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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Miegel, Agnes

Dichterin

* 1879, 09.03.
Königsberg i.Pr.

† 1964, 26.10.
Bad Salzuflen

„Der erste Laut, der an mein Ohr hier drang,
war Deiner Sonntagsglocken Lobgesang“,

schrieb die Königsberger Dichterin Agnes Miegel über ihre Herkunft aus dem Herzen der Pregelstadt in der Nähe des alten Ordensdoms. Nie konnte sie sich vorstellen, woanders geboren zu sein als in Königsberg in Ostpreußen, das sie schon früh als prägende Heimat empfand.

Das bildungsbeflissene Elternhaus war solide schlicht und bescheiden. Ihr Vater Gustav Adolf Miegel (1838-1917) gehörte der Kaufmannschaft an, ihre Mutter Helene geb. Hofer (1858-1913) stammte in direkter Linie von den Salzburger protestantischen Glaubensflüchtlingen ab, die 1732 nach Ostpreußen gekommen waren. Sie blieb das einzige Kind ihrer Eltern, und stets war ihr bewusst, dass sie in beiden Linien die Letzte war. Nach der höheren Töchterschule besucht sie noch für eineinhalb Jahre ein Mädchenpensionat in Weimar.

Ein Aufenthalt in Paris, eine Ausbildung zur Kinderkrankenschwester in Berlin, ihre Tätigkeit als „Fräulein“ an einem Mädcheninternat in Bristol in Südwestengland, der Besuch des Lehrerseminars in Berlin und einige Monate an der landwirtschaftlichen Frauenschule in Geiselgasteig bei München machen sie weltläufig, sie knüpft etliche literarische Kontakte. Mit Lulu v. Strauß u. Torney, Ina Seidel u.a. verbindet sie lebenslange Freundschaft. Als Dichterin erregt sie schon mit ihren ersten Gedichten und Balladen zu Beginn des Jahrhunderts im In- und Ausland Aufsehen, u.a. mit der Mär vom Ritter Manuel und den Nibelungen. Aber die Suche nach einem Beruf, der sie ernähren kann, scheitert immer wieder an ihrer labilen Gesundheit.

1906-1917 muss sie in Königsberg ihrem erblindenden Vater den Haushalt führen, die gemütskranke Mutter stirbt 1913 in einer Anstalt. Verarmt und krank steht sie danach allein und findet schließlich Arbeit bei der Zeitung, wo sie mit dem Erlernen des Journalistenhandwerks und der Betreuung des Feuilletons auch als Dichterin zur Prosa findet. Nach dem Erscheinen der Geschichten aus Altpreußen 1926 (darin: Die Fahrt der sieben Ordensbrüder) erkämpft sie sich allmählich eine bescheidene Existenz als freie Schriftstellerin. Weitere Vers- und Prosabücher folgen, tief verwurzelt in ostpreußischer Landschaft, Geschichte und Wesensart, sie behandelt aber auch andere Themen aus Geschichte und Mythologie, die um die ganze Welt reichen.

Wenn auch in den ersten zwei Dekaden des 20. Jahrhunderts ihr Œuvre noch nicht umfangreich ist, werden ihr doch schon bedeutende Preise verliehen. 1911 kann sie sich dank einer Ehrengabe der Fastenrath-Stiftung eine Italienreise leisten, 1916 erhält sie den Kleistpreis, und 1924 die Ehrendoktorwürde der Königsberger Universität Albertina.

Der Erste Weltkrieg und die nachfolgende Inflationszeit treffen Ostpreußen ganz besonders schwer, und der Polnische Korridor, der Ostpreußen vom deutschen Kernland abtrennte, bringt große finanzielle und seelische Belastungen mit sich. Agnes Miegels Gedichte zur Zeitgeschichte und ihre Feuilletonbeiträge tragen ihr nun das Ansehen als Stimme Ostpreußens ein. Ihre Heimatprovinz gewährt ihr seit 1926 einen kleinen Ehrensold, ihre Vaterstadt Königsberg seit 1929 freies Wohnrecht. Trotz aller Dankbarkeit für solche Hilfen in ihrer wirtschaftlich desolaten Lage sind ihr zeitlebens Ruhm und Ehre suspekt, drücken sie mit einem Gefühl von Abhängigkeit und Verpflichtung und konfrontieren sie mit viel Neid und Missgunst. In privaten Briefen schreibt sie von ihrem tiefen Misstrauen gegen Ruhm vor dem Tode.

Ihr Verhältnis zum Nationalsozialismus ist naiv gutgläubig, doch die tiefgläubige Christin hält an ihren Maximen der Toleranz, Bescheidenheit, Schicksalsergebenheit und versöhnlichen Mitmenschlichkeit stets fest und propagiert ausdrücklich nicht die Maximen der Nationalsozialisten. Gleichwohl wird die berühmte Dichterin mit ihren heimatverbundenen Dichtungen in der Kulturpolitik eingespannt und verfasst wenige Auftragsgedichte in einem für sie ganz untypischen Schwulststil.

1939 erhält sie als erste Frau die Ehrenbürgerwürde der Stadt Königsberg, 1940 den Goethepreis der Stadt Frankfurt, der auch in diesen Jahren nicht von seinem hohen Anspruch an hervorragende künstlerische Qualität abweicht.

Ende Februar 1945 flieht sie aus ihrer von britischen Bomben zerstörten und von russischen Truppen umzingelten Heimatstadt und gelangt über die Ostsee nach Dänemark, wo sie bis Oktober 1946 in einem der größten Flüchtlingslager in Oksbøl bleibt. Über Apelern kommt sie 1948 mittellos nach Bad Nenndorf, wo sie mit ihrer langjährigen Hausgehilfin Elise Schmidt, die sie 1955 adoptiert, eine bescheidene Altersheimat findet. 1954 ernennt Bad Nenndorf sie zur Ehrenbürgerin und zum Ehrenkurgast.

Für ihre Landsleute wird sie zur geliebten „Mutter Ostpreußen“, deren gütige Menschlichkeit und lebensweises dichterisches Werk viel zur Integration der zahlreichen Flüchtlinge beiträgt. Ihre Erkenntnis aus zwei Weltkriegen und dem Verlust der Heimat ist der Appell „nichts als den Hass zu hassen“. Ihre Trauer ist frei von Revanchismus und Bitterkeit.

Seit 1952 gewährt ihr Duisburg als Patenstadt Königsbergs den gleichen Ehrensold wie einst ihre Vaterstadt, seit 1956 unterstützt Hameln sie mit einem Legat, das Land Niedersachsen und das Bundespräsidialamt würdigen ihr Werk mit Ehrengaben, und zu ihren runden Geburtstagen gratulieren Bundespräsident und Bundeskanzler.

Höchste Anerkennung wird ihr zuteil mit dem Literaturpreis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste 1959. Die Laudatio bringt Wesentliches ihres Werkes auf den Punkt: „Ihre Dichtung steigt aus einer unmittelbaren Anschauung auf, die als visionär zu bezeichnen ist. Das gilt für die geschichtliche Welt ihrer Balladen und Erzählungen, wie auch für Werke, in denen übersinnliche Phänomene bezwingende Wirklichkeit gewinnen, ohne ihr Geheimnis einzubüßen. Schon die frühen, um die Jahrhundertwende erschienenen Gedichte waren so sprachmächtig wie die Werke der Reifezeit. Nach 1945 entstanden aus bitterer Erfahrung der vertriebenen Ostdeutschen Gedichte von überpersönlichem Ausdruck.“

Bemerkenswert ist zudem, dass sie ein von Zeitströmungen und literarischen Moden weitgehend unbeeinflusstes, eigenständiges Werk schuf und letztlich immer ihren Blick dem Licht zuwendet, noch mitten in aller Tragik dem Hoffnungsvollen und Zukunftsträchtigen, das Leben bedeutet. Sie war eine Dichterin, der es wie keiner anderen gelang, ostpreußische Themen über den Bereich der Heimatliteratur hinaus in den Raum der großen deutschen Literatur zu stellen. Zu Agnes Miegels Tod telegrafierte Willy Brandt zusammen mit Fritz Erler und Herbert Wehner sein Beileid an Elise Schmidt-Miegel: „In Frau Agnes Miegel verliert die Geisteswelt eine Dichterin, deren Schaffen von der tiefen Liebe zur Heimat geprägt, in die deutsche Literaturgeschichte eingehen wird.“

Ihr dichterischer Nachlass wird im Deutschen Literaturarchiv in Marbach/Neckar bewahrt.

Werke (Auswahl): Gedichte, Stuttgart 1901. – Balladen und Lieder, Jena 1907. – Geschichten aus Altpreußen (En.), Jena 1926. – Herbstgesang (G.), Jena 1932. – Kirchen im Ordensland (G.), Königsberg 1933. – Gang in die Dämmerung (En.), Jena 1934. – Wunderliches Weben (En.), Königsberg 1940. – Du aber bleibst in mir (G.), Hameln 1949. – Die Blume der Götter (En.), Köln 1949. – Ges. Werke in 6 Bdn., Köln 1952-55. – Gedichte a. d. Nachlass, Köln 1979. – Spaziergänge einer Ostpreußin (Feuilletons), Köln 1985. – Wie ich zu meiner Heimat stehe (Beiträge aus der Königsberger Allg. Zeitung 1926-32), Schnellbach 2000.

Lit.: Bodo Heimann, Weltbürgerin der Poesie. Agnes Miegels Gedichte neu gelesen. Jahresgabe der Agnes-Miegel-Gesellschaft 2008. – Marianne Kopp, Agnes Miegel. Untersuchungen zur dichterischen Wirklichkeit in ihrem Werk, Diss. München 1988. – Dies.: Agnes Miegel – Leben u. Werk, Husum 2004. – Marianne Kopp/Ulf Diederichs (Hrsg.), „Als wir uns fanden, Schwester, wie waren wir jung“. Agnes Miegels Briefe an Lulu v. Strauß u. Torney 1901-22, Augsburg 2009. – Marianne Kopp (Hrsg.), Agnes Miegel – Ihr Leben, Denken und Dichten von der Kaiserzeit bis zur NS-Zeit: Mosaiksteine zu ihrer Persönlichkeit, Münster 2011. – Heinz-Georg Kyritz, Das Unbewußte im Dichtungserlebnis Agnes Miegels, Jahresgabe der Agnes-Miegel-Gesellschaft 1972. – Ders., Agnes Miegel, „Die Fahrt der sieben Ordensbrüder“, Jahresgabe der Agnes-Miegel-Gesellschaft 1977. – Inge Meidinger-Geise, Agnes Miegel und Ostpreußen, Würzburg 1955. – Helmut Motekat, Lichter Traum und dunkle Wirklichkeit. Agnes Miegel und die Literatur ihrer Zeit, Jahresgabe der Agnes Miegel-Gesellschaft 1980. – Tadeusz Namowicz, Agnes Miegel als Dichterin des Grenzlandes, in: Golec/Namowicz (Hrsg.), Literatur im Kulturgrenz­raum, Bd. 2, Lublin 1994, S. 57-69. – Anni Piorreck, Agnes Miegel. Ihr Leben und ihre Dichtung (Bio.), Köln 1967. – Brigitte Poschmann, Agnes Miegel und die Familie v. Münchhausen. Jahresgabe der Agnes-Miegel-Gesellschaft 1992. – Walter T. Rix, „Gleichnis höchsten Gutes“. Königs­berg im Werk von Agnes Miegel, Jahresgabe der Agnes-Miegel-Gesellschaft 2006.

Bild: Agnes-Miegel-Gesellschaft.

Marianne Kopp

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