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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Middendorff, Alexander Theodor von

Forschungsreisender, Landwirt

* 1815, 06.08.
St. Petersburg

† 1894, 16.01.
Hellenorm/Livland

St. Petersburg und Hellenorm (südlich von Dorpat) bezeichnen nicht nur Ortsnamen, die ein außerordentliches Leben umschließen, sondern weisen beide auch auf Herkunft und Wirkungskreis Middendorffs hin: St. Petersburg auf das Machtzentrum des Reiches und damit den Ausgangspunkt aller Pläne zur Entwicklung und Erschließung der riesigen Räume von der Ostsee bis zum Nordosten der russischen Gebiete Asiens; Hellenorm dagegen steht für das alte, von deutscher Kultur geprägte baltische Land mit seinem geistigen Zentrum, der Universität Dorpat. Auf die kürzeste Formel bringt dieses Leben sein Enkel Theodor Lackschewitz, wenn er Middendorff als „Forschungsreisenden und Landwirt“ charakterisiert.

Middendorff war der Sohn des aus Estland stammenden, in St. Petersburg wirkenden Direktors des Pädagogischen Hauptinstituts zur Ausbildung für Professoren an russischen Universitäten. Dieser besaß auch Güter in Livland, unter anderen den Stammsitz der Familie, das Gut Hellenorm, der auch Alexander Theodor Middendorffs Wohnsitz und Wirkungsstätte wurde. Er blieb bis zur Umsiedlung der Deutschbalten im Herbst 1939 im Besitz der Familie. Deren Erbbegräbnis wird heute – auch als Stätte der Erinnerung an ihren berühmtesten Sohn – von den Esten in Ehren gehalten und gepflegt.

Nach dem Schulbesuch in Reval und St. Petersburg und einem Medizinstudium in Dorpat, das er 1837 mit dem Dr. med. abschloß, trieb Middendorff von 1837 bis 1838 zoologische Studien in Berlin, Erlangen, Breslau und Wien. Mit den Jahren als a. o. Professor der Zoologie in Kiew (1839 – 42) begann die Periode seiner Forschungsreisen. Sie war begleitet von einer unermüdlichen Tätigkeit als Dozent und aktiver Mitarbeit an wissenschaftlichen Instituten in aller Welt. Ehrungen und Auszeichnungen in großer Zahl begleiteten diesen Weg. Er war Mitbegründer und Vizepräsident der Russischen Geographischen Gesellschaft, Mitglied und ständiger Sekretär, später Ehrenmitglied der Akademie der Wissenschaften in St. Petersburg, Dozent für Hippologie an der Garde-Kavallerieschule, Lehrer des Thronfolgers in naturwissenschaftlichen Fächern und mehrfach Reisebegleiter von Großfürsten nach Sibirien und ins Ausland, 1859 bis 1860 Präsident der Freien Ökonomischen Sozietät in St. Petersburg. Im Jahr 1860 begann mit der Übersiedlung nach Hellennorm die Periode der unmittelbaren Wirksamkeit in Livland.

Auftakt und Grundlage des ersten Lebensabschnittes hatten die Forschungsexpeditionen gebildet: Zuerst die mit Karl Ernst von Baer gemeinsam unternommene Erkundungsreise ans Weiße Meer und nach Lappland. Von dieser Entdeckungsreise (für Middendorffs Expeditionen trifft diese Bezeichnung in ihrem eigentlichen Sinne zu) heißt es in einem Nachruf: „Seit Middendorff als Baers Gefährte sich die Sporen als Reisender und Forschser erwarb, ist er bis zu seinem Greisenalter so oft und in so mannigfaltiger Weise und zu so verschiedenen Zwecken zu Expeditionen herangezogen worden, daß sich schon aus dieser Tatsache an sich der Schluß ziehen läßt, er müsse geistig, physisch und moralisch eine ganz außerordentliche Qualifikation und Lust dazu besessen haben, der Wissenschaft gerade auf diese Weise, unter Gefährdung seiner Gesundheit, ja seines Lebens, in aufopfernder Weise zu dienen.“ Diese Bereitschaft, sein Leben in den Dienst der Wissenschaft zu stellen, wurde besonders bei der berühmtesten und folgenreichsten Reise Middendorffs deutlich, zu der er Anfang November 1842 aufgebrochen war. Im Auftrage der Akademie der Wissenschaften und unter der Schirmherrschaft Kaiser Nikolaus des Ersten sollte der äußerste Norden und Osten Sibiriens erforscht werden. Was auf dieser Expedition geleistet wurde, bezeichnete Karl Ernst von Baer als „ohne Beispiel in der an Gefahren und Entbehrungen reichen Geschichte der arktischen Expeditionen“. Die genannten Gebiete sollten auf ihre Vegetationstahigkeit hin untersucht und dabei auch der Taimyr-See erforscht werden. Es gelang auch, diesen zu erreichen und auf einem selbstgezimmerten, vier Meter langen „Bootchen’4 ins offene Meer vorzustoßen. Dafür mag hier eine Episode stehen, von der Middendorff selbst berichtet hat: „Als ich nun am 24. im Nordende des Taimyrsees mit eingerefften Segeln bei argem Sturm stark an den Wind hielt, um eine felsige Insel zu doublieren, schlug Welle auf Welle ein, und das mit Wasser gefüllte Boot konnte ich nur dadurch retten, daß ich es mit vollen Segeln vor dem Wind fliegend auf eine Sandbank rennen ließ. Der heftige Wind verwandelte unsere völlig durchnäßten Kleidungsstücke in Eisrinden. Es war kaum mehr auszuhalten. Solch schlimme Erfahrung zwang mich, bis zum 28. stille zu liegen, da der Sturm forttobte.“

Als Middendorff Ende März 1845 nach Petersburg zurückkehrte, hatte er mehr als 21000 Kilometer aufgebahnten Straßen und 8 500 Kilometer auf weglosen Strecken zurückgelegt. Neben allen Entdeckungen auf geographischem, naturwissenschaftlichem und völkerkundlichem Gebiet riefen überraschende Beobachtungen über Siedlungs- und Verwaltungsverhältnisse aus dem russisch-chinesischen Grenzraum hochpolitische Wirkungen hervor. Denn sein Bericht wurde auch zur direkten Ursache der Erwerbung des Amurgebietes durch Rußland. Ein Ereignis, das noch in der Gegenwart zu politischen Verwicklungen in diesem Raum geführt hat. Für Rußland und weit darüber hinaus war die Wirksamkeit dieses ersten Abschnittes in Middendorffs Forscherleben von großer Bedeutung. Die zweite Periode nach Übersiedlung in die engere baltische Heimat trug durch die nun einsetzende Übertragung der theoretischen Erkenntnisse und Erfahrungen aus seiner Lehrtätigkeitund seinen wissenschaftlichen Arbeiten reiche, im Lande unmittelbar erfahrbare Früchte.

Auf seinen livländischen Majoratsgütern und den Gütern der Großfürstin Helene Pawlowna im Poltawaschen Schwarzerdegebiet ergaben sich für Middendorff die vielseitigsten Voraussetzungen für seine mit größter Energie und Sachkenntnis begonnenen und mit Erfolg durchgeführten Arbeiten. Sein Spezialgebiet, dessen Entwicklung ihm besonders am Herzen lag, war die Pferde- und Viehzucht. Anstelle der bis dahin allgemein üblichen Einteilung der Pferde nach ihren Herkunftsländern führte Middendorff die heute übliche Bestimmung der Pferderassen nach Körperbau und Gangart ein. Nachdem er aus Kriegs-Bulletins Napoleons I. ersehen hatte, daß Ardennerpferde als die einzigen Artilleriepferde alle Strapazen überstanden hatten, reiste er selbst nach Belgien, lernte dort diese Pferderasse kennen und führte sie in Livland ein, wo sie für die Pferdezucht von großer Bedeutung wurde.

Besonders wichtig aber wurde die Züchtung der den klimatischen Verhältnissen angepaßten „baltischen roten Rinderrasse“. Middendorff hatte in Schleswig-Holstein die Leistungsfähigkeit des Anglerrindes kennengelernt und den baltischen Verhältnissen vergleichbare geographische und klimatische Voraussetzungen beobachtet. Er importierte einen Stamm-Angler für seine Wirtschaft, worauf nicht die einheimische Rasse durch eine importierte ersetzt wurde, sondern erst durch eine neue Züchtung der Stamm eines neuen leistungsfähigen Rindes entstand.

Es war selbstverständlich, daß Middendorff neben der praktischen Landwirtschaft und der führenden Mitarbeit in den Berufsverbänden aufs engste dem ehrenamtlichen Landesdienst verbunden war. Hier trat er für eine radikale Reform der Verfassung ein.

In das Gesamtbild der Persönlichkeit Middendorffs und seines Wirkens gehört auch, daß ihm die Förderung des estnischen Bauernstandes ganz besonders am Herzen lag. Bezeichnend dafür ist das Wort eines Esten, Middendorff habe aus seinem Ruhm kein Wesen gemacht, so daß jedes Kind mit ihm wie mit seinem Vater habe sprechen können. Dieser Ausspruch galt einem Mann, nach dem 17 Tiere, elf Pflanzenarten und drei geographischen Orte benannt worden waren. Sein Enkel zitiert das Wort eines Zeitgenossen: „Seinem selbstlosen Charakter, seiner auf so mannigfachen Gebieten betätigten uneigennützigen und aufopfernden Hingebung war … an äußeren Ehren wenig gelegen. Er hat der Wissenschaft um der Wahrheit und jeder Sache um ihrer selbst willen gedient.“

Lit.: Deutsch-Baltisches Biographisches Lexikon – Theodor Lackschewitz: A. Th. v.Middendorff, in: Jahrbuch d. baltischen Deutschtums 1961, – „Wir Balten“ (1951), S.169-175.

Bild: Archiv der Carl-Schirren-Gesellschaft – Lüneburg.

 

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