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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Liebhardt, Hans

Schriftsteller

* 1934, 30.01.
Großpold/Apoldul de sus bei Hermannstadt/ Sibiu


Kein anderer rumäniendeutscher Autor ist von der Wende nach Ceauşescus Sturz und Hinrichtung so kalt erwischt worden wie Hans Liebhardt, der 10 Jahre lang, von 1970 bis 1980, Leiter der deutschen Fernsehsendung und – im Zuge der Quote für die nationalen Minderheiten – einer der stellvertretenden Direktoren des rumänischen Fernsehens war.

In dieser Zeit hat Liebhardt unglaublich viel auf die Beine gestellt was die Bekanntmachung der Kultur und Geschichte der Rumäniendeutschen anbelangt. Er hat unter anderem rumäniendeutschsprachige Theateraufführungen publik gemacht, Chöre und Tanzgruppen gefördert, Berichte aus der fast 900-jährigen Geschichte der Siebenbürger Sachsen und der 300-jährigen der der Banaten Schwaben sowie anderer rumäniendeutscher Siedlergruppen gebracht und nicht zuletzt sich tatkräftig und wortgewaltig für die rumäniendeutsche Literatur in der regelmäßigen Rubrik Bücher und Bilder eingesetzt, in der er undogmatisch und mit einem erstaunlichen Weitblick vor allem auch jungen Autoren ein wohlwollendes auch zu Experimenten ermunterndes Forum bot.

Vorher hatte er als Kulturredakteur von 1959 bis 1970 im „Neuen Weg“ der landesweiten Tageszeitung der Rumäniendeutschen gearbeitet und sich da besonders um die Förderung der rumäniendeutschen Kurzgeschichte verdient gemacht, die er dann auch in zwei bis heute Maßstäbe setzenden Anthologien Worte und Wege (1970) und Worte unterm Regenbaum (1973) bekannt machte.

Hans Liebhardt wurde am 30. Januar 1934 geboren in der siebenbürgisch-sächsischen Großgemeinde Großpold/ Apoldul de sus, 18 km von Hermannstadt/ Sibiu als Sohn von Landlern, das heißt als Nachkomme von Protestanten, die Kaiserin Maria Theresia aus dem Salzburger Land, der Steiermark und Kärnten nach Siebenbürgen, dem habsburgischen Sibirien, verbannt hatte. Seine Kindheit und frühe Jugend verbrachte der früh Verwaiste bei seinen Großeltern in Großpold, um dann das deutsche pädagogische Gymnasium, das „Päda“, die deutschsprachige Lehrerbildungsanstalt in Schässburg/ Sighisoara zu besuchen, wo er Klassenkollege des auch im Westen bekannten rumäniendeutschen Autors Dieter Schlesakwar, der heute als Rentner zurückgezogen in Stuttgart und in Camaiora bei Pisa lebt und schreibt.

Nach Abschluss der Lehrerausbildung besuchte Hans Liebhardt die „Poetenfabrik“ die fabrica de poeti, das Mihail Eminescu Literaturinstitut von 1954-1959, in dem Rumäniens zukünftige Literaten nach dem Muster des Maxim Gorki Instituts für Literatur in Moskau herangebildet wurden. In der „DDR“ besorgte dies das Johannes R. Becher Literaturinstitut in Leipzig.

Hans Liebhardt, der schon als Schüler in Großpold bei Schulveranstaltungen durch Dramatisierungen vonVolksbüchern, wie Genoveva, auf sich aufmerksam machte, entwickelte durch sein Studium und die darauffolgende Tätigkeit als Kulturredakteur beim „Neuen Weg“ eine durch vor allem die heimatliche Umwelt veranschaulichende, lyrisch getönte Erzählweise, seinen eigenen Stil. In seinen stark autobiographisch gefärbten Andresi Weißkircher Geschichten erreicht seine Erzählkunst ihren Gipfel. Diese Geschichten mit einer unerwartet subjektiv lyrischen und gleichzeitig auch distanziert ironischen Sicht auf die Verhältnisse in Siebenbürgen der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg bildeten in der fortschreitenden Entwicklung des Protagonisten Andresi Weißkircher – ein alter ego des Autors – eine Art Entwicklungsroman in Geschichten: Träume und Wege,Die drei Tode meines Großvaters, Immer wieder Weißkircher. Sie bilden wie auch die Literaturkritikerin Olivia Spitidon in ihrem Standardwerk Untersuchungen zur rumäniendeutschen Erzählliteratur der Nachkriegszeit, Igel Verlag Wissenschaft Oldenburg 357, S. 2002 findet, einen ersten originellen Höhepunkt der rumäniendeutschen Nachkriegsprosa mit zeitgenössischem Bezug.

Weniger glücklich war Hans Liebhardt mit seiner unnötigerweise in einem Band gesammelten Lyrik, wie der Literaturkritiker Emmerich Reichrath in seiner Rezension „Viele Verse und keine Poesie. Der blanke Dilettantismus. Anmerkungen zu Hans Liebhardts Gedichtband ‚Goldener Traum‘, in der „Woche“ vom 25. Juli 1985 pointiert formulierte.

Besonders grotesk mutet aus Hans Liebhardts lyrischer Apotheke sein Huldigungsgedicht auf Elena Ceauşescu an, das einmalig in der deutschen Literatur sein dürfte, wo nicht der Diktator, sondern dessen „bessere Hälfte“ gefeiert wird. Die rumäniendeutsche Literaturkritik, deren mitunter hartzüngige Verurteilungsrhetorik den gesamten deutschen Sprachraumschon öfter in Erstaunen versetzte, hat es sich auch diesmal nicht nehmen lassen, unter der Ägide von Aktionsgrüpplern des Banat eine Serie Anthologie der Schande – eine ebenfalls einmalige Sammeltätigkeit im gesamten deutschen Kulturraum – in der Halbjahreszeitschrift für südosteuropäische Geschichte, Literatur und Politik AGK Verlag Ippesheim/ heute Dinklage 1995, zu veröffentlichen. Hier durfte natürlich Hans Liebhardts Elena Ceauşescu Groteske nicht fehlen. Sein Gedicht „Ehrung“ erhebt Elena Ceauşescu zur Faustin und Liebhardt teilt – im Zuge der sozialistischen Planwirtschaft – diesmal Faust nicht das blutjunge Gretchen zu sondern das blutige Lenchen Ceauşescu. „Es ist nicht leicht/ in die Wissenschaft einzudringen/ in alles, was die Welt/ im Innersten zusammenhält“„Elena Ceauşescu hat/ die Geheimnisse der Wissenschaft entdeckt/ und den Schlüssel zur Seele des Menschen./ …“

Zu Recht wird heute Hans Liebhardt diese Odengroteske vorgehalten, da er hier die Grenzen des guten Geschmacks weit hinter sich ließ. Hans Liebhardt hat sich entschuldigt, indem er auch auf die Umstände in einer alles kontrollierenden Diktatur hinwies, die ihn zu diesem „Versprechen“ verführten. Andere rumäniendeutsche Literaten haben noch nach Ceauşescus Kulturrevolution vom Juli 1971, als er endgültig Schluss machte mit seiner kurzen liberalen Phase von 1965-1971, noch in der rumäniendeutschen Presse vollmundig kundgetan, dass sie glücklich seien, nur den Ceauşescu-Sozialismus erleben zu dürfen, ohne die vorhergehende Ausbeutergesellschaft. Richard Wagner hat noch 1981 in einer in der DDR im Volk und Welt Verlag erschienenen Anthologie rumäniendeutscher Lyrik, von Peter Motzan zusammengestellt, Der Wind stöbert in den den Blättern, gefordert, jede literarische Äußerung müsse marxistisch sein. Dies klingt noch viel grotesker, da Marx in der Nachfolge des deutschen Idealismus, sich gegen jeden „ismus“ wandte, er auch behauptete, selber kein Marxist zu sein, da sein Denken kein „ismus“ sei, sondern eine Anleitung zum Handeln. Auch in dieser Hinsicht offenbart sich mitunter in der rumäniendeutschen Literatur ein allgemeines deutsches Verhängnis, manchmal päpstlicher zu sein als der Papst selbst, als rumäniendeutscher Salonmarxist marxistischer als Marx selbst sich zu gebärden. Gerade auch in dieser Hinsicht ist die rumäniendeutsche Literatur eine Fundgrube gesamtdeutscher Befindlichkeiten und gleichzeitig auch ein einmaliger Vergleich zwischen deutscher, rumäniendeutscher, rumänischer und auch ungarischer Mentalität, die im Laufe von fast 900 Jahren des Zusammenlebens die erstaunlichsten Früchte, süße, bittere, am häufigsten jedoch wohl bittersüße gezeitigt hat.

Der heute 75-jährige Hans Liebhardt arbeitet noch regelmäßig bei den weitergeführten wöchentlichdeutschsprachigen Fernsehsendungen mit seinen festen Rubriken Bukarester Geschichten undBücher und Bilder. Er hilft auch regelmäßig beim Erscheinen der Allgemeinen Deutschen Zeitung für Rumänien, fördert junge Autoren bis hin zur Herausgabe von Anthologien und dies in den schwierigen Bedingungen der Nachwendezeit. Desgleichen übersetzt er ins und aus dem Rumänischen und ist einer der Stützen der Reschitzaer Deutschen Kulturveranstaltungen, einem jährlich stattfindenden Treffen rumäniendeutscher Kulturschaffender inReschitza/ Resita im Banater Bergland, das sich seit der Wende zu einer Institution der verbliebenen Rumäniendeutschen, nicht zuletzt auch dank Hans Liebhardts Beteiligung, gemausert hat.

Selten ist heutzutage ein deutschschreibender Autor noch so rüstig und kreativ und vor allem erhaltend und aufbauend, wie dies bei Hans Liebhardt der Fall ist, in dem einzigartigen Phänomen der fünften deutschen Literatur, der Literatur einer kleinen Minderheit – inzwischen nur noch mit 60.000 Seelen –, die sogar die große Literatur eines ganzen Landes – die der DDR – überlebt hat, ja in Würdigung aller Umstände kann man sagen, bravourös überlebt hat.

Bild: Archiv des Verfassers.

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