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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Levin, Julo

Maler

* 1901, 05.09.
Stettin/Pommern

† 1943
Auschwitz (?)

Ende August 2001 öffnete im Schloß der Pommerschen Herzöge in Stettin eine Ausstellung mit Werken des Malers Julo Levin ihre Pforten. In den folgenden Wochen gab es auch in Deutschland, in Dorsten im Jüdischen Museum Westfalen, in Viersen in der Städtischen Galerie und im Stadtmuseum Düsseldorf weitere Ausstellungen. Im Frühjahr 2002 schloß sich eine umfassende Werkschau im Kunst-Museum Ahlen an.

Wer ist dieser 1901 in Stettin geborene Maler, dem sich in seiner Geburtsstadt und in Nordrhein-Westfalen anläßlich seines 100. Geburtstags gleich mehrere Ausstellungen widmeten?

Julo Levin gehört einer Generation von Künstlern an, die als Juden und oft auch wegen unliebsamer politischer Betätigung von den Nationalsozialisten mit Mal- und Berufsverbot belegt wurden. Viele Künstler dieser so genannten „verschollenen Generation“ fielen ungeachtet ihrer künstlerischen Qualitäten und Talente auch nach 1945 weiterhin dem Vergessen anheim.

Julius „Julo“ Levin wurde am 5. September 1901 in Stettin als drittes und jüngstes Kind geboren. Die Eltern, Emma und Leo Levin, entstammten in Stettin ansässigen jüdischen Familien. Schon früh machte sich bei Julo ein zeichnerisches Talent bemerkbar. Die Familie wünschte allerdings, daß er Kaufmann werde und die Kunst nur in seiner Freizeit betreibe. Diesem Wunsch entsprechend begann Levin bei einer Stettiner Firma eine kaufmännische Ausbildung. Da sein Drang zum Zeichnen blieb, besuchte er abends die Kunstgewerbeschule.

Im Frühjahr 1919 entschied sich Levin endgültig für die Kunst und schrieb sich an der Essener Kunstgewerbeschule (1928 in Folkwangschule umbenannt) ein. Die Schule stand damals im Mittelpunkt der aufblühenden modernen Kunst im Rheinland. Starken Einfluß übte Jan Thorn Prikker, der Leiter der Malklasse, auf Levin aus. Als dieser 1920 an die Kunstgewerbeschule in München wechselte, folgte Levin dem verehrten Professor ein Jahr später nach. Im März 1923 ging Levin mit Jan Thorn Prikker nach Düsseldorf an die Kunstakademie. Zu seinen Lehrern gehörten nun auch Heinrich Campendonk und Heinrich Nauen, bei dem Levin ein Atelier als Meisterschüler hatte.

1926 schloß Levin sein Kunststudium ab. Die im gleichen Jahr in Düsseldorf stattfindende „Große Ausstellung für Gesundheitspflege, soziale Fürsorge und Leibesübungen“, kurz „Gesolei“ genannt, verschaffte ihm einen seiner ersten großen Aufträge. Seine Wandgemälde fielen durch ihre streng vereinfachten geometrischen Linien und Flächen auf und zeigen den Einfluß des Expressionismus im rheinischen Stil.

Die ersten Honorare ermöglichten Levin 1926 einen mehrwöchigen Aufenthalt in Paris, dem damaligen Zentrum der modernen Kunst. Eine weitere Frankreichreise führte ihn im Sommer 1931 mit finanzieller Unterstützung seiner Mutter für mehrere Monate nach Marseille. Aus seinen Briefen spricht die große Begeisterung, mit der er auf die ihm fremde Welt reagierte. Im Hafen begegneten ihm unter anderem Afrikaner und Araber, von denen er viele porträtierte. Levin entdeckte in Südfrankreich eine kraftvolle, farbige Welt, wie er sie in seiner Düsseldorfer Heimat niemals finden konnte. In diesen sechs Monaten entstanden zahlreiche Aquarelle, Ölbilder und Zeichnungen.

Julo Levin gehörte der 1919 gegründeten Künstlergruppe „Das junge Rheinland“ und deren Nachfolgeorganisation „Rheinische Sezession“an. Diese Gruppen organisierten in erster Linie Ausstellungen für ihre Mitglieder, um sie auf diesem Wege einem breiteren Publikum bekannt zu machen. Auch Levin hatte in den Jahren 1927 bis 1933 eine rege Ausstellungstätigkeit. Auf den Jahresausstellungen des „Jungen Rheinland“ von 1927 und 1928 präsentierte er jeweils sieben Werke. Auch nahm er 1928 an der von der „Rheinischen Sezession“ organisierten Ausstellung „Deutsche Kunst“ in Düsseldorf teil. Es folgten Ausstellungen in Berlin und in Nürnberg. Im Jahr 1930 trat Levin der in seiner Heimatstadt Stettin neu gegründeten Künstlergruppe „das neue Pommern“ bei. An der ersten Ausstellung beteiligte er sich mit zwei Ölbildern und drei Aquarellen.

Nach 1933 sahen sich jüdische Künstler ins Ghetto abgedrängt. Nur noch drei Mal konnte Levin seine Werke präsentieren. Im Herbst 1933 stellte er mit anderen Künstlern in Düsseldorf aus. Im Frühjahr 1936 gab es eine Gemeinschaftsausstellung im Jüdischen Museum in Berlin und im Winter 1936/37 konnten einige seiner Arbeiten im Berliner Kulturbundtheater besichtigt werden.

Die meisten seiner Freunde charakterisierten Julo Levin als einen eher scheuen und zurückhaltenden Menschen. Auch wenn er mit dem Judentum und seinem Jüdischsein nicht viel gemein hatte, war er schon vor 1933 durch persönliche Kontakte und Freundschaften mehr oder weniger in die jüdischen Kreise Düsseldorfs eingebunden.

Julo Levin, obwohl nie einer politischen Partei beigetreten, war kein unpolitischer Mensch. Die Anfänge seines politischen Engagements liegen bereits in den 1920er Jahren. Seine Sympathien galten der Kommunistischen Partei. So gehörte er seit 1928 der im selben Jahr gegründeten „Assoziation Revolutionärer Bildender Künstler Deutschlands“, kurz ASSO genannt, an. Seine politischen Aktivitäten bis 1933 fanden seinem Charakter entsprechend ohne großes Aufsehen statt.

Die im Januar 1933 erfolgte Machtergreifung der Nationalsozialisten brachte für Levin in vieler Hinsicht einen tiefen Einschnitt. Seine Nähe und Sympathie zu politisch links stehenden Oppositionellen und zur KPD führte im Juni 1933 zur ersten Verhaftung. Mit ihm wurden weitere Künstler aus seinem Freundeskreis verhaftet, darunter Franz und Mieke Monjau. Die Freundschaft zu den beiden sollte sich in den kommenden Jahren noch sehr bewähren. Nach der Haftentlassung erhielt Levin wie auch andere Künstler ein Mal- und Ausstellungsverbot und damit faktisch ein Berufsverbot.

Da er offiziell nicht mehr malen durfte und somit auch nicht verkaufen konnte, ließ sich Levin zum Schreiner ausbilden. Die Ausbildung erfolgte heimlich bei einem Schreinermeister. Levin glaubte, als Facharbeiter den kommenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten und der zunehmenden gesellschaftlichen Isolierung besser begegnen zu können. Er wird sich der Gefahr, die ihm als jüdischen, den Kommunisten nahestehenden Künstler von den Nationalsozialisten drohte, sicherlich bewußt gewesen sein. Dennoch kam für Levin ein Verlassen Deutschlands, die Emigration, nie in Frage. Er wollte in seiner Heimat bleiben, auch wenn einige Freunde und selbst seine Schwester Else das Land verließen. Ein Abtauchen in die Illegalität schied für ihn ebenfalls aus. Er fühlte sich den Belastungen, die ein Leben im Untergrund mit sich brachte, nicht gewachsen und wollte keine weiteren Personen gefährden.

Von 1936 an arbeitete Julo Levin an der jüdischen Schule in Düsseldorf als angestellter Zeichenlehrer. Auch wenn er diesem Beruf und der Arbeit mit Kindern seit Jahren großes Interesse entgegenbrachte, bereitete ihm der Unterricht viel Kopfzerbrechen. Statt der kindlichen Kreativität und Ausdruckskraft freien Lauf lassen zu können, mußte er sich mit der Einübung technischer Malpraktiken befassen und Schönschrift sowie technisches Zeichnen unterrichten. Als man Levin im März 1938 als Zeichenlehrer verabschiedete, atmete er zwar auf, brauchte aber eine neue Stelle zur Sicherung seines Lebensunterhalts. So wandte er sich an seine Schwester Else. Sie versuchte seit längerem ihren Bruder nach Berlin zu holen. Im April 1938, mit Beginn des neuen Schuljahres, zog Julo dorthin.

In Berlin unterrichtete er bis zur Schließung aller jüdischen Schulen 1941/42 unter anderem an der privaten Jüdischen Waldschule Grunewald und der Theodor-Herzl-Schule. Auch wenn die Notwendigkeit einer festen Anstellung für Levin eine Last war, so zeigen doch die vielen hundert Kinderzeichnungen, die er gesammelt hat, daß er den Kindern kreatives Arbeiten nahebringen konnte und ihnen in seinen Unterrichtsstunden Freiräume für Phantasien, Freude und Sehnsüchte, aber auch für Wut und Ohnmacht bot.

Die Erlebnisse in der Pogromnacht veranlaßten Else Levin, sofort ihre Auswanderung nach England vorzubereiten. Es war ein Abschied für immer. Julo selbst lehnte weiterhin eine Auswanderung ab. Er kümmerte sich nun intensiv um seine auf Drängen der Kinder ebenfalls nach Berlin gezogene Mutter. In seinem vermutlich letzten Ölbild porträtierte er sie in ergreifender Weise, traurig und ohne Hoffnung. Emma Levin wurde im September 1942 nach Theresienstadt deportiert, wo sie Anfang 1944 starb.

Ab Mitte 1942 arbeitete Julo als Hilfsarbeiter für die Jüdische Gemeinde. Seine Schreinerkenntnisse kamen ihm dabei zugute. Zwar hatte die SS alle Häuser der Jüdischen Gemeinde beschlagnahmt und in Gebrauch genommen, doch Reparaturen mußten von Arbeitern der Jüdischen Gemeinde ausgeführt werden. Levin gehörte zu diesen Arbeitern, die für die SS nun Fenster und Türen reparierten.

Zu dieser Zeit gab es wieder Kontakte zwischen Julo Levin und Mieke Monjau. Mit großem Mut stand sie Julo und anfangs auch seiner Mutter zur Seite. Ihrem Einsatz ist die Rettung vieler Bilder, Aquarelle und Zeichnungen zu verdanken. Levin hatte sie nie um Hilfe gebeten, schon deshalb nicht, weil die Gefahr für Mieke zu groß war. Sie ließ Bilder unter ihrem Namen bei einem Spediteur aufbewahren, brachte andere zu Freunden nach Thüringen und zu Fischern an die Ostsee. Doch manches verschwand durch Diebstahl, wurde von Mäusen angefressen oder verbrannte bei Luftangriffen. Aber vieles konnte gerettet werden.

Am 7. Mai 1943 verhaftete die Gestapo Julo Levin in seiner Wohnung. Zehn Tage später, am 17. Mai, erfolgte seine Deportation nach Auschwitz. Hier verliert sich seine Spur.

Die bis auf den heutigen Tag anhaltende Erinnerung an Julo Levin verdanken wir in erster Linie Mieke Monjau. Die Schicksale ihres in Buchenwald ermordeten Mannes Franz und des gemeinsamen Freundes Julo sollten Mieke Zeit ihres Lebens nicht mehr loslassen. Mit den nach dem Krieg verbliebenen Werken der beiden Maler organisierte sie seit 1946 zahllose Ausstellungen. Heute können die wichtigsten Werke Julo Levins im Stadtmuseum Düsseldorf besichtigt werden.

Lit.: Verjagt, ermordet. Zeichnungen jüdischer Schüler 1936–1941. Hg. vom Stadtmuseum Düsseldorf. Ausstellungskatalog, Düsseldorf 1988. – Julo Levin 1901–1943. Monographie und Werkverzeichnis. Hg. von Annette Baumeister. Mit Beiträgen von Annette Baumeister u.a., Köln 2001. – Sigrid Kleinbongartz: Biographischer Abriss, in: Julo Levin 1901–1943. Monographie und Werkverzeichnis. Hg. von Annette Baumeister, Köln 2001, S. 8–32. – Sybil Milton: Julo Levin und sein Düsseldorfer Freundeskreis, in: Verjagt, ermordet. Zeichnungen jüdischer Schüler 1936–1941, Düsseldorf 1988, S. 38–50. – Mieke Monjau: Meine Erinnerungen an Julo Levin und Franz Monjau und die Geschichte der Schülerzeichnungen, in: Verjagt, ermordet. Zeichnungen jüdischer Schüler 1936–1941, Düsseldorf 1988, S. 33–34.

Bild: Jüdisches Museum Westfalen.

Thomas Ridder

 

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