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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Martini, Karl Wilhelm von

Journalist, Schriftsteller

* 1821, 11.06.
Lugosch/Banat

† 1885, 22.06.
Weilersdorf bei Wien

In Martinis Erlebnisbüchern wird sich seine Generation der kolonisatorischen Großtat erstmalig auch in der Literatur bewußt, die der Neustamm der Donauschwaben zwischen Plattensee und Banater Bergen in den vorangegangenen hundert Jahren vollbracht hat.

Das seinem Vater gewidmete Vorwort zum Roman „Pflanzer und Soldat, Bilder und Gestalten aus dem Banate“ (1854) beweist, daß dieses Bewußtsein schon eine Generation früher vorhanden war. Ja wir erfahren, daß der „Schwabe“ – die Donauschwaben sind überwiegend fränkischen Stammes – schon damals ein Idealbild vom Mutterlande „im Herzen trug“. Dieses bewahrten sich auch heute noch Zehntausende, die eine Rückwanderung nach Deutschland anstreben. Wir stellen in Martinis Büchern aber auch bereits Ansätze zu einem donauschwäbischen Stammesbewußtsein fest.

Sein Vater war Oberarzt bei den Kaiser-Husaren, später Regiments- und Badearzt in Mehadia nördlich vom jugoslawisch-rumänischen Donauknie, dem „Eisernen Tor“, bzw. in Herkulesbad (heute: Baue Herculane) im Banater Bergland. Der Studiengang Martinis führt über das Temeswarer Piaristengymnasium an die Universität Wien, doch schon 1841 lehrt Martini als Professor für Mathematik an der Grenz-Kadettenschule zu Karansebesch (Caransebeş). 1847 wird er nach Pest versetzt, wo er bald dem deutschbewußten Kreis umEduard Glatz und seiner„Pesth-Ofener Zeitung“ angehört, dem maßgebenden Tagblatt der Deutschen Ungarns. Er schließt sich dem ungarischen Revolutionär Lajos Kossuth an, wie viele Deutsche, gehört 1848 dem ungarischen Generalstab an, kämpft in den Reihen der ungarischen Revolutionäre gegen die Serben in der Batschka und stellt sich dem in Pest 1849 einrückenden Fürsten Windischgrätz. Nach glimpflich verlaufener kriegsrechtlicher Untersuchung wird er Reisekorrespondent des „Konstitutionellen Blattes für Böhmen“. Seinen „Reisebildern aus Italien“ folgen „Kroatische Bilder“, „Skizzen aus der Wojwodina“, „Aus der österreichischen Walachei“. 1855 übersiedelt er nach Prag und verfaßt dort seine „Bilder aus dem Honvedleben“. Über dieser Niederschrift seiner Erinnerungen an den ungarischen Freiheitskampf wird er zum Dichter. Es sind realistisch erzählte Erlebnisse des Generalstäblers, seine Begegnungen mit Generalissimus Görgey, einem Zipser, Kossuth, General Klapka, seinem Banater Landsmann, Schicksale in einem bunten Völkergemisch eines Landes, in dem sich Nationen ausbilden, in dem Ungarn gegen Habsburg, Kroaten an der Seite der Kaiserlichen, Serben allein gegen Ungarn kämpfen und viele „Schwaben“ in den Reihen des mit freiheitlichen Parolen agierenden Kossuth stehen. Aus Randbemerkungen und Schicksalen kleiner Leute wird dem Leser die Tragödie des Ungarndeutschtums veranschaulicht, das, vom deutschen Mutterlande im Stich gelassen, zwischen Vaterland und Mutterland aufgerieben wird.

1853 übernimmt Martini die Leitung der amtlichen „Grazer Zeitung“ (1853-1866) und macht die dortige „Tagespost“ zu einem überregionalen Organ. 1863 vertritt er die liberale Autonomistenpartei im Steiermärkischen Landtag. Er gründet die namhafte Zeitschrift „Der Aufmerksame“ und schreibt in Graz das „Stilleben eines Grenzoffiziers“. Es sind Schilderungen vormärzlicher Zustände in der Militärgrenze, einer Welt, die „noch tief im Mittelalter zu stecken scheint“. Der erwähnte Roman „Pflanzer und Soldat“ kann als vorweggenommener „Großer Schwabenzug“ (Müller-Guttenbrunns) aufgefaßt werden, und im Büchlein „Vor hundert Jahren“ (1864) lernen wir die unerfreulichen Zustände in deutschen Kleinstaaten kennen, unter denen viele ihrer Söhne gezwungen wurden, den Knotenstecken des Auswanderers zu ergreifen.

1868 tritt Martini als politischer Redakteur in das Büro des Wiener „Fremdenblattes“ ein, wo er bis 1878 wirkt. Schwer erkrankt, kann er seine letzten Werke nur mehr diktieren. Ob die letzten Romanmanuskripte„Der Grenzhauptmann“ und „Zwischen Ost und West“ in Zeitschriften- oder Zeitungsfortsetzungen erschienen sind, konnte nicht festgestellt werden. Erwähnt werden beide Werke in Briefen an den aus dem Banat stammenden österreichischen Lvriker Stefan Milow (Millenkovich), die (von Anton Scherer) im Millenkovich-Nachlaß gefunden wurden. Eine Briefstelle führte zur Entdeckung eines bisher unbekannten Werkes („In meinem Garten, den Aufzeichnungen eines alten Grenzoffiziers nacherzählt“), das in 40 Folgen in der Prager „Bohemia“ 1880 erschienen ist. Martini ist ein Wegbereiter, der Beachtung verdient.

Lit.: F. Wettel: Sechs Lyriker. Neue Beiträge zur deutschbanater Kulturgeschichte, 1912; K.K. Klein: Literaturgeschichte des Deutschtums im Ausland, 1939; A. Scherer: Einführung in die Geschichte der donauschwäbischen Literatur, I960.

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