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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Meltzl von Lomnitz, Hugo von

Germanist, Komparatist

* 1846, 31.07.
Sächsisch Regen/Siebenbürgen

† 1908, 20.01.
Großwardein (Nagyvárad, Oradea)

Abel Villemain mit seinen Pariser Vorlesungen über Einflüsse der französischen Literatur auf die italienische und über englisch-französische Literaturbeziehungen (1828) war ebenso wie Jean-Jaques Ampère 1830 mit De la littérature français dans ses rapports avec les littératures étrangères ein Vorbote des neuen Forschungsbereichs der vergleichenden Literaturwissenschaft. Am Ende des 19. Jahrhunderts waren Joseph Texte, Louis Paul Betz und Fernand Baldensperger Vertreter der Komparatistik, die auch in Italien (Francesco de Sanctis, Emilio Teza), Deutschland (Moriz Carrière, Wilhelm Schott) und den USA Vorläufer hatte, wo Hutcheson Macaulay Posnett 1886 eine Comparative Literature herausgab. Einer der frühen Komparatisten war der Siebenbürger Sachse Hugo Meltzl von Lomnitz, der heute als Herausgeber der ersten Zeitschrift für vergleichende Literaturwissenschaft, der Acta comparationis (1877-1888), anerkannt wird. Seine Versuche, neue Zielsetzungen und neue Methoden für eine „Zukunftswissenschaft“ zu bestimmen, sind fast unbekannt geblieben. Das liegt auch daran, dass die damalige ungarische Provinzuniversität Klausenburg im akademischen Betrieb Europas kaum eine Rolle spielte, und es ist auch auf Meltzls starre Prinzipien zurückzuführen: Er hatte seine Zeitschrift nur einer akademischen Elite zugedacht und in Kauf genommen, dass sie wenig verbreitet wurde. Daher ist es kein Wunder, dass man heute nur in Wien, Klausenburg, Bonn und Tübingen komplette Sammlungen der Acta comparationis vorfindet.

Meltzls Vater, Staatsbeamter und Immobilienbesitzer, konnte seinem Sohn eine sorgenfreie Existenz garantieren. Auf dieser Grundlage sollte der spätere Professor alle seine Publikationen, auch die Zeitschrift, aus eigener Tasche finanzieren. Der junge Meltzl besuchte das unitarische Kollegium in Klausenburg und bestand das Abitur am evangelischen Gymnasium in Bistritz. Seit dem Sommersemester 1866 studierte er in Heidelberg Theologie und Germanistik, im Wintersemester 1867 und bis 1869 in Leipzig Philosophie, Pädagogik und Geschichte, danach war er ein Semester lang in Wien, und bis 1872 hielt er sich abwechselnd in Siebenbürgen, wo er 1871 die Lehramtsprüfung für Gymnasien bestand, Leipzig und Heidelberg auf. 1872 wurde er in Heidelberg promoviert, was aufgrund einer mündlichen Prüfung erfolgte (in Heidelberg und Gießen verlangte man keine schriftliche Arbeit), so dass die häufig anzutreffende Behauptung, die 1872 in Leipzig publizierte Arbeit Stellung, Masz und Methode der Philosophie in der Gymnasialpädagogik sei Meltzls Promotionsschrift, nicht zutrifft.

Der junge Absolvent hatte Glück: 1872 wurde die Franz-Joseph-Universität in Klausenburg gegründet, und er erhielt prompt einen Ruf. Zwar war Meltzl in Heidelberg mit Loránd, dem nachmals berühmten Sohn des Kultusministers Eötvös befreundet, dochtrifft es nicht zu, dass ihn der Minister protegiert habe: dieser war schon 1871 gestorben. Immerhin war es ungewöhnlich, dass ein 26-Jähriger eine Berufung erhielt. Meltzl war bis zu seinem frühen Tod Inhaber des GermanistikLehrstuhls, in den Jahren 1894-1895 Dekan der Philosophischen Fakultät und gleichzeitig Rektor der Universität. 1895-1896 war er Prorektor der Klausenburger Universität, und noch 1907 nahm er beim Auswahlverfahren von Ehrendoktoren entscheidenden Anteil. Meltzl war u.a. Mitglied des Freien Deutschen Hochstifts in Frankfurt/M., der Königlichen Akademie der Wissenschaften und Künste Palermo, der Budapester Petöfi-Gesellschaft.

Als Professor setzte Meltzl um, was er in Heidelberg und Leipzig erlernt hatte. Er hielt – wie sein Vorbild Adolf Holtzmann – Vorlesungen über das Nibelungenlied, die Edda, Beowulf, über Wulfilas Bibelübersetzung und verband philologische mit kulturhistorischen Feststellungen. Er wandte sich auch der neueren Literatur zu, las über die Literatur nach Opitz, über Lessings Hamburgische Dramaturgie und seinenNathan. Aus der Literatur des 19. Jahrhunderts war nur Scheffels Ekkehard, allerdings recht häufig, in Meltzls Lehrplan anzutreffen. Neu war, dass er als Germanist zahlreiche Lehrveranstaltungen über den ungarischen Nationalpoeten Sándor Petöfi abhielt, sich mit Madame de Staël beschäftigte und auch sonst komparatistische Themen aufgriff (er verglich z.B. Petöfis Lyrik mit der Lenaus) und zudem sich mit Schopenhauers Philosophie auseinandersetzte. Dass für ihn Goethe, Schiller und Lessing die Fixsterne waren, erstaunt wenig. Zeitüblich war, dass er die ältere deutsche Literatur bevorzugte. Wie Holtzmann und sein Leipziger Vorbild Johannes Minckwitz maß er deutsche Literatur an griechisch-römischen, aber auch an indischen Vorbildern, was ebenfalls zum 19. Jahrhundert passt. Auch war es nicht überraschend, dass die Verbindung zwischen Literatur und Philosophie – nicht nur im Bannkreis von Schopenhauer, den er von den Vorlesungen Rudolf Seypels aus Leipzig kannte – für ihn eine Rolle spielten. Ebenso entspricht seine letzte größere Arbeit aus dem Jahre 1894 Der Begriff der Philosophie unter einem neuen Gesichtspunkt betrachtet den damaligen Gegebenheiten, denn Meltzl war auch ein Zeitgenosse von Nietzsche (allerdings nicht dessen Freund und Studienkollege in Leipzig, wie häufig behauptet wurde).

Neu war Meltzls Versuch, den Literaturbegriff zunächst in Richtung Philosophie, dann auch Religionsgeschichte, Volkskunde und Medienwissenschaften zu erweitern. Dies geschah allmählich, während er sich um die so genannte Weltliteratur bemühte, die er nicht – wie sein Vorbild Goethe – durch Eindeutschungen in den Rahmen der deutschen Kultur/Literatur einzubringen versuchte. Meltzls definierte einen „direkten“ und einen „indirekten“ Zugang zur vielsprachigen Literatur der Welt. Der „indirekte“ Zugang würde durch Übersetzungen gewährleistet, könne den „direkten“ Zugang zum Original durch Sprachkenntnisse zwar nicht ersetzen, sei aber ein wichtiges Hilfsmittel, um die Literaturen der Welt kennen zu lernen. Dass es sich dabei um Übersetzungen nicht nur ins Deutsche, sondern auch aus dem Deutschen handelt, wurde von Meltzl immer betont. Auch postulierte er die Kommunikation innerhalb der Wissenschaft ausschließlich in der Sprache der jeweiligen Literatur: für Germanisten sei das Medium Deutsch, für Anglisten Englisch usw. Durch diese gezielte Übersetzertätigkeit und den Gedankenaustausch sollten Wechselbeziehungen zwischen Literaturen (Kulturen) angeregt werden. Außerdem wollte man für die weltweite Zirkulation von Stoffen, Motiven, Themen und Strukturen sorgen. Die Wissenschaft, welche diese Vermittlungsprozesse, die gegenseitigen Annäherungsbemühungen untersucht, war für Meltzl, wie erwähnt, eine „Zukunfts Wissenschaft“.

Zur Verwirklichung dieser weltweiten Literaturkommunikation sollte die von Meltzl 1877 gegründete ZeitschriftÖsszehasonlitó Irodalmitörténeti Lapok (1877-1878) dienen, die im Haupttitel von 1879-1888 Acta comparationis litterarum universarum hieß und weitere Titel in unterschiedlichen Sprachen aufwies (Zeitschrift für vergleichende Litteratur, Journal d’histoire des littératures comparées, Giornale di letteratura comparata, Journal of comparative literature, Periódico de literatura comparada, Folhas de litteratura comparativa, Tidskrift för jemförande literatur, Timarit fyrir bókmenta samanburdh, Tijdschrift voor vergellijkende letterkunde, Zapiski po sravniteljnoj literature). In den elf Jahrgängen (mit insgesamt 212 Nummern, von denen manche als Doppel-, Dreifach- oder Vierfachnummer erschienen sind) standen Meltzl 130 Mitarbeiter zur Seite, die aus 24 Staaten stammten und von Brasilien in die USA, von fast ganz Europa nach Nordafrika, von Australien bis Japan und China reichten. Eine große Vielfalt an Themen und Kulturen wurde im Vergleich dargeboten, wobei es Meltzl von Anfang an um Multitalente ging: um Wissenschaftler, die zugleich Übersetzer und Autoren belletristischer Werke waren. Diese schienen ihm durch ihre Mehrsprachigkeit die Grundlage für einen Polyglottismus zu gewährleisten, ohne den man seiner Meinung nach vergleichende Literaturwissenschaft nicht betreiben kann. Zwar wurde die Idealvorstellung, dass ein Wissenschaftler alle Sprachen und Literaturen beherrschen müsse – Meltzl selbst soll, wie ungarische Wissenschaftler meinen, 40 Sprachen beherrscht haben –, bald nach unten korrigiert, aber es waren weiterhin die elf Sprachen zu beherrschen, die auf dem Titelblatt angegeben waren.

Meltzs bislang zum größten Teil unerforschter Briefwechsel mit Wissenschaftlern aus Melbourne, Kairo, Tunis, Philadelphia, Mexiko-Stadt, London, Paris, Genf, Kopenhagen, Dorpat, Moskau, Palermo, Catania, Messina, Florenz, Verona, Pisa, Budapest, Konstantinopel usw. lässt die Bemühungen Meltzls erkennen, eine je größere Zahl von Gleichgesinnten für die Sache der vergleichenden Literaturwissenschaft zu gewinnen. Dass er regionale Schwerpunkte setzte (in Italien waren für ihn Sizilien und Verona wichtige Zentren, in der Schweiz Genf, in Deutschland Frankfurt/M., Heidelberg und Leipzig), dass er die Nationalliteratur Ungarns – eine so genannte kleine Literatur –, vor allem Sándor Petöfi, zu popularisieren trachtete, kann auch heute wieder als Desiderat für die Komparatistik angesprochen werden: der Vergleich von Regionalliteraturen mit Nationalliteraturen, die Untersuchung kleiner Literaturen vor dem Hintergrund äußerst produktiver Nationalliteraturen, die Untersuchung von verschiedensprachigen Literaturen in einer Region – Meltzl wählte als Beispiel Siebenbürgen und suchte hier Belegmaterial in der ungarischen, rumänischen, siebenbürgisch-sächsischen, armenischen und der Roma-Literatur – kann sich auch heute als fruchtbar erweisen.

Meltzls Ziel war es, eine Kommunikation weltweit anzuregen, eine Gelehrtenrepublik zu verwirklichen, und wenn man die Liste der Mitarbeiter betrachtet, findet man zahlreiche bedeutende Persönlichkeiten der Zeit darunter: Rasmus B. Anderson begründete in Philadelphia die US-Skandinavistik,Romualdo Alvarez Espino, Ramon Leon Mainez waren die bekanntesten Hispanistender Zeit,Thorsteinsson Steingrimur war ein namhafter Gelehrter aus Island,Tommaso Canizzarro, Emilio Teza,Joseph de Spuches Principe di Galati waren in Italien als Wissenschaftler und Schriftsteller gleichermaßen geachtet, Frédéric Amiel, Dora d’Istria, Eugène Rolland waren bedeutende französischsprachige Autoren.Die EstenMichael Veske undEduard Wolter kannte Meltzl aus Leipzig, wo sie ebenso wie Hugo Wernekke und Ignaz Emanuel Wessely Schüler von Johannes Minckwitz waren. Diese letzten drei gehörten zu den häufigsten Beiträgern von Meltzls Zeitschrift. Dass auch die Klausenburger Kollegen und Schüler Meltzls (Sámuel Brassai, Peter Gerecze,Gyula Csernátoni, Heinrich von Wlislocki,Gregoriu Szilasi, Petre Dulfu) für regionale Bezüge wichtig waren, zeigt nur, wie sehr Meltzl Netzwerke nutzen oder aufbauen wollte.

Meltzls zahlreiche Reisen nach Deutschland und Italien (fast jährlich), nach Nordafrika (1883) und Skandinavien (1885) haben die Kontakte erleichtert, die Arbeit an der Ein-Mann-Zeitschrift aber erschwert. Um 1885 war erkennbar, dass das Riesenprojekt die Kräfte des Herausgebers übertraf, und als 1887 in Berlin die erste deutsche Zeitschrift für Komparatistik erschien, die mit staatlichen Subventionen rechnen konnte, resignierte der Klausenburger Einzelgänger. Seine Anregungen sind heute, wenn die internationale Wissenschaftslandschaft von Kontakten, Kooperationen, von der ständigen Revidierung von Vorurteilen und von isolierten Tatbeständen lebt, immer bedenkenswert, auch wenn Meltzl selbst viele seiner frühen Erwartungen selbst nicht erfüllt hat.

Werke:Eigene Werke: Stellung, Masz und Methode der Philosophie in der Gymnasialpädagogik, Leipzig: Kollmann 1872. – Schopenhauer Arthur bölcselmi elödei (Schopenhauers Vorgänger in der Philosophie), Kolozsvár 1873. – A kritikai irodalomtörténeti fogalmálról (Vom Begriff der kritischen Literaturgeschichte), Wien 1875. – La reforme littéraire en Europe, Clausenburg 1878. – Nathaniana, Klausenburg 1879. – Kantiana Hungarica, Kolozsvár/London 1881. – A philosophia új szempontból (Der Begriff der Philosophie unter einem neuen Gesichtspunkt betrachtet), Kolozsvár 1894. – Anti-Kalamboas. Das moderne Zeitungswesen, Leipzig 1897. – Petöfi-tanulmányok, hrsg. von Gyula Csernatoni, Budapest 1909 (Petöfi könyvtár 25).

Herausgeberschaft: Acta comparationis litterarum universarum. Klausenburg 1877-1888. –György Gaál (Hrsg.),Összehasonlító Irodalomtörténelmi Lapok, Bukarest 1975. – Hugo Meltzl/Samuel Brassai, Acta comparationis litterarum universarum. Neuausgabe hrsg. von Horst Fassel, Cluj-Napoca/Klausenburg 2002.

Übersetzungen: Alexander Petöfi: Gedichte, Leipzig 1871. – Jiile romane (Zigeunerherzen. Volkslieder der transsilvanischen Zigeuner), Klausenburg/London 1878. – The Black Wodas, Klausenburg 1879. – Alexander Petöfi: Die Wolken.Lyrischer Cyklus, Lübeck 1882.

Lit.:Charles Ijac, Une ancienne revue de la littérature comparée. Acta comparationis litterarum universarum (1877-1888), in: Revue de la Littérature Comparée 1934, S. 733-745. – Sándor Kerekes, Lomnitzi Meltzl Hugó. Karl Hugo Meltzl von Lomnitz 1846-1908, in: Irodalomtudományi Évkönyv 1937, Bd. II, S. 252-372. – Karl Kurt Klein, Die Nösner Germanistenschule, Klausenburg 1943. – Árpád Berczik, Les débuts hongrois de l’histoire littéraire comparée, in: Acta Litteraria Academiae Scientiarum Hungaricae 2 (1959), S. 215-249. – Ders., A magyar összehasonlító irodalomtörténet indulása. Kandidátusi disszertáció, Szeged 1966. – Ders., Hugó von Meltzl, in: Német filológiai tanulmányok (Arbeiten zur deutschen Philologie) XII. Kossuth Lajos Tudományegyetem Debrecen 1978, S. 87-100. – György Mihály Vajda, Hauptzüge der vergleichenden Literaturforschung in Ungarn, in: Acta Litteraria Academiae Scientiarum Hungaricae V (1962), S. 306-307. – Gertrud Lehnert, Acta Comparationis Litterarum Universarum, in: Arcadia 17 (1982), S. 16-36. – Mircea Popa, Un comparatist sas din Transilvania: Hugo Meltzl (1846-1908), in: Convergenţe europene, Oradea 1995. – Horst Fassel, Hugo Meltzl von Lomnitz (1846-1908) und die Anfänge der vergleichenden Literaturwissenschaft, in: Hugo Meltzl/Sámuel Brassai, Acta comparationis litterarum universarum.Neuausgabe hrsg. von Horst Fassel, Cluj-Napoca/Klausenburg 2002, S. 297-319. – Horst Fassel (Hrsg.), Hugo Meltzl und die Anfänge der Komparatistik. Materialien 16, Stuttgart: Steiner 2002.

Bild: Privatarchiv des Autors.

 

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