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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Moll, Oskar

Maler

* 1875, 21.07.
Brieg/Schlesien

† 1947, 19.08.
Berlin

”Wie ein Grandseigneur schritt er durch die Gänge des Akademiegebäudes, fast immer lächelnd. Er hielt das so verschiedene Professorenkollegium und die Kunstschüler mit seiner sanften und verständnisvollen Art, seiner kleinen Ironie und seinem feinen Takt zusammen. Wenn es einmal nötig wurde, verstand er auszugleichen und zu glätten. Er war der ideale Direktor für ein schwierig zu leitendes Haus”. So beschrieb Gerhard Neumann, der in den zwanziger Jahren in Breslau sein Schüler war, den Maler Oskar Moll. 1918 war er von August Endell, dem Architekten und Akademiedirektor, damals Nachfolger von Hans Poelzig, an die Breslauer Akademie berufen worden. Von 1926 bis zur zwangsweisen Schließung 1932 aufgrund der Not- und Sparverordnungen des Reichskanzlers Heinrich Brüning war er deren Direktor. Ilse Molzahn, die Frau des von Moll an die Akademie berufenen Malers Johannes Molzahn, schildert den Breslauer Akademiedirektor so: ”Er stand, eine hohe Gestalt, den schmalen Kopf mit dem Silberhaar ein wenig vorgebeugt, das immer sanfte und lächelnde Gesicht mit den warmen dunklen Augen auf die Ankommenden gerichtet, inmitten seiner Matisses und Légers, seiner Braques und Seurats und der eigenen Bilder, gleichsam in einer fest umrissenen und doch weit offenen Welt, die einem zunächst den Atem nahm”.

Oskar Moll gehört neben Adolph Menzel, geboren 1815 in Breslau, Otto Mueller, geboren 1874 in Liebau am Rande des Riesengebirges, und Ludwig Meidner, geboren 1884 in Bernstadt im Kreise Oels, zu den vier großen deutschen Malern aus dem Stamm der Schlesier im 19. Jahrhundert. Er war Sohn eines materiell gut gestellten Lederfabrikanten und wurde als siebtes Kind der Familie geboren. Der Beginn des Lebensweges war genauso bitter wie dessen Ende. Krankheit bestimmte die Schulzeit; schließlich mußte ihm (er gehörte zu den Ersten, bei denen das gewagt wurde) durch chirurgischen Eingriff eine Niere entfernt werden. In einer autobiographischen Skizze, die als ”Selbstbiographie” 1921 dem Büchlein Junge Kunst: Oskar Moll (Verfasser Heinz Braune Krickau) vorangestellt ist, heißt es: ”Die Heimat verließ ich, um Naturwissenschaft zu studieren. Erst mit 22 Jahren gelang es mir, meinen langersehnten Wunsch, Maler zu werden, durchzusetzen. Ich ging nach Berlin, konnte mich aber nicht entschließen, dem festen Lehrgang einer Akademie zu folgen, sondern versuchte vielmehr bei den verschiedensten Malern einen Weg zu finden. Volker, Hübner, Leistikow, Corinth waren wohl die Lehrer, die mir in der Studienzeit nähergetreten sind. Bei Corinth habe ich am längsten ausgehalten. Es war weniger die Korrektur von Corinth als vielmehr das Beispiel seiner Meisterschaft und seiner eigenartigen kraftvollen Persönlichkeit, die mir diese Zeit so wertvoll gemacht hat”. Mit Lovis Corinth war Moll zeit seines Lebens eng befreundet, und zu den von Ilse Molzahn genannten Malern, deren Bilder er gesammelt hat, gehörte auch er. Es gibt übrigens ein großartiges Porträt, das Corinth vom dreißigjährigen Oskar Moll, im Sessel sitzend mit Hund, gemalt hat.

Den Berliner Jahren folgten einige Jahre in Bayern, wo er, wie Moll schrieb, für sich arbeitete. ”Aber es wollte nicht mehr ordentlich vorwärts gehen. Die tonige Malerei der deutschen Impressionisten Corinth, Trübner, Liebermann, die sich im Gegensatz zu Cézanne oder Renoir wenig oder gar nicht mit der Farbe auseinandergesetzt hatten, gab mir keine Möglichkeit einer Weiterentwicklung. 1907 ging ich nach Paris”. Das tat er zusammen mit seiner Frau, die aus dem Elsaß stammte und gleichfalls Malerin und vor allem Bildhauerin von Rang geworden ist. Im Café du Dôme traf man sich, unter den Gästen waren Hans Purrmann und Lyonel Feiniger. Der zweite große Lehrmeister trat jetzt in die Lebensbahn Oskar Molls, Henri Matisse. ”Ich gründete zusammen mit meiner Frau, Purrmann und einigen anderen die Matisse-Schule”.

Wer heute über Oskar Moll schreibt, ist gern und leider viel zu schnell mit der Kennzeichnung von Oskar Moll als ”Matisse-Schüler”, ja sogar mit der einer ”deutschen Ausgabe von Matisse” zur Hand. Selbstverständlich ist die peinture eines Henri Matisse nicht zu leugnen, aber man wird Oskar Moll nicht gerecht, wenn man ihn derartig qualifiziert und einordnet. Wenn man ihn einen Spätimpressionisten nennt, trifft diese Charakterisierung eher zu. Allerdings darf dann nicht verschwiegen werden, daß es auch, vornehmlich in den dreißiger Jahren, eine kubistische Epoche gegeben hat, eine den Kubismus in die eigene Handschrift aufnehmende Malweise. Kubist im strengen Sinne ist Oskar Moll aber nicht gewesen. Auch wenn er 1908 bereits nach einem halben Jahr Paris und die Malschule des Henri Matisse wieder in Richtung Berlin verlassen hatte, die Verbindung nach Paris und zu seinem französischen Lehrmeister blieb bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges ununterbrochen aufrecht erhalten.

Mit seinen Winterbildern war Moll bekannt geworden. Diese erlaubten es ihm, die besondere Leuchtkraft der Farben, wie sie der Schnee infolge der ihm eigenen Monotonie hervortreten läßt, herauszuarbeiten. Moll ist stets ein Maler der Natur und der Landschaft geblieben. Mitten in der Natur malte er die Natur. Als einmal ein Bauer den Maler bei seiner Arbeit beobachtete und freundlich-kritisch anmerkte, daß er die Natur schöner male als sie in Wirklichkeit sei, soll er geantwortet haben, daß er auch all das in seine Bilder mit einzubringen habe, was man im Gegenüber mit der Natur höre wie den Wind, die Geräusche und das, was man persönlich empfinde. Vom Maler des Abstrakten, von Johannes Molzahn, stammt das Wort, daß Oskar Moll ein ”Farbsymphoniker” genannt werden müßte. Ludwig Justi, der langjährige Direktor der Berliner Nationalgalerie, bediente sich dieser besonderen Begabung, mit Farben umgehen zu können, und berief ihn zu seinem Berater. Großbürger und Ästhet, so wurde er gelegentlich charakterisiert. Die Harmonie des aufeinander Abgestimmten war für ihn der Ausdruck des Schönen. Darum suchte er in der Natur auch nicht das Wilde, sondern die von ihr ausstrahlende und auf den Menschen übergehende Ruhe, die Ausgeglichenheit von Natur und Mensch. Auch in seinen Farben findet man nichts Grelles oder Aufdringliches, nichts Aufwühlendes oder Expressionistisches. Das hätte seiner Sensitivität widersprochen. ”Es ist möglich”, so schrieben Siegfried und Dorothea Salzmann in ihrer zum 100. Geburtstag von Oskar Moll erschienenen Monographie, ”daß das sensitive Element eine spezifisch schlesische Komponente darstellt, ähnlich, wie sich diese auch bei Adolph von Menzel und Otto Mueller aufweisen ließe”.

Man darf Oskar Moll aber nicht nur als den großen Maler, und hier wären auch seine zahlreichen Stilleben und nicht ganz so häufigen Akte zu nennen, würdigen, sondern muß in die Darstellung seines Wirkens seine Lehrtätigkeit, besser gesagt sowohl diese als auch die sieben Jahre seines Akademiedirektorats in Breslau mit einbeziehen. Daß gerade die Breslauer Akademie in der Zeit der Weimarer Republik einen so ausgezeichneten Ruf genossen hat, ist ihm zu danken. Wenn man in dieser Zeit vom ”Bauhaus Dessau” sprach, so nannte man die Breslauer Akademie das ”Breslauer Bauhaus”. Bald nach Moll war bereits 1919 Otto Mueller an die Breslauer Akademie berufen worden; er selbst trug die Verantwortung für die Berufungen von Hans Scharoun, den Architekten, und Oskar Schlemmer, der vom Dessauer Bauhaus gekommen war. Hinzu traten der Maler Georg Muche, der Zeichner Paul Holz, Alexander Kanoldt, Repräsentant der Neuen Sachlichkeit, und Johannes Molzahn, der später in die USA emigrierte. Trotz eines Nebeneinanders von lauter Individualitäten herrschte, im Gegensatz etwa zu Dessau, in Breslau Harmonie, und das war das Verdienst von Oskar Moll.

Die letzten 15 Jahre waren die bittersten. Es begann mit der behördlich dekretierten Schließung der Breslauer Akademie im Jahre 1932. Ein Jahr an der Düsseldorfer Akademie schloß sich an. Doch wurde diese gleich 1933 der nationalsozialistischen Personalpolitik unterworfen, und Oskar Moll wurde entlassen. Eine zum 60. Geburtstag 1935 geplante Ausstellung wurde verboten, und man betrachtete es bereits als Glück im Unglück, daß nicht auch noch ein Malverbot verhängt wurde. Doch zählte Oskar Moll nun zu den ”Entarteten”. Nach einem Besuch der Ausstellung ”Entartete Kunst” bemerkte er, daß er sich unter lauter ihm liebgewordenen Kollegen gut vertreten gefunden habe, waren doch gerade auch Maler und Künstler der Breslauer Akademie hier präsent.

In Berlin hatte sich Oskar Moll von Hans Scharoun ein Haus bauen lassen, das aber 1943 nach einem Bombenangriff völlig ausbrannte. Nur ein Drittel seiner Bilder überlebte den Nationalsozialismus und den Zweiten Weltkrieg. Dem Schicksal der Verfemung war das Unheil der Zerstörung eines Großteils seiner Bilder gefolgt.

Schon 1921 hatte Moll die damalige Rückkehr nach Breslau eine Rückkehr ”in meine geliebte Heimat” genannt. Vor den Bomben aus Berlin fliehend, hatte er abermals in der Heimat, dieses Mal in seiner Geburtsstadt Brieg, Zuflucht gefunden, aber jetzt mußte er, bereits von Krankheit gezeichnet, mit einem der letzten Züge, die die Fliehenden aufnahmen, endgültig Schlesien verlassen. Der Neuanfang in Freiheit war kurz bemessen; keine zwei Jahre später starb er, im Alter von 72 Jahren.

Oskar Moll war ein Mann, der allem Neuen aufgeschlossen war und gerade auch als Akademiedirektor, wie immer wieder gesagt worden ist, dem Neuen tolerant begegnet ist, ohne selbst jede neue Strömung gutzuheißen und mitmachen zu wollen. Kennzeichnend für ihn sind diese im Jahre 1946, ein Jahr vor seinem Tode, niedergeschriebenen Sätze: ”Wenn ich mein Schaffen überblicke, so war es stets ein ewiges Tasten und Suchen nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten. Das Bedürfnis, sich zu vollenden, hat mich immer verfolgt, und ich war stets neugierig und gespannt, wie sich die Arbeit entwickeln würde. Sich selbst zu überraschen, erschien mir als eine beglückende Sensation”.

Bild: Oskar Moll, Selbstbildnis, Zeichnung.

 

  Herbert Hupka

 

 

 

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