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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Moltke, Freya von

Widerstandskämpferin

* 1911, 29.03.
Köln

† 2010, 01.01.
Norwich/Vermont (USA)

Mit Freya von Moltke, die im Alter von knapp 99 Jahren 2010 an der amerikanischen Ostküste verstarb, ist, obwohl sie keine geborene Schlesierin war, wiederum ein Stück Geschichte und Kultur Ostdeutschlands untergegangen. Sie war Rheinländerin, stammte aus Köln, wo ihr Vater Carl Theodor Deichmann Bankier war und wo sie am 29. März 1911 geboren wurde. Seit 18. Oktober 1931 war sie mit dem schlesischen Grafen Helmuth James von Moltke (1907-1945), einem studierten Juristen wie sie selbst und Gutbesitzerssohn aus Kreisau bei Schweidnitz in Niederschlesien, verheiratet. Beide Brautleute hatten zum Zeitpunkt der Eheschließung ihr Studium noch nicht abgeschlossen: Er bestand 1934 sein Assessorexamen, verzichtete aber 1935 darauf, Richter zu werden, weil er dann hätte der NSDAP beitreten müssen, und ließ sich als Rechtsanwalt in Berlin nieder; sie wurde 1935 an der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität mit einer Arbeit über Beglaubigung und öffentlicher Glaube promoviert.

Auf dem Gut Kreisau, das ihr Mann verwaltete, begann sie schon 1940, im ersten Kriegsjahr, mitzuwirken am Aufbau einer Gruppe von Gleichgesinnten aus allen Bevölkerungsschichten, die später in den Ermittlungsakten der GESTAPO „Kreisauer Kreis“ genannt wurde. Hier in Kreisau traf man sich vom 22. bis 25. Mai 1942 (Pfingsten), vom 16. bis 18.Oktober 1942 und vom 12. bis 14. Juni 1943 (Pfingsten), um über die Zukunft Deutschlands nach dem Krieg zu diskutieren. Helmuth James Graf von Moltke und der mit ihm verschwägerte Peter Graf Yorck von Wartenburg (1904-1944) waren die führenden Köpfe des Kreises, zu welchem auch der Pädagoge Adolf Reichwein (1898-1944), die Jesuiten Alfred Delp (1907-1945) und Augustin Rösch (1893-1961), die Sozialisten Carlo Mierendorff (1897-1943) und Theodor Haubach (1896-1945), der Diplomat Adam von Trott zu Solz (1909-1944), der Politiker Hans Lukaschek (1885-1960) aus Breslau und der schwäbische Theologe Eugen Gerstenmaier (1906-1986) gehörten, zur Gruppe der Attentäter des 20. Juli 1944 bestanden Verbindungen, obwohl Helmuth James von Moltke die Tötung des Diktators Adolf Hitler aus religiösen Gründen ablehnte.

Helmuth James von Moltke wurde am 18. Januar 1944 verhaftet, ohne dass die Existenz des „Kreisauer Kreises“ der GESTAPO damals schon bekannt gewesen wäre; sie wurde erst durch die Vernehmung der Verschwörer vom 20. Juli 1944 aufgedeckt. Am 11. Januar 1945 wurde er vom „Volksgerichtshof“ Roland Freislers zum Tode verurteilt und am 23. Januar 1945, knapp vier Monate vor Kriegsende, in Berlin-Plötzensee erhängt.

Zwei Jahre nach Kriegsende wanderte Freya von Moltke mit ihren beiden Söhnen Helmuth Caspar (1937) und Konrad (1941-2005) in die Südafrikanische Union aus, wo Verwandte ihrer schlesischen Schwiegermutter lebten und wo sie als Sozialarbeiterin tätig war, und blieb dort bis 1956. Mitten im deutschen Wirtschaftswunder kehrte sie 1956, angewidert von der seit 1948 betriebenen Rassentrennungspolitik (Apartheid) gegen die schwarze Bevölkerungsmehrheit, in die Heimat zurück, wanderte aber vier Jahre später noch einmal aus, nach Norwich in Vermont zu Eugen Rosenstock-Huessy (1888-1973), dessen Frau Margrit Huessy 1959 gestorben war. Dieser weltweit angesehene Soziologe und Rechtshistoriker, dessen grundlegendes Buch Die europäischen Revolutionen und der Charakter der Nationen (1931) vor 1933 in Intellektuellenkreisen diskutiert wurde und dessen letzte Auflage 1987 erschien, war 1905 in seiner Geburtsstadt Berlin vom Judentum zum Protestantismus konvertiert und 1933 in die Vereinigten Staaten emigriert, wo er 1934 an der berühmten Harvard University in Cambridge/ Massachusetts unterrichtete und von 1935 bis 1957 am Dartmouth College in Hanover/ New Hampshire.

Der aus dem nationalsozialistischren Deutschland geflohene Gelehrte war den Gründungsmitgliedern des „Kreisauer Kreises“ wie Freya und Helmuth James von Moltke durchaus bekannt. Er hatte 1910 in Heidelberg mit 22 Jahren promoviert und schon 1912 habilitiert und war somit der jüngste Privatdozent im Deutschen Reich. Er hatte 1923 einen Ruf an die Friedrich-Wilhelms-Universität in Breslau angenommen und 1926 die Initiative „Löwenberger Arbeitsgemeinschaft“, auch „Boberhauskreis genannt, mitbegründet, deren theoretischer Kopf er wurde. Dabei ging es um einen sozialen Arbeitsdienst, zu welchem Studenten, Arbeiter und junge Bauern aufgerufen wurden, die in gemeinsamen Lagern körperliche Arbeit leisteten und in der Freizeit intensive Diskussionen über politische und soziale Fragen veranstalteten. Eines dieser Lager fand, auf Anregung Helmuth James von Moltkes, auch in Kreisau statt und wurde dadurch schon vor 1933 zur Vorform der späteren Diskussionen und Konzeptionen im „Kreisauer Kreis“.

Auch nachdem Eugen Rosenstock-Huessy 1973 verstorben war, blieb Freya von Moltke in Norwich/ Vermont wohnen. Sie edierte 1988 unter dem Titel Briefe an Freya 1933-1945 eine Auswahl der 1600 Briefe, die ihr Mann hinterlassen hatte, wofür sie 1989 mit dem „Geschwister-Scholl-Preis“ ausgezeichnet wurde. Im Jahr 2003 folgte der Band Erinnerungen an Kreisau 1930-1945.

Nachdem das Gut Kreisau in Schlesien mit ihrer Unterstützung 1990 in eine Begegnungsstätte umgewandelt worden war, deren Träger die „Stiftung Kreisau“ ist, wurde 2004 in Berlin die „Freya-von-Moltke-Stiftung für das Neue Kreisau“ gegründet, um die Begegnungsstätte langfristig abzusichern.

Inzwischen wurde auch ein Buch über ihr Leben und Wirken veröffentlicht: Eva Hoffmann Freya von Moltke, die Kreisauerin (1992). Der Film, der 2007 unter dem Titel … weil wir zusammen gedacht haben über ihr und ihres Mannes politisches Wirken 1940/44 gedreht wurde, im Jahr des 100. Geburtstags Helmuth James von Moltkes, wurde ihr im Mai 2008 in Norwich vorgeführt und anschließend mit ihr ein Interview dazu gemacht, das 48 Minuten lang und mit englischen und polnischen Untertiteln versehen ist. Es ist als DVD erhältlich über: sito@forwertz.com. Dieses Interview ist ihr Vermächtnis an die Nachlebenden!

Bild: Freya-von-Moltke-Stiftung für das Neue Kreisau.

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