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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Meidner, Ludwig

Maler, Graphiker

* 1884, 18.04.
Bernstadt/Schlesien

† 1966, 14.05.
Darmstadt

„… ein schmerzlicher Drang gab mir ein, alles Gradlinig-Vertikale zu zerbrechen. Auf alle Landschaften Trümmer, Fetzen und Asche zu breiten. Wie baute ich immer auf meine Felsen die Häuserruinen, klangvoll gespalten. Wie rufende, warnende Stimmen schwebten Berge in den Hintergründen; der Komet lachte heiser, und Aeroplane segelten wie höllische Libellen im gelben Nachtsturm. Mein Hirn blutete in schrecklichen Gesichtern.“ In „Hymnen und Lästerungen“ schreibt Ludwig Meidner diese Sätze über den Sommer 1913, in dem seine visionären, apokalyptischen Stadtlandschaften entstehen.

Am 18. April 1884 wird Ludwig Meidner in Bernstadt, Kreis Öls, geboren. Der Textilhändlersohn soll Architekt werden. So beginnt er nach einer nicht allzu erfolgreichen Schulzeit 1901 eine Maurerlehre. Doch 1903 läßt er sich in der königlichen Kunstschule in Breslau einschreiben. Aber ihn quält die konservative Ausbildungsmethode. Er spürt, daß er eigene Wege suchen muß. In Berlin hofft er sie zu finden, denn schon macht Paul Cassirer eine van-Gogh-Ausstellung und präsentiert Cezanne, schon arbeitet Munch an Bühnendekorationen für Max Reinhardt. Ein Jahr lang verdient Meidner seinen Lebensunterhalt als Modezeichner, dann erhält er durch Fürsprache von Max Beckmann ein Jahresstipendium für Paris. Manet und die Impressionisten beeindrucken ihn, er strebt einen eigenständigen Impressionismus an, während seine Kommilitonen auf den Akademien Julian und Cormon schon die starkfarbige, expressive Malweise der „Fauves“ fasziniert.

1908 kehrt er nach Berlin zurück. Er fristet ein Dasein in materieller Not, die seine Schaffenskraft lahmt. Bei Herwarth Waiden stellt er 1912 das Porträt Alfred Momberts aus, das den Dichter in einer expressiven Landschaft voll Weltuntergangsvisionen zeigt; es kennzeichnet Meidners Abkehr vom Impressionismus und die Hinwendung zum Expressionismus und damit den Durchbruch zum eigenen Stil. Sein Erfolg bringt den Kontakt zur „Brücke“. Doch nur mit seinem schlesischen Landsmann Otto Mueller befreundet er sich. In einem wahren Schaffensrausch entstehen expressionistische Stadtlandschaften, Porträts von eindringlicher Ausdruckskraft sowie kritische Selbstbildnisse.

Ein Mäzen, Franz Kochmann, bewirkt den Umzug nach Dresden im Frühjahr 1914: er kauft Meidner und seinem Dichterfreund E. W. Lotz eine Lithographiewerkstatt und eröffnet damit die Aussicht auf die Herausgabe einer eigenen Zeitschrift. Dem wilden Inferno der apokalyptischen Stadtlandschaften folgen jetzt ku-bistische Kompositionsgefüge. Eine helle, zarte Farbigkeit verdrängt die dunkle, von grell zuckenden Lichtern durchsetzte Palette.

Zu Beginn des Ersten Weltkrieges wird Lotz eingezogen und fällt schon im Herbst 1914 in Frankreich. Als Reaktion darauf zeichnet Meidner kritische Blätter, die Gewalt und Grauen des Krieges anprangern. Er kehrt nach Berlin zurück und wendet sich religiösen Themen zu: Propheten und Sybillen sind neben Porträts seine Hauptmotive. 1916 wird auch er eingezogen. Meidner beginnt zu schreiben und schafft ein kleines, aber bedeutsames dichterisches Œuvre. 1918 veranstaltet Paul Cassirer eine große Ausstellung mit Meidners Werken. Beste Rezensionen erscheinen. Museen und Sammler kaufen. Meidner ist anerkannt. 1924 nimmt er einen Lehrauftrag am Studienatelier für Malerei und Plastik in Charlottenburg an. Die Zeit nach 1933 bringt für Meidner große Bedrängnis: Als Jude wird er verfolgt, als Expressionist für „entartet“ erklärt. Zunächst bleibt er noch in Berlin, wird dann in Köln am jüdischen Gymnasium Zeichenlehrer, verläßt 1939 Deutschland und versucht in England eine neue Existenz zu gründen. Um leben zu können, arbeitet er als Leichenwache und malt Porträts der Verstorbenen. Satirische Blätter und visionäre Aquarelle entstehen.

1953 kehrt Meidner, unbemerkt von der Kunstszene, nach Deutschland zurück. Zwei Jahre lebt er in Frankfurt, dann von 1955-63 in Marxheim. Erst 1961 erfährt ein größerer Kreis von dem Aufenthalt und der Existenz des verschollen geglaubten Ludwig Meidner: Ausstellungen in Recklinghausen, Berlin und Darmstadt lenken den Blick auf den großen schlesischen Expressionisten. Die Stadt Darmstadt stellt ihm ein Atelier zur Verfügung. Sein 80. Geburtstag wird Anlaß zur Ehrung und Anerkennung. 82jährig stirbt er am 14. Mai 1966 in Darmstadt. Im gleichen Jahr erscheint eine erste umfassende Monographie über Ludwig Meidner.

Werke (Auswahl): Im Nacken das Sternemeer, München 1918; Septemberschrei, Berlin 1920; Hymnen und Lästerungen, München 1959

Lit. (Auswahl): Lothar Brieger: Ludwig Meidner, Junge Kunst Bd. IV, Leipzig 1919. Thomas Grochowiak: Ludwig Meidner, Recklinghausen 1966

Abb.: Selbstbildnis 1912, Saarland-Museum, Saarbrücken.

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