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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Maltzahn-Gültz, Helmuth Freiherr von

Oberpräsident von Pommern

* 1840, 06.01.
Gut Gültz/Vorpommern

† 1923, 11.02.
Gültz

Wer hatte nicht in der Jugend den Wunsch, einmal etwas Großes zu werden? – Auch dem jungen Baron war es ein Traum gewesen, einmal an führender Stelle in seiner Heimat Pommern zu stehen, und der kluge, vielseitig interessierte und umgängliche Mann hat es geschafft! Als Oberpräsident stand er 11 Jahre lang an der Spitze der Provinz, bis er mit 71 Jahren aus dem Staatsdienst schied.

Seinen Werdegang in einer bewegten Zeit zu verfolgen ist gleichbedeutend, auch ein Stück preußisch-deutscher Geschichte nachzuerleben. Am 6.1.1840 kam Helmuth Frhr. von Maltzahn auf dem väterlichen Gut Gültz im früheren Kreis Treptow/Vorpommern zur Welt; sein Vater war Landrat im Nachbarkreis Demmin, während seine Mutter eine Tochter des Mecklenburg-Schwerinschen Staatsministers Louis von Lützow war. Schon nach einem Jahr starb sein Vater; nach eigenem Bekenntnis verdankt er als einziges Kind seiner Mutter und ihrem Vater aber unendlich viel in seiner Entwicklung. Vom Hauslehrer streng lutherisch, doch nicht frömmelnd erzogen, hatte er täglich nie mehr als 4 Unterrichtsstunden, die dem aufgeweckten und lernbegierigen Jungen genügten. Nach Besuch des humanistischen Gymnasiums in Wittenberg (stets als Klassenjüngster) konnte er bereits mit 16 Jahren für 2 Semester auf die Erlanger Universität gehen. Später galt er in der Familie als wandelndes Lexikon, seine Bildung darf klassisch genannt werden und war umfassend, alte wie neue Sprachen blieben ihm stets geläufig. Dabei dachte er gradlinig, unkompliziert, war kein Grübler. Nach 3 Semestern in Heidelberg, wo er einer Verbindung beitritt, den Wert eines Freundeskreises und, bei aller Freiheit, Disziplin schätzen lernt, kommt er zum Abschluß nach Berlin. Dort bieten sich ihm interessanteste Begegnungen, die sein Weltbild erweitern und Toleranz erfordern (u.a. sein Landsmann Karl Rodbertus, der als ein Begründer des wissenschaftlichen Sozialismus gilt). In den Ferien macht er Studienreisen ins Ausland und praktiziert als Regierungsreferendar in Koblenz, Wetzlar und dann drei Monate beim Landratsamt Anklam, um die Einführung der Grundsteuer kritisch zu beobachten; in Stettin erhält er Einblick in die staatl. Domänenverwaltung.

Nach Ableistung seiner Dienstpflicht erlebt er den Krieg 1866 bei den Pasewalker Kürassieren und heiratet 1867 – nach Ausscheiden aus dem Staatsdient als Regierungsassessor, wieder Landwirt – Anna von Rohrscheidt, Tochter eines Oberst, mit der er eine glückliche Ehe führte. 1869 ist er in der Provinzial-Synode, nimmt als Reserve-Offizier am Krieg gegen Frankreich 1870/71 teil und kommt nach Verwundung mit einer ihm bleibenden Armversteifung zurück. Als Mitglied des Demminer Kreistages zieht Maltzahn im März 1871 mit 31 Jahren für den Wahlkreis Anklam-Demmin in den ersten dt. Reichstag und hat dort als Konservativer 18 Jahre deutsche Politik mitgetragen. Diese Aufgabe zwang ihn, mit seiner Familie teilweise in Berlin zu leben, zumal er als guter Redner mit besten Fachkenntnissen stets sachbezogen und ohne Polemik argumentierte und von seiner Fraktion oft eingesetzt wurde. Der Ton im Parlament war anfangs hervorragend, die Arbeit aber bei abgesunkener Fraktionsstärke während des Kulturkampfes äußerst anstrengend. Bismarcks Übergang zur Schutzzoll-Politik folgte er nur zögernd, da er Bevorzugung der Industrie-Zentren und Nachteile für die Landwirtschaft fürchtete. Immer wieder zog man ihn als Referent zur Mitarbeit bei der Sozial-Gesetzgebung heran, wählte ihn in die Budget-Kommission, deren Vorsitzender er von 1884-88 war. Dann wurde er, unabhängig und konservativ, auf Vorschlag Bismarcks Reichsschatzsekretär. Immer hat er zum Reichskanzler ein gutes Verhältnis gehabt, das sich weit über das Dienstliche ausdehnte. Bismarcks Entlassung und die Form, wie sie geschah, hatte ihn sehr getroffen. Aber er blieb und beendete seine staatspolitische Laufbahn erst im August 1893 nach Differenzen mit Caprivi, dem er sonst klare Auffassungsgabe bestätigte. Er suchte Abstand und Ruhe in seinem Gutsbetrieb, dem er durch die lange Berliner Zeit doch entfremdet war. Sein Garten wurde zum Steckenpferd, der Umgang mit seinen Arbeitsleuten machte ihm Freude; plattdeutsch sprach er so gut wie sie! Seit 1872 Angehöriger des Johanniter-Ordens wurde er 1893 Kommendator der pommerschen Genossenschaft und 1915 sogar Kanzler des Ordens mit weit angelegter Tätigkeit, die ihm immer besonders lieb war.

1899 erfolgte seine Berufung zum Oberpräsidenten von Pommern. Hatte er bereits 1873 bei der Entfestigung Stettins dem amtierenden Oberbürgermeister Haken helfen können, so galt nun seine ganze Kraft der Entwicklung des Landes. Handel und Reedereien, der landesweite Eisenbahnbau, die so notwendige Küstenbefestigung wie das Pommersche Schulkollegium und die Gesellschaft für Pommersche Geschichte, deren Vorsitz er hatte, konnten von Wissen und Tatkraft dieses Mannes Nutzen ziehen. Repräsentation gehörte dazu, die zweimal jährlichen Tanzgesellschaften im alten Herzogsschloß erfreuten sich größter Beliebtheit. – 1911 nahm er seinen Abschied und zog sich nach Gültz zurück. 5 Kinder, Enkel und Urenkel blieben ihm Trost, als 1913 seine Frau nach 46jähriger Ehe stirbt.

Volle geistige Kraft, die Fähigkeit zur Freude auch am Geringsten und seine warme Herzlichkeit blieben dem königstreuen Mann bis zum Tode erhalten, als er am 11. 2.1923 heimgerufen wurde.

Lit.: Pommersche Lebensbilder, Bd. 2, Stettin 1936; Lebenserinnerungen des Frhr. Helmuth von Maltzahn-Gültz, Handschrift im Besitz des Verfassers; noch nicht veröffentlicht. – Erinnerungen an Bismarck. Aufzeichnungen von Mitarbeitern und Freunden des Fürsten. Gesammelt von E. Marcks und K. A. von Müller. Stuttgart und Berlin 1915, S. 89-118. Persönliche Erinnerungen des Verfassers.

Friedrich Birkholz

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