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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Marienwerder, Johannes von

Theologe des Deutschen Ordens

* 1343
Marienwerder/ Deutschordensland Preußen

† 1417, 19.09.
Marienwerder/ Deutschordensland Preußen

Der Priester Johannes von Marienwerder (1343-1417) wurde in Marienwerder, seit 1285 Bischofssitz des Bistums Pomesanien, geboren. Die Stadt war damals das Zentrum des Deutschordensstaates, der neben Pomesanien noch die Bistümer Samland, Kulm und Ermland umfasste. Nördlich von Marienwerder an der Nogat, einem Mündungsarm der Weichsel, lag die 1270/ 1300 erbaute Marienburg, die von 1309 bis 1454 Sitz der Hochmeister des Deutschen Ordens war.

Johannes von Marienwerder gehörte dem Deutschen Orden zunächst nicht an, sondern ging nach Prag, wo er bis 1486 als Professor für Theologie tätig war. Sein einflussreichster Lehrer dort war Heinrich Totting von Oyta (1330-1397). Die Schriften des Johannes von Marienwerder sind pastoraltheologisch orientiert, was nicht nur für seine Prager Predigten gilt, die überliefert sind, sondern auch für die in Marienwerder verfasste Expositio symboli apostolorum (1399), eine Streitschrift gegen John Wyclif (1330-1384). Darin bezog er eindeutig Stellung gegen die Lehre der Wyclifiten, der Anhänger des englischen Theologen und Reformators, dessen antipäpstliche Theologie damals die Prager Karls-Universität beherrschte.

Die Rückkehr des Johannes von Marienwerder 1386 nach Pomesamien in den Deutschordensstaat hatte zwei Gründe: die Zuspitzung der theologischen Auseinandersetzungen in Prag und die Aussicht auf eine Domherrenpfründe im Bistum Pomesamien, die sein damaliges Professorengehalt weit überschritt. Die Bedingung war aber, dass er in den Deutschen Orden eintrat, was er 1387 auch vollzog, und schon 1388 wurde er zum Dekan des Domkapitels gewählt. Damit wurde er auch zum Stellvertreter des Propstes Johannes Rymann (gestorben 1417) aus Christburg, mit dem er in den folgenden Jahren eng zusammenarbeitete.

Sie wirkten gemeinsam als „Beichtiger“ (Beichtväter) der Eremitin und Mystikerin Dorothea von Montau (1347-1394) aus der Danziger Gegend. Die Bauerntochter hatte sich schon als Kind Selbstkasteiungen auferlegt und nach der Hochzeit mit einem Danziger Waffenschmied, dem sie neun Kinder geboren hatte, ihre ersten Visionen empfangen. Nach dem Tod ihres Mannes übersiedelte sie 1391 nach Marienwerder, wo sich die Kirche ihrer annahm. Dort begegnete sie auch Johannes von Marienwerder, ihrem künftigen Biografen (Vita brevis, 1394, ungedruckt). Johannes von Marienwerder und Johannes Ry­mann trieben auch gemeinsam den Kanonisierungsprozess voran. Die Heiligsprechung erfolgte freilich erst 1976, mehr als sechs Jahrhunderte später.

Dorothea von Montau ließ sich in Marienwerder in einem Gewölbe hinter dem Hauptaltar der 1343/84 erbauten Domkirche einmauern und schilderte dort den beiden Domherren ihre von Gott empfangenen Visionen, die sie aufzeichneten. Johannes von Marienwerder besuchte sie täglich, schrieb ihre Äußerungen in Stichworten auf und erarbeitete daraus einen flüssigen Text, den er ins Lateinische übertrug.

Der Gelehrte verfasste eine lateinisch geschriebene Geschichte des Domkapitels von Pomesanien, die leider nur fragmentarisch erhalten ist.

Lit.: Kurt Forstreuter, Johann von Marienwerder, in: Neue Deutsche Biographie, Band 10, Berlin 1974. – Franz Hipler, Johann von Marienwerder, in: Allgemeine Deutsche Biographie, Band 20, Leipzig 1884. – Anneliese Triller, in: Die deutsche Literatur des Mittelalters, Verfasserlexikon, 2. Auflage, Band 6 (1972).

Bild: Johannes von Marienwerder, Septililium venerabilis dominae Doro­thae, in: Cod. Pal. germ. 367, nach 1415, UB Heidelberg.

Jörg Bernhard Bilke

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