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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Meckauer, Walter

Schriftsteller

* 1889, 13.04.
Breslau

† 1966, 06.02.
München

Walter Meckauer wurde in einer assimilierten jüdischen Familie als Sohn eines Versicherungsdirektors geboren und besuchte dort ein Gymnasium und eine katholische Realschule. Anschließend ging er, dem Wunsch und Willen seines Vaters und nicht der eigenen Neigung folgend, in das Bankwesen und arbeitete von 1910 bis 1911 als Angestellter einer deutschen Überseebank in Peking, von wo er – weit umhergekommen und an Eindrücken und Erfahrungen, die sein Leben sehr beeinflussten, reicher – nach Breslau zurückkehrte. Der Vater erlaubte nun, dass der Sohn seinen Inter­essen folgte, das Abitur nachholte und sich dem Studium der Literaturwissenschaft und der Philosophie zuwandte: an den Universitäten Breslau, Berlin und München. Walter Meckauer vertiefte sich in das Werk des als Repräsentant der Lebensphilosophie im Geistesleben einflussreichen und 1928 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichneten französischen Gelehrten Henri Bergson und wurde 1916 mit der Dissertation Der Intuitionismus und seine Elemente bei Bergson in Breslau zum Dr. phil. promoviert.

Beruflich betätigte sich Meckauer 1916 und 1917 als Hilfsbibliothekar der Breslauer Stadtbibliothek und gleichzeitig als Theaterkritiker der Breslauer Neuesten Nachrichten und ab 1917 als Leiter, des schlesischen Redaktionsbüros der Tageszeitungen des Berliner Ullstein-Verlags. Er arbeitete auch von 1920-1922 als Dramaturg am Stadttheater in Gleiwitz und 1921 als solcher in Chemnitz. Ein junger Mann, der zupackend-unstet in kämpferisch-unruhigen Zeiten seinen Weg suchte, während der zweiten Hälfte des Weltkrieges und des Abstimmungsringens um die Zukunft Oberschlesiens!

1924 wurde Meckauer Vizepräsident der Freien Hochschule für Geisteswissenschaften in München und zog einige Jahre später nach Berlin, wo er als Lektor für den Ullstein-Verlag und als Dramaturg an Theatern arbeitete und eifrig schrieb. Sein 1928 erschienener China-Roman Die Bücher des Kaisers Wutai brachte ihm den vom Preußischen Kultusministerium verliehenen „Jugendpreis Deutscher Erzähler“ ein und eine Art Durchbruch als Schriftsteller.

1933 gab es einen gravierenden Einschnitt in das Leben des damals als „freier Schriftsteller“ in Berlin wohnenden Autors, der dem „Schutzverband Deutscher Schriftsteller“, dem „Verband Deutscher Erzähler“ und dem „Internationalen PEN-Club“ angehörte: Er reiste mit seiner Familie nach Italien, musste die Etablierung des autoritären und judenfeindlichen NS-Regimes in Deutschland zur Kenntnis nehmen und wurde schließlich zum Emigranten – für zwei Jahrzehnte. Zuflucht fand er in Italien, Frankreich (ab 1938; im Krieg als Deutscher zeitweilig interniert) und in der Schweiz (ab 1942).

Nach dem Zweiten Weltkrieg stand Meckauer vor der Frage, ob er nach Deutschland zurückkehren solle, in ein von der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft befreites, aber schwer notleidendes – in ein anderes Deutschland. Eine schwierige Frage, mental-psychisch und auch in materieller Hinsicht. Er übersiedelte zunächst in die USA, lehrte dort als Gastdozent an Universitäten und ließ im Jahre 1952 im Münchner Verlag Langen Müller seinen zweiten China-Roman, Die Sterne fallen herab, erscheinen. Das zeitgeschichtliche Werk wurde vom Verlag mit einem Preis ausgezeichnet, erlebte die zweite Auflage und wurde in den Bertelsmann-Lesering aufgenommen. Der „China-Meckauer“ war geboren!

Zur Entgegennahme des Literaturpreises kam Meckauer nach München, und der Erfolg seines Buches und die ihm als Autor (und Mensch) begegnende Anerkennung bewirkten, dass er, der in den Vereinigten Staaten nicht heimisch geworden war, 1953 nach Deutschland zurückkehrte und seinen Wohnsitz (wieder) in München nahm, das ihm nun zur Wahlheimat wurde – war eine Heimkehr nach Schlesien doch nicht möglich. Im Jahre 1955 erhielt er in Würdigung seines literarischen Schaffens eine hohe Auszeichnung: das ihm vom Bundespräsidenten verliehene Bundesverdienstkreuz I. Klasse. Seinen autobiografischen Schlesien-Roman Viel Wasser floß den Strom hinab (1957) würdigte die angesehene primär katholische Zeitschrift Hochland als „Literatur und historisches Dokument zugleich. … Bis in die Diktion sind die schlesischen Menschen des spätbürgerlichen Zeitalters treulich festgehalten. Solche Bücher sind nicht nur mit literarischem Maßstab zu messen, Sie haben eine Mission.“ In diese fruchtbare Arbeitsperiode gehören auch der autobiografische Roman Gassen in fremden Städten (1959) und der 15 Erzählungen vereinigende Sammelband Der Baum mit den goldenen Früchten, die bezeichnenderweise alle im alteingessenen Breslauer Verlag Korn erschienen, der nach der Vertreibung unter dem Namen „Bergstadtverlag Wilh. Gottl. Korn“ in München tätig war. Das letztere Buch widmete Meckauer „den Freunden, die seit den Tagen der Jugend bis heute zu meinem Lebenskreis gehören“, und er nennt hier elf Personen, nach dem ehemaligen Reichstagspräsidenten Paul Löbe u.a. die schlesischen Literaten Gerhart Pohl, Alfons Hayduk und Max Tau, der 1950 den Friedenspreis des deutschen Buchhandels erhielt, aber nicht aus dem norwegischen Exil zurückkehrte.

Am 6. Februar 1966 starb Dr. Walter Meckauer im Alter von 76 Jahren in München, wo er vier Tage später auf dem Nordfriedhof begraben wurde. Er und seine Werke lassen sich nicht schubladenmäßig einordnen, war er doch vielseitig interessiert und schriftstellerisch tätig: mit Romanen, Erzählungen, Dramen, Komödien, Essays und Gedichten. Nach eigenem Zeugnis suchte er in seinen Texten „einen spirituellen, das heißt transparenten Realismus zu vertreten“, nicht einen naiven Realismus. Bemerkenswert sind seine Beziehung zum Mystischen und die aufschauende Freundschaft zu dem viel älteren „typisch schlesisch-mystisch“ empfindenden Riesengebirgler Carl Hauptmann.

Der Breslauer Bürgersohn war durch und durch ein Schlesier, und er stand auch dazu. Und so nimmt Schlesien mit seinen (damals) deutschen Bewohnern einen ganz wichtigen Platz in seinem Schaffen ein. Dieses erfuhr – insgesamt gesehen – nach dem Zweiten Weltkrieg und der durch Amputierung Schlesiens und der anderen Ostgebiete erheblich verkleinerten Deutschland nicht den ihm gebührenden hohen Grad der Wertschätzung und Anerkennung. Die zwei Jahrzehnte der großenteils erzwungenen Abwesenheit von seinem Heimatland ließen sich kontakt- und bekanntheitsmäßig nicht nach- und aufholen. Immerhin: Er machte mit im „Wangener Kreis“. Dieser verlieh seit 1969 alle zwei bis drei Jahre die Max Lippmann/Walter Meckauer-Gedenkmedaille; 1959 erschien eine zu seinem 70. Geburtstag von J. Zeuschner, dem Inhaber des Bergstadt-Ver­lags, herausgegebene Festschrift; 1979 erfolgte in Köln die von seiner Tochter Brigitte Meckauer-Kralovitz und ihrem Mann initiierte Gründung des Walter-Meckauer-Kreises; die Dom­stadt benannte eine Straße nach Walter Meckauer; 1984 erinnerte eine Ausstellung in der Universitätsbibiothek Münster an ihn. Und in so mancher Anthologie schlesischer Literatur befinden sich Erzählungen und Kurzgeschichten von Walter Meckauer, der das Überleben aller seiner schweren Bedrängnisse „neben einer unverdienten Gnade des Schicksals“ zuvörderst seiner „unzerstörbaren Liebe zum Menschen und zu jedem Lebewesen“ zuschrieb.

Werke: Der Intuitionismus und seine Elemente bei Henri Bergson, phil. Diss. 1916. – Hrsg.: Die Bergschmiede. Novellen schlesischer Dichter, Konstanz 1916. – Die Bücher des Kaisers Wutai, 1928. – Die Sterne fallen herab, München 1952. – Mein Vater Oswald, Stuttgart 1954. – Minnegericht im Breslauer Sängerkrieg. Herzog Heinrich IV., in: Große Schlesier, hrsg. von Alfons Hayduk, München 1957, S. 25-28. – Viel Wasser floß den Strom hinab. Roman, München 1957. – Gassen in fremden Städten. Roman aus meinem Leben, München 1959. – Heroisches Tagebuch. Aufzeichnungen eines Zivilisten zwischen Mittelmeer und Atlantik während der Schlacht um Frankreich 1940, Karlsruhe 1960. – Der Baum mit den goldenen Früchten, München 1964. – Die schöpferischen Tiefen des Ichs. Ein Rückblick auf Carl Hauptmanns dichterisches Werk, in: Schlesien XXXIV, 1989, S. 16-22. – Der Seher von Schreiberhau. Ein Erinnerungsblatt, ebd., S. 89-91. über Carl Hauptmann. – Heroisches Tagebuch. Aufzeichnungen eines Zivilisten zwischen Mittelmerr und Atlantik während der Schlacht um Frankreich 1940, Karlsruhe 1960.

Lit.: K(arl) S(chodrok), Walter Meckauer siebzig Jahre, in: Schlesien. Eine Vierteljahresschrift, IV, 1959, S. 59-60. – Ders., Walter Meckauer (75 Jahre), ebd. IX, 1964, S. 120. –Joachim Zeuschner (Hrsg.), Walter Meckauer. Mensch und Werk, München 1959. – Arno Lubos, Zu Walter Meckauers fünfundsiebzigsten Geburtstag, in: Schlesien IX, 1964, S. 119-120. – Karl Schindler, Heimat und Vertreibung in der schlesischen Dichtung, München 1964, S. 23-27. – Heinz Rudolf Fritsche, Wanderer durch „Gassen in fremden Städten“. Zum Tode des Schlesiers Walter Meckauer, in: Der Schlesier, 1966, Nr. 7. – Karl Ude, Walter Meckauer gestorben, in: Süddeutsche Zeitung v. 8. Februar 1966. – Herbert Jaekel, Über Walter Meckauer, in: Gefährten. Hrsg. von Egon H. Rakette, 1968, S. 18-21. – Arno Lubos, Geschichte der Literatur Schlesiens III, München 1974, v. a. S. 258-264. – Walter Meckauer. 10. Todestag, in: Ostdeutsche Gedenktage 1976, S. 22. – Gabriele Grützbach-Hornig, „Viel Wasser floß den Strom hinab.“ Erinnerungen an den Schriftsteller Walter Meckauer, in: Schlesischer Kulturspiegel 16, 1981, Folge 1, S. 5-6. – Brigitte Meckauer, Die Zeit mit meinem Vater, Düsseldorf 1982. – Franz Lennartz, Deutsche Schriftsteller des 20. Jahrhunderts im Spiegel der Kritik, 2, 1984, S. 1175-1178. – Helga Oesterreich, Zum Gedenken an Walter Meckauer (1889-1966), in: Schlesischer Kulturspiegel 19, 1984, Folge 2, S. 1-3. – Walter Meckauer, in: Ernst-Edmund Keil, Ostdeutsches Lesebuch II, Bonn 1984, S. 146. – Eugeniusz Klin, Was die Oder rauscht. Zu Walter Meckauers Erinnerungen an Schlesien, in: Zwischen Verlust und Fülle. Studien zur Literatur und Kultur. Festschrift für Louis Ferdinand Helbig, hrsg. von Edward Bialek und Detlef Haberland, Wrocław/Dresden 2006, S. 232-240. – Ders., Forschungen zur schlesischen Literatur (am Beispiel des deutsch-jüdischen Schriftstellers Walter Meckauer), in: Schlesien in der germanistischen Forschung und Lehre, hrsg. von Zdzislaw Waşik und Peter Chmiel, Wrocław (2010), S. 107-114 (Philologica Wratislaviensia: Acta et Studia)

Hans-Ludwig Abmeier

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