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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Mühlen, Heinz von zur

Historiker

* 1914, 26.12.
Reval

† 2005, 01.06.
München

Heinrich – genannt Heinz – von zur Mühlen war der Sohn eines Pastors, der als Propst die höchste Stellung unter den deutschen Geistlichen Estland erlangte. Nach dem Besuch der Revaler Domschule und dem Wehrdienst in der estnischen Armee studierte der junge Deutschbalte ab 1934 Geschichte, Germanistik und Kunstgeschichte in Dorpat (Tartu). Zu seinen dortigen Lehrern gehörten die namhaften estnischen Historiker Hans Kruus, Juhan Vasar und Peeter Tarvel. Eine radikale Wendung seines Lebensweges bedeutete die Teilnahme an der Umsiedlung der Deutschbalten ab Oktober 1939 in den Warthegau und nach Danzig-Westpreußen. Sie war eine Folge des „Teufelspaktes“ zwischen Hitler und Stalin vom August 1939, durch den das Baltikum dem letzteren ausgeliefert wurde. Nach kurzer Museumstätigkeit in Posen konnte von zur Mühlen sein Studium in Breslau fortsetzen. Besonders beeindruckten ihn hier die Ostdeutschen Übungen des herausragenden Historikers Hermann Aubin (vgl. OGT 1985, S. 211-213). Der Abschluss einer Promotionsschrift zur Geschichte der Gutswirtschaft in Oberschlesien wurde durch die Einberufung zum Militär unterbrochen, doch konnte der Promovend die Arbeit während eines Fronturlaubs bei Aubin einreichen.

Im April 1945 geriet von zur Mühlen in Königsberg in sowjetische Gefangenschaft. Da er verwundet war, entließ man ihn jedoch bald. In Hamburg, wo Aubin vorübergehend lehrte, wurde er trotz des Verlustes seiner Doktorarbeit 1947 promoviert, da jener sie in Breslau gelesen hatte und der Doktorand sie weitgehend rekonstruieren konnte.

Nach Übergangstätigkeiten erhielt von zur Mühlen bei einem Bundesamt eine dauerhafte Anstellung und lebte hinfort in der Nähe von München. In seiner Freizeit blieb er wissenschaftlich tätig, wobei die thematische Ausrichtung neben seiner Herkunft durch die Zusammenarbeit mit Paul Johansen geprägt wurde, der, ebenfalls aus Reval stammend, in Hamburg als Professor für Osteuropäische und Hansische Geschichte lehrte (OGT 1990, S. 75-77). Das Ergebnis ihres Zusammenwirkens war das bahnbrechende Werk Deutsch und Undeutsch im mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Reval, das nach dem frühen Tod Johansens († 1965) von dem Jüngeren herausgegeben wurde. In diesem Werk zeichnen die Autoren ein detailliertes Bild von den Esten und dem estnisch-deutschen Zusammenleben im alten Reval. Die Geschichte des estnischen Volkes wurde damit um ein wichtiges Kapitel bereichert.

Schon bevor er Ende 1979 pensioniert wurde, hatte von zur Mühlen auch eine Reihe von Aufsätzen veröffentlicht. Danach nahm seine wissenschaftliche Aktivität bedeutend zu. Neben zahlreichen weiteren Aufsätzen zur politischen, Sozial-, Wirtschafts- und Kulturgeschichte des Baltikums, namentlich Revals und weiterer Städte Estlands, sind ihm auch wichtige Buchveröffentlichungen zu verdanken. Im Jahre 1985 erschien eine Monographie über Reval im 16. bis 18. Jahrhundert, in der er das Schicksal seiner eigenen, damals kaufmännischen (später ritterschaftlichen) Familie mit der Geschichte der Stadt verband. Unter Verwendung von Familienpapieren und von Quellen des Revaler Stadtarchivs entstand hier eine lebensvolle und in vieler Hinsicht aufschlussreiche Darstellung.

Zwei wichtige Grundlagenwerke gab von zur Mühlen mit um­fangreichen Ortslexika für Estland und Lettland heraus, deren Artikel auch historische Informationen bieten. Diese Nachschlagewerke besaßen eine lange Entstehungsgeschichte, an ihnen hatten auch andere Autoren wesentlich mitgewirkt, doch war der Anteil von zur Mühlens schließlich entscheidend. Unentbehrlich war auch seine Mitarbeit an der großen Darstellung über die Baltischen Länder, die 1994 im Rahmen der zehnbändigen Folge Deutsche Geschichte im Osten Europas erschien. Auf der Basis eines sonst nicht mehr anzutreffenden umfassenden Wissens behandelte er dort die gesamte mittelalterliche und weitgehend auch die frühneuzeitliche Geschichte des est- und lettländischen Gebiets. Seine Fähigkeit zu gut lesbarer und dabei der Sache voll gerecht werdender Darstellung zeigte sich auch an einem kurzen Gesamtüberblick über die baltische Geschichte, die als Arbeitshilfe des Bundes der Vertriebenen in vier Auflagen erschien.

Als letzte größere Publikation muss noch die Herausgabe eines weiteren Nachlasswerkes von Paul Johansen erwähnt werden. Dieses ist dem Revaler Pastor Balthasar Rüssow († 1600) und seiner bedeutenden Chronik gewidmet. Mit dem Nachweis der Quellen und der Wirkung der Chronik sowie mit der Klärung des Lebensweges von Rüssow hatte Johansen wieder viel Neues ans Tageslicht gebracht. Für die Veröffentlichung musste der Herausgeber die hinterlassenen Texte aber doch wesentlich ergänzen.

Die Leistungen von zur Mühlens wurden erfreulicherweise sowohl in Deutschland als auch in Estland anerkannt. Die Baltische Historische Kommission, deren Vorstand er lange Zeit angehörte, wählte ihn 1995 zu ihrem Ehrenmitglied. Zum 90. Geburtstag wurde ihm eine niveauvolle Festschrift gewidmet, an der auch ein halbes Dutzend angesehener estnischer Kollegen beteiligt war. Der estnische Präsident zeichnete ihn mit dem Marienlandorden aus und seine Heimatstadt Tallinn mit dem städtischen Verdienstkreuz.

Heinz von zur Mühlen war der letzte noch im Baltikum sozialisierte deutsche Historiker. Sein Bild von der historischen Rolle der Deutschbalten war positiver als das mancher Jüngerer auch unter seinen Landsleuten. Aber da jeder spürte, dass es ihm nur auf die Wahrheit und auf ein verständnisvolles Urteil über die Vergangenheit ankam, wurde er von allen seinen deutschen und estnischen Kontaktpartnern hoch respektiert.

Werke: Zusammen mit Paul Johansen, Deutsch und Undeutsch im mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Reval, Köln 1973. – Reval vom 16. bis zum 18. Jahrhundert. Gestalten und Generationen eines Ratsgeschlechts, Köln 1985. – (Hrsg.), Baltisches Historischer Ortslexikon, Teil I. Estland (einschließlich Nordlivland), Köln 1985. – (Hrsg., mit Hans Feldmann), Baltisches Historisches Ortslexikon, Teil II. Lettland (Südlivland und Kurland), Köln 1990. – Die Baltischen Lande. Von der Aufsegelung bis zur Umsiedlung, Bonn 1987, 4. Aufl. 1997– Livland von der Christianisierung bis zum Ende seiner Selbständigkeit (etwa 1180–1561), in: Gert von Pistohlkors (Hrsg), Deutsche Geschichte im Osten Europas. Baltische Länder, Berlin 1994, S. 22-172. – Das Ostbaltikum unter Herrschaft und Einfluß der Nachbarmächte (1561–1710/1795), in: ebenda, S. 174-264. – (Hrsg.), Paul Johansen, Bathasar Rüssow als Humanist und Geschichts­schreiber, Köln 1996. – Erlebnisse und Eindrücke aus neun Jahrzehnten, Neubiberg 2000.

Lit.: Gert von Pistohlkors, Grußwort, in: Bernhart Jähnig/Klaus Militzer (Hrsg.), Aus der Geschichte Alt-Livlands. Festschrift für Heinz von zur Mühlen zum 90. Geburtstag, Münster 2004, S. VIII-XIV. – Nachrufe, in: Baltische Briefe 58 (2005), Nr. 6, S. 14 (Gert von Pistohlkors); Tuna. Ajalookultuuri ajakiri 8 (2005), Nr. 3, S. 153-156 (Jüri Kivimäe); Jahrbuch des baltischen Deutschtums 53 (2006), S. 10-12 (Otto-Heinrich Elias).

Bild: Foto Lhoucine Ait Hammou, 2004.

Norbert Angermann

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