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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Lukaschek, Hans

Jurist, Politiker

* 1885, 22.05.
Breslau

† 1960, 26.01.
Freiburg/Breisgau

Hans Lukaschek wurde als Sohn eines Schulrektors geboren und katholisch getauft. In Breslau und Patschkau, wo er 1906 die Reifeprüfung ablegte, besuchte er die Schule, zwischenzeitlich wegen einer Lungenkrankheit auch zweieinhalb Jahre die Lehranstalt Fridericianum in Davos in der Schweiz. Danach studierte er in Breslau und Berlin Jura sowie Staatswissenschaften und Volkswirtschaft – in Berlin auch bei Gustav Schmoller. Die Zugehörigkeit zur farbentragenden katholischen Studentenverbindung CV bekundete er bis zum Lebensende. Er wurde 1910 mit einer Arbeit über Die Organisation und die rechtliche Natur der Reichsbank promoviert, nachdem er ein Jahr zuvor in Breslau die erste juristische Staatsprüfung abgelegt hatte. Im Jahr darauf heiratete er Magdalena König aus Breslau; die Ehe blieb kinderlos.

Lukascheks öffentliche Laufbahn begann 1916 als Bürgermeister der stark industriell geprägten oberschlesischen Kreisstadt Rybnik, nachdem er zuvor – nach dem zweiten juristischen Staatsexamen – zunächst für einige Monate im Kaiserlichen Patentamt in Berlin und als Magistratsassessor im Dienst der Stadt Breslau tätig gewesen war. 1919 wurde Lukaschek auch Landrat in Rybnik. In beiden Ämtern gelang ihm der Ausgleich zwischen der schmalen deutschsprachigen Oberschicht und der breiten, sozial schwachen polnischsprachigen Bevölkerung. Gerade bei den einfachen Leuten war er wegen seiner ausgeprägten sozialen Ader, die eine feste Verankerung in der katholischen Soziallehre hatte, sehr beliebt.

Unter den zahlreichen Ämtern und Funktionen, die Hans Lukaschek in seiner Heimat Schlesien innehatte, waren die in den Jahren des oberschlesischen Abstimmungskampfes 1920/21 von besonderem Gewicht. Es war eine Zeit heilloser Wirren in der zweitgrößten preußischen Provinz. Sollte nach dem Beschluß der Siegermächte des Ersten Weltkriegs ursprünglich ganz Oberschlesien ohne weiteres an Polen fallen, wurde am 28. Juni 1919 nach massiven Protesten im Reich, insbesondere in Oberschlesien selbst, schließlich die Durchführung einer Volksabstimmung zugestanden. Sofort setzten im oberschlesischen Abstimmungsgebiet massive Bemühungen sowohl von polnischer als von deutscher Seite ein, die Bevölkerung zum Votum für den Anschluß an Polen bzw. für den Verbleib im preußischen Staat zu bewegen. Der 35jährige Lukaschek wurde vom Breslauer Volksrat zum Chef der deutschen Propaganda für den Abstimmungskampf berufen, ließ sich als Landrat beurlauben und schlug sein Hauptquartier im niederschlesischen Breslau, also außerhalb des Abstimmungsgebietes auf, um dort ungestört von der französisch-englisch-italienischen „Interalliierten Regierungs- und Plebiszitkommission“ (IK) agieren zu können, die am 11. Februar 1920 die Landeshoheit in Oberschlesien übernommen hatte und die Propagandaaktionen im Vorfeld der Abstimmung überwachte. Der von Lukaschek in Breslau für die Abstimmungspropaganda eingerichtete „Schlesische Ausschuß“ umfaßte Vertreter aller in Schlesien vertretenen Parteien und Gewerkschaften und arbeitete eng mit den „Vereinigten Verbänden heimattreuer Oberschlesier“ (VVHO) und anderen deutsch-patriotischen Organisationen zusammen, die er auch finanziell unterstützte. Seine Hauptaufgabe war es, für den Verbleib Oberschlesiens beim Reich mit allen erdenklichen Mitteln, insbesondere im Bereich der Medien, zu werben, Finanzmittel dafür zu beschaffen und die einflußreichen Kräfte in Berlin und Breslau für das deutsche Anliegen zu gewinnen.

Entscheidender Gegenspieler der deutschen Propaganda und damit vor allem Lukascheks war auf polnischer Seite Adalbert (Wojciech) Korfanty. Einer oberschlesischen, polnisch sprechenden Familie entstammend, wurde der frühere Reichstagsabgeordnete zum einfalls- und einflußreichen Wortführer aller den Anschluß Oberschlesiens an Polen erstrebenden Kräfte. Der führende Kopf der IK, der französische General Henri Le Rond, unterstützte im Auftrag seines Ministerpräsidenten Clemenceau massiv die polnische Sache, um Deutschland durch den Verlust der wirtschaftlich so bedeutenden oberschlesischen Region zu schwächen. Korfanty setzte bei der tief im Katholizismus verwurzelten Bevölkerung Oberschlesiens auf die Parole „Deutscher = Protestant, Pole = Katholik“, und er versprach der verarmten ländlichen Bevölkerung eine Bodenreform, die ihr zu Haus, Land und Vieh („Korfanty-Kuh“) verhelfen sollte. Er war auch der wesentliche Initiator zweier polnischer Aufstände in Oberschlesien (August 1919/August 1920), die die oberschlesische Bevölkerung mit Terror und militantem Druck zu einer Abstimmung für Polen bewegen sollten; die polnische Seite wußte, daß sie in der Volksabstimmung unter normalen Bedingungen nicht obsiegen konnte. Lukaschek enthielt sich dagegen aller gewalttätigen Aktionen und betonte stattdessen die geschichtliche, wirtschaftliche, nationale, politische, kulturelle und religiöse Verbundenheit Oberschlesiens mit dem Deutschen Reich. Auch sah er die oberschlesische Frage eher als ein soziales als ein nationales Problem an.

Die ohnehin verworrenen und spannungsgeladenen nationalen, sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse in Oberschlesien wurden dadurch noch komplizierter, daß sich die Abstimmungsfrage in Oberschlesien mit separatistischen Bestrebungen gegenüber dem preußischen Staat unter der Parole „Oberschlesien den Oberschlesiern“ verband. Das zu 90 Prozent katholische Oberschlesien fühlte sich vom protestantischen Preußen hinsichtlich seiner sprachlichen, schulischen und kirchlich-religiösen Interessen vernachlässigt, durch landfremde und zudem protestantische Beamte und Führungskräfte in der Wirtschaft bevormundet. Im Oktober 1919 stimmte die Preußische Landesregierung der Errichtung einer eigenständigen Provinz Oberschlesien zu. Lukaschek war ein entschiedener Befürworter dieser Lösung, erhoffte er sich doch von der oberschlesischen Provinzialautonomie eine bessere Ausgangsposition für die deutsche Sache im Abstimmungskampf und darüber hinaus. Vor allem versprach er sich durch den Akt der Emanzipation von Preußen, den Klerus für die deutsche Position zu gewinnen. Schließlich war nirgendwo im Reich der Einfluß der katholischen Geistlichkeit auf das öffentliche Leben und die Selbstverwaltung so groß wie in Oberschlesien.

Auf beiden Seiten wurden Zeitungen, Broschüren, Flugblätter oder sonstige Propagandamaterialien massenhaft und mit erheblichem finanziellen Aufwand unters Volk gebracht. In Oberschlesien nicht mehr wohnhafte, aber dort geborene Personen durften am Plebiszit teilnehmen – etwa 180.000 ließ die deutsche Propaganda dorthin transportieren. Am Sinn für politische Realitäten – dessen Mangel man ihm später, als Vertriebenenminister, oft unterstellte – fehlte es Lukaschek hier gewiß nicht. Bei der Abstimmung am 20. März 1921 entschieden sich knapp 60 Prozent der Oberschlesier für den Verbleib bei Preußen und Deutschland. Lukaschek verdankte seinen Sieg im Abstimmungskampf seiner festen Verwurzelung im Zentrum, der oberschlesischen Herkunft seiner Eltern und der Tatsache, daß er mit seinem Freund und entfernten Verwandten Carl Ulitzka einen wortgewaltigen und im Volk außerordentlich beliebten Mitstreiter hatte. Er war Pfarrer in Ratibor-Altendorf, Vorsitzender des Zentrums in Oberschlesien, Mitglied des Reichstages seit Juni 1920 und stellvertretender Landeshauptmann von Oberschlesien. Der Volksmund nannte ihn den „ungekrönten König von Oberschlesien“ (über ihn siehe OGT 1998, S. 219-225). Er rangierte an Einfluß und politischem Ansehen noch vor Hans Lukaschek.

Mit dem Abstimmungsergebnis war der Kampf in Oberschlesien nicht beendet. Korfanty und seine polnische Partei riefen ihre Landsleute zum offenen Kampf für ein polnisches Oberschlesien auf, verliehen ihrer Forderung durch einen dritten Aufstand Anfang Mai 1921 Nachdruck und erreichten schließlich, gestützt vor allem auf Frankreich, die Aufteilung der Provinz durch die Alliierten am 20. Oktober 1921: Das starke oberschlesische Industrierevier wurde zerschnitten, die wirtschaftlich wertvollsten Gebiete in Ostoberschlesien mit fast einer Million Menschen fielen an Polen. Lukaschek wurde Mitglied der „Gemischten Kommission“ mit Sitz in Kattowitz, die die Einhaltung der Bestimmungen des Teilungsvertrages garantieren, dabei vor allem Grenzfragen und Fragen des Minderheitenschutzes regeln und zwischenstaatliche Konflikte minimieren sollte. Anfang 1927 legte er wegen des Vorwurfs, in eine Spionageaffäre verwickelt zu sein, dieses Amt nieder.

Nicht zuletzt wegen seiner Erfolge als Propagandachef in der Abstimmungszeit wurde Hans Lukaschek im Frühjahr 1929 von der preußischen Staatsregierung zum Oberpräsidenten von Oberschlesien und in Personalunion zum Regierungspräsidenten in Oppeln ernannt, nachdem er zuvor zwei Jahre lang das Amt des Oberbürgermeisters von Hindenburg, damals die größte Stadt Oberschlesiens, innegehabt hatte. Er setzte sich in diesen Ämtern intensiv für die Rechte der polnischen Minderheit – insbesondere im Schulwesen – ein, ließ aber gleichwohl eine deutliche Präferenz für das deutsche Volkstum in dieser schwierigen Grenzregion erkennen. Hauptsächlich war es ihm um den Ausgleich der nationalen Gegensätze und der sozialen Spannungen in dem hochindustrialisierten und verarmten Gebiet zu tun. Auch die zuvor in Oberschlesien stark vernachlässigten kulturellen Belange lagen ihm am Herzen. Unter seiner Ägide gelangen unter anderem die Errichtung der Oberschlesischen Landesbibliothek in Ratibor 1931 und die Gründung einer Pädagogischen Akademie in Beuthen. Es ging Lukaschek überhaupt darum, den besonders im Zusammenhang mit der Weltwirtschaftskrise hinter den Westen zurückgefallenen Osten wieder aufzurichten und lebensfähig zu machen. Er erkannte, „daß das Ostproblem die Schicksalsfrage… für das ganze Reich und damit schließlich für Europa“ sei.

In der Rückschau hat Hans Lukaschek gelegentlich die Zeit als Oberpräsident und als Regierungspräsident als die erfüllteste seines Lebens bezeichnet. Anfang Mai 1933 war sie abrupt vorbei. Die Reichstagswahl vom 5. März 1933 sowie die weiteren Wahlen im März desselben Jahres – Preußischer Landtag, Provinziallandtage, kommunale Parlamente – hatten der NSDAP überall in Schlesien klare Mehrheiten eingebracht, in Niederschlesien sogar die absolute Mehrheit. Rasch wurden Repräsentanten der Weimarer Demokratie aus leitenden Ämtern in Staat und Verwaltung entfernt – schon Ende März war die Gleichschaltung der Verwaltungsspitze in der Provinz Niederschlesien praktisch vollzogen. In Oberschlesien, wo sich das Zentrum zweifellos um die nationale Frage und um die Präponderanz des Deutschtums verdient gemacht hatte und mit Lukaschek eine außerordentlich beliebte Persönlichkeit an der Spitze der Verwaltung stand, mußte man vorsichtiger sein und wollte zumindest vor den Wahlen die führenden Köpfe des Zentrums „noch ungeschoren lassen“, wie es der NSDAP-Gauleiter von Niederschlesien formulierte. Doch am 19. Mai 1933 wurde Lukaschek in den vorzeitigen Ruhestand versetzt bzw. seinem „Urlaubsgesuch“ offiziell stattgegeben. Nicht nur daß er Zentrumsmann war, seine offensiv ablehnende Haltung gegenüber der NSDAP war bekannt. Sehr zum Mißfallen der Nazis hatte er gegen deren Intention zahlreiche auf die Weimarer Verfassung vereidigte Beamte in ihren Positionen belassen. Eine auf seinem Amtssitz in Oppeln heimlich aufgezogene Hakenkreuzfahne hatte er kurzerhand entfernen lassen. Schließlich hatte er sich Anfang Mai dem dringenden Wunsch des Ministerpräsidenten Göring widersetzt, die in Gleiwitz erscheinende ZentrumszeitungOberschlesische Volksstimme zu verbieten. Als er sich nach seiner Entlassung als Rechtsanwalt in Breslau niederließ, verteidigte er vor allem jüdische Mitbürger und auch katholische Geistliche, was ihn bei den Machthabern weiter mißliebig machte. Unter den Juden hatte er zahlreiche Freunde, war ihnen überhaupt zugetan – wohl auch deshalb, weil sie in der Abstimmungszeit in Oberschlesien überwiegend die deutschen Interessen vertreten hatten.

Vor diesem Hintergrund war es nicht verwunderlich, daß Lukaschek bald den Weg in den Widerstand gegen den Nationalsozialismus fand. Helmut James Graf von Moltke, den er aus seiner Zeit als Oberpräsident persönlich kannte, hatte ihn um Mitarbeit im „Kreisauer Kreis“ gebeten, der die politische Neuordnung Deutschlands nach der Ausschaltung Hitlers und seiner Clique vorbereitete. Lukaschek war für diesen Fall als Reichskommissar für die Ostprovinzen vorgesehen. Seine Rolle im „Kreisauer Kreis“ ist schwer zu rekonstruieren, weil seine in Schlesien gemachten Aufzeichnungen nicht erhalten sind und er seinen Briefwechsel nach dem Zweiten Weltkrieg vernichtet hat. Einen führenden Part spielte er dort zweifellos nicht, doch hat er nach den Worten Ger von Roons „sehr intensiv mitgewirkt“. Auch zu den führenden Männern des 20. Juli 1944 hatte er engen Kontakt. Nach dem gescheiterten Attentat wurde er sofort verhaftet, gefoltert und zeitweilig ins KZ Ravensbrück verbracht. Dank der Hilfe eines einflußreichen Freundes im Umkreis Görings kam es erst am 19. April 1945, kurz vor Kriegsende, zum Verfahren vor dem Volksgerichtshof, wobei Lukaschek freigesprochen wurde – offiziell, weil er gefoltert worden war, tatsächlich wohl deshalb, weil das Kriegsende und damit die potentielle Strafe für Blutrichter so nahe bevorstand. Am 22. April 1945 wurde er aus dem Gefängnis in der Lehrter Straße in Berlin entlassen.

Nach dem Kriege gehörte Hans Lukaschek zu den Mitgründern der CDU in Berlin. Viele von ihnen entstammten zwar dem alten Zentrum – aus dem Berliner Kreis etwa Andreas Hermes, Jakob Kaiser, Heinrich Krone, Heinrich Vockel, Eduard Bernoth, Emil Dovifat oder Johann Baptist Gradl – doch war man sich einig, nun eine überkonfessionelle, christliche Volkspartei anstreben zu sollen. Lukaschek ging im Dezember 1945 nach Thüringen, wo er seinen in großer Zahl dorthin geflüchteten schlesischen Landsleuten am besten glaubte helfen zu können. Er übernahm in der Regierung das Ressort für Land- und Forstwirtschaft und hatte außerdem das Amt eines dritten Vizepräsidenten der thüringischen Landesverwaltung inne. Rasch kam es in Fragen der Bodenreform und des Ablieferungssolls für landwirtschaftliche Güter zu Zerwürfnissen mit der sowjetischen Besatzungsmacht. Am 16. September 1946 folgte die Entlassung aus seinen Ämtern. Nur durch Flucht nach Berlin konnte sich Lukaschek vor jenen Repressalien retten, denen in diesen Jahren „bürgerliche“ Politiker durch die Sowjets und die SED ausgesetzt waren.

In Berlin war Lukaschek wieder für einige Monate als Anwalt tätig, fand im Frühjahr 1948 eine Anstellung als Amtsrichter in Königstein im Taunus, ging aber schon im Sommer desselben Jahres als Vizepräsident des wenig effektiven Obergerichts der Bizone nach Köln. Seine nächste Station war Bad Homburg v.d.H., wo der Frankfurter Wirtschaftsrat das Hauptamt für Soforthilfe eingerichtet hatte, das den Lastenausgleich für die Kriegsgeschädigten in den Westzonen durchführen sollte; Lukaschek übernahm im Mai 1949 die Präsidentschaft. Er glaubte, in diesem Amt den Vertriebenen in besonderer Weise helfen zu können. Gleichzeitig legte er den erst im April 1949 übernommenen Vorsitz im „Zentralverband der vertriebenen Deutschen“ (ZvD) nieder.

Schon im September desselben Jahres mußte Lukaschek die Leitung des Hauptamtes wieder aufgeben, denn Konrad Adenauer berief ihn als Bundesminister für Vertriebene, Flüchtlinge und Kriegsbeschädigte in die von ihm gebildete erste Regierung der Bundesrepublik Deutschland. In diesem Amt machte Lukaschek keine glückliche Figur – nicht zuletzt aufgrund der Tatsache, daß er dem Bundestag nicht angehörte und von daher wenig Rückhalt in der Fraktion hatte. Lobten ihn bei Amtsantritt die Vertriebenen noch als „Vater der Vertriebenen“, so sprach ihm schon im Januar 1952 der Vorstand des „Bundes der vertriebenen Deutschen“ (BvD), des vormaligen ZvD, das Mißtrauen aus und forderte statt seiner den Bundestagsabgeordneten und BvD-Vorsitzenden Dr. Linus Kather als Vertriebenenminister. Lukascheks Gegner vermißten an ihm Durchsetzungsvermögen und kämpferische Entschlossenheit für die Interessen der Vertriebenen.

Für ein Ministeramt, das per se das ‚Feilschen‘ um Gunst und Geld für die jeweilige Klientel einschließt – hier vor allem beim Lastenausgleichsgesetz – war Lukaschek zu grüblerisch, altruistisch, redlich und gottergeben – womöglich eine (sympathische) Hypothek seiner schlesischen Natur. Typisch für ihn war – wie aus seiner Rede zum „Tag der Heimat“ im August 1952 in Königstein/Ts. hervorgeht – daß er verantwortungslosen und unerfüllbaren Forderungen aus Kreisen der Vertriebenen mit Rücksicht auf die Finanzen des Staatsganzen nicht nachgab. Mit den Vertriebenenverbänden, die bereits seit Sommer 1951 Front gegen Lukaschek machten, hielt auch Konrad Adenauer dessen Zurückhaltung hinsichtlich der Forderungen der Vertriebenen für politische Schwäche, ließ ihn seine Unzufriedenheit spüren und forderte ihn am 17. Juli 1952 durch Globke zum freiwilligen Rücktritt auf; zugleich bot er ihm das Amt des deutschen Botschafters im Vatikan an. Lukaschek lehnte ab. In einem Gespräch mit Theodor Heuss in diesen Tagen äußerte Adenauer, Lukaschek sei ein schwacher und unbedeutender Mann, der das Vertrauen der Vertriebenen verloren habe, weil er sich den Restriktionen von Finanzminister Schäffer gegenüber den Vertriebenen gebeugt habe. Doch ließ Adenauer Lukaschek auch gegen das Drängen Kathers schließlich bis zum Ende der Legislaturperiode im Amt. Kathers fortdauernde Polemik gegen Lukaschek rührte vor allem aus der enttäuschten Hoffnung, im ersten Kabinett Adenauer nicht selbst Vertriebenenminister geworden zu sein. Im übrigen war er mit fast allen maßgeblichen Vertriebenenführern zerstritten. Dem Kanzler warf er vor, Lukaschek nur ausgewählt zu haben, weil bei dessen Nachgiebigkeit der Kabinettsfriede nicht gestört werde. Auf dem Höhepunkt der „Lukaschek-Krise“ im Sommer 1952 trug vor allem der in der Fraktion einflußreiche CSU-Bundestagsabgeordnete und Vertriebenensprecher Hans Schütz dazu bei, daß ein Ministerwechsel unterblieb. Er wies unter anderem darauf hin, daß Lukaschek gerade in ausländischen Kreisen einen sehr starken Vertrauenskredit besaß; diese waren aber für die Vorfinanzierung des Lastenausgleichs wichtig. Ein erfreulicher Markstein von Lukascheks Ministerzeit war im Mai 1953 die Verabschiedung des Bundesvertriebenengesetzes, des „Grundgesetzes der Vertriebenen“, das – anders als das Lastenausgleichsgesetz– maßgeblich in seinem Ressort entstanden war. Nach der Bundestagswahl 1953 wurde Lukaschek durch Theodor Oberländer abgelöst.

Nach seinem Abschied vom Ministeramt verzog Hans Lukaschek nach Freiburg im Breisgau, wo er als Vizepräsident des Deutschen Caritasverbandes und als Präsident des Katholischen Flüchtlingsrates tätig war. Weiter arbeitete er im Zentralkomitee der Deutschen Katholiken mit und führte den Vorsitz in der Bundesversammlung der Landsmannschaft der Oberschlesier. Orden und Titulaturen wurden ihm zahlreich zuteil. Seit 1953 trug er das Großkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland, und er war Magistralritter des Malteser-Ritter-Ordens und Ritter des Ordens vom Heiligen Grabe.

Werke: Die deutschen Heimatvertriebenen als zentrales deutsches Problem. Bonn 1951.

Lit.: Hans-Ludwig Abmeier: Hans Lukaschek. In: Helmut Neubach und Ludwig Petry (Hg.): Schlesier des 15. bis 20. Jahrhunderts (Schlesische Lebensbilder, 5). Würzburg 1968, S. 228-236. – Paul van Husen: Hans Lukaschek, 1885-1960. In: Herbert Hupka (Hg.): Große Deutsche aus Schlesien. München/Wien31985, S. 297-305. – Markus Leuschner: Hans Lukaschek. Ein deutscher Politiker aus Schlesien. Alfter o.J. – Helmut Neubach: Die Verwaltung Schlesiens zwischen 1848 und 1945. In: G. Heinrich/F.-W. Henning/K. Jeserich (Hg.): Verwaltungsgeschichte Ostdeutschlands 1815-1945. Stuttgart u.a. 1992, S. 877-941. – Andrea Schmidt-Rösler: Autonomie- und Seperatismusbestrebungen in Oberschlesien 1918-1922. In: Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung NF 48 (1999), Heft 1, S. 1-49. – Ger van Roon: Neuordnung im Widerstand. Der Kreisauer Kreis innerhalb der deutschen Widerstandsbewegung. München 1967.

Ich danke Herrn Guido Hitze M.A. für den großzügig gewährten Einblick in einige Lukaschek betreffende Passagen seiner im Manuskript abgeschlossenen Dissertation über Carl Ulitzka.

  bsp;  Manfred Agethen

 

 

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