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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Lohmeyer, Hans Albert

Oberbürgermeister von Königsberg

* 1881, 23.06.
Thorn/Westpr.

† 1968, 28.02.
Berlin

Hans Lohmeyer (1881-1968) war der letzte demokratisch gewählte Oberbürgermeister von Königsberg, der Hauptstadt Ostpreußens. Er war in Thorn, der Kopernikus-Stadt, geboren, hatte in Freiburg im Breisgau, Berlin und Breslau Rechts- und Staatswissenschaften studiert und war von 1914 bis 1919 Stadtrat in Berlin-Schöneberg. Mit nur fünf deutschnationalen Gegenstimmen wurde er am 28. Juli 1919 von den Königsberger Stadtverordneten als 13. Oberbürgermeister der Stadt Königsberg seit Erlass der Stein’schen Städteordnung gewählt und trat am 4. August sein Amt an.

Königsberg verdankt Lohmeyer seine wirtschaftliche und kulturelle Aufwärtsentwicklung nach dem Weltkrieg in den 1920er Jahren. Die Stadt, die er noch gar nicht kannte, nahm er mit seiner in Berlin gesammelten Erfahrung in den Blick und regte auf allen Gebieten wegweisende Reformen an. Als er am Tage seiner Amtsübernahme eine Rundfahrt durch die Stadt unternahm, traf er Arbeiter am Königstor an, die den Auftrag hatten, dieses Tor abzureißen, um Platz für Mietskasernen zu schaffen. Sofort stoppte er die Arbeiten und begann mit Unterstützung von Gartendirektor Ernst Schneider (1874-1964), den er aus Posen berufen hatte, Schritt für Schritt das Festungsgelände, das die Stadt 1913 gekauft hatte, in Grünanlagen in Verbindung mit dem Schlossteich und dem Oberteich umzuwandeln. Eine Entscheidung, die ihm die Königsberger, und auch heute noch die Kaliningrader herzlich danken.

Die Stadt widmete sich dem Ausbau des Hafens, baute mit dem Flughafen Devau einen der ersten Flughäfen Deutschlands und erwarb Land, innerhalb und außerhalb ihrer Grenzen. Durch den Versailler Friedensvertrag von 1919 war Ostpreußen mit seiner Hauptstadt vom Reich durch den Weichselkorridor abgeschnitten. Lohmeyer versuchte mit Erfolg, durch die Einrichtung einer Messe diesen Nachteil zu beheben. Aus bescheidenen Anfängen im September 1920 gewann die Ostmesse von vornherein Gewicht, weil Reichspräsident Ebert sie persönlich eröffnete. Die Stadt stellte das Gelände, das Reich und Preußen beteiligten sich an der Finanzierung; noch während der Inflation wurden durch den Architekten Hans Hopp (1890-1971) sieben Messehallen errichtet. Die Messe florierte derart, dass die Bauten bald erweitert werden mussten. Ergänzt wurde die Ostmesse durch den Seedienst Ostpreußen, eine beliebte Personen- und Frachtverbindung aus dem Reich über die Ostsee nach Ostpreußen ab 1922.

Schnell beteiligte sich auch das Ausland an der Ostmesse. Bald waren Schweden, Finnland, die Sowjetunion, Estland, Lettland, Polen, Ungarn und die Türkei regelmäßig vertreten. Königs­bergs Mittlerrolle für den Osteuropahandel war anerkannt. Zudem erkannte Lohmeyer schon früh, dass für den Russlandhandel der Partner des deutschen Kaufmanns ein sowjetisches staatliches Amt, eine Handelsvertretung, sein würde. So setzte sich die Ostmesse als einzige deutsche Messe neben der Leipziger durch und wurde 1932 in die Union der Internationalen Messen aufgenommen.

Eine besonders glückliche Hand hatte der Oberbürgermeister mit den Finanzen. Im Mai 1921 gründete er die Stadtbank im Erdgeschoss der ehemaligen Börsenhalle, die ihr Geschäft schnell erweiterte, so dass bereits 1923 das ganze Haus und ein Nachbarhaus erforderlich waren. Für den Kauf der Festungsanlagen 1913 hatte sich die Stadt hoch verschuldet. Die Inflation jedoch zehrte die Schulden gegenüber dem Militärfiskus auf. So kam es, dass eines Tages Lohmeyer die restlichen 28 Millionen Mark persönlich aus seiner Brieftasche bezahlte.

Der Bau eines Nordbahnhofs war am Widerstand der Cranzer Bahn gescheitert. So brachte Lohmeyer die Bahn durch einen Makler, der 51% der Aktien aufkaufte, in städtischen Besitz, und der neue, durch den Architekten Martin Stallmann errichtete Nordbahnhof, noch heute eine Zierde der Stadt, wurde 1930 fertig. Er trat als Kopfbahnhof an die Stelle der beiden Kopfbahnhöfe der Ostbahn und der Südbahn, die weiter für den Güterverkehr genutzt wurden. Als neuer Durchgangsbahnhof wurde im Süden der Stadt, im Sichtfeld der Haberberger Kirche, der Hauptbahnhof gebaut und 1929 eröffnet. Hermann Brachert (1890-1972) schuf für diesen Bahnhof seine zwei Meter hohe Skulpturengruppe Chronos mit drei Pferden aus Travertin, die nach dem Krieg entfernt wurde.

In Lohmeyers Amtszeit fiel der 200. Geburtstag des größten Sohnes der Stadt, des Weltweisen Immanuel Kant. Zahlreiche internationale Gäste, selbst aus Fernost, besuchten aus diesem Anlass Königsberg. Damals wurde die alte, in die Jahre gekommene Stoa Kantiana, das Grabmal Kants an der Nordostecke des Königsberger Domes, durch eine neue, bis heute bestehende zeitlos schöne Architektur ersetzt, geschaffen von Friedrich Lahrs (1880-1964).

Lohmeyer wurde am 9. März 1933 von den Nationalsozialisten in der von diesen geübten intriganten Weise suspendiert. Zunächst warf man ihm unter Einmischung in seine Privatsphäre vor, dass er nach seiner Scheidung die Schauspielerin Gerda Müller-Scherchen geheiratet hatte. Dann verwickelte man ihn in ein Disziplinarverfahren und dazu in ein Strafverfahren wegen angeblicher Untreue, die darin bestanden hatte, dass der Oberbürgermeister für die dringend notwendige Gründung der Park-Hotel AG eine Hypothek bewilligt hatte. Die Verfahren mussten eingestellt werden, weil nichts nachzuweisen war. Lohmeyer hatte aber selbst bereits im Mai 1933 seine Pensionierung beantragt, weil er nicht gewillt war, mit den Nationalsozialisten zusammenzuarbeiten. Am 1. Oktober 1933 wurde er pensioniert.

Da Lohmeyer sich nicht als Anwalt betätigen konnte, widmete er sich dem Dienst in der Bekennenden Kirche und beschäftigte sich kommunalwissenschaftlich und zeitgeschichtlich. Er schrieb eine zweibändige Geschichte über die Politik des zweiten Reiches 1870 bis 1918. Wegen dieses Werkes wurde er 1939 mit Publikationsverbot belegt.

Lohmeyers Wegbegleiter für ein Jahrzehnt von 1920 bis 1930 war Carl Goerdeler (1884-1945) als zweiter Bürgermeister. Dieser wurde 1930 zum Oberbürgermeister in Leipzig gewählt, behielt aber eine Verbindung mit Königsberg. 1936 suchte Goerdeler seinen früheren Kollegen auf und berichtete ihm von seinen fehlgeschlagenen Versuchen, auf Hitler einzuwirken. Die beiden blieben in Kontakt, und Goerdeler berichtete Lohmeyer über die Ergebnisse seiner vielen Reisen nach Schweden, England und Amerika. Wegen seiner Verbindung zu Carl Goerdeler wurde Lohmeyer im Zusammenhang mit dem 20. Juli 1944 verhört, aber nicht verhaftet.

Nach dem Krieg setzte Hans Lohmeyer sein Engagement in der Evangelischen Kirche fort und nahm auch am Leben der Königsberger Stadtgemeinschaft von 1949 teil, so 1955 an der 700-Jahrfeier der Stadt Königsberg in Duisburg. Schon zuvor hatte sich Lohmeyer im Jahre 1952 in Duisburg zu der Patenschaft für die Königsberger geäußert, die der Rat der Stadt Duisburg 1951 beschlossen und 1952 feierlich eröffnet hatte. Lohmeyer sagte damals: „Die Patenschaft der Stadt Duisburg für Königsberg hat durch die mannigfachen Beziehungen, die zwischen den beiden Städten bestanden haben, besonders günstige Voraussetzungen. Und wenn nun nach dem Zusammenbruch Königsberg aufgehört hat, eine deutsche Stadt zu sein, und von den Russen besetzt ist, so ist es für die alten Königs­berger eine besondere Freude, dass Duisburg sich ihrer erinnert und sie unter ihren Schutz nimmt. Mögen noch recht viele der alten Königsberger es erleben, dass wir wieder friedliche Zeiten bekommen, in denen ganz Deutschland vereinigt wird und Königsberg dann in neuem Glanz aufersteht!“ – Dieser letzte Wunsch ist eine prophetische Aussage, sieben Jahre nach dem verheerenden Krieg ausgesprochen, aber sie ist nur teilweise in Erfüllung gegangen.

Fritz Gause schreibt in seinem Nachruf im Königsberger Bürgerbrief V (1967/68): „Er war unser Mitbürger und ist es bis zu seinem Tode gewesen, ein Sohn Ostdeutschlands, ein aufrechter Mann und überzeugter Demokrat. Ihm gebührt ein Ehrenplatz in der Geschichte Königsbergs.“

Lit.: Hans Lohmeyer, Ein Oberbürgermeister berichtet, in: Martin A. Borrmann (Hrsg.), Geliebtes Königsberg. Porträt einer Stadt, München 1967, S. 199-205. Vgl. auch: Königsberger Bürgerbrief Nr. 79, Sommer 2012, S. 10-12; S. 33-35. – Fritz Gause, Die Geschichte der Stadt Königsberg in Preußen, III. Band: Vom Ersten Weltkrieg bis zum Untergang Königsbergs, 2. ergänzte Auflage, Köln/ Weimar/ Wien 1996. – Bruno Schumacher, Geschichte Ost- und Westpreußens, 4. Auflage, Würzburg 1959. Insbesondere Kapitel 28: Ostpreußen zwischen dem ersten und zweiten Weltkrieg, S. 307ff.

Bild: Zeichnung von Emil Stumpp (1886-1941) von 1930, Museum Stadt Königsberg.

Klaus Weigelt

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