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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Lohenstein, Daniel Casper von (eigentlich Daniel Casper)

Schriftsteller

* 1635, 25.01.
Nimptsch/Schlesien

† 1683, 28.04.
Breslau

Daniel Casper, so sein bürgerlicher Name, gilt nicht nur (zus. mit Hofmann von Hofmannswaldau) als Haupt der sogenannten zweiten schlesischen Dichterschule, sondern als der glanzvollste und vielseitigste Vertreter der schlesischen Barockdichtung, ja, als Krönung dessen, was man als literarischen Hochbarock bezeichnet. Er trat als Dramatiker die Erbschaft von Andreas Gryphius an, mit seinen Trauerspielen, schrieb als Epiker den meistgenannten Roman des Jahrhunderts, seinen Arminius, komponierte als Lyriker formglatte und bildstarke Gedichte. Sein bürgerlicher Familienname ist Daniel Casper. Den Adelstitel „von Lohenstein“ erhielt sein Vater, Zolleinnehmer und Ratsmann zu Nimptsch im Fürstentum Brieg im Jahre 1670. Der junge Lohenstein besuchte das Magdalenengymnasium in Breslau, studierte die Rechtswissenschaften in Leipzig und später in Tübingen, wo er 1655 die Doktorwürde erwarb. Es folgte die Gelehrtentour nach der Schweiz, ins Rheinland und nach Holland, wo er sich in Utrecht und Leyden aufhielt und (wie vor ihm Gryphius) mit der niederrheinischen Volksbühne bekannt wurde. Von einer nach Italien geplanten Reise kehrte wegen akuter Pestgefahr in Graz um, und erst nach einer Reise durch Ungarn, auf der er mit der türkisch-orientalischen Welt in Berührung kam, kehrte er heim. Er heiratete 1657 Elisabeth Herrmann, eine Breslauer Bürgerstochter, eröffnete eine Anwaltspraxis, die er 1668 aufgab, als er, in den Diensten des Fürstentums Oels, Regierungsrat wurde. 1670 trat er in den Dienst der Stadt Breslau, wirkte mehrere Jahre als Mitglied des Breslauer Senats, wurde schließlich dessen Syndikus und wegen seiner diplomatischen Fähigkeiten und Verdienste, vor allem bei den Verhandlungen mit dem Wiener Kaiserhaus, zum Protosyndikus und kaiserlichen Rat ernannt. Wenn Casper, für seine Zeitgenossen noch der Euripides der deutschen Bühne, ein Jahrhundert später in Vergessenheit geriet und dem heutigen Leser fremd ist (trotz der Wiedergeburt, die der Literaturbarock in den 1920er und 30er Jahren erlebte und immer noch erlebt, mit Gesamtdarstellungen, neuen Werkausgaben und immer neuen Anthologien), so liegt das wohl daran, daß die deutsche Aufklärung (und die aus ihr erwachsende deutsche Klassik und Romantik) gerade Casper als negatives Beispiel einer ganzen Epoche darstellte, als Bombast, Schwulst, übersteigertes Pathos verurteilte, ein Urteil, das erst in jüngster Zeit, nicht ohne philologische Mühe, revidiert werden konnte.

Das erste Drama, das Casper mit 15 Jahren schrieb, „Ibrahim Bassa“, nach dem Vorbild des letzten Romans der Madelaine de Scudery, war ein Märtyrerdrama um die Figur des Feldherrn des Sultans Soliman; ihm folgte 1656 mit „Cleopatra“ das erste von Caspers Frauendramen. Neu ist hier der dämonische Frauencharakter, die Darstellung des Machtweibes, das die Mittel kennt, mit denen es die Männer mit zielbewußter Folgerichtigkeit in seine Abhängigkeit bringt. Die Frauentragödien „Agrippina“ und „Epicharis“ (beide 1665 gedruckt) bewegen sich in der dekadenten, anarchischen Welt des römischen Kaisertums, zwei Nero-Dramen. Das letztere wurde 1979/80 vom Kölner Schauspielhaus mit großem Erfolg wiederaufgeführt. In dem 1673 gedruckten, dem Wiener Kaiserpaar gewidmeten zweiten Türkendrama, „Ibrahim Sultan“, ist noch einmal die türkisch-heidnische Gegenwelt, in ihrer sittlichen Verworfenheit, als ein Schreckbild, eine Mahnung vor der Gefahr mit grellen Farben heraufbeschworen. Die 1680 verlegte „Sophonisbe“ schließlich beherrscht ihren Gatten und dessen Gegenspieler, den Numiderkönig Massinissa, der, zwischen Vernunft und Begierde hin- und hergerissen, sie am Ende verrät und in den Tod treibt.

Nicht weniger bedeutend ist Caspers achtzehnbändiger (!), unvollendeter Monumentalroman „Arminius“ (vollständiger Titel: „Großmütiger Feldherr Arminius oder Herrmann nebst seiner Durchlauchtigen Thusnelda in einer Staats-, Liebes- und Heldengeschichte“), der ab 1689 erschien (neu hrsg. 1973) und dessen Achse die Antithese: Germanien gegen Rom, Einfachheit und Freiheit gegen Falschheit und Knechtschaft, Natur gegen Entartung ist. Bei aller Buntheit des Weltbildes, das hier in üppigsten Farben ausgemalt wird, geht es um Moral und Bewährung der Tugend, worunter die stoische Haltung zu verstehen ist, mit der man die Leidenschaft bezwingt, dem unabänderlichen Schicksal sich fügt mit Würde und Weisheit, geht es darum, ein Vorbild aufzurichten. Dabei werden Vergangenheit und Gegenwart vermischt, Mythos und Geschichte, treten neben zahllose germanische und antike Helden und Heroen eine Anzahl Schlüsselfiguren: Luther und Kaiser Karl V., Rudolf v. Habsburg und Maximilian I., Leopold I., Wilhelm von Oranien und Gustav Adolf in dem gigantischen, notwendig zum Scheitern verurteilten Riesenwerk eines großen Dichters und Gelehrten, mit dem Casper parallel zum Welttheater des Barock einen enzyklopädischen Weltroman schreiben wollte. Casper ist, in seiner Übersteigerung, an die Grenzen des Möglichen gegangen, so daß man in seinem Schaffen die barocke Höhe zu sehen berechtigt ist, hat aber gleichzeitig vorbereitend gewirkt und Schule gemacht, die deutsche Verssprache (des Dramas) von der Prosa (des Romans abgehoben, einen Grundstein zur Dichtersprache  dees 18. Jhs. gelegt (über Haller und Klopstock bis hin zum jungen Schiller) und für eine bestimmte Seelenlage (die auch wieder unsere ist) dauerhafte Ausdrucksformen geschaffen.

Werke: Sämtliche Trauerspiele, hrsg. v. G. G. Just, BLV (Bibliothek des literarischen Vereins in Stuttgart) 292-94, 1953-57; Gedichte, Auswahl v. G. Henninger 1961.

Lit.: K. Müller, Beiträge zum Leben und Dichten L. s, 1882; O. Muris, Technik und Sprache in den Trauerspielen v. L., Diss. Greifswalde 1911; H. Müller, Studien über die Lyrik L.s, Diss. Greifswalde 1921; W. Martin, Der Stil in den Dramen L.s, Diss., Leipzig 1927; L. Laporte, L.s „Arminius“, 1927; M.-O. Katz, Zur Weltanschauung D. C. v. L.s, Diss. Breslau 1933; M. Wehrli, Das barocke Geschichtsbild in K.s „Arminius“, 1938; F. Schaufelberger, Das Tragische in L.s Trauerspielen, 1945; H. Jacob, L.s Romanprosa, Diss. Bln. 1949; K. G. Just, Die Trauerspiele L.s, 1961; E. Verhofstadt, Brügge 1964; G. E. P. Gillespie, L.’s Historical Tragedies, Columbus 1966; W. Voßkamp, Zeit- u. Geschichtsauffassung im 17. Jh. bei Gryphius und Lohenstein, 1970; D. Kafitz, L.s Arminius, 1970; B. Asmuth, 1971; ders. L. u. Tacitus, 1971; G. Pasternack, Spiel u. Bedeutung, 1971; K.-H. Mulagk, Phänomene des politischen Menschen, 1973; Bibliographie: H. v. Müller (in: Werden u. Wirken, Festschrift für K. Hiersemann, 1924).

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