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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Meschendörfer, Hans

Buchhändler, Verleger

* 1911, 23.09.
Kronstadt/Siebenbürgen

† 2000, 14.07.
München

Gute Verleger und Buchhändler sollten bekanntlich sowohl Sinn für Literatur und Kunst als auch kaufmännisches Gespür besitzen. Beide Begabungen wurden Hans Meschendörfer gewissermaßen in die Wiege gelegt: Sein Vater Arnold war zwar Eisenwarenhändler, nur sein Soldatentod im November 1914 verhinderte aber den Berufswechsel zum Buchhandel. Unter den zahlreichen Nachkommen des Urgroßvaters von Hans Meschendörfer, des Lehrers und Theologen Josef M. (1801-1873), finden sich nicht wenige Künstler und Literaten, zum Beispiel der Onkel Adolf Meschendörfer (1877-1963; Verfasser der Siebenbürgischen Elegie und der Stadt im Osten), der Großonkel Josef Traugott M. (1832-1919; Schulbuchautor und Geologe), von den Vettern der früh verstorbene Graphiker Wolfgang M. (1910-1934), der Maler und Graphiker Harald M. (1909-1984), der Forstmeister und Schriftsteller Richard Jacobi (1901-1972) sowie der Geologe und Direktor des Burzenländer Sächsischen Museums zu Kronstadt, Dr. Erich Jekelius (1889-1970). – In der Familie der Mutter Friederike, geb. Ganzert wiederum überwiegen neben Pfarrern die Unternehmer: Der aus dem Württembergischen zugewanderte Fabrikant Karl Rudolf Ganzert (1859-1955) und die aus der bekannten Unternehmerfamilie stammende Großmutter Elisabeth, geb. Schiel (1855-1937).

Hans Meschendörfer legte 1929 als Schüler des Honterusgymnasiums zu Kronstadt die Reifeprüfung ab. Für ihn stand fest, den vom Vater ersehnten Beruf zu ergreifen: Je ein Jahr lang besuchte er die Buchhändler-Lehranstalt Leipzig und praktizierte im renommierten Verlag Firmin-Didot in Paris sowie in der Buchhandlung Gräfe & Unzer im preußischen Königsberg. – Im Jahre 1935 eröffnete Hans Meschendörfer in Kronstadt seine „Bücherstube“. Sie stellte etwas Neues dar: Abgesehen davon, daß er auf die damals übliche Koppelung mit Papierwaren und Büroartikeln verzichtete, schuf er statt Ladentischen gemütliche Leseecken, in denen man ruhig schmökern konnte, und versandte auf Bestellung deutsche Literatur bis ins entlegenste Dorf Rumäniens. Bald veranstaltete er auch Ausstellungen von Kunstdrucken. Ein Jahr nach Gründung der „Bücherstube“ erschien in seinem Verlag das erste Bändchen, 1938 eine Kunstdruckmappe mit Zeichnungen von Fritz Kimm.

In Kronstadt, später auch in München, war seine Ehefrau Liesel, geb. Goldschmidt seine zuverlässigste Mitarbeiterin. Sie vertrat ihn seit Beginn des Krieges gegen die Sowjetunion (22. Juni 1941), weil Hans Meschendörfer in rumänischen und deutschen Verbänden diente. 1943 schloß er bis auf weiteres seine Bücherstube – in Kronstadt für immer. – Bei Kriegsende geriet Meschendörfer in amerikanische Kriegsgefangenschaft, aus der er 1947 entlassen wurde. Seine Frau war im Januar 1945 zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion deportiert worden, und Meschendörfer sah sie erst 1950 in München wieder, wo er zunächst als Verlagsangestellter, dann als Geschäftsführer des akademischen Gemeinschaftsverlages München sein Auskommen gefunden hatte.

1954 wagte er den Sprung in die Selbständigkeit, indem er die „Versand- und Verlagsbuchhandlung Hans Meschendörfer, München“ gründete. In deren Kundenkartei fanden sich bald die Namen der geistig interessierten Siebenbürger Sachsen und vieler Südostdeutscher aus aller Welt. Nach Lockerung der Bestimmungen baute er auch einen Geschenkdienst nach Rumänien auf. Wegen der schmalen Finanzierungsbasis verband sich Meschendörfer 1969 mit der Verlagsgruppe Walter Richter, die jedoch 1975 liquidierte. Bis zur Erreichung seines 70. Lebensjahres arbeitete er dann in einem Münchner Landkartenverlag. – In Meschendörfers Kronstädter Verlag erschienen wegen der schwierigen Zeitverhältnisse nur vier, in München 21 Titel, die durch geschmackvolle, gediegene Ausstattung auffielen und teilweise mehrfach aufgelegt wurden. Bildbände und Bildmappen machten ein Drittel der Verlagsproduktion aus. Das verrät, daß Hans Meschendörfer ein zielgerichteter Sammler alter, teilweise seltener siebenbürgischer Drucke und überhaupt ein Bibliophile war.

Abgesehen von mehr als vierzig Zeitschriften-Aufsätzen war Hans Meschendörfer Autor eines Kompendiums über Das Verlagswesen der Siebenbürger Sachsen, das 1979 im Verlag des Südostdeutschen Kulturwerks erschien. Seine Einführung zum Neudruck von Charles Boners Siebenbürgen, Land und Leute (Leipzig 1868, Köln-Wien 1987) vermittelt neue Erkenntnisse über den Engländer Boner. Meschendörfers Stärke war jedoch der zurückhaltende, kluge Rat des „gänzlich uneitlen Menschen … Ich kann mir nicht vorstellen, daß er je einen Feind hatte“ (Heinrich Zillich). Nicht nur den Einrichtungen der Südostdeutschen in München war er ein Helfer; über bald zwanzig Jahren fuhr er jährlich an mehreren Wochenenden, seitdem er mehr Zeit hatte, auch für Wochen, von München an den Neckar und half ohne Entgelt im Siebenbürgischen Museum und in der Bibliothek auf Schloß Horneck in Gundelsheim. So hat niemand den Siebenbürgisch-Sächsischen Kulturpreis 1984 eher verdient als er.

Lit.: Heinrich Zillich: Der Buchhändler und Verleger Hans Meschendörfer, in: Südostdeutsche Vierteljahresblätter 30 (1981) S. 291-294 (mit Liste der Verlagsveröffentlichungen). – Hans Bergel: Laudatio für Hans Meschendörfer. Siebenbürgisch-Sächsischer Kulturpreis 1984, ebenda 33 (1984), S. 234-237.

Bild: Privatbesitz.

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