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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Lotz, Ernst Wilhelm

Schriftsteller

* 1890, 06.02.
Kulm/ Westpr.

† 1914, 26.09.
Ferme d’Hurtebise/Département Aisne

Ernst Wilhelm Lotz gehört zu jener Gruppe junger Dichter und Künstler, die gleich zu Beginn des Ersten Weltkriegs dessen Opfer wurden. Er gehörte zu jener Generation feinnerviger junger Lyriker, die das nahende Ende der Epoche der Leere und Scheinsicherheit spürten, in die sie hineingeboren waren, und deren idealistisch-vage bzw. extrem-revolutionäre Sehnsüchte von einer gewaltigen Explosion „das Neue“ erhofften, den neuen, den freien Menschen — eine die Expressionisten, denen Lotz zuzurechnen ist, insgesamt charakterisierende Grundhaltung.

Für Ernst Wilhelm Lotz, den Sohn eines häufig versetzten Kadettenhausprofessors, der zur Zeit der Geburt dieses 2. Sohnes in Kulm an dem dort 1776 von Friedrich dem Großen gegründeten, zum 1.10.1890 nach Köslin verlegten Kadettenhaus wirkte: für Ernst Wilh. Lotz wurde erst „das kleine holsteinische Städtchen Plön Heimat, die haften blieb“, für 10 Jahre, bis 1910 (nach Mitteilung der Schwester Hildegard). Dort besuchte er das Gymnasium und das Kadettenhaus, erhielt seine abschließende militärische Erziehung in der Haupt-Kadettenanstalt Berlin-Lichterfelde (1906-08). Noch mit 18 Jahren wurde er Fähnrich im 4. Unter-Elsäss. Inf.-Regt. Nr. 143; mit 20 Jahren, nach dem Besuch der Kriegsschule in Kassel, Leutnant im selben Regiment, in Straßburg. Schon Ende September 1911 nahm der zunächst vom Offiziers-Dasein Begeisterte seinen Abschied vom Militär, denn „die Welt seiner Träume gab ihm Hunger nach Gestaltungskraft und Erleben von Dingen anderer Art“ (Hildegard Lotz).

Er ging nach Berlin, wo er für kurze Zeit Lehrling in einer Buchhandlung war und eine Handelsschule besuchte, im Frühjahr 1912 nach Hamburg, trat dort als Volontär in eine Im- und Exportfirma ein. Wie schon in Berlin entstanden auch hier Prosaskizzen. Es hielt ihn nicht lange in der Enge eines Büroberufs. Im Juni 1913 kehrte er nach Berlin zurück, um als freier Schriftsteller zu leben, schloß dort Freundschaft mit dem Maler, Graphiker und Schriftsteller Ludwig Meidner sowie mit dem revolutionären Pazifisten Kurt Hiller, wurde mit dem Lyriker Ernst Stadtler bekannt. Im Sommer 1913 erschien die schmale Gedichtsammlung „Und schöne Raubtierflecken … Ein lyrisches Flugblatt“, außer Gedichtveröffentlichungen in avantgardistischen Zeitschriften Lotzens einzige Publikationen zu Lebzeiten. Der Nachlaßpfleger Hellmut Draws-Tychsen (aus Elbing, + 1973), besorgte 55 Jahre später eine 2. Auflage (München 1968), um drei noch von Lotz selbst ausgesuchte Gedichte vermehrt und mit Bibliographie sowie weiteren Materialien versehen. Mit dem Maler-Freund Meidner verbrachte Lotz 1914 einige Monate euphorisch-kreativer Künstlergemeinschaft in Dresden, begann auch selbst zu zeichnen. Das Projekt der Freunde, eine progressiv-provozierende Kunstzeitschrift zu gründen, scheiterte am Ausbruch des Ersten Weltkriegs, der für Lotz die Einberufung als Reserve-Offizier zu seinem alten Regiment und ihn zum Fronteinsatz nach Frankreich brachte. Die Feldpostbriefe an seine Frau Henny(oo März 1914) dokumentieren ernste Vaterlandsbegeisterung, aber auch Entsetzen „über die Schrecken und Greuel des Krieges“. Am 26. 9.1914 fiel Ernst Wilhelm Lotz als Kompanieführer und „Kommandant eines befestigten Stützpunktes“ (so am Tag vor seinem Tod im letzten Feldpostbrief an seine Frau) am Chemin des Dames bei der Ferme d’Hurtebise (15 km südöstl. Laon), wo 100 Jahre zuvor Napoleon die Alliierten geschlagen hatte. Am selben Tage fielen auch der ebenfalls in Kulm geborene Hermann Löns (beim Angriff auf Reims) und im Champagne-Dorf Perthes-lés-Hurlus der Maler August Macke. Ernst Wilhelm Lotz, „Feurigster, Beschwingtester, Schwärmerischster der Jungen“ (Albert Soergel 1925), „eine treffliche Ergänzung Georg Trakls“ (Dieter Hoffmann 1960), war ein ekstatischer Hymniker der Vitalsphäre und ein rauschhafter Verkünder begeisterter Zukunftsvisionen. Sein Gedicht „Aufbruch der Jugend“ wurde als programmatisch empfunden. „Hätte er überlebt – er wäre fraglos Mitträger, vielleicht Führender einer fortschrittlichen, einer sehr sozialen und radikal-freiheitlichen Bewegung geworden. Als er fiel, starb mit ihm … das geniale Projekt eines zugleich tropen-üppigen und polito-rationalen utopischen Romans“ (Kurt Hiller I960), von dem nur wenige Skizzen existieren.

Zwei Jahre nach seinem Tod gab seine Witwe ein Bändchen von 40 von ihm selbst noch im Sommer 1914 für den Druck zusammengestellter Gedichte heraus: „Wolkenüberflaggt“ (= 36. Bd. d. Bücherei „Der jüngste Tag“, Leipzig 1916). Lotz hat auch Gedichte von Verlaine sowie Rimbauds „Bateau ivre“ (Das trunk‘ne Schiff) übertragen. Eine Ausgabe seines Gesamtwerks liegt noch immer nicht vor.

Weitere Werke und Ausgaben: Prosaversuche und Feldpostbriefe. Aus dem bisher unveröffentlichten Nachlaß, hrsg. v. H. Draws-Tychsen, Dießen vor München 1955 (mit Materialien); Wolkenüberflaggt, in: Mynona, Schwarz-weiß-rot: Grotesken (= „Der jüngste Tag“, Bd. 3, Frankf./M. 1981 = Nachdr. eines Teils v.Bd. l der Faks.-Ausg. „Der jüngste Tag. Die Bücherei einer Epoche“, Frankf./M. 1970); ungedruckte Gedichte und Übertragungen.

Lit. u. Quellen: Briefe von Martin Luserke u. Ludwig Meidner v. 9.9.1963 bzw. 31. 5.1964 an d. Verf. (beide unveröff.); H. Kohtz, In memoriam Ernst Wilhelm Lotz. Zu seinem 50. Todestag, in: Westpr.-Jg. 1964 (Münster/Westf. 1963); NDB 15 (Bln. 1978), S. 251 f. (mit umfangr. Lit.-Ang.); Dt. Lit.-Lex. (begr. v. W. Kosch,3., völlig neu bearb. Aufl.) 9 (Bern u. M’chen 1984), Sp. 1698 (m. Lit.-Ang.).

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