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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Mikulicz-Radecki, Johannes von

Chirurg

* 1850, 16.05.
Czernowitz/Bukowina

† 1905, 14.06.
Freiberg/Schlesien

Zur Biografie von Johann Mikulicz ist viel veröffentlicht worden, dabei weniger über die Zeit in der Bukowina, und wenn, dann mehr über die Familie und die Rolle seines Vaters, des „Forstsubstituts“ (Gehilfen), der es durch Selbststudium zum Forstbeamten, Baumeister und herausragenden städtischen Architekten gebracht hat. Verewigt ist Andreas Mikulicz (geb. am 5. November 1804 in Galizien, gest. am 13. April 1881 in Czernowitz) durch den heute noch imponierenden Rathausbau am Czernowitzer Rathausplatz mit dem 45 Meter hohen Turm, die Gestaltung des Ringplatzes „nach kapitolinischem Vorbild“ und den beliebten Volksgarten (1839, nach Wiener Vorbild).

Daß nicht so viel über Johann Mikulicz und Czernowitz bekannt ist, liegt daran, daß ein etwa 100seitiges Manuskript zur Familiengeschichte aus der Feder der Ehefrau Henriette noch nicht veröffentlicht wurde, die anderen Autoren dieses Kapitel bisher weniger interessiert hat. Der Impuls zum Medizinstudium kam nämlich nicht aus der Geburtstadt, er erfolgte sogar gegen den Willen des Vaters. Onkel Lukas Mikulicz in Hermannstadt/Sibiu, hochgeschätzter Arzt und Leiter des dortigen „Hebammen-Lehr-Instituts“, weckte in dem Gymnasiasten den Wunsch, Medizin zu studieren. Vater Andreas wollte aus ihm einen Diplomaten oder Juristen machen.

Ein weiterer Grund ist der, daß Mikulicz, Sproß aus der zweiten Ehe des Vaters mit Emilie von Damnitz, Tochter eines früheren preußischen Offiziers, aus einer Familie kam, die über Jahre ein für damalige Verhältnisse ungewöhnliches Leben führte: einen doppelten Haushalt. So gelangte dieser – bestimmt wichtig für die weltoffene Prägung des jungen wie auch erwachsenen Johann –, mit acht für drei Jahre nach Prag in die Piaristenvorschule und zur Musikausbildung an das Musikinstitut von Josef Proksch, ein Bildungsbereich, der mitentscheidend wurde für seine Zukunft. Über die Musik lernte er seine spätere Ehefrau in Wien kennen, wurden ihm Türen und Tore in die höhere Wiener Gesellschaft geöffnet. So wurde Mikulicz von Kind an Weltbürger: Der Schule in Prag folgte 1862 (auch für Bruder Valerian, den späteren General) das „Humanistische Gymnasium“ in Czernowitz (genauer das achtklassige „Kaiserlich-Königliche I. Obergymnasium“) unter der Direktion von Stephan Wolf, dem späteren I. Staatsgymnasium (gegründet 1808), dann 1863 das Gymnasium der Theresianischen Ritter-Akademie in Wien mit weiterer Musikausbildung, 1864 das Benediktiner-Klostergymnasium Klagenfurt, wieder Gymnasium in Czernowitz, mit 17 als Sekundaner die Schule und Musikunterricht in Hermannstadt zusammen mit einem seiner Brüder bei Onkel Lukas; ab 1868 wieder Gymnasialzeit in Czernowitz bis zur Matura, die er hier 1869 mit Auszeichnung ablegte.

Im Oktober des Matura-Jahres 1869 war Johann zum Studium nach Wien gereist, widmete sich mit Eifer dem Medizinstudium, für das er sich anfangs das Geld durch Klavierunterricht verdienen mußte, bis ihm ein Gönner zu einem Stipendium verhalf.

Während der Studienzeit, die er 1875 mit dem Staatsexamen und dem Rigorosum erfolgreich abschloß, besuchte Johann nur wenige Male Czernowitz. Einige Male war der Vater mit seiner dritten Ehefrau nach Wien gekommen; mit Bruder Andreas und dem Vater hatte Johann 1872 eine zweimonatige Informationsreise durch Rußland unternommen. Es bestanden freundschaftliche Familienbande über ganz Mitteleuropa, eine reiche Korrespondenz wurde geführt. Der Czernowitzer Einfluß dürfte, außer dem des Vaters und der helfenden Schwester Emilie, die inzwischen in polnischem Umfeld verheiratet war, mäßig gewesen sein. Der Wunsch seines Professors und Vorbildes, des Chirurgen Prof. Dr. Theodor Christian Billroth, aus dem Jahre 1877 ging auch nicht in Erfüllung: Dieser schrieb an seinen jungen Assistenten: „Ich habe immer noch die Hoffnung, daß Sie der erste Professor der Chirurgie an der neuen Universität Ihrer Vaterstadt werden sollen.“ Czernowitz, seit 1875 Universitätsstadt, bekam keine Medizinhochschule, so daß  Billroth den angehenden Forscher auf Studienreise in die Hochburgen der europäischen Chirurgie schickte, nach Deutschland, England und Frankreich. Auch mit der Berufung nach Lemberg klappte es nicht. Die direkten Beziehungen zu Czernowitz wurden nach dem Tod des Vaters 1881 noch schwächer, zumal die meisten Geschwister von dort weggezogen waren. Der anstrengende Beruf, der für Mikulicz Lebenssinn und -inhalt bedeutete, die folgenden Ortswechsel nach Krakau, Königsberg und Breslau, die große eigene Familie (acht Kinder hatte ihm seine Frau geboren) dürften dazu geführt haben, daß die Bindungen zur Geburtsstadt immer lockerer wurden.

Die Stadt selbst hat ihn nie ganz vergessen. In den Zeitungen wurden seine großen Erfolge bekannt gemacht und man war stolz auf den Sohn der Bukowina, nicht zuletzt waren es würdigende Nachrufe, die in den Czernowitzer Zeitungen erschienen sind (siehe Beck-Bibliographie). Das Czernowitzer I. Staatsgymnasium würdigte in seiner umfangreichen Jubiläumsfestschrift (gedruckt 1909 in Czernowitz) von Prof. Romuald Wurzer im Schlußkapitel den ehemaligen Gymnasiasten, den „gelehrten Forscher und berühmten Chirurgen Dr. Johannes von Mikulicz-Radecki“, dessen Namen gleich neben dem des „unvergessenen ersten Rektors der Czernowitzer Universität, Dr. Konstantin Tomaszczuk steht, und vor dem Nationaldichter der Rumänen, Mihai Eminescu sowie zahlreichen weiteren Absolventen dieses Gymnasiums, die sich einen „glänzenden Namen erworben haben und so der Anstalt alle Ehre machen.“ Ein Czernowitzer Berufsgenosse, Dr. Wladimir Philipowicz, k.u.k. Regierungsrat und Direktor der Bukowiner Landes-Krankenanstalt in Czernowitz, versuchte zusammen mit einem Komitee ein Denkmal für den großen Sohn der Stadt zu errichten (1907, dazu ist im Selbstverlag eine Gedenkschrift erschienen, das Thema wurde auch im Bukowiner Landtag debattiert).

Nachhaltig gewirkt haben dürften einige Besonderheiten aus dem Buchenland, so die Viel- bzw. Mehrsprachigkeit. Vater Andreas sprach sieben Sprachen, in der Familie wurde deutsch gesprochen, mit Verwandten und Freunden ebenso ruthenisch oder rumänisch und polnisch, ferner der Geist der Toleranz, den der strenge Vater besonders pflegte, das große Interesse an Schulbildung und Musik, das starke Streben zur Hebung der allgemeinen Kulturzustände und der Wirtschaft des Landes und der Stadt, das sich oft im Familienleben widerspiegelte, aber auch die recht schwierigen materiellen Verhältnisse, mit denen die Familie fast immer zu kämpfen hatte.

Über die Studentenzeit in Wien, seinen Freundeskreis und über seine Professoren bzw. Vorbilder im Bereich Medizin, über die Bedeutung der Musik in jenen Jahren hat die Ehefrau Henriette (Jetti) in mehreren Beiträgen ausführlich geschrieben. Eine Zusammenfassung stellt der erste Teil des Buches „Erinnerungen an Wien, Krakau, Königsberg und Breslau“ aus dem Jahre 1988 dar (Dortmund, 229 Seiten). Wie der Untertitel besagt, handelt es sich um die Memoiren von Henriette, der Frau des Chirurgen Johann von Mikulicz-Radeczki. Dieses Buch hat der Bukowiner Historiker Prof. Dr. Emanuel Turczynski mit einem für die Forschung wichtigen Nachwort, einem Personenregister und einem wissenschaftlichen Apparat versehen sowie einer kleinen Literaturliste zu Mikulicz-Radeczki und einem umfangreichen Werkverzeichnis des Wissenschaftlers. Das Nachwort ist fast identisch mit dem 1986 von Prof. Turczynski veröffentlichen Beitrag „Johann Mikulicz-Radecki, ein weltberühmter Chirurg aus der Bukowina“ in der Zeitschrift „Kaindl-Archiv“. Anlaß dieser Vorarbeit war die Reaktion auf eine Veröffentlichung einer Universitätsprofessorin aus Tours, Rita Thalmann, die Mikulicz als „Chirurg in Czernowitz“ anführte (S. 445 bei Plaschka und Mack, München, Oldenbourg Verlag) und zu den slawischen Ärzten zählte. Mikulicz sprach in Czernowitz und später ruthenisch ebenso wie jiddisch oder rumänisch, das Polnische war ihm vertraut, aber gelernt hat er es erst in Wien vor seiner Berufung nach Krakau. Selbstverständlich sind wissenschaftliche Beiträge und Vorlesungen des Ordinarius in polnischer Sprache erschienen, einige wurden ins Russische übersetzt, selbst hielt sich Mikulicz als Österreicher, später als Deutscher, nachdem er mehrfach zu spüren bekommen hatte, daß ein Wissenschaftler, der zu den Preußen gegangen ist, nicht mehr nach Österreich berufen wird.

Mikulicz hatte sich mit Entschiedenheit der Medizin verschrieben, legte erfolgreich alle Prüfungen ab und hatte das Glück, vorbildhafte und ihn fördernde Professoren zu haben. Prof. Billroth, der renommierteste Vertreter der Wiener Chirurgenschule, nahm den gewissenhaften jungen Arzt als Volontärassistent an seine chirurgische Universitäts-Klinik. Sein unermüdlicher Fleiß, sein Talent und seine Hingabe führten dazu, daß Mikulicz und Anton Freiherr von Eiselsberg die „bedeutendsten Schüler der Wiener chirurgischen Klinik“ wurden. Nach zweieinhalb Jahren wurde er 1879 ordentlicher Assistent, in dem Jahr, in dem er seine ersten sechs wissenschaftlichen Arbeiten veröffentlichte. Damals ist sein Name in die Medizingeschichte eingegangen dank der Entdeckung und Beschreibung der „Mikulicz’schen Skleromzellen“(in der Nase). In diese Zeit fallen die ersten Beschäftigungen zur antiseptischen Wundbehandlung und mit neuen Techniken dazu, ein Thema, das ihn über Jahre vorrangig in Anspruch nahm und mit dem er den Durchbruch zur Weltgeltung errang. Der Ausbau der Antiseptik wurde zu seinem Lebenswerk.Aus einem Brief seines Lehrmeisters Billroth wissen wir, daß seine wissenschaftlichen Veröffentlichungen damals schon auch im Ausland „ungeteilten Anklang gefunden“ hatten. Im Jahre 1880 habilitierte er sich mit einer Arbeit, die ihn zum Mitbegründer der Orthopädie als Forschungszweig machte. Fortgeschritten waren auch seine Vorschläge im Bereich medizinischer Instrumentenbau, und zwar an einem Ösophagoskop und in der Gastroskopie. Auf dem 10. Chirurgenkongreß legte Mikulicz eine Monografie zur Gastroskopie vor, die ihn als besten Fachmann der Welt zu jener Zeit auszeichnete.

 Drei Hauptbereiche beschäftigten den jungen Assistenten damals besonders: Antiseptik, Speiseröhren-Magen-Chirurgie und Orthopädie; später kamen Darm- und Thoraxchirurgie hinzu. Aus dem Jahre 1881 sind 15 Vorträge und Veröffentlichungen bekannt, darunter die medizinisch wichtige Wladimirow-Mikulicz’sche osteoplastische Fußgelenkresektion und über die Bedeutung des Jodoform in der Chirurgie.

Das Jahr 1880 bewirkte eine entscheidende Wende für den Menschen und Wissenschaftler. Mikulicz gab das damals für Assistenten der Uni-Klinik verpflichtende „ärztliche Zölibat“ auf, heiratete und erhielt eine ministerielle Dispens, an der Klinik befristet weiter arbeiten zu dürfen. Aber die Zäsur war eingeleitet: eine neue Wirkungsstelle mußte gesucht und gefunden werden. Daher entschied er sich, der Berufung als Ordinarius nach Krakau 1882 Folge zu leisten, wo seine Schwester Emilie als Gattin eines höheren Beamten lebte. Es war nicht einfach, nicht nur weil Gegnerschaft aus polnischen Kreisen kam, sondern weil der Mediziner an sich selbst höchste Ansprüche stellte. Er wollte „perfekter Pole“ werden, in dem Sinne, daß er als Lehrender die Sprache voll beherrsche. Und er schaffte es. Schon im ersten Jahr erschien seine erste wissenschaftliche Veröffentlichung in polnischer Sprache. Obwohl die allgemeinen Bedingungen im Vergleich zu Wien schwieriger waren, entstanden in Krakau die meisten und einige der besten Arbeiten, so zur heute hochmodernen plastischen Chirurgie des Gesichts, zur kosmetischen Chirurgie, Arbeiten über die so wichtige Bluttransfusion, die Kochsalzinfusion und über Speiseröhrenkrebs. Insgesamt waren es rund 70 größere wissenschaftliche Veröffentlichungen. Familiär war es ebenso die vielleicht wichtigste Zeit, denn in den fünf Jahren schenkte ihm seine Frau fünf Kinder. Zum Abschied aus Krakau war auch eine Abordnung polnischer Juden gekommen, die ihn zum Bleiben überreden wollte mit dem Argument: „Sie haben die Humanität bei uns eingeführt.“

Nach fünf Jahren verließ die Familie Mikulicz Krakau. Über die dreieinhalbjährige Zeit danach in Königsberg wird aus Raumgründen nicht eingegangen. Der Wissenschaftler folgte einem Ruf an den Lehrstuhl in Breslau. Es war das Jahr 1890. Mikulicz war 40 und auf dem Gipfel seines Lebens und Wirkens. Er hatte sich zu einem Mediziner entwickelt – praktizierender, forschender und lehrender –, der in seinem Beruf lebte und in ihm voll aufging. Der sachkundige und Fachmann Neugebauer hält für diese Zeit fest: „Mikulicz entfaltete sich hier zu seiner vollen Größe“.

Unter viel besseren gesellschaftlichen und kulturellen Voraussetzungen als in Krakau, aber vor allem unter hervorragenden medizinischen Bedingungen konnte sich hier der Wissenschaftler und Praktiker voll entfalten. Er kam hier gerade zurecht, um den Neubau der Universitätsklinik nach seinen Vorstellungen zu gestalten und zu einer der modernsten in der Welt zu machen, die von Spezialisten aus aller Welt besucht wurde. Das berühmte Operateur-Talent erwarb sich einen erstrangigen Platz, er entwickelte neue Operations- und Heilmethoden, die in den medizinwissenschaftlichen Schatz eingegangen sind. Der erste große aseptische (keimfreie) Operationssaal der Welt galt noch laut einer Inspektionsreise aus 1925 zu den modernsten und besten der Zeit. Die Neuerungen und Reformen des Professors gingen bis in die Bereiche Verbesserung des medizinischen Unterrichts, des Examensmodus sowie der Gesamtausbildung und Fortbildung der Ärzte. Ein Nachfolger hielt fest, daß der Weltruhm der Klinik der „überragenden Persönlichkeit von Mikulicz“ zu verdanken war (Prof. Dr. Direktor Hermann Küttner). „Mikulicz hatte chirurgische Ideen, wie sie an Fruchtbarkeit und Bedeutung wohl kaum einem zeitgenössischen Chirurgen in diesem Ausmaß vergönnt waren“, schlußfolgerte Neugebauer. Unvergessen sind in der medizinischen Praxis die vielfach verwendete Mikulicz-Klemme bei chirurgischen Eingriffen, die Mikulicz’sche Tamponade (franz. le Mikulicz), die Einführung der Heilgymnastik in der Orthopädie, seine Anfänge der Prostata-Chirurgie (1903), die intensive Beschäftigung mit Speiseröhren-, Magen- und Darmkrebs, die gelungenen Hautverpflanzungen und die nach ihm benannte Mikulicz’sche Krankheit, eine Entzündung der Tränendrüsen. In der medizinischen Technik waren es unter vielen ein neuartiger wie ein heizbarer Operationstisch, eine Maschine für die Äthernarkose, verschiedene besondere Nadeln, Pinzetten, Zangen, Hohlnadeln für die Entnahme von Gewebeproben bis zu einem Knochenschnitzgerät für die plastische Chirurgie.

Mit seinen 160 Veröffentlichungen aus dieser Zeit, viele vorgetragen bei Chirurgen-Kongressen und naturwissenschaftlichen Tagungen, einschließlich in den USA, hatte er der „Chirurgie des Jahrhunderts ein Gesicht gegeben“, ein neues, modernes und nachhaltig wirksames. Die Mikulicz’sche Klemme kennt heute jede Arzthelferin und Krankenschwester. Er war ein Vorreiter und für das Neue empfänglich. So war es selbstverständlich, daß seine letzte Veröffentlichung sich dem damals so aktuellen Thema „Die Bedeutung der Röntgenstrahlen für die Chirurgie“ (1905) widmete. Aber auch der einzelne Patient kam in den Genuß seiner Fähigkeiten. In fünf Jahren (bis 1902) hatte er selbst in Breslau 185 Magenkrebsoperationen vorgenommen, seit 1890 nach einer eigenen Methode, die er beim 32. Chirurgenkongreß vorgestellt hatte. Neu bis dahin waren seine Peritonitis-Operationen bei Durchbruch infolge von Magen- oder Darmgeschwüren, ferner die Magenresektion, die als Heinek-Mikulicz-Methode in die Medizingeschichte eingegangen ist. Medizinische Handschuhe, Mundschutz und die erste vollständige Sterilisationseinrichtung in Breslau machten das damalige Deutschland zum Geburtsland der Aseptik. Die Wiege der deutschen Thoraxchirurgie sowie der Chirurgie des Magenkrebses, speziell der Speiseröhre, standen ebenfalls in der Breslauer Klinik von Prof. Mikulicz. Die 15 Jahre in der schlesischen Hauptstadt hatten den Weltruf des Mediziners begründet und gefestigt. Durch seine geniale Einzelleistung hat er mit seinen Schülern dazu beigetragen, die moderne Chirurgie neu zu formen, er hat systemische Methoden erarbeitet als grundsätzliche Voraussetzungen für erfolgreiche Medizin. Vor allem hat er die Aseptik, die Vorbeugung gegen Wundinfektionen zur Bedingung für Heilerfolge gemacht, eine der Säulen, auf die sich Chirurgie stützt. Der führende Chirurge der Neuzeit hat zudem eine Schule begründet, aus der zahlreiche Fortführer hervorgegangen sind, die seine Methoden europaweit, aber auch in Japan oder Übersee verbreitet haben. Seine Schüler und Fachkollegen hinterließen ein Bild vom Meister, das mehr zeigt als nur den vorbildlichen Lehrer und Heilberufler, sie berichten von einem Leben für die Kranken, ihre Heilung und zur Erforschung der Krankheiten. Sein Denkmal (Entwurf von Prof. Arthur von Volkmann, Leipzig/Rom) vor dem Eingang zur Breslauer Uniklinik hat in der Stadt das wechselvolle Jahrhundert seit seinem Tode am 14. Juni 1905 auf seinem Landgut bei Freiburg/Schlesien überstanden.

In seinem letzten Brief, an seinen Arzt-Freund aus der Wiener Assistenten-Zeit, schrieb er wenige Tage vor dem Tod u. a. „Ich habe gearbeitet, was ich konnte und dabei viel Anerkennung gefunden und war glücklich!“ – Größe und Bescheidenheit als Lebensbilanz! Selbst der Kaiser schickte ein Beileidstelegramm zum Ableben des zu früh mit 55 Jahren an Magenkrebs verstorbenen Wissenschaftlers. Gediegene Fachwürdigungen folgten seitens der Wiener und Breslauer Universitäten, Fachschriften ehrten ihn, aber auch die Wiener „Neue Presse“ oder die „Czernowitzer Allgemeine Zeitung“ (20. Juni 1905). Aus dem Beisetzungsbericht hier den Schlußsatz: „Er ist begraben worden, wie es sich geziemt für einen Mann, der für die Menschheit gelebt hat und dem die gesamte Menschheit Dank schuldig ist.“

Eine Stimme soll noch angeführt werden, die des zweiten Nachfolgers von Mikulicz auf dem Breslauer Lehrstuhl, Prof. Hermann Hüttner. Er würdigte seinen Vorgänger bei der Enthüllung des Denkmals im Mai 1909: „Es ist nicht richtig zu sagen, daß kein Mensch unersetzlich sei. Das Wort mag gelten für die, die in gewohnten Bahnen schreiten. Männer, die wie Johann von Mikulicz mit ursprünglicher Kraft der Wissenschaft die Tore öffneten, die für Generationen nachlebender Menschen segenbringend geworden sind – solche Männer sind unersetzlich. Sie halten den Platz, den ihr Genius ihnen erobert.“

Neugebauer bezeichnet Mikulicz in seinem Schlußkapitel des erwähnten Buches als den größten deutschen Chirurgen bis dahin und schätzt ein, daß man bei der Darstellung der Entwicklung der modernen Chirurgie stets dieses Mannes gedenken müsse als eines, der unter allen Chirurgen „wohl den größten Beitrag zur modernen Chirurgie geleistet hat.“

Lit. (Auswahl): Jahres-Bericht(e) über das k. k. Ober-Gymnasium zu Czernowitz in dem Herzogtume Bukowina (bzw. K. k. I. Staatsgymnasium). – Festschrift zur hundertjährigen Gedenkfeier der Gründung des Gymnasiums, Eckhardt’sche Universitätsdruckerei Czernowitz, 1909, 286 S. – Klaus Ullmann, Schlesien Lexikon, 6. Aufl. Würzburg 1992, 352 S. – Julius Neugebauer, Weltruhm deutscher Chirurgie: J. v. Mikulicz, Ulm/Donau 1965, 316 S. – Brockhaus Enzyklopädie, 19. völlig neu bearb. Aufl., 14. Bd. (Mag-Mod), Mannheim 1991, S. 594; Henriette von Mikulicz-Radecki, Erinnerungen an Wien, Krakau, Königsberg und Breslau. Memoiren der Frau des Chirurgen …, Forschungsstelle Ostmitteleuropa Dortmund 1988, 229 S. – E. Turczynski, Johann Mikulicz-Radecki, ein weltberühmter Chirurg aus der Bukowina, in: Kaindl-Archiv Nr. 5, Stuttgart/München 1986, S. 65-74.

Bild:Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen.

 

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