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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Lewald, Fanny

Schriftstellerin, Frauenrechtlerin

* 1811, 24.03.
Königsberg i.Pr

† 1889, 05.08.
Dresden

Es war schrecklich: Handarbeiten, Klavier spielen, ein bisschen in alten Schulbüchern blättern – so hatte der Vater ihren Tagesablauf geregelt, streng nach einem vorgegebenen Stundenplan. Sie hatte es satt. War es nicht entwürdigend, nur, weil sie als Mädchen auf die Welt gekommen war, sich reglementieren lassen zu müssen, bis vielleicht irgendwann einmal ein Mann auftauchen würde, der ihrem tristen Leben im Elternhaus ein Ende machen würde? Fanny Lewald wollte es nicht mehr ertragen: Durch einen Zufall wurden ihre ersten Schriften veröffentlicht, und schnell hatte sie sich einen Namen als Schriftstellerin gemacht. Besonders setzte sie sich für die Verbesserung der Mädchenbildung und das Recht der Frau auf eine eigene Berufsausbildung ein – Anliegen, die sie in den Mittelpunkt ihres literarischen Schaffens stellte. Wenn ihre Arbeit auch nur ein Anstoß sein konnte, so hatte sie doch dieses Ziel erreicht – und sie selbst war aus ihrem engen häuslichen Kreis, den sie als Gefängnis empfand, ausgebrochen, verdiente ihr eigenes Geld und konnte über ihr Leben selbst bestimmen: Sie hatte es geschafft!

Fanny wurde am 24. März 1811 als erste Tochter von David und Zipora Marcus in Königsberg geboren. Mit 13 Jahren verließ Fanny die Privatschule, als diese wegen einer Cholera-Epidemie schließen musste. Von nun an wurde das Leben des hochbegabten Mädchens von einem strikten Stundenplan geregelt, der vor allem Handarbeiten, Klavier spielen und die Wiederholung von altem Unterrichtsstoff enthielt. An eine höhere Schulbildung oder ein Studium, wie es ihre jüngeren Brüder aufnehmen durften, war nicht zu denken, und schon bald begehrte Fanny innerlich gegen die Ungleichbehandlung von Mädchen auf.

1831 legte ihr Vater, der Kaufmann David Marcus, den jüdischen Familiennamen ab und ersetzte ihn durch den Namen Lewald. Fanny ließ sich taufen, ohne innerlich vom Christentum überzeugt zu sein.

Nach einer unglücklichen Liebe widersetzte sie sich erfolgreich einer von den Eltern arrangierten Ehe: Sie wollte ein unabhängiges Leben führen. Der Zufall kam Fanny Lewald zu Hilfe, als ihr Onkel August Lewald, Herausgeber der Zeitschrift „Europa“, ohne ihr Wissen Teile ihrer Briefe mit Reisebeschreibungen veröffentlichte. Die Texte erregten Aufsehen, und neue Artikel wurden bei ihr in Auftrag gegeben. Bestätigt durch die Anerkennung dafür, veröffentlichte sie 1843 mit großem Erfolg zwei Romane (Clementine und Jenny): In kürzester Zeit wurde sie zu einer der gefragtesten Schriftstellerinnen ihrer Zeit; jetzt verfasste sie einen Aufsatz, einen Artikel, einen Roman nach dem anderen. Besonders beschäftigte sie die Lage der jungen Mädchen – sie schrieb sich ihre Gedanken von der Seele, verarbeitete, was sie in ihrer Jugend, die sie als „Leidensjahre“ bezeichnete, gequält hat. In ihren Schriften fordert Fanny die Verbesserung der Mädchenbildung und das Recht der Frau auf eine eigene Berufsausbildung. Radikal bezeichnet sie die „höheren Töchter“ als Sklavinnen ihres Standes, und vehement tritt sie in ihren Schriften für deren „Befreiung“ ein. So heißt es beispielsweise: „Man weinte über Onkel Tom in seiner Hütte, und sagte einer Tochter die vielleicht ein medicinisches Genie oder ein großes kaufmännisches Talent war: Du strickst Strümpfe, Du lernst den Haushalt führen; Du bekommst Unterricht, der so weit langt, dass Du einsehen kannst, was für Dich wünschenswert und zu erreichen wäre, wenn man es Dir möglich machte, Deine Fähigkeiten zu entwickeln, aber entwickeln darfst Du sie nicht – denn Du bist ein Weib. Du brauchst Dich aber darüber nicht zu beklagen, es ist Dein Beruf. So lange ich lebe, gebe ich Dir auch Obdach, Kleidung und Nahrung; findet sich jemand, der Dich haben will, so gebe ich Dich dem, der Dir auch Obdach, Kleidung und Nahrung geben wird; und wenn nicht – wenn ich sterbe und es hat sich Niemand gefunden, der sich mit Deiner Ernährung belasten will – nun? – Nun? So fragten auch die Frauen; und als Antwort erfolgte dann stets ein geseufztes: Nun! So hast Du ja Allerlei gelernt und wirst Dir schon helfen! – Aber wie? Aber womit? Aber was habe ich denn gelernt?“

Fanny Lewald und ihren Ideen kamen an. Sie konnte von dem Ertrag ihrer in enormer Auflagenhöhe erscheinender Romane und den Honoraren für ihre Artikel gut leben, und allmählich wurde sie als Frauenrechtlerin gleichermaßen wie als Schriftstellerin bekannt. Im Februar 1845 bezog sie eine eigene Wohnung in Berlin – als äußeres Zeichen ihrer inneren Selbstständigkeit.

Auf einer Italienreise lernte sie im gleichen Jahr den Literatur- und Kunsthistoriker Adolf Stahr kennen. Er war verheiratet und Vater von fünf Kindern, aber sie verliebte sich in ihn, nachdem sie lange vergeblich versucht hatte, sich ihre Gefühle für ihn aus dem Kopf zu schlagen. Umgekehrt blieb auch Fanny Adolf Stahr nicht gleichgültig: Der Blaustrumpf faszinierte ihn, und er hielt den Kontakt zu Fanny Lewald, die sich zunächst nicht auf eine scheinbar aussichtslose Liebe einlassen wollte. Als Stahr Ende 1852 nach Berlin zog und seine Familie in Jena zurückließ, willigte seine Frau in die Scheidung ein. Am 6. Februar 1855 heirateten Fanny Lewald und Adolf Stahr – fast zehn Jahre lang hatten sie um ihre Liebe gekämpft.

In die Zeit ihrer Ehe fiel Fannys Hauptschaffensperiode. Sie engagierte sich unter vielem anderen im sozialen Bereich; zudem unterhielt sie einen literarischen Salon, dessen berühmtester Gast der junge Fontane war.

Nach einer Lungenentzündung Stahrs verließ das Ehepaar Berlin und reiste nach Wiesbaden. Doch der erhoffte Genesungseffekt durch Badekuren in den heißen Quellen blieb aus; im Gegenteil, Stahrs Krankheit verschlimmerte sich nach einer schweren Erkältung noch weiter – er starb am 3. Oktober 1876. Fanny verließ nach dem Begräbnis fluchtartig die Stadt und nahm in Berlin ihr altes Leben auf; reiste und schrieb.

Das Alter forderte auch von ihr seinen Tribut, und in ihren letzten Jahren hatte Fanny stark mit asthmatischen Beschwerden zu kämpfen. Sie starb am 5. August 1889 in Dresden, wo sie Heilung gesucht hatte. Ihrem Wunsch entsprechend fand sie ihre letzte Ruhestätte an der Seite ihres Gatten in Wiesbaden.

Fanny Lewalds Romane sind heute vergessen, aber ihr Leben bleibt beispielhaft: Sie hat Emanzipation verwirklicht; und es war ihr gelungen, mit ihren Schriften zur Frauenfrage entscheidend dazu beizutragen, dass sich die Lage der Frauen allmählich verbessern konnte.

Lit.: Fanny Lewald, Für und wider die Frauen. Vierzehn Briefe. Berlin 1870. Daraus Zitat: „Man weinte über Onkel Tom …“, S. 14 f. – Renate Möhrmann, Die andere Frau. Emanzipationsansätze deutscher Schriftstellerinnen im Vorfeld der Achtundvierziger-Revolution, Stutt­gart 1977. – Brigitta van Rheinberg, Fanny Lewald. Geschichte einer Emanzipation. Eine historische Biographie unter besonderer Berücksichtigung des Emanzipationsgedankens, Diss. München 1987. – Eva Wodarz-Eichner, „Ich will wirken in dieser Zeit…“ – Bedeutende Frauen aus acht Jahrhunderten. 52 Kurzbiographien, Bonn 2. Auflage 2008, S. 207-210.

Bild: Archiv der Kulturstiftung.

Eva Wodarz-Eichner

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