterbuch oder die Zeitschrift für Ethnologie Eingang gefunden haben.

Nach dem Ersten Weltkrieg kehrte Elisabeth Lemke in den alten Familien- und Freundeskreis zurück und ließ sich in Oliva bei Danzig nieder. Anläßlich der ersten “Deutschkundlichen Woche” hielt sie am 6. Oktober 1921 in der Aula der Technischen Hochschule in Danzig ihren letzten Vortrag über “Ernstes und Heiteres aus Volkskreisen Ost- und Westpreußens”. Im Alter von 76 Jahren ist Elisabeth Lemke in einem Altersheim in Zoppot gestorben.

Quellen u. Lit.: Elisabeth Lemke: Volkstümliches in Ostpreußen, 3 Teile, Mohrungen/Allenstein 1884–99; unveränd. Nachdr. Hildesheim/New York 1978. – Arno Schmidt: E. L. zum Gedächtnis, Danzig 1928 (Heimatbll. d. Dt. Heimatbundes Danzig, Jg. 5 H. 1, dort Porträt u. S. 20 Schriftenverzeichnis). – Johannes Bolte: E. L. †, in: Zeitschr. d. Vereins f. Volkskunde, Jg. 35/36 (1926), S. 145f. – Altpreußische Biographie, Bd. I (1941, Ndr. 1974), S. 390. – Hugo Rasmus: Lebensbilder westpreußischer Frauen in Vergangenheit und Gegenwart (Quellen u. Darstellungen z. Gesch. Westpreußens, Bd. 22), Münster i. W. 1984, S. 98.

 

Peter Letkemann

 

 

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