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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ludat, Herbert

Historiker

* 1910, 17.04.
Insterburg/Ostpr.

† 1993, 27.04.
Gießen

Ludat gehörte zu den ostdeutschen Gelehrten, denen die deutsche wie die internationale Geschichtsforschung wesentliche Erkenntnisse und Anstöße verdanken, die aber in der Öffentlichkeit, auch bei den ostpreußischen und ostdeutschen Landsleuten weniger bekannt sind, weil sie sich in ihren Werken nur an die Fachwelt gewandt und keine Übersichtsdarstellungen für eine größere Leserschaft geschrieben haben. Gerade derartige Persönlichkeiten, deren Arbeit sich am Schreibtisch, im Hörsaal und auf Fachkonferenzen abspielt und die auf unmittelbare Publizität verzichten, wirken aber auf die Dauer durch ihre Publikationen und ihre Schüler oft besonders nachhaltig weiter, und das gilt in besonderem Maße für Herbert Ludat, dessen zurückhaltende, bescheidene Art mit einem erheblichen Maß von Skepsis gegenüber allen großen Worten verbunden war. Das mag auch mit seinen in Berlin verbrachten Schul- und Studienjahren zusammenhängen, denn in seiner ostpreußischen Geburtsheimat verbrachte er nur die ersten Kinderjahre und besuchte seit 1916 bis zum Abitur 1928 das Berliner Königstädtische Realgymnasium. In Berlin studierte er auch Geschichte, Slavistik, Germanistik und Philosophie bei so bedeutenden Gelehrten wie Willy Hoppe, Max Vasmer und Walther Vogel und konzentrierte sich unter Anwendung historisch-philologischer kritischer Methoden ganz auf das deutsch-slawische Mit- und Nebeneinander im Mittelalter, ausgehend von der Provinz Brandenburg, dann immer weiter in den Osten, auch nach Böhmen, ausgreifend, aber den Raum deutsch-slawischer Symbiose, von geringfügigen Ausnahmen abgesehen, eigentlich nie verlassend. 1935 promovierte er in Berlin mit einer Arbeit über die ostdeutschen Kietze, die slawischen Fischersiedlungen neben den Stadtgründungen zu deutschem Recht (gedruckt Besseburg 1936), und zeigte in großer Sachlichkeit die sozialen und rechtlichen Formen deutsch-slawischen Zusammenlebens im Mittelalter. In Berlin habilitierte er sich im Kriegsjahr 1940 mit einer Arbeit über das Bistum Lebus – Studien zur Gründungsfrage und zur Entstehung und Wirtschaftsgeschichte seiner schlesisch-polnischen  Beziehungen (gedruckt Weimar 1942). 25 Jahre später konnte er dazu, nun in Gießen, das Lebuser Stiftsregister von 1405 herausgegeben. Der junge Dozent wurde im folgenden Jahr an die gerade gegründete „Reichsuniversität Posen“ berufen, an der er allerdings, da er gleichzeitig zur Wehrmacht einberufen wurde, gar nicht tätig sein konnte. Polnische Kollegen haben ihm später die Annahme diese Rufes, dem sich ein junger Dozent unter den damaligen Umständen gar nicht entziehen konnte, auch nie zum Vorwurf gemacht, ebenso wenig wie die Tatsache, daß Ludat 1942 in Krakau eine Schrift über die Anfänge des polnischen Staates veröffentlichte. Quellenkritisch und in großer Nüchternheit wandte sich Ludat darin gegen übertriebene unwissenschaftliche Vorstellungen von einem wesentlichen Einfluß der Wikinger auf die Staatsbildung Polens und war somit von jedem billigen zeitgemäßen Opportunismus weit entfernt. Ebenso sachlich und distanziert hatte er 1939 über die polnische Geschihtswissenschaft – Entwicklung und Bedeutung – berichtet und dabei neben den Leistungen auch manche vom polnischen Nationalismus bedingte Auswüchse charakterisiert.  Diese beiden Komplexe „Deutsch-slawische Frühzeit und modernes polnisches Geschichtsbewußtsein“ hat er fortan immer neu bearbeitet. Eine 1969 erschienene Sammlung von 20 Aufsätzen aus den Jahren 1933 bis 1965 trägt diesen bezeichnenden Titel.

Kriegsende und mühseliger Neuaufbau prägten die weitere Laufbahn mit der Umhabilitation zunächst nach Kiel, dann nach München, wo Ludat von 1947 bis 1956 als Dozent und außerplanmäßiger Professor tätig war. Eine schon 1948 wahrgenommene Gastdozentur in Liverpool bestätigte das Ansehen, das Ludat dank seiner Kentnisse und Sachlichkeit im Ausland genoß. Seit 1956 konnte er (an an der wiedereröffneten Universität Gießen als Ordinarius für Agrar-, Siedlungs- und Wirtschaftsgeschichte des europäischen Ostens eine intensive Forschungs- und Lehrtätigkeit entfalten, hatte daneben aber als Direktor des multidisziplinären Instituts für kontinentale Agrar- und Wirtschaftsforschung (dessen Tätigkeit im wesentlichen auf Osteuropa ausgerichtet war) vielfältige organisatorische und nicht immer einfache koordinierende Aufgaben. Der Aufbau des Instituts mit einer umfassenden Bibliothek, die Herausgabe der vielbändigen „Gießener Abhandlungen zur Agrar- und Wirtschaftsforschung des europäischen Ostens“ waren im wesentlichen seiner Initiative, Arbeitskraft und seinen Verbindungen zu polnischen, tschechischen und ungarischen Kollegen zu verdanken. Seit 1972 bis zu seiner Emeritierung grenzte er dann diese organisatorische Tätigkeit auf die Leitung der Abteilung Osteuropäische Geschichte des Instituts ein. Ohne eine eigentliche Schule zu bilden, zog er eine ganze Anzahl junger osteuropäischer Mediävisten an sein Institut und förderte deren Promotionen und Habilitationen. Manche von ihnen, wie Klaus-Detlev Grothusen und Klaus Zernack sind inzwischen Lehrstuhlinhaber in Hamburg und Berlin und bestätigendurch die Vielfalt ihrer Arbeiten den Reichtum der von ihrem Lehrer empfangenen Anregungen.

Die eigenen Arbeiten Ludats vertiefen seit dem Beginn der fünfziger Jahre die einmal angeschlagenen Themen immer weiter, mit dem Ergebnis, daß schroffe Gegenüberstellungen wie hier slawisch – dort deutsch, hier Ottonen – dort Piasten, hier Reichspolitik – dort polnisch-nationale Politik – aufgrund subtiler Quellenkenntnis und der Heranziehung nichtschriftlicher Quellen wie von Symbolen und Namensgebung verschwinden und dem Bild stärkerer Gemeinsamkeiten und Verbindungen von Deutschen und Slawen, Deutschen und Polen, Deutschen und Tschechen Platz machen. Dabei unterliegt Ludat durchaus nicht der Versuchung zu harmonisieren oder Gegensätze gar zu leugnen; diese werden bei nüchterner Befragung der Quellen nur sozusagen entdämonisiert. Ein besonders eindrucksvolles Beispiel für diese große geistige Leistung ist die kleine, aber gewichtige Schrift aus dem Jahre 1955 „Vorstufen und Entstehung des Städtewesens in Osteuropa“, in der die zahlreichen, unterschiedlich benannten Vorformen von Städten analysiert und positiv gewürdigt werden, in der gleichzeitig aber auch deutlich gemacht wird, daß die zu deutschem Recht gegründete Stadt nicht eine organische und logische Weiterentwicklung dieser Vorformen war, wie es eine ideologisch beeinflußte Geschichtswissenschaft betonte, sondern etwas grundsätzlich Neues darstellte. Ein weiteres prägnantes Beispiel ist der ebenfalls knappe, aber reich dokumentierte Aufsatz „Piasten und Ottonen“ in der Aufsatzsammlung „An Elbe und Oder um das Jahr 1000“ (Köln-Wien 1971) mit den bahnbrechenden Schlußsätzen: „Die europäische Aufgabe des frühen Piastenstaates ist daher nicht im Zeichen einer westslawischen Großmachtidee und eines beherrschenden Gegensatzes zum Ottonenreich zu erblicken, wie es bisher die moderne Geschichtsforschung behauptet und gerade die polnische Jahrtausendfeier erneut akzentuiert hat. Vielmehr sind der Anstieg des Staates und die Antriebe seiner Ideologie in erster Linie aus einer engen Verflechtung mit der universal-christlichen Reichspolitik des ottonischen Zeitalters zu begreifen, worin dieser Piastenstaat bewußt die Aufgabe übernommen und erfüllt hat, Glied und Stütze eines weit in den Osten gespannten erneuerten christlichen römischen Imperiums zu sein.“ Ludats Prägnanz und Unbeirrbarkeit haben ihm manche Anerkennung der osteuropäischen Fachwelt gebracht, sobald diese sich von den ideologischen Fesseln gelöst hatte. Am 14.6.1968 wurde ihm als erstem Deutschen die Palacky-Medaille der Prager Akademie der Wissenschaften verliehen. Die Festrede zum 70. Geburtstag hielt der tschechische, inzwischen in der Schweiz lehrende Historiker František Graus, und an der aus diesem Anlaß erschienenen Festschrift Europa Slavica – Europa Orientalis waren neben dreizehndeutschen Schülern und Kollegen sieben polnische, ein ungarischer und einkroatischer Kollege beteiligt.

Der Einfluß von Ludats Gedankenreichtum, Mut zu neuen Wegen, Genauigkeit und Quellentreue bestechenden Werkes wird künftige Generationen osteuropäischer Mediävisten verpflichten.

Lit.: Beiträge z. Stadt- und Regionalgeschichte Ost- und Nordeuropas, Herbert Ludat z. 60. Geburtstag. Gießen 1971; Landwirtschaftl. Probleme der Ukraine, H. Ludatt z. 60. Geburtstag ebenda 1971; Europa Slavica – Europa Orientalis. Festschr. für H. Ludat z. 70. Geburtstag. Berlin 1980 (dort S. 563-569 Schriftenverzeichnis); Schriftenverz. auch in: Fünfunddreißig Jahre Forschung über Ostmitteleuropa, Veröffentl. der Mitglieder des J. G. Herder-Forschungsrates 1950-84, Marb. 1985, S. 191-194; Biogr. W. Knackstedt in: Jbb f. Gesch. Osteuropas N. F, 23,1975, S. 155-157.

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