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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Möbus, Gerhard

Psychologe, Politikwissenschaftler

* 1912, 19.03.
Breslau

† 1965, 10.09.
Bad Oldesloe

Gerhard Georg Paul Möbus erblickte am 19. März 1912 als Sohn des Tischlermeisters Johann Paul Möbus und seiner Ehefrau Anna Maria, geb. Radeck, das Licht der Welt in Schlesiens Provinzhauptstadt Breslau. Die Familie wohnte in Schreibersdorf, Kreis Neumarkt, in einem kleinen mehrheitlich katholischen Dorf mit nur zwei Schulklassen und war nicht begütert. Von seinen sechs Geschwistern starben fünf bereits im Kindesalter. Gerhard besuchte mehrere Jahre die Ortsschule und wurde von einem Pfarrer oder Lehrer – was damals bei Dorfkindern oft vorkam durch Privatunterricht, hier: in Latein und Griechisch, auf den Eintritt in eine weiterführende Schule vorbereitet. So bestand er Ostern 1925 die Prüfung für die Quarta, die drittunterste Klasse des Staatlichen katholischen St.-Mat­thias-Gymnasiums zu Breslau – einer im Zuge des Ringens von Katholizismus und Protestantismus um die Bevölkerung des zu Österreich gehörenden Schlesien im Jahre 1638 von Jesuiten gegründeten Anstalt.

Die Jesuiten hatten zwar infolge der zeitweiligen Aufhebung ihres Ordens und der Säkularisierung am Anfang des 19. Jahrhunderts längst das Gymnasium verlassen, aber in der geistigen Luft war manches von ihnen geblieben, und so galt die Schule als eine Pflanzstätte vieler Priesterberufungen und genoss zur Möbus-Zeit großes Ansehen, auch in Erinnerung an die aus ihr hervorgegangenen Geistesgrößen wie Joseph Freiherr v. Eichendorff. 1932 legte Möbus die Reifeprüfung ab. Damals blühte in deutschen Landen die Jugendbewegung, das Pfadfindertum, auch bei katholischen Heranwachsenden, und Möbus machte eifrig mit. Er wurde aktives Mitglied des ein neues Leben im Geiste Christi erstrebenden, weitgehend von Jesuiten geprägten und bei den höhere Lehranstalten besuchenden Jungen führenden Bundes „Neudeutschland“ und in der „Sturmschar“ und zeigte politisches Interesse durch die Mitgliedschaft im „Windthorstbund“, der Jugendorganisation der Deutschen Zentrumspartei, deren Fraktionsvorsitzender im Reichstag und spätere Reichskanzler (1930-1932) Heinrich Brüning im Wahlkreis Breslau zum Abgeordneten gewählt worden war.

Im Juni 1934, ein Jahr nach dem politischen Umschwung in Deutschland, wurde Herbert Möbus, der jüngere Bruder von Gerhard, von Nationalsozialisten zusammengeschlagen und starb eine Woche später. Anscheinend hatte der Anschlag nicht ihm, sondern Gerhard gegolten, der damals an der Universität Breslau „breit studierte“: Alte Sprachen, Geschichte, Deutsch, Philosophie, Psychologie. 1937 erfolgte die Ablegung des Staatsexamens für das Lehramt an Höheren Schulen in den Fächern Geschichte, Latein und Griechisch und 1939 die Promotion zum Dr. phil. mit der Dissertation Nobilitas. Wesen und Wandlung der führenden Schicht Roms im Spiegel einer Wortprägung. Er übernahm Assistentenstellen bei zwei angesehenen Wissenschaftlern der Universität, zuerst bei dem Althistoriker Joseph Vogt und dann beim Psychologen. Philipp Lersch, wurde während des Zweiten Weltkrieges Heerespsychologe, lehrte an einer Schule für Kriegsblinde und Hirnverletzte im Erzgebirge und musste sich dort anscheinend als Oppositioneller nach dem am 20. Juli 1944 gescheiterten Attentat auf Adolf Hitler zeitweilig verstecken. 1938 hat Möbus geheiratet. Der Ehe entsprossen drei Kinder.

Nach dem Ende des Krieges und der nationalsozialistischen Herrschaft schlug Möbus endgültig die akademische Laufbahn ein, bei der ihm sicherlich seine politische Nichtbelastung zum Nutzen gereichte. Bereits am 1. Juli 1945 übernahm er einen Lehrauftrag an der Universität Jena und konnte dann 1946 mit der Arbeit Der Mensch und die Geschichte bei dem sehr bekannten Philosophen und Pädagogen Peter Petersen („Jena-Plan“) für Psychologie und philosophische .Anthropologie habilitieren. In demselben Jahre wechselte er an die Universität Halle und wurde dort zum Außerordentlichen Professor und dann zum Ordentlichen Professor und Direktor des Psychologischen Instituts ernannt. Neben der akademischen Lehrtätigkeit dieser Jahre stehen über 40 in der Ost-CDU-Zeitung „Neue Zeit“ erschienene Artikel aus seiner Feder. Ihr Verfasser hatte sich aber nicht geistig gleichschalten lassen, gehörte nicht – wie man es später nannte – zu den „Blockflöten“, sondern zog als Gegner sowohl des braunen als auch des roten Totalitarismus die Konsequenzen: Flucht aus der neuen Diktatur, aus der „Deutschen Demokratischen Republik“ (DDR) in die Bundesrepublik Deutschland im Jahre 1950, als dort der CDU-Mann Konrad Adenauer als Bundeskanzler des freiheitlich-demokra­tisch aufgestellten Staates regierte.

„Im Westen“ angekommen, unterrichtete der Professor anfänglich am bekannten Beethoven-Gymnasium in der Bundeshauptstadt Bonn Latein und Griechisch und wurde dann 1951 an die Deutsche Hochschule für Politik in Berlin (West) berufen, an der bis 1933 der liberale Theodor Heuß, Bundespräsident von 1949-1959, wirkte. 1958 verließ Professor Möbus den Berliner Lehrstuhl und übernahm das Amt des Direktors des Wissenschaftlichen Forschungs- und Lehrstabes bei der Schule der Bundeswehr für Innere Führung in Koblenz – in der Zeit des aufbauenden Suchens nach dem „Staatsbürger in Uniform“ und des Hochfahrens der Politischen Bildung. Möbus „machte munter-eifrig mit“.

Von 1960-1963 lehrte er zudem als Honorarprofessor am Institut für Politikwissenschaft der Universität Mainz, und von 1963 bis zum Tode leitete er dieses als Ordentlicher Professor und Direktor.

Neben seinen Lehrtätigkeiten im akademischen Bereich und bei der Bundeswehr widmete sich der Schreibfreudige einer sehr großen Zahl von Veröffentlichungen, primär, aber nicht ausschließlich seinem Berufe gemäßer Art, dabei sich steigernd von kleinen Gelegenheitsartikeln bis zu selbständigen Schriften und dem Herausgeben von Sammelwerken bzw. Reihen. Besonders beim Anfang im Westen schrieb er für katholische Zeitschriften, wie das Vertriebenenorgan „Heimat und Glaube“, für „Lebendiges Zeugnis“ und die von Jesuiten publizierten hochgeschätzten „Stimmen der Zeit“. Sein besonderes Analysieren und Beschreiben galt der kommunistischen Jugenderziehung, die er ja aus enger Nähe kannte, und so wurde Möbus zu einem der kundigsten Fachleute auf diesem Gebiet, dem hierzulande auch politische Bedeutung zukam, angesichts des Ost-West-Gegensatzes, der Probleme um eine deutsche Wiedervereinigung und „Volksdemokratischer Block-Regie­run­gen“ in der DDR und freiheitlich-demokratischer Regierungen in der Bundesrepublik, zu denen auch ein Ministerium für gesamtdeutsche Fragen gehörte.

Hervorgehoben seien auch die Standardwerke von Möbus über die politischen Theorien von den Anfängen bis zur Französischen Revolution und die von ihm herausgegebene Reihe „Politik der Gegenwart“.

Bei anderen Untersuchungen arbeitete Möbus person- und werkorientiert. Drei Namen seien hier genannt: 1.) Thomas Morus, der unter dem englischen König Heinrich VIII. im Jahre 1535 hingerichtet und 1935 von der katholischen Kirche als Märtyrer heiliggesprochen wurde; 2.) Der Dichterfürst Johann Wolfgang von Goethe; 3.) Joseph Freiherr von Eichendorff – kein Schlesier kommt an ihm vorbei! Möbus begab sich an eine eigenwillige Umdeutung des dichterischen Schaffens seines Landsmannes.

Bei der Gründung des Heimatwerkes schlesischer Katholiken im Jahre 1959 wurde Möbus dessen erster Präsident, und er blieb bis zum Tode in diesem Ehrenamt. Außerdem hielt er viele Vorträge, so z.B. 1955, 1957 und 1962 bei den jährlich stattgefundenen „Schlesischen Priestertagungen“ in Königstein im Taunus, wo er über seine Lieblingsthemen Kommunismus und Eichendorff sprach. Während eines in Bad Oldesloe (Schleswig- Holstein) gehaltenen Vortrages (oder bald danach) verstarb Gerhard Möbus am 10. September 1965 an einem Gehirnschlag, erst 53 Jahre alt. Vielleicht hat er zu viel gearbeitet; und vielleicht haben Beschuldigungen aus der DDR und Ärgernisse in seiner Koblenzer Bundeswehrposition zu seinem frühen Ende beigetragen. Die Beerdigung erfolgte am 15. September in Koblenz. – –

Der jugendbewegte, sportlich aktive Breslauer Einserschüler war Pädagoge, klassischer Philologe, Psychologe, Politologe und Bildungssoziologe geworden und hat über Goethe und Eichendorff geforscht; er machte sich wissenschaftlich einen Namen; er machte Karriere. Lothar Bossle, Assistent von Möbus und dann selber Professor, urteilt: „An seinem Werk besticht dessen interdisziplinärer Charakter. Als unverrückbares Kontinuum seines Denkens erscheint ein christlich-huma­nistisch-europäisches Menschenbild.“ Martin Gritz, Militärgeneralvikar, schreibt würdigend: „Möbus steht repräsentativ für jene jungen Christen der dreißiger Jahre, die sich nicht zu ‚Mitläufern‘ entwickelten, weil sie in der katholischen Jugendbewegung Widerstandsfähigkeit erworben hatten.“ Und der Jesuit Alfons Matzker titelt seinen Gedenkaufsatz: Ein christlicher Humanist von der Oderniederung: Gerhard Möbus.

Im einzigen (!) von Möbus in der hochstehenden Kulturzeitschrift „Schlesien“ veröffentlichten Aufsatz (1956), heißt es, anknüpfend an ein Gedicht Eichendorffs, sinnierend: „Alle diese Erfahrungen lehren uns, daß Heimat mehr ist als eine Sache der Stimmungen und Gefühle und ihr Entbehren oder Verlieren einen schweren menschlichen Lebensverlust darstellt. Wenn jemand sagt: ‚meine Heimat‘, so spricht er wie von einem Teil seines innersten Lebens.“

1982 wurde das Gerhard-Möbus-Institut für Schlesienforschung von akademisch bewährten Persönlichkeiten gegründet und 1986 als wissenschaftliche Einrichtung an der Bayerischen Julius-Maximilians-Universität zu Würzburg ministeriell anerkannt. Gute Arbeit bezeugt die von 1986 bis 2001 herausgegebene achtbändige Reihe „Schlesische Forschungen“. Doch große interne und externe Auseinandersetzungen führten zum Scheitern des Institutes und der 2013 erfolgten Streichung des Vereins aus dem Vereinsregister.

Werke: Schule des Hasses, in: Stimmen der Zeit, 150. Bd., 77. Jg., 1951/52, S 165-173, Btr. DDR. – Jugend in der Sowjetzone, ebd. 152. Bd., 78. Jg., 1952-1953, S. 35-44. – Die Macht der Eltern. Lebensentscheidungen in den ersten Lebensjahren, Berlin 1953. – Politik des Heiligen. Geist und Gesetz der Utopia des Thomas Morus, ebd. 1953. – Die Abenteuer der Schwachen. Zur Entwicklung und Erziehung im Spiel- und Schulalter, ebd., 1955. – Das Menschenbild des Ostens und die Erziehung im Westen, 2. Aufl. Bonn 1955. – Erziehung zum Haß. Schule und Unterricht im sowjetisch besetzten Deutschland, ebd. 1956. – Klassenkampf im Kindergarten. Das Kindesalter in der Sicht der kommunistischen Pädagogik, ebd. 1956. – Vom Wesen der Heimat, in: Schlesien. Eine Vierteljahresschrift, I, 1956, S. 233-237. – Kommunistische Jugendarbeit – Zur Psychologie und Pädagogik der kommunistischen Erziehung im sowjetisch besetzten Deutschland, Berlin 1957. – Die politischen Theorien von den Anfängen bis zu Macchiavelli, Köln u. Opladen 1958 (Politische Theorien, Teil 1). – Psychagogie und Pädagogik des Kommunismus, ebd. 1959. – Die Jugend – die Hoffnung des Weltkommunismus, in: Kirche in Not VI, o.J. (1959 oder 1960), S. 54-72. – Der andere Eichendorff. Zur Deutung der Dichtung Joseph von Eichendorffs, Osnabrück 1960. – Die Gestalt des Priesters in der Dichtung Eichendorffs, in: Schlesisches Priesterjahrbuch I, 1960, S. 42-65. – Die politischen Theorien im Zeitalter der absoluten Monarchie bis zur Französischen Revolution, Köln u. Opladen 1960, 2. Aufl. ebd. 1966 (Politische Theorien, T. 2). – Realität oder Illusion. Zum Problem der „unbewältigten Vergangenheit“, Osnabrück 1961 (Politik der Gegenwart, Bd. 1/2). – Behauptung ohne Beweis. Zur Analyse und Kritik des Marxismus-Leninismus, ebd. 1961 (Politik der Gegenwart, Bd. 6). – Europäische Humanität als politische Formkraft, ebd. 1963 (Politik der Gegenwart, Bd. 8) – Die Christus-Frage in Goethes Leben und Werk, ebd. 1964. – Unterwerfung durch Erziehung. Zur politischen Pädagogik im sowjetisch besetzten Deutschland, Mainz 1965.

Lit.: Trauer um zwei große Schlesier. Prof. Dr. Gerhard Möbus und Weihbischof Josef Ferche gingen in die ewige Heimat, in: Schlesischer Katholik 14, 1965, Oktober-November, S. 7-8, hier S. 7. – Alfons Matzker, Ein christlicher Humanist von der Oderniederung: Gerhard Möbus, in: Das Matthiasgymnasium in Breslau, hrsg. von Wolfgang Schwarz, Stuttgart u. Aalen 1978, S. 83-10 (P vor S. 73) – Lothar Bossle, Gerhard Möbus wäre 70 Jahre, in: Schlesien. Eine Vierteljahresschrift XXVII, 1982, S. 53-55. – Ders., Innerer und äußerer, geistiger und politischer Widerstand als Formen oppositionellen Verhaltens gegen. das Herrschaftssystem des Nationalsozialismus am Beispiel von Gerhard Möbus, in: Nationalsozialismus und Widerstand in Schlesien, hrsg. von Lothar Bossle, Gundolf Keil, Josef Joachim Menzel, Eberhard Günter Schulz, Sigmaringen 1989, S. 29-40 (Schlesische Forschungen, Bd. 3). – Martin Gritz, Gerhard Möbus (1912-1965), in: Schlesische Kirche in Lebensbildern (6). Hrsg. von Johannes Gröger, Joachim Köhler u. Werner Marschall, Sigmaringen 1992, S. 320-312 (P). – Neue Deutsche Biographie, Bd. 17, 1994 (L. Bossle). – Gerhard Scheuermann, Das Breslau-Lexikon, M-Z, Dülmen 1994, S. 1065-1066 (über Möbus); ebd. A-L, Dülmen 1994, S. 399. (G.-M.-Institut).

Bild: Schlesische Kirche in Lebensbildern (6) s.o.

Hans-Ludwig Abmeier, 2017

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